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29. Februar
2008
Auch CSU öffnet
sich für Moslems:
"Arithmetische
Frage"
Von Ulf Köster
Auf manche Wähler wirkt die CSU
grundsatztreuer und wertkonservativer als die CDU. Bayerns
Schwarze betonen regelmäßig ihre
Bodenständigkeit, ihr Heimatbewußtsein.
Tatsächlich aber hat die CSU in den vergangenen
Jahrzehnten nichts unternommen, um den Zustrom von
Ausländern zu stoppen. Bayerische Großstädte
und Ballungsgebiete sind heute ebenso "überfremdet" wie
Bremen oder Frankfurt. Die höchsten
Einwanderungszuwächse gab es in den Regierungsjahren
von Helmut Kohl; und wie heute unter Merkel saß auch
damals die CSU mit am Kabinettstisch. Während man bei
Wahlkundgebungen in bayerischen Bierzelten auf die
patriotische Pauke haute und den Erhalt nationaler
Identität anmahnte, trug man in Bonn und Berlin alles
mit, was in den Bereich des Gegenteils fällt.
So ist es nicht verwunderlich,
daß sich die bayerische Unionsschwester nun mehr und
mehr für Moslems öffnet. Man stellt sich auf ein
"multikulturelles" Deutschland ein, in dem das
zahlenmäßige Gewicht der Ausländer von Tag
zu Tag zunimmt. Schon in wenigen Jahrzehnten wird die
Bevölkerungsmehrheit auch in den bayerischen
Großstädten nicht mehr deutscher Abstammung sein.
Über die damit verbundenen politischen Konsequenzen hat
man bei der CSU bislang nur hinter vorgehaltener Hand
gesprochen; man wollte die konservative Wählerschaft
nicht verprellen. Allmählich aber wagt man sich aus der
Deckung hervor.
Auf Zustimmung der Migranten
angewiesen
Martin Neumeyer, Vorsitzender der
Arbeitsgruppe Integration und Islam der
CSU-Landtagsfraktion, machte kürzlich in einem
Interview des "Münchner Merkurs"
unmißverständliche Aussagen: "Noch in diesem
Jahrhundert bekommen wir ein Verhältnis von 50 zu 50,
also 50 Prozent Christen, 50 Prozent Muslime. Mittelfristig
werden wir ohne Muslime keine Wahlen mehr gewinnen. Die CSU
muß sich daher öffnen." Genauso argumentiert
Zafer Mese. Der 36jährige ist
einer der Gründer des "Deutsch-türkischen Forums"
in der CDU. "In fünf bis zehn Jahren können Sie in
einer Großstadt nicht mehr gewinnen ohne Zustimmung
der Migranten", sagt Mese. "Das ist eine arithmetische
Frage."
Die Meinung von Hinterbänklern?
Keineswegs. Auch Bayerns Ministerpräsident Günther
Beckstein sendet eindeutige Signale: "Es ist nicht
Voraussetzung, daß jemand Christ ist, um Mitglied der
CSU zu werden." Und Landtagspräsident Alois Glück,
zugleich Chef der CSU-Grundsatzkommission, fordert: "Wir
müssen ausloten, ob es Kräfte im Islam gibt, mit
denen eine Zusammenarbeit möglich ist." Darauf sei man
"dringend angewiesen". In dieselbe Kerbe schlägt
CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer: "Eine
moderne Volkspartei muß, wenn sie Integration von
Zuwanderern fordert, eine gelungene Integration auch
fördern."
Noch freilich steht das Kürzel
CSU für "Christlich-Soziale Union". Schon die Aufnahme
von Atheisten und Agnostikern wäre damit kaum
vereinbar. Ein Moslem aber, der politisch als "Christ"
firmiert, dürfte das Wundersamste sein, was hierzulande
den Wählern angeboten wird. Zumindest offenbart sich
darin, wie wenig man heute noch sprachlichen Verpackungen
trauen darf.
Volkspartei für welches
Volk?
Auch Haderthauers Hinweis auf den
Charakter einer "Volkspartei" hilft wenig. Welches Volk ist
gemeint? Das deutsche, das türkische? Die
multikulturelle Gesellschaft mag eine Staatsbevölkerung
bilden. Unter "Volk" versteht man jedoch "eine durch
gemeinsame Herkunft, Geschichte, Kultur und meist auch
Sprache verbundene Gesamtheit von Menschen" ("Brockhaus").
Auch der Begriff "Volkspartei" leitet sich davon ab: Partei
des Volkes - in Deutschland bisher: des deutschen Volkes.
Eine für moslemische Zuwanderer
geöffnete CSU betreibt also doppelten
Etikettenschwindel: Sie ist weder christlich noch
volksparteilich; sie stellt eine multireligiöse
Bevölkerungspartei dar. Man könnte auch von einem
geistig-ethnischen Gemischtwarenladen sprechen. Mancher mag
daran Gefallen finden. Aber unter falscher Flagge zu segeln,
ist politische Piraterie, genauer: Irreführung der
Wähler.
Noch grotesker wird es, wenn der
CSU-Abgeordnete Neumeyer sagt: "Ich denke, viele Muslime
sind ähnlich wie CSU-Wähler - konservativ,
religiös und heimatbezogen. Gerade um die liberalen
Muslime müssen wir als Partei werben." Kunterbunt
werden hier die Begriffe durcheinandergewirbelt. Bislang war
vorherrschende Meinung, daß konservative und
religiös geprägte Muslime - auch
"Fundamentalisten" genannt - weniger liberal sind. Ihre
Heimatbezogenheit gilt zumeist dem Herkunftsland. Dagegen
wollen Zuwanderer, die dem "liberalen" Spektrum zugerechnet
werden, eher nichts von Religion, Heimat und Konservatismus
wissen.
Neumeyer ist überzeugt: "Ein
gläubiger Muslim wird mit mir als Christen viel
leichter reden als mit einem Atheisten. Er versteht, wenn
ich zu Maria bete. Wir können uns auf Augenhöhe
unterhalten." Oberflächlich könnte der
CSU-Politiker damit recht haben. Zugleich aber redet er
inhaltlicher Beliebigkeit das Wort. Jede der großen
Weltreligionen erhebt für sich einen Wahrheitsanspruch.
Keine sagt, es ist egal, was man glaubt, Hauptsache, man
glaubt irgend etwas. Bundesdeutschen Parteipolitikern
mögen Inhalte weitgehend gleichgültig sein. Doch
gilt das auch für überzeugungsgefestigte Christen
und Muslime?
Kein Unterschied mehr?
Vor allem: Wenn es keinen
Unterschied mehr machen soll, welche Religion man
hierzulande praktiziert, dann begibt man sich auch des
Anspruchs, den "christlich-abendländischen" Charakter
Deutschlands und Europas bewahren zu wollen. Schon das
prognostizierte 50:50-Verhältnis zwischen Christen und
Moslems würde jenen Anspruch ad absurdum führen.
Denn der Charakter eines Landes ist an die Kultur seiner
Mehrheitsbevölkerung gebunden. Wo diese nicht mehr
klares Übergewicht hat, entschwindet das
Gestaltungsvorrecht - insbesondere nach westlichem
Demokratieverständnis ("one man, one vote"). Amerikas
Indianer können davon ebenso ein Lied singen wie
Südafrikas Weiße.
Die CDU/CSU leistet keinen
ernsthaften Widerstand, sie veranstaltet halbherzige
Rückzugsgefechte. Um nochmals Neumeyer zu zitieren:
"Wir grenzen uns nicht von den Muslimen ab. Wir
unterstützen die Religionsausübung. Wir wehren uns
aber gegen überdimensionierte Moscheen, gegen das
Kopftuch bei Lehrerinnen und den Muezzin-Ruf." Was, bitte,
sind überdimensionierte Moscheen? Wie bemißt man
das? Die Union bleibt hierzu jede Antwort schuldig. Der
Kölner Dom ist 157 Meter hoch. Wenn Christen und
Moslems zahlenmäßig auf "Augenhöhe" sind,
darf dann das Minarett ebenso weit in den Himmel ragen? Und
wie will man dauerhaft verhindern, daß in einer
mehrheitlich moslemischen Stadt zwar Kirchenglocken
erklingen dürfen, nicht aber die Rufe des Muezzins? Und
welcher Gewinn liegt darin, wenn in einer Klasse alle
Schülerinnen das Kopftuch tragen - nur die Lehrerin
nicht?
Augenwischerei für
konservative Wähler
Ohne radikalen
ausländerpolitischen Kurswechsel - inklusive
Rückführungen und Zuwanderungsstopp - ist es nur
noch eine Frage der Zeit, wann die vom Grundgesetz
garantierte und von europäischen Höchstgerichten
abgesicherte Religionsfreiheit den Muslimen die gleichen
Entfaltungsmöglichkeiten einräumen wird wie den
Christen. Der Streit um Symbole dient der Union allein zu
Wahlkampfzwecken. Die jüngsten Äußerungen
lassen erwarten: Sobald die Stimmen der Muslime deutlich ins
Gewicht fallen, wird die CDU/CSU auch das Kopftuch und den
Muezzin als Kennzeichen neudeutscher Identität
gutheißen.
Quelle: Nation &
Europa
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