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21. Februar
2005
Parlamentarismus in der
Krise:
Parteienfilz
statt Gemeinsinn
Von Karl
Richter
Parlamente sind eine gute Sache. Sie
dienen der Entscheidungsfindung im politischen Prozeß,
dem Austausch der Meinungen und Argumente, der Diskussion.
Schon sprachlich leitet sich das "Parlament" vom
französischen "parler" (sprechen) ab, was den
Stellenwert des Disputs im parlamentarischen Procedere
unterstreicht. Nicht zu Unrecht zählt der
Parlamentarismus denn auch zu den tragenden Säulen des
demokratischen Systems.
Soweit die Theorie, wie sie in jedem
Sozialkundebuch nachzulesen ist. Zumindest die Geschichte
gibt ihr partiell recht: Parlamente oder vergleichbare
Gremien gelten in der europäischen
Verfassungsgeschichte als wichtige Meilensteine auf dem Weg
zur modernen Demokratie. Jahrhunderte der Rebellion, wenn
man so will: der Klassen- und Ständekämpfe, galten
einem Mehr an Mitbestimmungsrechten, das den etablierten
Institutionen - dem Königtum zumeist - oft in
langwierigen Konflikten abgerungen werden
mußte.
Zu viele
"Berufspolitiker"
In der Regel war die Rebellion
erfolgreich, und es entstanden Parlamente: Stände- und
Interessenvertretungen, die über die Jahrhunderte
hinweg immer mehr Teilhabe am politischen Prozeß
für sich beanspruchten - und bekamen. Der Bogen
spannt
sich von der Magna Charta, die 1215 dem englischen
König von seinen Baronen abgetrotzt wurde, über
die englische und französische Revolution im 17. und
18. Jahrhundert bis zu den repräsentativen
Bürgervertretungen unserer Tage, die gesetzgeberische
Zuständigkeit für praktisch alle Lebensbereiche
beanspruchen.
Die Kehrseiten des Systems liegen
auf der Hand: Bei aller vorgeblichen "Transparenz" des
demokratischen Prozesses sind Parlamente westlichen
Zuschnitts heute ineffiziente, träge und weitgehend
reformresistente Monster-Institutionen. Das hat strukturelle
und historische Ursachen. Zu den strukturellen zählt
die Tatsache, daß der Anteil der Berufspolitiker,
Verwaltungsjuristen und Verbandsfunktionäre unter den
Abgeordneten unaufhaltsam ansteigt, während Vertreter
"ordentlicher" Berufe immer seltener werden. Das ist zwar
kein Wunder - kein Handwerksmeister kann sich den Luxus
eines Vollzeit-Nebenjobs als Politiker leisten -, aber es
trägt nicht gerade zur Lebens- und Bürgernähe
des erlauchten Gremiums bei.
Schwerer noch wiegt der historisch
begründete Umstand, daß heutige Parlamente im
Gegensatz zu den Ständevertretungen früherer
Jahrhunderte völlig vom Filz der Parteien durchwuchert
sind. Das hat zur Folge, daß ideologiefreie
Sachentscheidungen so gut wie unmöglich geworden sind,
weil sich durch alle Sachfragen und Expertenrunden
parteipolitische Gräben ziehen. Das ist nicht nur
unproduktiv, sondern macht sachgerechte Politik geradezu zum
Zufallstreffer. Die Parteien leiten ihre Ansprüche aus
dem Grundgesetz ab; dort wird ihnen aber eigentlich nur die
Mitwirkung an der politischen Willensbildung
eingeräumt; realiter freilich haben sie sich den
politischen Prozeß völlig zueigen
gemacht.
Zerredet und
zerpflückt
Historische Gerechtigkeit verbietet
es, in den Parteien die Wurzel aller Ineffizienz zu sehen.
Auch in vordemokratischen Epochen taten sich Parlamente mit
der kompetenten Entscheidungsfindung oft schwer,
blockierten, verhinderten, zerredeten. Der Vorwurf,
Parlamente seien überflüssige Schwatzbuden, ist so
alt wie der Parlamentarismus selbst - und manchmal war er
berechtigt. Bismarck etwa sah sich während seines
gesamten politischen Lebens in enervierende Dauerkonflikte
mit wechselnden Parlamentsmehrheiten verstrickt. Schon als
preußischer Ministerpräsident, noch in den 1860er
Jahren, mußte er die dringend gebotene Heeresreform
mühsam und um den Preis des Verfassungskonflikts gegen
die Liberalen durchboxen; aber noch drei Jahrzehnte
später, nunmehr im Reichstag, sabotierten kurzsichtige
Mehrheiten seine vorausschauende Kolonialpolitik, wo sie nur
konnten.
Gerade beim Blick auf Bismarck ist
ein Vergleich mit den Verhältnissen im damaligen
England überaus aufschlußreich. Auch dort gab es
ein Parlament - das weitaus älter und politisch reifer
war als das deutsche nach 1871 -, und es gab politische
Talente, die den Vergleich mit dem "Eisernen Kanzler" nicht
zu scheuen brauchten - Disraeli oder Gladstone etwa, um nur
die prominenteren zu nennen. Doch während im Reich
Sozialistengesetze und Kulturkampf für eine
institutionelle Dauerkrise sorgten, stieg das britische
Empire zur ersten Macht der Welt auf. Während im
Reichstag ideologische und klassenkämpferische
Grabenkämpfe jeden Zug ins Große verhinderten,
dachten die englischen Abgeordnetenkollegen zuerst und vor
allem anderen an England.
Man sieht daran: Parlamente
können eine überaus nutzvolle Angelegenheit sein,
um Konflikte auszutragen und Druck von der Straße
abzuleiten. Doch dies setzt eine politische
Trägerschicht voraus, die reif, souverän und sich
in ihren zentralen Werten, ihrer nationalen Verantwortung
halbwegs einig ist. Leider war das in Deutschland, der
"verspäteten Nation", so gut wie nie der Fall, bis
heute nicht.
Parlamentarismus kein
Selbstzweck
Das englische Beispiel lehrt:
Parlamentsarbeit ist auf Dauer nur effizient, wenn sie vom
Virus des zum Selbstzweck degenerierten Parteienstreits
freigehalten wird. Das gelang im viktorianischen England,
weil die politische Kaste - die zum Gutteil der Adel stellte
- traditionell unparteiisch war und sich in erster Linie am
"Commonwealth", dem britischen Gemeinwohl orientierte. Es
gelang aus ähnlichem Grund auch im faschistischen
Ständesystem, das die Weltwirtschaftskrise der 1920er
Jahre ungleich besser überstand als die westlichen
Demokratien und das im Dritten Reich mehr schlecht als recht
kopiert wurde. Gleichwohl attestieren Historiker wie Rainer
Zitelmann dem NS-System ein überraschend modernes,
erstaunlich "pluralistisches" Management, wenn auch
außerhalb der üblichen demokratischen
Formen.
Was ist heute zu tun? Wie lassen
sich am Beginn des 21. Jahrhunderts Parlamente wieder zu
funktionierenden Entscheidungsgremien machen? Die Antwort
ist naheliegend. Da gerade Parlamente, die sich alle paar
Jahre durch Wahlen erneuern und verändern, wie kaum
eine andere Institution politische Großtendenzen
widerspiegeln, können sie auch nur so gut oder so
schlecht sein wie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
In Zeiten echter politischer Führung finden sich meist
auch in den Parlamenten Abgeordnete ein, die ihre Aufgabe
ernst nehmen und die sich dem Gemeinwohl verpflichtet
sehen.
Abbild der
Mittelmäßigkeit
In Zeiten politischer Wirrnis ist es
genau umgekehrt. Die allgemeine Tendenz zur
gesellschaftlichen Atomisierung, zur Hypertrophie des
Individualismus spiegelt sich zwangsläufig im
parlamentarischen Personal wieder. Mittelmaß wird
mehrheitsfähig: Juristen, Lobbyisten,
Parteiapparatschiks, Figuren, auf die durch die Bank das
Nietzsche-Wort vom "letzten Menschen" paßt.
Ferngesteuerte, unoriginelle Dutzendcharaktere, die Politik
mit Fragen der Geschäftsordnung verwechseln und deren
Horizont bestenfalls von einer Ausschußsitzung zur
nächsten reicht. Hinzu kommt die kindische Lust am
Parteiengezänk, die um so debiler wirkt, als sich die
selbsternannten "Volksparteien" in bundesdeutschen
Parlamenten längst gleichen wie ein Ei dem
anderen.
Wer Parlamentarismus in seiner
entarteten Form, sozusagen am lebenden Objekt studieren
will, ist bei jedem der sechzehn deutschen
Länderparlamente, erst recht im Bundestag und im
Straßburger EU-Parlament an der richtigen Adresse.
Überall das gleiche Bild: die Fensterreden, deren
Höhepunkte die "Tagesschau" am Abend auf anderthalb
Minuten zusammenschneidet; die faulen Kompromisse hinter den
Kulissen; die Inszenierung von Pseudo-Kontroversen für
die Fernsehnation. Wenn im Plenum scheinbar die Standpunkte
aufeinanderprallen, sind die Entscheidungen meist
längst
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"Die große
Mehrheit stuft Regierung wie Opposition als
inkompetent ein. Der Anteil derer, die keiner
Partei zugestehen, die Dinge zum Besseren zu
wenden, ist riesig. Die Bürger sehen
überall gegenseitiges Blockieren und kein
Vorankommen. Das führt zu einem Anteil von 85
Prozent der Bürger, die sich sehr beunruhigt
fühlen."
-Klaus-Peter
Schöppner, Chef des
Meinungsforschungsinstituts Emnid
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gefallen: in den Ausschüssen, in diskreten
Gesprächen in der Kantine, jedenfalls unter
Ausschluß der Öffentlichkeit. Die vielbeschworene
"Transparenz" des demokratischen Prozesses ist im
parlamentarischen Alltagsgeschäft ein
Fremdwort.
Allergisch gegen
Blutzufuhr
Das wird am entlarvendsten deutlich,
wenn sich plötzlich Anflüge eines echten
Pluralismus im deutschen Parteiengefüge einstellen.
Sowohl in Brandenburg wie in Sachsen gibt es kleine
nationale Fraktionen; in Potsdam bereits in zweiter
Legislaturperiode, dort schaffte die DVU am 19. September
2004 mit rund sechs Prozent erneut den Einzug in den
Landtag. Und in Dresden ist seit dem gleichen Datum erstmals
die NPD mit 12 Abgeordneten (9,2 Prozent)
vertreten.
In beiden Fällen entlarven sich
die etablierten Mehrheiten buchstäblich vor laufender
Kamera. Im Angesicht einer echten, nämlich nationalen
Opposition verschwinden die letzten Pseudo-Unterschiede
zwischen Links und "Bürgerlich" vollends zur
Unkenntlichkeit. Einig sind sich alle geradezu hysterisch im
Ausgrenzen und Dagegen-Sein: gegen Rechts, gegen die Neuen,
die nicht aus dem gleichen Stall stammen. Die nicht
korrumpiert sind - und sich keinerlei Teilhabe am
jahrzehntelangen Versagen der anderen schuldig gemacht
haben.
In solchen Fällen hilft es nur,
besser zu sein als das Kartell. Daß das durchaus
funktionieren kann, führt die Dresdener NPD-Fraktion
nunmehr seit vier Monaten vor - ebenfalls vor laufender
Kamera. Die unfreiwilligen Komplimente der politischen
Konkurrenz ("ekelhaft intelligent" nennt der sächsische
SPD-Fraktionschef die nationaldemokratischen Kollegen)
füllen seit Wochen die Kolumnen und Interviewspalten.
Auch darin sind sich Linke und Bürgerliche einig: Man
habe die Rechten unterschätzt, sie hätten sich
"extrem schnell" in die Landtagstätigkeit
eingearbeitet, sagt etwa der Dresdener
CDU-Fraktionsvorsitzende Fritz Hähle. Man müsse
nun "höllisch aufpassen".
Das Geheimnis solcher Erfolge ist
vor der Folie bundesdeutscher Normalverhältnisse alles
andere als rätselhaft: Wer die technischen Dinge -
Fragen des Geschäftsgangs, der organisatorischen
Methode - genauso gut beherrscht wie der Gegner, zugleich
aber einen politischen "Mehrwert" auf seiner Seite
weiß, der den Etablierten fehlt, wird sich in einer
restlos mediokren Umgebung auch durchsetzen können. Die
nationale Opposition verfügt über diesen
"Mehrwert": eine politische Vision, eine echte Alternative
zum Einerlei spätlinker Durchschnittsphrasen, eine
Idee, die beflügelt und die viel Zukunft vor sich
hat.
Zur Problemlösung
unfähig
Einen unbestreitbaren Vorteil hat
das demokratisch-parlamentarische System: Verbrauchte,
überlebte Regime können ungleich schneller und im
Normalfall auch "unblutiger" entsorgt werden als unter
totalitären Vorzeichen. Die bundesdeutsche
Altparteienkaste zeigt alle Symptome einer unreformierbaren,
unbeweglichen Schicht, die keines der drängenden
Großprobleme unserer Zeit mehr zu lösen vermag
und deren Zeit abgelaufen ist. Daß sie nicht
freiwillig abtritt, versteht sich von selber, gilt es doch,
einen gigantischen staatlichen Versorgungsapparat für
Tausende und Abertausende Kost- und Parteigänger zu
verteidigen. Als Legitimationsgrundlage reicht das dauerhaft
nicht aus.
Hans Herbert von Arnim, der
renommierte Staatsrechtler und Parteienkritiker, ist ein
unverdächtiger Zeuge. Sein Befund fegt alle
Schönfärberei beiseite: "Insgesamt sind Staat und
Politik in einem Zustand, von dem nur noch Berufsoptimisten
oder Heuchler behaupten können, er sei aus dem Willen
der Bürger hervorgegangen." Höchste Zeit also,
für Abhilfe zu sorgen - zunächst in den
Parlamenten, dann in der Regierung. Ganz
demokratisch.
Quelle: Nation &
Europa
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