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Ein Nachwort zum
Fußball-Patriotismus: Von Manfred Müller Am 3. Oktober 2006 wird die
Nagelprobe sein: Zum Tag der deutschen Einheit dürfte
erkennbar werden, ob die sommerliche Euphorie in
Schwarz-Rot-Gold lediglich Ausdruck eines Pop- und
Party-Patriotismus war oder ob - wenigstens ansatzweise -
ein Durchbruch zu einer patriotischen Haltung gelungen ist,
wie sie in anderen Nationen zu Die Medien haben uns Deutschen die internationalen Modewellen des Massenkonsums und Freizeitverhaltens so eindringlich vorgeführt, daß es nur eine Frage der Zeit sein konnte, bis die in anderen Ländern üblichen Verhaltensweisen etwa bei Weltmeisterschaften im Sport von den Deutschen übernommen wurden. Beim Spiel der eigenen Nationalmannschaft feierte man eine ausgelassene Party, hatte man das Bedürfnis nach dem großen Gemeinschaftserlebnis und den überbordenden Emotionen, die durch das Fahnenmeer, die "Deutschland-Deutschland!"-Rufe und allerlei schwarz-rot-goldenes Beiwerk ihren Ausdruck fanden. Der Multikulti-Einschlag der Nationalmannschaft wurde dabei akzeptiert - sah man das doch noch stärker bei Franzosen, Engländern und anderen Völkern mit Kolonialtradition. Politisierung tut not Das Abgleiten in schwarz-rot-goldenen Kitsch fiel den wenigsten auf, gibt es doch selbst für politische Veranstaltungen Musterbeispiele aus den USA, wo Parteitage und Wahlkampfveranstaltungen traditionell in Stars and Stripes getaucht sind. Die fußballbegeisterten Massen hierzulande entdeckten, wie schön - im ästhetischen Sinn - gehäuftes Schwarz-Rot-Gold wirkt. Über den politischen Aussagewert dieser Farben oder gar des Bundesadlers mit seinem Verweis auf die Reichstraditionen machte sich dabei wohl kaum jemand Gedanken. Immerhin wirkte das Erlebnis so stark nach, daß an zahlreichen Häusern und Autos die deutsche Fahne noch Wochen nach Beendigung der WM flatterte. Und das, obwohl die völlig in die Defensive gedrängten Antinationalen vom Dienst Ratschläge zur raschen "Entsorgung" der Deutschlandfahnen gaben: nicht in die Altkleidertonne, sondern in den Restmüll. In Botho Strauß' Wiedervereinigungsdrama "Schlußchor" (1991) rennt in der Nacht des Mauerfalls eine Gestalt, "Rufer" genannt, durch die Szene und brüllt immer wieder enthusiastisch "Deutschland!", bekundet auch einmal, was sie so tief bewegt: "Deutschland! Das ist Geschichte, sag ich, hier und heute, sage ich, Valmy, sage ich, Goethe! Und diesmal sind wir dabei gewesen..." Eine andere Gestalt, der "Leser", macht dazu skeptische Anmerkungen und glaubt nicht, daß die Deutschen vor einem neuen Morgen, sondern eher am Abend ihrer geschichtlichen Existenz stehen. Kündeten die WM-Jubelstürme unter Schwarz-Rot-Gold einen neuen Morgen für Deutschland an? Sicher nur dann, wenn es gelingt, den Pop- und Party-Patriotismus zu politisieren. Die deutsche "Rechte" ist dabei besonders gefordert. Die Deutschland-Hasser fürchten
jedenfalls ein erneutes Aufflammen schwarz-rot-goldener
Begeisterung. Sofern die Etablierten nicht ohnehin zu jenen
zählen, für die "Deutschland verrecke!"
Handlungsmaxime ist, möchten sie zumindest den
Multikulti-Aspekt gewahrt wissen und keine Rückkehr zu
völkischen Sichtweisen. Wenn man mit Der frühere Bundespräsident Johannes Rau spielte gern Patriotismus gegen (zu verdammenden) Nationalismus aus, wobei letzterer mit Chauvinismus verwechselt wurde. Rau stand dabei in den Fußstapfen seines politischen Ziehvaters Gustav Heinemann, der die Parole vertrat: "Ein guter Deutscher kann kein Nationalist sein." Begründung: "Der seit dem deutsch-französischen Krieg von 1870 in unserem Volk gezüchtete gewalttätige Nationalismus hat sich in den beiden nachfolgenden Weltkriegen genug ausgetobt. Er hat für uns selbst und unsere Umwelt genug Unheil angerichtet." Diese einfältige Geschichtsdeutung lebt nicht nur bei Sozialdemokraten fort, auch CDU-Leute wettern üblicherweise gegen "Nationalismus". Freilich trifft man damit auch gleich das Wörtchen "national", das man allenfalls im Sinne von "gesamtstaatlich" gelten lassen möchte. Welche Freiheit, welche Einheit? Sogar der Duden folgt der zeitgeistigen Vorgabe und definiert "Nationalismus" als "übertriebenes Nationalbewußtsein". Unter dem Stichwort "Chauvinismus" vermerkt er: "übersteigerter Nationalismus". Hier fehlt es an der gebotenen Trennschärfe. Das Eigenschaftswort "national" reicht zur politischen Standortbestimmung nicht aus, weil es sich lediglich auf die Nation als solche bezieht, nicht aber auf die zur Nation eingenommene Haltung. Beispielsweise setzt sich eine Nationalmannschaft aus den Vertretern einer Nation zusammen, ist also national, ohne daß damit etwas über die innere Einstellung der Mitglieder gesagt wird. "Ismen" sind nicht per se schlecht. Sonst müßten wir uns auch vor Humanisten und Altruisten bekreuzigen. Bei den Etablierten trifft man in
der Regel allenfalls auf einen Minimal-Patriotismus.
Deutschlandlied: 1. Strophe - nein, 3. Strophe - ja, um nur
ein Beispiel zu nennen. Aber wenn von "Einigkeit und Recht
und Freiheit" gesungen wird, darf man mit dem Lyriker
Georges Forrestier fragen: "Wo ist die Freiheit, von der ihr
sprecht?" Für das Singen der ersten Strophe reicht sie
offenbar nicht aus - von anderen Knebelungen der Meinungs-
und Versammlungsfreiheit ganz
zu "Nationalist ist
eigentlich nicht schlecht. Aber wir haben keine
nationale Partei. Sie ist verboten, weil sie immer
rechts angesiedelt wird. Dabei hat sich die
Definition von rechts und links komplett
verschoben. Hitlers Partei war eine linke, keine
rechte! Das will keiner mehr wahrhaben. Diese
Verwischung hatte so aberwitzige Folgen, daß
wir eigentlich gar nicht mehr wissen, worüber
wir sprechen." Professor Georg
Baselitz, einer der bedeutendsten deutschen Maler
der Gegenwart, in der "Süddeutschen Zeitung"
Auch die besungene "Brüderlichkeit" ist heutzutage eher selten. Wer sich im politischen Spektrum "falsch", also rechts von der Mitte einordnet, erfährt Ausgrenzung statt Brüderlichkeit, mag er sich vor 1989 (im Gegensatz zu den meisten Etablierten) auch mit "Herz und Hand" für die Wiedervereinigung eingesetzt haben. Den Trend nutzen! Der heuchlerische Umgang mit den Inhalten der Hymne paßt zur weitverbreiteten Ahnungslosigkeit über die Bedeutung der Nationalfarben. Schwarz-Rot-Gold ist mehr als eine folkloristische Spaß-Fahne. Eben jenes Tuch wehte 1848 großdeutsch von Kiel bis Wien, von Luxemburg bis Königsberg. Sein revolutionär-freiheitlichdemokratischer Symbolgehalt ist besonders eindrucksvoll in Ferdinand Freiligraths Revolutionslied "Schwarz-Rot-Gold" ausgedrückt: "Pulver ist schwarz, / Blut ist rot, / Golden flackert die Flamme!" Patriotische Parteien und Gruppierungen hierzulande sollten an die schwarz-rot-goldene Hochstimmung der WM anknüpfen, womit ja keine Mißachtung von Schwarz-Weiß-Rot verbunden ist, den Traditionsfarben des Bismarck-Reiches. Beide Farbkombinationen symbolisieren deutschen Nationalgeist. Aber politische Werbung in der heutigen Massen- und Mediendemokratie muß von den vorhandenen Grundströmungen und Emotionen ausgehen. Und das ausnutzen, was die Etablierten so fürchten: jene zunächst noch oberflächliche, aber ausbaufähige Hinwendung zur Gemeinschaft, zur Nation. Für übertriebene politische Erwartungen gibt es zwar keinen Anlaß. Aber die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat gezeigt, daß den Deutschen die Fähigkeit zu nationaler Identifikation und Begeisterung trotz aller Umerziehungsbemühungen nicht gänzlich abhanden gekommen ist. Daraus ließe sich etwas machen.
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