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22. September
2006
Ein Nachwort zum
Fußball-Patriotismus:
Deutsches
Erwachen?
Von Manfred Müller
Am 3. Oktober 2006 wird die
Nagelprobe sein: Zum Tag der deutschen Einheit dürfte
erkennbar werden, ob die sommerliche Euphorie in
Schwarz-Rot-Gold lediglich Ausdruck eines Pop- und
Party-Patriotismus war oder ob - wenigstens ansatzweise -
ein Durchbruch zu einer patriotischen Haltung gelungen ist,
wie sie in anderen Nationen zu
den Selbstverständlichkeiten gehört. Manches
deutet allerdings daraufhin, daß der Patient
Deutschland, den eine raffinierte jahrzehntelange
Umerziehung neurotisch gemacht hat, noch nicht geheilt ist.
Es zeigen sich aber nach langen Jahren der
Hoffnungslosigkeit erste Chancen einer Genesung.
Die Medien haben uns Deutschen die
internationalen Modewellen des Massenkonsums und
Freizeitverhaltens so eindringlich vorgeführt,
daß es nur eine Frage der Zeit sein konnte, bis die in
anderen Ländern üblichen Verhaltensweisen etwa bei
Weltmeisterschaften im Sport von den Deutschen
übernommen wurden. Beim Spiel der eigenen
Nationalmannschaft feierte man eine ausgelassene Party,
hatte man das Bedürfnis nach dem großen
Gemeinschaftserlebnis und den überbordenden Emotionen,
die durch das Fahnenmeer, die
"Deutschland-Deutschland!"-Rufe und allerlei
schwarz-rot-goldenes Beiwerk ihren Ausdruck fanden. Der
Multikulti-Einschlag der Nationalmannschaft wurde dabei
akzeptiert - sah man das doch noch stärker bei
Franzosen, Engländern und anderen Völkern mit
Kolonialtradition.
Politisierung tut not
Das Abgleiten in
schwarz-rot-goldenen Kitsch fiel den wenigsten auf, gibt es
doch selbst für politische Veranstaltungen
Musterbeispiele aus den USA, wo Parteitage und
Wahlkampfveranstaltungen traditionell in Stars and Stripes
getaucht sind. Die fußballbegeisterten Massen
hierzulande entdeckten, wie schön - im
ästhetischen Sinn - gehäuftes Schwarz-Rot-Gold
wirkt. Über den politischen Aussagewert dieser Farben
oder gar des Bundesadlers mit seinem Verweis auf die
Reichstraditionen machte sich dabei wohl kaum jemand
Gedanken. Immerhin wirkte das Erlebnis so stark nach,
daß an zahlreichen Häusern und Autos die deutsche
Fahne noch Wochen nach Beendigung der WM flatterte. Und das,
obwohl die völlig in die Defensive gedrängten
Antinationalen vom Dienst Ratschläge zur raschen
"Entsorgung" der Deutschlandfahnen gaben: nicht in die
Altkleidertonne, sondern in den Restmüll.
In Botho Strauß'
Wiedervereinigungsdrama "Schlußchor" (1991) rennt in
der Nacht des Mauerfalls eine Gestalt, "Rufer" genannt,
durch die Szene und brüllt immer wieder enthusiastisch
"Deutschland!", bekundet auch einmal, was sie so tief
bewegt: "Deutschland! Das ist Geschichte, sag ich, hier und
heute, sage ich, Valmy, sage ich, Goethe! Und diesmal sind
wir dabei gewesen..." Eine andere Gestalt, der "Leser",
macht dazu skeptische Anmerkungen und glaubt nicht,
daß die Deutschen vor einem neuen Morgen, sondern eher
am Abend ihrer geschichtlichen Existenz stehen.
Kündeten die WM-Jubelstürme unter Schwarz-Rot-Gold
einen neuen Morgen für Deutschland an? Sicher nur dann,
wenn es gelingt, den Pop- und Party-Patriotismus zu
politisieren. Die deutsche "Rechte" ist dabei besonders
gefordert.
Die Deutschland-Hasser fürchten
jedenfalls ein erneutes Aufflammen schwarz-rot-goldener
Begeisterung. Sofern die Etablierten nicht ohnehin zu jenen
zählen, für die "Deutschland verrecke!"
Handlungsmaxime ist, möchten sie zumindest den
Multikulti-Aspekt gewahrt wissen und keine Rückkehr zu
völkischen Sichtweisen. Wenn man mit
oberflächlichem Patriotismus Wählerstimmen
gewinnen kann, dann ist das ein durchaus erwünschter
Effekt. Unionspolitiker Jörg Schönbohm
schlägt ein Radio "Schwarz-Rot-Gold" vor. Wichtiger
wäre es aber, in den öffentlich-rechtlichen
Rundfunk- und Fernsehsendern "schwarz-rot-goldene"
Beiträge unterzubringen - wie einst die Sendefolge
"Dokumente deutschen Daseins", in der geschichtliche
Schicksalsstunden in kleinen Spielszenen vorgeführt,
durch historische Lieder der Gruppe "Ougenweide" in moderner
Darbietung ergänzt und sodann in glänzenden
Streitgesprächen zwischen dem Historiker Prof. Dr.
Hellmut Diwald und dem Publizisten Sebastian Haffner
kontrovers interpretiert wurden. Nach wie vor böte sich
ein weites Feld für eine unterhaltsame Wiederbelebung
nationalen Bewußtseins.
Der frühere
Bundespräsident Johannes Rau spielte gern Patriotismus
gegen (zu verdammenden) Nationalismus aus, wobei letzterer
mit Chauvinismus verwechselt wurde. Rau stand dabei in den
Fußstapfen seines politischen Ziehvaters Gustav
Heinemann, der die Parole vertrat: "Ein guter Deutscher kann
kein Nationalist sein." Begründung: "Der seit dem
deutsch-französischen Krieg von 1870 in unserem Volk
gezüchtete gewalttätige Nationalismus hat sich in
den beiden nachfolgenden Weltkriegen genug ausgetobt. Er hat
für uns selbst und unsere Umwelt genug Unheil
angerichtet." Diese einfältige Geschichtsdeutung lebt
nicht nur bei Sozialdemokraten fort, auch CDU-Leute wettern
üblicherweise gegen "Nationalismus". Freilich trifft
man damit auch gleich das Wörtchen "national", das man
allenfalls im Sinne von "gesamtstaatlich" gelten lassen
möchte.
Welche Freiheit, welche
Einheit?
Sogar der Duden folgt der
zeitgeistigen Vorgabe und definiert "Nationalismus" als
"übertriebenes Nationalbewußtsein". Unter dem
Stichwort "Chauvinismus" vermerkt er: "übersteigerter
Nationalismus". Hier fehlt es an der gebotenen
Trennschärfe. Das Eigenschaftswort "national" reicht
zur politischen Standortbestimmung nicht aus, weil es sich
lediglich auf die Nation als solche bezieht, nicht aber auf
die zur Nation eingenommene Haltung. Beispielsweise setzt
sich eine Nationalmannschaft aus den Vertretern einer Nation
zusammen, ist also national, ohne daß damit etwas
über die innere Einstellung der Mitglieder gesagt wird.
"Ismen" sind nicht per se schlecht. Sonst müßten
wir uns auch vor Humanisten und Altruisten bekreuzigen.
Bei den Etablierten trifft man in
der Regel allenfalls auf einen Minimal-Patriotismus.
Deutschlandlied: 1. Strophe - nein, 3. Strophe - ja, um nur
ein Beispiel zu nennen. Aber wenn von "Einigkeit und Recht
und Freiheit" gesungen wird, darf man mit dem Lyriker
Georges Forrestier fragen: "Wo ist die Freiheit, von der ihr
sprecht?" Für das Singen der ersten Strophe reicht sie
offenbar nicht aus - von anderen Knebelungen der Meinungs-
und Versammlungsfreiheit ganz
zu
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"Nationalist ist
eigentlich nicht schlecht. Aber wir haben keine
nationale Partei. Sie ist verboten, weil sie immer
rechts angesiedelt wird. Dabei hat sich die
Definition von rechts und links komplett
verschoben. Hitlers Partei war eine linke, keine
rechte! Das will keiner mehr wahrhaben. Diese
Verwischung hatte so aberwitzige Folgen, daß
wir eigentlich gar nicht mehr wissen, worüber
wir sprechen."
--Professor
Georg Baselitz, einer der bedeutendsten deutschen
Maler der Gegenwart, in der "Süddeutschen
Zeitung"
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schweigen. Und wenn "Einigkeit" ein so hoher Wert ist,
warum wird dann die Idee der Volksgemeinschaft zu einem
Merkmal der Verfassungsfeindlichkeit erklärt?
Auch die besungene
"Brüderlichkeit" ist heutzutage eher selten. Wer sich
im politischen Spektrum "falsch", also rechts von der Mitte
einordnet, erfährt Ausgrenzung statt
Brüderlichkeit, mag er sich vor 1989 (im Gegensatz zu
den meisten Etablierten) auch mit "Herz und Hand" für
die Wiedervereinigung eingesetzt haben.
Den Trend nutzen!
Der heuchlerische Umgang mit den
Inhalten der Hymne paßt zur weitverbreiteten
Ahnungslosigkeit über die Bedeutung der
Nationalfarben. Schwarz-Rot-Gold ist mehr als eine
folkloristische Spaß-Fahne. Eben jenes Tuch wehte 1848
großdeutsch von Kiel bis Wien, von Luxemburg bis
Königsberg. Sein
revolutionär-freiheitlichdemokratischer Symbolgehalt
ist besonders eindrucksvoll in Ferdinand Freiligraths
Revolutionslied "Schwarz-Rot-Gold" ausgedrückt: "Pulver
ist schwarz, / Blut ist rot, / Golden flackert die Flamme!"
Patriotische Parteien und
Gruppierungen hierzulande sollten an die schwarz-rot-goldene
Hochstimmung der WM anknüpfen, womit ja keine
Mißachtung von Schwarz-Weiß-Rot verbunden ist,
den Traditionsfarben des Bismarck-Reiches. Beide
Farbkombinationen symbolisieren deutschen Nationalgeist.
Aber politische Werbung in der heutigen Massen- und
Mediendemokratie muß von den vorhandenen
Grundströmungen und Emotionen ausgehen. Und das
ausnutzen, was die Etablierten so fürchten: jene
zunächst noch oberflächliche, aber
ausbaufähige Hinwendung zur Gemeinschaft, zur Nation.
Für übertriebene politische Erwartungen gibt es
zwar keinen Anlaß. Aber die
Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat gezeigt, daß
den Deutschen die Fähigkeit zu nationaler
Identifikation und Begeisterung trotz aller
Umerziehungsbemühungen nicht gänzlich abhanden
gekommen ist. Daraus ließe sich etwas
machen.
Quelle: Nation &
Europa
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