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25. Januar
2008
Wenn nur der eigene
Vorteil zählt:
Psychopathen in
der Politik
Von Thora Pedersen
Der deutsche Raumfahrtpionier
Hermann Oberth (1894-1989) kam zu der Erkenntnis: "Im Leben
stehen einem anständigen Charakter so und so viele Wege
offen, um vorwärts zu kommen. Einem Schuft stehen bei
gleicher Intelligenz und Tatkraft diese Wege auch alle
offen. Daneben aber auch noch andere, die ein
anständiger Kerl nicht geht. Er hat daher mehr Chancen,
vorwärts zu kommen, und infolge dieser negativen
charakterlichen Auslese findet eine Anreicherung der
höheren Gesellschaftsschichten mit Schurken statt."
Ein übertriebenes Urteil? Wer
sich kritisch umschaut, wird feststellen, daß gerade
in den höheren Etagen unserer Gesellschaft
Verhaltensweisen eingerissen sind, die man nicht als
vorbildlich bezeichnen kann. Korruption, Betrug,
Selbstbereicherung nehmen zu; Anstand, Idealismus,
Gemeinschaftsbezogenheit nehmen ab. Nicht von ungefähr
stehen seit geraumer Zeit Politiker am untersten Ende der
Ansehensskala. Vermutlich werden sich bald die
Spitzenmanager der Großwirtschaft hinzugesellen, weil
in ihren Kreisen die Raffgier alle Rekorde schlägt.
Ausgerechnet unsere "Eliten" entpuppen sich beim
näheren Hinsehen als Ansammlung fragwürdiger
Charaktere. Warum das so ist, hat der kanadische
Wissenschaftler Robert Hare genauer untersucht. Er ist der
weltweit führende Experte für Psychopathie, hat
dazu einen Standardtest entwickelt und blickt auf eine
25jährige Forschertätigkeit zurück.
Täuschung der Umwelt
Um den Begriff Psychopathie herrscht
viel Verwirrung. Wörtlich bedeutet Psychopathie
Geisteskrankheit (von Psyche = Seele und Pathos = Leiden).
Die Medien verwenden den Begriff Psychopathie oft in der
Bedeutung von Wahnsinn oder Verrücktheit. Doch in der
Psychiatrie wird die Psychopathie nicht mit den
herkömmlichen Geisteskrankheiten gleichgesetzt. Anders
als zum Beispiel ein Schizophrener ist der Psychopath nicht
desorientiert, ihm fehlt nicht der Realitätsbezug. Er
leidet nicht an Halluzinationen oder Angstzuständen. Im
Gegensatz zu psychotisch gestörten Personen weiß
der Psychopath, was er tut und warum er es tut. Er handelt
rational - aber gewissenlos.
Der französische Irrenarzt
Philippe Pinel (1745-1826), ein Pionier seiner Zunft, hat
die Psychopathie als "Wahnsinn ohne Delirium" bezeichnet.
Individuen mit derartiger Persönlichkeitsstörung
sind sich der Konsequenzen ihrer Handlungen vollauf
bewußt, sie kennen den Unterschied zwischen Gut und
Böse, aber sie nehmen auf ihre Mitmenschen keine
Rücksicht. Am erschreckendsten ist es, daß sie
ihren arglosen Opfern oft als völlig normal oder gar
als besonders geistreich und wortgewandt erscheinen.
Hare beschreibt in seinen
Untersuchungen ausführlich das antisoziale
Persönlichkeitsbild und den Lebensstil des
Psychopathen: heuchlerisch und oberflächlich,
egozentrisch und grandios, ohne Reue und
Schuldbewußtsein, hinterlistig und manipulativ. Sein
Sozialverhalten ist impulsiv, unbeherrscht, auf
ständiger Suche nach Erregung (dem "Kick"),
verantwortungslos, verbunden mit Desinteresse an Schmerzen
und Leiden der Mitmenschen. Solch Verhalten zeigt sich schon
in jungen Jahren.
Keine Scham
Zwar kann man anhand einer solchen
Kurzcharakteristik weder sich selbst noch andere
diagnostizieren, denn Psychopathie bietet ein komplexes
Krankheitsbild, eine Kombination unterschiedlicher Symptome.
Und viele Menschen sind zum Beispiel egoistisch oder
heuchlerisch, ohne deshalb Psychopathen zu sein. Hares
detailliert beschriebene Fallbeispiele geben jedoch einen
guten Überblick. Auffällig ist, daß sich der
Psychopath nicht schämt, wenn er bei einer Lüge
ertappt wird, daß er einfach das Thema wechselt und im
nächsten Augenblick eine neue Lüge auftischt,
während er dem Gegenüber mit aufrichtigem Blick
ins Auge sieht. Er präsentiert mit beredter
Überzeugungskraft die abenteuerlichsten Geschichten, um
sein Opfer immer wieder zu umgarnen.
Zu den Opfern gehören zuweilen
auch Gefangnispsychiater, die nicht ausreichend mit jener
Persönlichkeitsstörung vertraut sind und sich auf
Selbstauskünfte des Häftlings verlassen. Denn
Psychopathen erfassen schnell den Zweck der Befragung. Hare
beschreibt einen Häftling, der alle gängigen Tests
auswendig konnte und seine Mitgefangenen - natürlich
gegen Bezahlung - beriet, um ihnen eine günstige
Sozialprognose und schnelle Entlassung zu verschaffen. Jeder
neue Test, der zur Anwendung kommt, bietet dem Psychopathen
die Chance, sein antisoziales Verhaltensmuster zu
perfektionieren. Er ist Meister im Reue-Heucheln und kann
selbst bei skeptischen Zuhörern den Anschein der
Aufrichtigkeit erwecken.
Doch obwohl viele Psychopathen
Verbrecher sind - ihnen werden 50 Prozent der
Schwerkriminalität zugerechnet -, gibt es die
große Gruppe derer, die ihr Verhalten so anpassen
können, daß sie mit der Justiz nicht in Konflikt
kommen - oder, falls doch, sich herauszureden verstehen.
Hare widmet ihnen das Kapitel "Psychopathen im
Geschäftsleben" und beschreibt psychopathische
Anlageberater, Geschäftsleute und Winkeladvokaten, die
Bildung und Beziehungen einsetzen, um Menschen und
Institutionen ohne den Einsatz von Gewalt um ihr Geld zu
bringen - mit verheerenden Folgen für die Gesellschaft.
In diese Gruppe gehört auch der
gerissene Politiker (den Hare leider nicht als gesonderte
Spezies aufführt). Wahlkämpfe sind von Lügen
und Betrugsmanövern gekennzeichnet. Dabei mangelt es
den Tätern nahezu völlig an
Unrechtsbewußtsein. Erst kürzlich war von einem
führenden deutschen Politiker zu hören, er halte
es für "unfair", die Arbeit der Regierung an dem zu
messen, was die beteiligten Parteien den Bürgern vor
der Wahl versprochen haben. Nicht minder zynische (oder
selber psychopathische) Journalisten betrachten den
ständigen Wortbruch als normal: "Politiker lügen -
das gehört zum Grundwissen des Demokratiebürgers"
("Süddeutsche Zeitung"). Dieser Demokratiebürger
dürfe sich deshalb auch nicht aufregen, wenn er an der
Nase herumgeführt werde.
Auf Kosten anderer
Hare bezeichnet erfolgreiche
Psychopathen, die dem Gefängnis entgehen, als
subkriminell: "Denn letztlich ist ihr Erfolg irreal und geht
stets auf Kosten anderer." Auf Kosten anderer - und der
Gesellschaft als Ganzes. Ist das die Erklärung
dafür, daß die Bundesrepublik vom Land des
Wirtschaftswunders zum Sanierungsfall wurde? Daß immer
neue Staatsschulden angehäuft werden (im vergangenen
Jahr weitere 20 Milliarden Euro), während man dem
Bürger einen erfolgreichen "Sparkurs" suggeriert?
Daß die Zuwanderung nicht gestoppt wird, obwohl schon
die Integration der bereits hier lebenden Ausländer
weitgehend gescheitert ist? Mit normalem Menschenverstand
läßt sich vieles nicht mehr erklären. Statt
Schaden für das Gemeinwesen zu vermeiden, konzentriert
sich der durchschnittliche Politiker auf die Förderung
der eigenen Karriere. Motto: Nach mir die Sintflut!
Psychopathen haben ein immens
aufgeblähtes Bild ihres eigenen Wertes und ihrer
Wichtigkeit, halten sich für das Maß aller Dinge.
Gesellschaftliche Regeln, die ihnen hinderlich sind, werden
als unwichtig oder falsch abgetan. oder vertrauensheischend,
tatsächlich verlogen und selbstsüchtig falsch
abgetan. Man stellt sich selber heraus - neuerdings auch mit
sexuellen Vorlieben, die gestern noch strafbar oder
zumindest peinlich waren. Das Verhalten des
Normalbürgers wird oft schon beeinflußt durch das
bloß eingebildete Risiko, auf Ablehnung und Kritik zu
stoßen. Der Psychopath aber zweifelt nicht an seiner
Unfehlbarkeit. Er neigt von Haus aus zu
Normüberschreitungen. Die Einstellungen anderer
interessieren ihn nur insofern, als er sie für eigene
Zwecke nutzen kann.
Psychopathen treten oft selbstsicher
und beredsam auf. Schon ihre Körpersprache ist meist
wirkungsvoll. Intensiver Blickkontakt zählt dazu. Ihre
Show kann so effektvoll sein, daß es ihnen gelingt,
das gesprochene Wort unwichtig erscheinen zu lassen. "Ich
habe nicht alles mitgekriegt, aber er hat es so schön
gesagt", erinnert sich eine von einem Psychopathen geprellte
Frau. "Er hat ein so wunderbares Lächeln." Solche
Effekte werden auch in der politischen Arena immer
wichtiger. Wer photogen ist und sich insbesondere im
Fernsehen gut zu inszenieren weiß, hat deutlich
bessere Chancen. Inhalte treten hinter
Äußerlichkeiten zurück, eine Entwicklung der
modernen Mediengesellschaft, die den Psychopathen in seinen
Möglichkeiten enorm begünstigt. Gewiß: Nicht
jeder Charismatiker entwickelt seine Anziehungskraft aus
einer antisozialen Persönlichkeitsstörung. Es
fällt aber auf, daß so mancher "Volkstribun"
letztlich an seiner Egomanie scheitert, an seiner
Unfähigkeit, andere als die eigenen Interessen gelten
zu lassen. Der Streit selbst mit engsten Weggefährten
ist dabei vorprogrammiert.
Mit ihrer regen Einbildungskraft
kommen Psychopathen, die bei einer Lüge ertappt werden,
nicht aus der Fassung. Sie reagieren selten ratlos oder
verlegen - sie ändern einfach ihre Geschichte oder
versuchen, die Umstände neu zu erfinden, so daß
sie zu der Lüge passen. Widersprüchliche Aussagen,
die den Zuhörer verwirren, stören sie nicht. Oft
sind sie sogar stolz auf ihre Fähigkeit zu lügen.
Bei Fehlschlägen schämt sich der Psychopath nicht.
Er bleibt Moralapostel auch dann, wenn man ihn beim
Fehlverhalten erwischt. Ist ein Zeichen der "Reue"
hilfreich, wird es mühelos erbracht - verbunden mit der
Forderung nach einer "zweiten Chance". Mehr noch: Nach und
nach wird das Fehlverhalten umgedeutet in einen besonderen
Erfahrungsschatz, der seinen Besitzer nicht demütig,
sondern stolz macht. Der ertappte Sünder avanciert um
so mehr zum Fachmann für moralische Fragen.
Beachtliche Minderheit
Psychopathen sind leider gar nicht
so selten. Prof. Dr. Volker Faust vom Zentrum für
Psychiatrie der Universität Ulm rechnet zehn Prozent
der Menschheit dazu: "Also allein im deutschsprachigen Raum
sind das mehr als zehn Millionen Menschen." Wegen ihrer
Durchsetzungskraft und Rücksichtslosigkeit sind sie
unter Verbandsführern, Spitzenmanagern und Politikern
deutlich überrepräsentiert. Ursächlich
für die Psychopathie sind laut Faust vor allem erbliche
Anlagen, aber auch organische Beeinträchtigungen und
falsche Erziehung. Ob Psychopathie zu heilen ist,
läßt Experten streiten. Zur Zeit jedenfalls gilt
sie unter allen Persönlichkeitsstörungen als die
am schwierigsten zu behandelnde. Gegen psychopathische
Politiker hilft einstweilen nur ein Mittel: sie nicht zu
wählen. Aber dazu muß man sie erst einmal
erkennen.
Quelle: Nation &
Europa
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