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23. Januar 2009

Verleumdet über den Tod hinaus
Politisch korrekte Realsatire: Die Münchner "Meiserstraße" bleibt umbenannt

Von Michael Mayer

Im November hat das Bayerische Verwaltungsgericht entschieden, daß die Meiserstraße in München, die nach dem früheren evangelischen Landesbischof Hans Meiser benannt worden ist, umbenannt bleibt. Gegen die staatlich angeordnete Entnennung hatten Verwandte von Meiser geklagt. Gründe für das Abschrauben von Meisers Namen im Jahre 2007 war seine angeblich antisemitische Vergangenheit.

Ein Enkel von Hans Meiser, Hans Christian Meiser, hatte sich gegen die Maßnahme der Stadt München gewehrt und war vor Gericht gezogen, weil er die "postmortale Menschenwürde" seines verstorbenen Großvaters verletzt sah. Dieser Sichtweise wollte sich das Bayerische Verwaltungsgericht in seinem Urteil allerdings nicht anschließen.

Durch die Umbenennung der Münchner Straße, an der auch der bayerische Landesbischof seinen Dienstsitz hat, würde "keine Menschenwürde verletzt", weil niemand "erniedrigt, verächtlich gemacht oder verspottet" werde. Und Juristen hätten nicht zu bewerten, ob jemand "ein guter oder schlechter Mensch" sei.

Was man Meiser vorwirft, der im Jahre 1956 verstarb, ist ein umstrittener dreiteiliger Aufsatz, der 1926 im Nürnberger Gemeindeblatt erschien. Darin nimmt Meiser vom Standpunkt der evangelischen Gemeinde aus "im Sinn einer Klärung der Richtungsgebung" … "grundsätzlich zur Judenfrage" Stellung. Dies hatte in München Grünen und SPD genügt, eine Umbenennung der Straße zu fordern. Ein Antrag der CSU, vor der Entscheidung ein wissenschaftliches Symposium zur Rolle der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern während der NS-Zeit abzuwarten, wurde von der rot-grünen Ratsmehrheit abgelehnt.

Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) setzte sich auch gegen das Münchner Stadtarchiv durch, das sich ebenfalls für eine Verschiebung ausgesprochen hatte. Nicht ohne Grund. In einem Gutachten aus dem Jahre 2006, daß der Politologe und Professor an der Universität Erlangen, Gotthard Jasper, verfaßt hatte, heißt es: "Meiser versucht die Judenfrage dem 'Kampfplatz der Leidenschaften' zu entnehmen und einer 'sachlichen Erörterung' zuzuführen …. darum heißt für ihn (Meiser) die Parole: 'nicht das Judenpogrom zu predigen, sondern zur Judenmission aufzurufen'" …. "Gott hat uns nicht", zitiert Jasper aus dem umstrittenen Aufsatz, "zur gegenseitigen Vernichtung, sondern zum gegenseitigen Dienst und zur gemeinsamen Förderung geschaffen."

Meiser schreibt in seiner Arbeit, daß "kein Kampf um sittliche Güter mit unsittlichen Mitteln geführt werden darf." Die "widerliche Verhöhnung und niedrige Beschimpfung der Juden wie sie uns vielfach in antisemitischen Hetzblättern begegnet, ist christlicher Kampfesweise unwürdig". Dann wendet sich Meiser noch gegen "völkische Heißsporne" und "übersteigertes Rassendogma". Er erinnert den Leser daran, daß "unser Gott im Himmel" auch ein "Gott der Juden" sei und "über die Angehörigen auch der anderen Rassen so gut seine Heils- und Friedensgedanken hat, wie wir hoffen, daß er sie gegen uns hege."

Schließlich spannt der jetzt dem Volk als Judenhasser verkaufte Meiser seinen theologischen Schutzschirm ganz über das Volk von Jahwe auf: "Der Kampf gegen das Judentum hat unter uns solche Formen angenommen, daß alle ernsten Christen förmlich genötigt sind, sich schützend vor die Juden zu stellen, damit nicht der christliche Name vor aller Welt verunglimpft werde."

Alles andere als ein Antisemit

Daß nun jemand wie Meiser im nachhinein von Teilen der Politik, in Worten: SPD und Grünen, so geschändet wird, ist vor allem deshalb bedauerlich, weil er eben kein Nationalsozialist, nicht einmal ein Sympathisant der braunen Politik war. Vielmehr geriet er mehr als einmal in Konflikt mit dem damaligen System. Es ist bekannt, daß er verfolgten Juden sogar persönlich half. Nach neuesten Ergebnissen wurden durch die von Hans Meiser eingerichteten "Hilfsstellen zur Betreuung nichtarischer Christen" mindestens 126 Menschen gerettet.

Auch gegen die Tötung von Behinderten protestierte Meiser in aller Deutlichkeit - so laut, daß er sogar zurückgepfiffen werden mußte: "Tut ihr jetzt in den Gemeinden nichts in dieser Sache. Ihr gefährdet unsere Verhandlungen und ihr gefährdet damit das Leben unserer Kranken", bat ihn Friedrich von Bodelschwingh, der mit den Nationalsozialisten in Geheimverhandlungen stand wie weiter im Umgang mit Behinderten verfahren werden sollte. Gerade aus diesen Gründen wurde Meiser von nicht wenigen Gläubigen beinahe wie ein Heiliger verehrt.

Auseinandersetzung mit Hitler

Mit Sicherheit hätte im Dritten Reich Meisers Name keine Straße geehrt. Dazu hatte er sich zu unbeliebt bei den Nationalsozialisten gemacht. Beispielsweise im Jahre 1934. Zu dieser Zeit protestierte der Gottesmann, der ein Jahr zuvor zum Landesbischof bestellt wurde, beim bayerischen Ministerpräsidenten Siebert schriftlich gegen die Schädigung der Juden von Ansbach:

"Wir wollen darauf verzichten, des Näheren auszuführen, in welch krasser Weise die Aufforderung zu der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schädigung der Juden den Gesetzen christlichen Handelns zuwiderläuft … Wir bitten mit allem Ernst dahin zu wirken, daß die Verbreitung der Aufforderung unverzüglich eingestellt wird, damit nicht unabsehbarer Schaden erwachse."

Selbst mit Hitler legte sich Meiser an, vor allem kritisierte er die Angriffe der Nationalsozialisten auf die Gewissensfreiheit: "Wenn der Führer bei seinem Standpunkt verharren will, bleibt uns nichts anderes übrig, als seine allergetreueste Opposition zu werden." Hitler tobte: "Was sagen Sie? Allergetreueste Opposition? Feind des Vaterlandes, Verräter des Volkes sind sie!" "Fort mit Landesbischof Meiser", hieß daraufhin die Schlagzeile der Fränkischen Tageszeitung, eines offiziellen Organs der NSDAP im Jahre 1934.

Schließlich erfolgte die Verhaftung Meisers durch die Geheime Staatspolizei. In zahlreichen Kirchen wurden in der Folge einige Altäre mit schwarzen Tüchern bedeckt. Christen fuhren mit Sonderzügen nach München, um zu protestieren. Meiser kam frei. Doch war dies kein Friede zwischen den mittlerweile verhärteten Fronten. Im Jahre 1937 wurde ihm vom sächsischen Gauleiter Mutschmann Rede- und Einreiseverbot in und nach Sachsen erteilt, weil er sich auf die Seite der "Staatsfeinde" gestellt hatte.

So war, nach allem was man bisher weiß, Meiser weder Antisemit noch Nationalsozialist. Nur Christ. Und das, obwohl man den Vorwurf des Antisemitismus wahrscheinlich nicht wenigen machen kann, die noch vor der Spätmoderne aufgewachsen sind. Aber politische Prägungen und kulturelle Schablonen im Spiegel vergangener Zeiten zu verstehen, kann man nicht von jedem politischen Hohlkopf erwarten.

Selbst wenn man Meiser die eine oder andere Äußerung in seinem Aufsatz unter Umständen als antisemitisch auslegen könnte, bleibt die Wahrheit in diesem Zusammenhang, daß der Antisemitismus über Jahrhunderte hinweg nicht eine, sondern die prägende Weltanschauung der europäischen Gesellschaft war. Niemand, der sich zur bürgerlichen oder intellektuellen Elite zählte, war davon ausgenommen. So wie man heute gegen "Nazis" sein muß, um politisch und sozial eine Rolle spielen zu können, mußte man früher antisemitisch eingestellt sein; auch wenn es heute niemand mehr gern hört, war der soziale Druck, solch eine, zumindestens äußere Haltung zu zeigen, enorm.

Selbst der Ehemann von Katharina von Bora, deren Namen heute in München den von Hans Meiser ersetzt hat, Martin Luther, zeigte in dieser Richtung seine publizistische Begabung. Er veröffentlichte im Jahre 1543 sein bekanntes und vielgelesenes Werk: "Von den Juden und ihren Lügen". Seine Frau stand ihm bis zu letzt mehr als treu zur Seite, so daß auch von ihr eine solche Gesinnung angenommen werden kann; zumindestens hat weder sie noch Luther sich deutlich von antisemitischen Haltungen distanziert. Dennoch hat in unseren Tagen niemand etwas dagegen, wenn die Meiserstraße in München nun Katharina-von-Bora-Straße heißt.

Demnächst auch Richard Wagner?

Nach der Entscheidung des Verwaltungsgerichts besteht die Gefahr, daß sich ein Flächenbrand in Deutschland ausbreitet und eifrig Schilder mit Meisers Namen verschwinden. Einige Kommunen sind betroffen. Neben München auch Ansbach, Nürnberg, Pullach, Weiden in der Oberpfalz und Schwabach. Ebenso haben viele bayerische Kirchengemeinden ihre Gemeindehäuser und andere Gebäude nach Hans Meiser benannt.

Ein Anbau der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau, an deren Gründung Meiser beteiligt war, wurde schon ein Opfer der Kampagne. In Nürnberg wurde bereits im Jahre 2007 die Bischof-Meiser-Straße nominell aufgelöst und namenlos der Spitalgasse zugeordnet. 50 Jahre zuvor hatte der Stadtrat noch das Gegenteil beschlossen: die Benennung eines Teils der Spitalstraße in die Bischof-Meiser-Straße.

Auch in Bayreuth gibt es eine Straße, die nach Hans Meiser benannt ist. Hier gibt es bereits eine ähnliche Diskussion. Aus dem dortigen Rathaus verlautet, daß man sich an dem Münchner Urteil orientieren werde. Man spricht bereits von einem "Etappensieg".

Gerade aber die Stadt Bayreuth war für Meiser eine wichtige Station. In der dortigen evangelischen Kirche wurde er im Jahre 1905 zum Pfarrer der bayerischen Landeskirche ordiniert, im Jahre 1933 zum Landesbischof gewählt. Doch für Teile der Stadt-Politik ist die Sache klar, besonders für die Grünen wird die Verfolgung von Toten und die "Korrektur ihres Ansehens" zur Passion. In den Vordergrund stellt sich in Bayreuth die Grünen-Stadträtin Silke Engelbrecht, die die bizarren Blüten der politischen Korrektheit mit Hingabe hegt und pflegt. Sie spricht voller Unwissenheit davon, daß sich Meiser "klar und eindeutig zum Antisemitismus" bekannt habe.

Jetzt hat sich sogar eine Kommission innerhalb des Bayreuther Stadtrats gebildet, die sich mit der Problematik befaßt. Daß die Tagungen nicht öffentlich sind, dürfte niemanden mehr überraschen. Oberbürgermeister Michael Hohl (CSU) hat sich brav in die Reihen eingeordnet und spricht von einer "Zeit für historische Diskussionen" und möchte den "historischen Tatsachen" gerecht werden.

Das ist bereits geschehen: eine Straße, die nach Richard Wagners Schwiegersohn, dem Schriftsteller und fleißigen Historiker Houston Stewart Chamberlain benannt war, wurde bereits im Jahre 1989 umbenannt. Auch die Juden in der Stadt möchten sich wieder aktiv beim Neugestalten von Kultur beteiligen: Felix Gothart, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bayreuths wundert sich, daß es "die Hans-Meiser-Straße überhaupt noch gibt". Er möchte, daß die Meiserstraße in Bayreuth jetzt in Dietrich-Bonhoeffer-Straße umbenannt wird.

Fragwürdige Rolle des Münchner OB

Ob nun in Bayreuth auch bald noch der Name von Richard Wagner verschwindet, der alles andere als ein Philosemit war, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich aber nicht, denn dann müßte die Stadt auf eine andere Einnahmequelle zurückgreifen, denn mit dem Namen des großen deutschen Komponisten lebten Bayreuth und seine Bürger bisher ganz gut. Und wenn es ums Geld geht, drückt auch die korrekteste Politik schon mal ein Auge zu, denn auch das politische System braucht Geld. Das wissen auch die grünen und roten Gutmenschen.

Offen bleibt es auch, wie es in München nach der Entnennung der Meiserstraße weitergeht. Der Münchner Oberbürgermeister und Protestant Ude legte den Klägern nahe, den Rechtsstreit beizulegen, weil man sich sonst gezwungen sehe, in aller Öffentlichkeit die Gründe zu erklären, die zu der Umbenennung geführt haben. Dies hatte bereits den Charakter einer Drohung. Die Toten können sich dagegen nicht mehr wehren, sie müssen schweigen - nicht so die Verwandten von Hans Meiser: sie wollen in die Berufung gehen.


Quelle: Deutsche Stimme

Weiterführend:
Wann ist Luther dran?
Der Straßenumbenennungswahn

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