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14. Oktober 2008

Türken beschlagnahmen Kurdistan-Buch:
Karl May - jetzt "Terrorist"

Die Political Correctness hat ein weiteres prominentes Opfer gefunden, und zwar in der Türkei. Die dortigen Meinungswächter zogen jetzt eine Lieferung von Karl-May-Bänden aus dem Verkehr, denn der beliebte deutsche Reiseschriftsteller (verstorben: 1912) hat gegen ein Tabu der türkischen Politik verstoßen. Corpus delicti ist seine Reiseerzählung "Durchs wilde Kurdistan", die von den Abenteuern des Kara Ben Nemsi im heutigen irakisch-syrisch-türkischen Grenzgebiet erzählt. Nur: "Kurdistan" gibt es nach türkischer Auffassung nicht, auch wenn sich Millionen Menschen in den drei genannten Ländern selbst als Kurden betrachten.

Die türkische Regierung fürchtet Separatismus, denn der kurdische Siedlungsraum umfaßt auf türkischem Staatsgebiet große Gebiete im Südosten. Zugeständnisse an die Kurden könnten, argumentiert Ankara, den Zusammenhalt der Türkei gefährden, und wer sich für "Kurdistan" stark macht, gilt offiziell als "Terrorist". Dieses fragwürdige Prädikat hat sich jetzt auch Karl May erworben, dessen Erfolgsbuch vom "wilden Kurdistan" in der Türkei fortan auf dem Index steht.

Freund der Türken

Verblüfft über diese Zensur wandte sich sogar ein sächsischer Bundestagsabgeordneter an den türkischen Botschafter in Berlin. Doch das dürfte wenig fruchten, denn in der Kurdenfrage kennen die Türken kein Pardon. Vielleicht ließe sich Ankara versöhnlicher stimmen, wenn jemand daran erinnerte, daß Karl May alias Kara Ben Nemsi ein großer Freund der Türken war. Die in Radebeul bei Dresden ansässige Karl-May-Gesellschaft machte erst in der letzten Ausgabe ihres Jahrbuches darauf aufmerksam, daß der beliebte Reiseschriftsteller in einem ähnlich gelagerten ethnischen Konflikt ganz klar Position für die Türken bezog, nämlich in der Armenierfrage:

"Zu den befremdlichsten Aspekten des May'schen Werkes gehört es", heißt es im diesbezüglichen Beitrag, "daß der Autor [Karl May] eine Reihe von Völkern (...) typisiert und sich in einer Weise über sie äußert, daß man kaum anders kann, als diese Äußerungen als rassistisch zu charakterisieren. Insbesondere gilt dies für die Armenier, über die sich abfällig zu äußern May kaum einmal eine Gelegenheit ungenutzt ließ" (J. Biermann, Karl May, Friedrich Naumann und die Datierung des zweiten "Silberlöwen"-Bandes, in: Jb. der Karl-May-Gesellschaft 2007, Husum 2007. S. 9).

Doch solche Zusammenhänge brächten den sächsischen Reiseschriftsteller vermutlich auch bei bundesdeutschen Meinungswächtern in Verruf - schließlich sollen die Türken während des Ersten Weltkrieges rund anderthalb Millionen Armenier getötet haben, der erste große Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts. Karl May sozusagen als literarischer Anstifter des Genozids? Wo doch jeder weiß, daß auch Hitler begeisterter Karl-May-Leser war...


Quelle: Nation & Europa

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