|
18. März
2004
"Das Problem des
Negers"
Amerikanische
Eugenik - lange vor Hitler
Eines der zahlreichen Vergehen, die
den Nationalsozialisten von politisch korrekten
Vergangenheitsbewältigern zur Last gelegt werden, ist
die Eugenik, zu deutsch "Erbgesundheitslehre". Um das
biologische und geistige Niveau des deutschen Volkes
langfristig zu heben, wurden Kinder bestimmter Nachkommen im
Dritten Reich bevorzugt, andere waren eher unerwünscht
- etwa von Erbkranken, Debilen und Alkoholikern.
Daß solche Ideen nach 1933 in
Deutschland wirksam werden konnten, dafür machten
Zeithistoriker bislang nicht nur Hitlers eigene
Weltanschauung, sondern auch die zahlreicher Vordenker aus
dem völkischen Lager verantwortlich. Sie hätten
den "Rassenkrieg" der Nationalsozialisten lange vor Hitler
vorgedacht und propagiert.
Völlig daneben, befindet jetzt
der amerikanische Publizist Edwin Black. Seinen Recherchen
zufolge, die er kürzlich in einem dickleibigen Buch
vorstellte (Edwin Black, War Against the Weak, New York, 552
Seiten, 27 US-Dollar), lief das erste eugenische
Großexperiment nämlich in den Vereinigten
Staaten, und zwar schon vor dem Ersten Weltkrieg.
Gegen Vermischung
Black stieß bei seinen
Nachforschungen auf prominente amerikanische Mediziner und
Politiker, die lange vor Hitler eine überlegene
"nordische Rasse" in Amerika züchten wollten und denen
die Mischbevölkerung, die infolge von Zuwanderung und
Sklavenbefreiung im Entstehen war, suspekt war. "Unser
Land", schrieb etwa der Eugeniker Lothrop Stoddard in den
ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, "wurde von nordischen
Menschen besiedelt und aufgebaut". Doch nun sei "eine
Invasion von Menschenhorden" aus aller Welt erfolgt,
bereichert um "asiatische Elemente wie Levantiner und
Juden".
Auch der Harvard-Absolvent Charles
Davenport, einer der amerikanischen Eugenik-Pioniere, sprach
Klartext: "Wir haben in diesem Land das Problem des Negers -
einer Rasse, deren geistige Entwicklung weit hinter der des
Kaukasiers zurückgeblieben" sei. Um die drohende
Vermischung zwischen Weißen und Schwarzen zu
verhindern, empfahl Davenport den "sofortigen Export der
schwarzen Rasse". Andernfalls stehe zu befürchten,
"daß unsere Nachkommen das Land den Schwarzen, Braunen
und Gelben übergeben und um Asyl in Neuseeland bitten
müssen".
Davenport fand Gehör bei der
Viehzüchter-Organisation "American Breeders
Association" (ABA), die sich schon 1903 auf einer
Vollversammlung dafür aussprach, die "Qualität des
Blutes" der amerikanischen Bevölkerung aufmerksam zu
beobachten und durch geeignete Maßnahmen zu heben: in
erster Linie durch die "Austrocknung des reißenden
Stroms defekten und degenerierten Zellmaterials", wie es in
einem Bericht des ABA-eigenen Eugenik-Komitees hieß.
In den Folgejahren machte die ABA
Nägel mit Köpfen. Ein Büro zur Erstellung von
Stammbäumen und genetischen Dateien wurde ins Leben
gerufen, das Eugenics Record Office (ERO), und im Jahre 1910
machten sich die ersten Befragertrupps auf den Weg in
Gefängnisse, Krankenhäuser, Irrenanstalten,
Waisenhäuser und Blindenheime. Zehntausende von
Karteikarten wurden angelegt. Bald folgten die ersten
gesetzgeberischen Maßnahmen. Bereits 1907 wurde im
US-Bundesstaat Indiana ein Gesetz erlassen, das eugenische
Zwangssterilisationen erlaubte. 32 weitere Bundesstaaten
folgten.
Für die Vordenker der
eugenischen Bewegung gab es sogar akademischen Lorbeer, als
mehrere renommierte Universitäten Eugenik-Kurse in ihr
Lehrangebot aufnahmen. In Harvard, Princeton und Yale wurde
ein Verfahren zum Messen intellektueller Fähigkeiten
entwickelt, dem zufolge "70 bis 80 Prozent aller Schwarzen
und Juden Trottel und Idioten" waren (Black).
Das alles war lange vor Hitler.
Allerdings wurden die Bemühungen des ERO auch diesseits
des Atlantiks mit Aufmerksamkeit beobachtet, und ein
Modellgesetz zur Sterilisation von Geisteskranken, das
ERO-Superintendant Laughlin formuliert hatte, brauchte nach
1933 nur ins Deutsche übersetzt zu werden. Als die
Nationalsozialisten ihr "Gesetz zur Verhinderung erbkranken
Nachwuchses" erließen, stand Laughlins Text dabei
Pate. Die Universität Heidelberg verlieh ihm im Jahre
1936 einen Ehrendoktortitel.
Indianer zwangssterilisiert
1945 war es in Deutschland mit der
Eugenik schon wieder vorbei. Nicht so in den USA. Dort
wurden, fand Publizist Edwin Black heraus, im Laufe der
Jahrzehnte nicht weniger als 60.000 Menschen
zwangssterilisiert, weitere Zehntausende wurden in
"Kolonien" interniert und in Heilanstalten abgeschoben. Noch
in den siebziger Jahren wurde Hunderten von Indianerinnen
zwangsweise die Gebärmutter entfernt - unter anderem im
Rahmen eines "Lernprogramms" für angehende
Gynäkologen. Wer darin Parallelen zu den
berüchtigten "Menschenversuchen" im Dritten Reich
sieht, liegt richtig. Der Unterschied ist nur, daß
Deutschland den Krieg verloren hat. Und die Geschichte
schreibt bekanntlich der Sieger.
Quelle: Nation &
Europa
|