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9. Juni
2004
Es lebe das
Missingsch
Die
Rechtschreibreform schreitet von Erfolg zu
Erfolg
Charly
Kneffel
Man hat sich ja daran gewöhnt,
daß in der deutschen Politik - schon rein fachlich,
von den zumeist reaktionären Intentionen gar nicht zu
reden - aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. Doch was der
Bundesregierung mittlerweile schon quasi als
gewohnheitsrecht zusteht, müssen natürlich auch
die Länder dürfen. Und so schreiten sie munter zur
Tat mit der wohl überflüssigsten Reform unter
allen Überflüssigen.
Jetzt hat die
Kultusministerkonferenz (KMK) getagt und beschlossen,
daß erstmal Alles beim Alten bleibt. Die neue
Rechtschreibung wird verbindlich am 1. August 2005
eingeführt. Von diesem Zeitpunkt an wird die alte
Schreibweise als "Fehler" sanktioniert. Damit es so
aussieht, als seien die Damen und Herren Kultusminister noch
am demokratischen Dialog interessiert, schließlich
hatten zahlreiche Personen und Institutionen gegen diese
Reform protestiert, wird ein "Rat für deutsche
Rechtschreibung" beigestellt - ungefähr genauso
überflüssig wie die Reform selbst - der in 5
Jahren die Reform bewerten und ggfs. weitere Vorschläge
machen soll. Kein Zweifel: Die KMK setzt ganz einfach auf
die normative Kraft des Faktischen und vertraut darauf,
daß auch der größte Unsinn irreversibel
wird, wenn er sich erstmal eingeprägt hat.
Es war aber auch eine ziemlich dumme
Lage. Schließlich hätte die KMK im anderen Falle
zugeben müssen, daß sie selbst bzw. ihre
Vorgänger seit nunmehr 10 Jahren auf dem falschen
Dampfer sind und damit den zahlreichen Reformpleiten in Bund
und Ländern eine weitere zugesellt. Das wäre
erstens eine Blamage gewesen, zweitens hätte es viele
Interessen verletzt, nämlich die der Schulbuchverlage,
die ihre Auflagen hätten einstampfen können, die
der Verlage, die die Rechtschreibhandbücher
herausgeben, denn wer würde danach die Rechtschreibung
noch ernstnehmen, die der Schüler, die sich jetzt seit
9 Jahren daran gewöhnt haben, daß es einen
konsequenten Rechtschreibpluralismus gibt in den
deutschsprachigen Ländern, die der Lehrer, die auch
langsam die Lust verlieren und aller jener, die jetzt
mühsam auf die neue Rechtschreibung umgestellt
haben.
Dabei spricht nüchtern
betrachtet, nichts für die Reform, aber manches
dagegen. In Sachen Zusammen- bzw. Getrenntschreibung hat
sogar die KMK aufgegeben und kündigt Nachsicht
gegenüber diversen Varianten an, fast sämtliche
Bibliotheken sind mit Büchern in alter Rechtschreibung
gefüllt, die meisten Verlage und Autoren boykottieren
die Reform und weder nimmt die Anzahl der Legastheniker ab
noch wurde eine Vereinheitlichung
herbeigeführt.
So hat sich in der Praxis ein
nachhaltiger Pluralismus durchgesetzt. Wir haben
Richtig-Altschreiber, Falsch-Altschreiber, Schreiber der
ersten Rechtschreibreform, Schreiber der reformierten
Rechtschreibreform (beides in richtiger, aber auch falscher
Weise), Altschreiber mit reformierten Einsprengseln,
Neuschreiber mit Alteinsprengseln und Individualchaoten
aller Art. Auch der Schreiber dieser Zeilen hat früher,
als es noch "Alptraum" oder "Alpdruck" hieß,
konsequent "Albtraum" geschrieben, weil der Traum ja vom Alb
kommt, also einer Elfe, die einem aufs Gemüt
schlägt´(sollten Ihnen allerdings die Alpen auf
der Seele liegen, weiß ich auch keine Hilfe)
.
Mittlerweile ist das Altfalsche das
Neurichtige.
Die einzig sichtbare Konsequenz der
Reform wird auf lange Sicht eine gewisse Schreibanarchie
sein.
Doch wenn man's recht bedenkt,
liegt vielleicht gerade darin der tiefere Sinn. Endlich
verliert die Rechtschreibung ihre Tücken und das Diktat
seinen Sinn (Diktatur ist eh immer schlecht). Irgendwie
spürt ein lustvolles Gefühl der Freiheit, so wie
Mr. Hyde als er sich das erste Mal von Dr. Jekyll getrennt
hatte.
Jehder machd jätzt wahs er
will. Unt damitt nichd genuk: wän wirr als nechdes di
Gramadik angähn, wirt dahs L.ebn noch buntter. Mahn
schraibt nach Lusd unt Lauhne, es sit auss wi Kroud unt
Rübn unt mahn verstäht sovil wie Marek unt Pawek.
Es läbe dahs Missingsch, di ändgültich
lätzte Rächtschraibrevom.
Nihder mid där
Rächtschraibunk!
Quelle:
rbi-aktuell
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