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19. Juni
2009
Wie man "politische
Kriminalität" erfindet:
Statistik-Lüge
gegen Rechts
Von Detlev Rose
Nicht nur im Sport sind Rekorde
immer für Schlagzeilen gut. Nach dem altbewährten
Motto, daß nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten
sind, eignen sich auf anderen Feldern Negativ-Rekorde sogar
noch besser, um verkaufsfördernde Aufmerksamkeit zu
erregen. Im Wissen um die Erfolgsgeheimnisse moderner
Propaganda ("Öffentlichkeitsarbeit") lud das
Bundesinnenministerium sinnigerweise am 20. April zu einer
Pressekonferenz, um aktuelle Zahlen zur "politisch
motivierten Kriminalität" zu veröffentlichen. Nur
ein paar Stunden später wimmelte es von Meldungen und
Berichten, die in trauter Eintracht einen "Rekordstand" in
diesem Bereich verkündeten.
Unbekannte gelten als "Rechte"
Vergleicht man, was "Spiegel",
"Focus", "Stern", "Welt", "Zeit" und andere
"Qualitätsmedien" über jene Neuigkeit zu berichten
haben, und legt man dann noch die offizielle
Pressemitteilung des Schäuble-Ressorts daneben, so
fällt folgendes auf: Die Berichte sind nahezu
deckungsgleich. Zentrale Daten und Zahlen werden referiert,
dazu die Einschätzungen des Ministeriums.
Marginale
Unterschiede existieren in den Formulierungen und in der
Reihenfolge, hier gibt es eine Information mehr, dort eine
weniger. Teils werden ganze Passagen aus der offiziellen
Pressemitteilung wortwörtlich wiedergegeben.
Grundsätzlich fehlen eigene ergänzende Recherchen,
Kommentare regierungsunabhängiger Stellen oder etwa die
Beleuchtung von Hintergründen, die zum besseren
Verständnis der dargestellten Sachverhalte führen.
Schon angesichts dieses Befundes drängt sich die Frage
auf, ob es das ist, was ein mündiger Bürger von
den führenden "unabhängigen" Medien seines Landes
erwarten darf.
Richtig fragwürdig wird das
Ganze dann, wenn Informationen, die aus der Quelle noch
korrekt fließen, in den Medien verfälscht
wiedergegeben werden. So breiten Berichte
genüßlich aus, daß von den insgesamt im
Jahr 2008 registrierten 31 801 Straftaten allein 20 422
"rechts" motiviert gewesen seien, deutlich mehr als im
Vorjahr. "Eine der Ursachen für diesen Anstieg ist laut
Innenministerium auch die zum 1. Januar 2008
eingeführte bundesweite Erfassung von sogenannten
Propagandadelikten. Die sind zum Beispiel
Hakenkreuz-Schmierereien und die Benutzung von Symbolen aus
der NS-Zeit", erklärt seinen Lesern der "Spiegel". Und
führt sie damit auf den Holzweg. Denn neu ist nicht die
"bundesweite Erfassung" dieser Delikte. Sondern der
Unterschied zur vorherigen Praxis ist, "daß seit
Anfang 2008 von Unbekannten verübte
Propaganda-Delikte diesem Bereich zugeordnet würden",
wie die "Rheinische Post" korrekt berichtet (Hervorhebung
durch N&E).
Lediglich Denkvorschriften
verletzt
Dazu muß man wissen, und das
fiel in der medialen Aufbereitung nicht selten unter den
Tisch, daß eben diese Propagandadelikte fast 70
Prozent der "rechten" Straftaten ausmachen. Hinzu kommt,
daß die Aufklärungsquote in diesem Bereich, wie
das Ministerium selbst zugibt, äußerst gering
ist, so daß wohl der Löwenanteil auf "unbekannte"
Täter entfällt. Linke Propagandadelikte gibt es
übrigens nicht, das Verwenden von Sowjetsternen,
Hammer-und-Sichel-Logos oder Anarcho-Symbolen ist nicht
strafbar, das Absingen von kommunistischen Kampfliedern
ebenfalls nicht.
Wollte man sich also an das Wagnis
eines nahezu realistischen Vergleichs "linker" und "rechter"
politisch motivierter Kriminalität machen, so
müßten zunächst auf der rechten Seite die
Propagandadelikte abgezogen werden. Von den 20 422 rechten
Straftaten würden dann nur noch 6147 übrigbleiben,
denen stehen 6724 Delikte auf der linken Seite
gegenüber. Übrigens werden unter die
Propagandadelikte ausschließlich die Verwendung bzw.
Verbreitung von Kennzeichen und Propagandamitteln
verfassungswidriger Organisationen nach den Paragraphen 86
und 86a StGB gerechnet. "Volksverhetzung" nach § 130
ist hier noch gar nicht dabei.
Wodurch wird eine Tat
politisch?
Wie viele Volksverhetzungsdelikte
2008 in die Statistik "PMK - rechts" eingegangen sind, will
das Ministerium nicht verraten, gibt sich auch sonst sehr
zugeknöpft und verstößt damit eklatant gegen
die rechtlich gebotene Auskunftspflicht der Behörden
gegenüber den Medien. Im Hause Schäuble wird man
wissen, was man zu verbergen hat - und aus welchen
Gründen. Einen Anhaltspunkt gibt die Zahl des
Vorjahres. 2007 wurden 2472 "Volksverhetzungsdelikte"
aktenkundig. Sollte die Anzahl für 2008 sich in
ähnlicher Größenordnung bewegen und
würde man diese aufgrund ihrer Fragwürdigkeit
ebenfalls in Abzug bringen, kann sich jeder selbst ein Bild
machen, was von den ursprünglich über 20 000
"rechten Straftaten" noch übrigbleibt.
Kritische Überlegungen zum
Entstehen der Statistik sind in den etablierten Medien tabu,
denn um den "Kampf gegen Rechts" zu legitimieren, eignet
sich eine hohe rechte Kriminalität natürlich
besser als eine niedrige. Hinter der Verschleierung des
Umstands, daß von Unbekannten verübte
Hakenkreuz-Kritzeleien u.ä. seit 2008
grundsätzlich "rechts" verbucht werden, muß man
also nicht unbedingt journalistische Nachlässigkeit
vermuten. Die dieser Verfahrensweise zugrundliegende
Entscheidung der Länder-Innenminister wird nämlich
doppelt fragwürdig, wenn man sich anschaut, wie
"politisch motivierte Kriminalität" überhaupt
definiert wird. Das erst 2001 eingeführte Meldesystem
beruht auf folgender Grundlage:
"Zentrales
Erfassungskriterium dieses Meldesystems ist die
politische Motivation einer Tat. Als politisch motiviert
gilt eine Tat insbesondere dann, wenn die Umstände
der Tat oder die Einstellung des Täters darauf
schließen lassen, daß sie sich gegen eine
Person aufgrund ihrer politischen Einstellung,
Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse,
Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft, sexuellen
Orientierung, Behinderung oder ihres äußeren
Erscheinungsbildes beziehungsweise ihres
gesellschaftlichen Status richtet.
Die erfaßten
Sachverhalte werden im Rahmen einer mehrdimensionalen
Betrachtung unter verschiedenen Gesichtspunkten bewertet.
Hierbei werden insbesondere Feststellungen zur
Qualität des Delikts, zur objektiven thematischen
Zuordnung der Tat, zum subjektiven Tathintergrund, zur
möglichen internationalen Dimension der Tat und zu
einer gegebenfalls zu verzeichnenden extremistischen
Ausprägung der Tat getroffen. In diesem Zusammenhang
wurde auch der Bereich der Gewaltdelikte erweitert und
bundeseinheitlich festgelegt."
(Bundesministerium des Inneren [Hrsg.]:
Verfassungsschutzbericht 2006. Berlin 2007, S. 30)
Rein logisch ist es unmöglich,
bei unbekannter Täterschaft die politische Motivation
zu erschließen, also das "zentrale Erfassungskriterium
dieses Meldesystems". Mit der seit 2008 geübten Praxis
verstoßen die Innenminister gegen die von ihnen selbst
festgelegte Definitionsgrundlage. Auch dies ist unseren
"unabhängigen Qualitätsmedien" bisher keine
kritische Bemerkung wert gewesen.
Die Einführung des neuen
"Kriminalpolizeilichen Meldedienstes - Politisch motivierte
Kriminalität" (KPMD-PMK) im Mai 2001 verdankt sich
ausschließlich dem Bestreben, die Zahl
"rechtsextremistischer" Straftaten statistisch in die
Höhe zu treiben. Bei dem Vorgänger-System war noch
entscheidend, daß die erfaßten Straftaten mit
dem Ziel der "Systemüberwindung" begangen wurden, die
neue Definition hingegen läßt eine wesentlich
breitere Erfassungsbasis zu.
Betrachtet man nun, wie die
Statistik zustande kommt, treten eine Reihe weiterer
potentieller Fehlerquellen zutage. Zunächst einmal:
Eingehen in die Statistik können nur Delikte, die zur
Anzeige gebracht wurden oder auf die die Polizei im Rahmen
ihrer Tätigkeit selbst stößt. Ob eine Tat
als "politisch motiviert" einzustufen ist, bewertet der
ermittelnde (Staatsschutz-)Beamte vor Ort. Natürlich
kann er dies nicht nach Lust und Laune tun, sondern hat
dafür "Richtlinien" anzuwenden, die von der
Innenministerkonferenz bundeseinheitlich festgelegt wurden.
Richtlinien lassen allerdings immer
auch Auslegungsspielräume zu, die so oder so genutzt
werden können. Denkbar sind hier auch Anweisungen von
vorgesetzten Stellen, die durch die Hierarchie-Ebenen
schriftlich oder mündlich bis an das jeweils letzte
Glied der Kette durchgereicht werden. Daß es bestimmte
Soll-Vorgaben zu erfüllen gibt, ist ja aus anderen
Bereichen - z.B. Bußgelder für
Verkehrs-Ordnungswidrigkeiten - durchaus geläufig.
Geheimnisvolle Zuordnung
Auf welcher Grundlage der einzelne
Beamte seine Zuordnung trifft, wird von den Behörden
wie eine geheime Staatsangelegenheit behandelt. Die
ursprünglichen Erfassungskriterien und
Verfahrensregelungen wurden im Oktober 2003 und im Januar
2004 nochmals abgeändert - was dies aber konkret
bedeutet, bleibt dunkel. Es ist schon raffiniert: An die
große Bedrohung von rechts sollen alle Bürger
glauben, denn die wird ja schließlich von der
Statistik "belegt". Interessiert man sich jedoch für
die Entstehungsbedingungen und -abläufe dieser
Statistik, beißt man ganz schnell auf Granit.
Immerhin soviel ist bekannt: Meint
ein Beamter, eine "politisch motivierte" Straftat
registriert zu haben, meldet er diese mit einer
"Kriminaltaktischen Anfrage" (so heißt das im
Amtsdeutsch) an das zuständige Landeskriminalamt
weiter. Dort wird geprüft, ob die Erfassungskriterien
richtig angewandt wurden; und wenn ja, erfolgt eine
Weitermeldung an das Bundeskriminalamt. Auch neue
Ermittlungsergebnisse oder der Abschluß eines
Ermittlungsverfahrens finden auf demselben Weg Eingang in
die Statistik.
Berichtigungen bleiben fast
immer aus
Allerdings - und hier offenbart sich
eine weitere potentielle Fehlerquelle - sind die
Polizeibehörden nicht verpflichtet, den juristischen
Fortgang eines Ermittlungsverfahrens zu verfolgen und
weiterzumelden. Wird zum Beispiel ein "rechtsextremistischer
Straftäter" aus Mangel an Beweisen freigesprochen, oder
stellt sich heraus, daß seine Tat gar nicht politisch
motiviert war, hängt es vom Zufall ab, ob die Polizei
davon Erkenntnis erhält und eine Korrekturmeldung auf
den Weg bringt.
Nehmen wir das "Attentat" auf Alois
Mannichl. Obwohl mittlerweile erhebliche Zweifel an der vom
Passauer Polizeidirektor gelieferten Version zum Tathergang
bestehen, ist der Vorfall erst einmal als politisch
motivierte "rechtsextremistische" Gewalttat statistisch
erfaßt worden. Sollte sich irgendwann herausstellen,
daß es keine solche war, wird es in diesem Fall die
Öffentlichkeit wohl noch erfahren. Doch wie viele
statistische Korrekturen im Nachhinein werden unbemerkt
bleiben, weil die Fälle nicht so spektakulär sind
und ihre Neubewertung nicht in einer großen
Pressekonferenz verkündet wird?
Und damit ist das Ende der
Fahnenstange noch nicht erreicht. Denn oft werden
gewalttätige Ausschreitungen statistisch nur als eine
einzige Tat erfaßt, wie im Kleingedruckten aktueller
Verfassungsschutzberichte nachzulesen ist. So finden zum
Beispiel militante Antifa-Aktionen zur Verhinderung einer
genehmigten "rechten" Veranstaltung nur als eine einzige
Straftat Eingang in die Statistik, selbst wenn in ihrem
Verlauf unzählige Sachbeschädigungen,
Brandstiftungen, Körperverletzungen,
Widerstandshandlungen gegen Vollstreckungsbeamte etc.
verübt werden. Bekanntlich finden solche
Aktivitäten ausschließlich von links gegen rechts
statt. Daß Rechte jemals ein paar hundert
Gewaltbereite mobilisiert hätten, um eine Veranstaltung
Andersdenkender zu verhindern, ist bisher nicht vorgekommen.
Das bedeutet: "Rechts" entspricht in aller Regel einer
statistisch erfaßten Tat auch eine tatsächliche,
während sich "links" hinter einer Tat in der Statistik
nicht selten ganze Gewaltorgien mit zahlreichen
Gesetzesverstößen quer durch das Strafgesetzbuch
verbergen.
Kumpanei mit den
Mächtigen
Betrachtet man alle genannten
Ungereimtheiten und Fragwürdigkeiten dieser Statistik
im Zusammenhang, bleibt unter dem Strich ein erheblich
schiefes Bild und - was die rechte Seite anbelangt - "viel
Rauch um nichts". Wieder einmal hat die Regierung ein paar
Propaganda-Botschaften ausgestreut, und wieder einmal hat
sich die etablierte Presse in die Rolle des willigen
Vermittlers gefügt. Kritischer Journalismus? Da lachen
nicht einmal mehr die Hühner. Die bundesdeutschen
Massenmedien - im Selbstbild immer noch das "Korrektiv", der
furchtlose Entdecker von Skandalen und Fehlentwicklungen,
das Gewissen der Nation - haben sich in weiten Teilen in
eine feige und bequeme Kumpanei mit den Mächtigen
begeben. Und wenn schon über neue Rekorde sinniert
werden soll, könnte man sich ja mal das dynamische
Wachstum charakterlicher Verkommenheit unter bundesdeutschen
Polit- und Medien- "Eliten" anschauen: ein ganz heißer
Anwärter.
Quelle: Nation &
Europa
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