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14. Dezember 2007

Eine Symbiose, die es niemals gab:
"Christlich-jüdisches" Erbe?

Von Karl Richter

Der Staat Israel versteht sich als laizistisches, weltliches Gemeinwesen. Das hindert israelische Behörden und Institutionen allerdings nicht daran, mitunter reichlich rigide gegen nicht jüdische, insbesondere christliche Aktivitäten vorzugehen. Ein Dilemma: Während Christen vom Evangelium der Missionsauftrag aufgegeben ist, wollen Juden genau davon nichts wissen. Jüngst etwa hat der israelische Kabelnetzbetreiber HOT den christlichen Programmanbieter "Daystar" aus dem Netz entfernt, der an Juden gerichtete Werbesendungen ausstrahlt - jetzt muß sich die israelische Aufsichtsbehörde, der Rat für Kabel- und Satellitenfernsehen, mit der Angelegenheit befassen.

Noch brüsker verhielt sich unlängst das israelische Oberrabbinat, eine Art oberster Glaubensbehörde des Judenstaates. Es verbot Juden kurzerhand die Teilnahme an einem internationalen Großtreffen zum Laubhüttenfest, das Ende September in Jerusalem stattfand. Dabei versteht sich der Verein "Internationale Christliche Botschaft Jerusalem", der die Zusammenkunft ausrichtete, ausdrücklich als pro-jüdische, pro-israelische Organisation. Beim Oberrabbinat überwog gleichwohl die Furcht vor unerwünschter Mission - Juden mußten draußenbleiben.

Schachzug im "Krieg der Kulturen"

Warum die beiden Momentaufnahmen aus Israel? Weil umgekehrt die Mission auf Hochtouren läuft, wenn auch subtil und schleichend. Sie läßt sich zum Beispiel daran festmachen, daß Politiker, Medienmacher und Kulturfunktionäre in den letzten Jahren immer häufiger die Vokabel vom vermeintlich "christlich-jüdischen" Abendland, von den vermeintlich gemeinsamen "christlich-jüdischen" Wurzeln Europas, der europäischen Kultur etc. bemühen.

Man mag darin vorderhand einen Reflex auf die - ebenfalls nach Kräften suggerierte - "islamistische" Bedrohung sehen. Nur: Das strategische Spiel ist allzu durchschaubar. Europa, der "Westen" soll an die Seite Israels manipuliert werden, wo die Europäer aber in Wirklichkeit überhaupt nichts verloren haben. Ein Beispiel, wie der von Samuel P. Huntington erfundene "Krieg der Kulturen" an der Propaganda- und Psychofront tatkräftig befördert wird. Denn wie jedermann weiß, gibt es für einen solchen "Krieg" zwischen dem Abendland und dem Islam kaum nachvollziehbare Gründe - jedenfalls nicht diejenigen, die uns Merkel, Schäuble, Bush und Co. weismachen wollen -, es sei denn, man lügt sie herbei: indem man Israel und das Abendland auf hanebüchene Weise miteinander vermengt - eben zur fiktiven "christlich-jüdischen" Chimäre.

Ecclesia statt Synagoge

Christlich-jüdisch? Wer die europäische Geschichte der letzten anderthalb Jahrtausende unvoreingenommen Revue passieren läßt, muß sagen, was er will: das Christliche oder das Jüdische. Denn die modische Synthese hat es in Wahrheit nie gegeben. Statt dessen: Pogrome, Ausgrenzung, Selbstabschottung, Ritualmordlegenden, "Judensäue" an christlichen Kirchen und am Ende einen mehr als mühsamen Prozeß der Emanzipation und Assimilation.

Tatsache ist, daß beide Seiten, die jüdische wie die christliche, jahrhundertelang nebeneinander herlebten, aber nichts voneinander wissen wollten und dafür mehr oder weniger stichhaltige Gründe geltend machten. Während die christliche Seite den Juden den "Christusmord" anlastete, hielten - und halten - gläubige Juden sich qua Religion für "auserwählt" und Nichtjuden sozusagen für zweitklassig; der Talmud, das in langen Generationen der Diaspora gewachsene Lehrwerk zur Interpretation der Thora, ist übervoll an einschlägigen Aussagen, man muß sie nur zur Kenntnis nehmen wollen. Den Stoff für eine harmonische "interkulturelle" Symbiose gibt er jedenfalls nicht her.

Christliche Feindbilder

Auch die christliche Seite hatte von Anfang an ihr Feindbild: "Die" Juden hatten Christus ans Kreuz genagelt, weshalb sie vom Segen Gottes und der Kirche ausgeschlossen blieben. Die Bilderwelt der mittelalterlichen Kunst brachte den Konflikt symbolisch auf den Punkt, indem sie der "Ecclesia", der Gemeinde des christlichen Äons, die "Synagoge" gegenüberstellte: in Gestalt einer weiblichen Figur mit verbundenen (= blinden) Augen und einem zerbrochenen Speer; will sagen: das Zeitalter des alttestamentlich-jüdischen Gesetzes ist abgelaufen. Auch die Franziskaner- und Spiritualen-Theologie des 13. und 14. Jahrhunderts interpretierte es so: Das Zeitalter des "Vaters" (Judentum) und des "Sohnes" (Christentum) werde erst im zukünftigen Äon des "Heiligen Geistes" zur höheren heilsgeschichtlichen Synthese finden; einstweilen aber, im geschichtlichen Diesseits, sei die Herrschaft des "alten Bundes" abgetan, weshalb sich Christen auch in erster Linie an die Offenbarung Jesu, das Neue Testament, zu halten haben. Noch heutigentags ist das Ecclesia/Synagoge-Bildprogramm übrigens in berühmten Gotteshäusern zu besichtigen, etwa im Bamberger Dom und im Straßburger Münster.

Es lohnt, sich zum Vergleich andere Symbiosen in Erinnerung zu rufen, die - im Gegensatz zur "christlich-jüdischen" - tatsächlich ihren Beitrag zur Entstehung des Abendlandes leisteten. Etwa die "heidnisch"-christliche. Denn nicht überall ging es so blutig zu wie im 30 Jahre währenden Krieg des Frankenkönigs Karl gegen die Sachsen, der deren Heidentum mit Feuer und Schwert bekämpfte; oder im Pruzzenland, wo der Deutsche Orden den "heidnischen" Slawen das Christentum ebenfalls auf ziemlich rabiate Art nahebrachte. Die Regel freilich war die stille Missions- und Kulturarbeit, die Klöster und Orden betrieben, von den heimischen Fürstenhäusern begünstigt und unterstützt. In den ehedem römisch überlagerten Teilen Europas hatte sich das Christentum ohnehin schon lange vor der Völkerwanderung ausgebreitet.

Antikes Fundament des Abendlandes

"Heidnisch"-Antikes befruchtete in den nachfolgenden tausend Jahren immer wieder auf unzähligen Kanälen den geistig-kulturellen Überbau des christlichen Weltteils; alle paar Generationen zelebrierten Klöster, Fürstenhäuser und Kunstschaffende eine "karolingische", dann eine "ottonische" und "staufische" Renaissance, indem sie auf römische Vorbilder zurückgriffen und den eigenen historischen Ort programmatisch-ideologisch in die Tradition des römischen Reichserbes rückten. Das ganze lateinische Mittelalter befand sich im ununterbrochenen Geisterdialog mit der Antike; entweder, weil es die heidnische Gelehrsamkeit, die in Abschriften und Kopien je und je überlebt hatte, zu widerlegen galt - oder weil Autoritäten wie Plato, Cicero und Seneca kurzerhand zu philosophischen Vorläufern des christlichen Weltalters erklärt wurden. So oder so, in der Anverwandlung ebenso wie in der Fortentwicklung, ruht das Abendland auf antiken Fundamenten. Wer es gut meint mit Europa, sollte den römischen Unterbau nicht ausblenden; er ist Bestandteil unserer kulturellen Identität, ob wir es wollen oder nicht.

Bewußtsein der eigenen Exklusivität

Das jüdische Ferment sucht man bei alledem vergebens - und wenn, dann nur in der Ablehnung durch das autochthone europäische Menschentum. Sei es aus selbstgewählter Abscheidung, sei es infolge der christlichen Ausgrenzungspropaganda: Jüdisches blieb in den anderthalb Jahrtausenden zwischen Völkerwanderung und Moderne auf Rand- und Nischenbereiche der abendländischen Gesellschaft verwiesen: ungeliebt, geduldet, fremd, in Gestalt von Zinsleihern und Händlern. Historische Sachkenntnis gebietet den Hinweis, daß an der Abscheidung nicht zwangsläufig das tonangebende Christentum schuld sein mußte; schon die römische Literatur kennt Belegstellen in Hülle und Fülle, die von Distanz und Vorbehalt den Juden im Imperium gegenüber zeugen. Sie waren den Legionen bis in die entferntesten Winkel des Reiches gefolgt und bildeten, als Goten, Franken und Langobarden schließlich Provinz um Provinz eroberten, längst allenthalben Enklaven. Die Römer gingen, die Germanen kamen. Die Juden blieben, als fremde Ingredienz im Sauerteig des werdenden Abendlandes. Was gleichfalls blieb, war das - religiös gespeiste, mithin um so stärkere - Bewußtsein der eigenen Exklusivität. Es hielt die Schranken zwischen Jüdischem und Nichtjüdischem wirksamer aufrecht als je die Ausgrenzungs- und Nichtvermischungsgebote der Umgebung; hatte der stammeseigene Thora-Gott seinem Volk doch ausdrücklich verheißen, "daß ich deinen Samen segnen und mehren will wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die Tore deiner Feinde; und durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden (...)." (1. Mose, 17-18).

Die Verheißung blieb jahrhundertelang Utopie - so lange das christliche Verdikt seine Geltung behielt. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Als es bröckelte, im Zuge der Aufklärung, wurden auch die Ghettomauern durchlässig. Der Prozeß der "Judenemanzipation" hielt Einzug.

Der an der Berkeley-Universität lehrende jüdischstämmige Historiker Yuri Slezkine legte 2004 unter dem Titel "The Jewish Century" eine ebenso fulminante wie verstörende Studie vor, die mittlerweile auch in deutscher Übersetzung vorliegt ("Das jüdische Jahrhundert", Göttingen 2006). Slezkine, der es als Geschichtswissenschaftler wissen muß, vertritt darin die provozierende These, daß die sogenannte "Moderne" im letzten auf die Judaisierung der Welt, auf die Durchdringung der Welt mit "jüdischen" Werten und Haltungen hinauslaufe. Slezkine wörtlich:

"Das moderne Zeitalter ist das jüdische Zeitalter, und insbesondere das 20. Jahrhundert ist ein jüdisches Jahrhundert. Modernisierung bedeutet, daß jeder urban, mobil, schriftkundig, wortgewandt, geistig beweglich, körperlich anspruchsvoll und beruflich flexibel wird. Modernisierung heißt lernen, Menschen und Symbole anstelle von Feldern oder Herden zu kultivieren. Modernisierung bedeutet, nach Reichtum um der Bildung willen, nach Bildung um des Reichtums willen und nach beidem, Reichtum und Bildung, um ihrer selbst willen zu streben. Die Modernisierung macht Bauern und Prinzen zu Händlern und Priestern, läßt erworbenes Prestige an die Stelle ererbter Privilegien treten und demontiert gesellschaftliche Stände zugunsten von Individuen, Kernfamilien und Bücher lesenden Menschen, also Nationen. Modernisierung bedeutet mit anderen Worten, daß alle Menschen jüdisch werden."

"Die fremdesten Fremden der Welt"

Und anderer Stelle: "(...) Vor allem aber verwandelten sich die Juden in die fremdesten Fremden der Welt. Sie folgten ihrer Berufung nämlich auf einem Kontinent, der sich fast vorbehaltlos dem merkurianischen Projekt verschrieb und weite Teile der Welt nach seinem Vorbild veränderte. Im Zeitalter des Dienstleistungsnomadentums wurden die Juden zum auserwählten Volk, weil sie par excellence modern waren."

Nichts anderes hatten luzide Geister schon früher behauptet. Karl Marx etwa, selbst Jude. Erst recht aber Nichtjuden wie Werner Sombart, Nietzsche, Spengler und Richard Wagner. Die "moderne" (!) Rezeption wirft ihnen deshalb noch nach hundert und mehr Jahren "Antisemitismus" vor. Dem dickleibigen und mit unzähligen Fußnoten gespickten Werk des Berkeley-Professors Slezkine ist das, aus welchen Gründen auch immer, erspart geblieben.

Die Holocaust-Ersatzreligion

Möglicherweise lassen sich bestimmte Dinge im 21. Jahrhundert auch nur deshalb offen aussprechen, weil der Zug längst abgefahren ist: An die Stelle autochthoner, angestammter Wertvorstellungen und Symbole treten neue, säkulare wie der Kult der "Menschenrechte" und die immerwährende Bewältigung des "Holocaust", der mit Recht als postmoderne "Zivilreligion" bezeichnet wurde: für immerwache, politisch hyperkorrekte Nichtjuden, aber nicht weniger für die Juden selbst. Jörg von Uthmann gab schon 1993 in der FAZ die Generalrichtung zutreffend wieder, indem er einen der Hauptmäzene des Simon-Wiesenthal-Zentrums, Los Angeles, mit den Worten zitierte: "Israel, jüdische Erziehung und all die anderen bekannten Stichworte scheinen nicht mehr überzeugend genug, um die Juden zur Solidarität anzuspornen. Nur der Holocaust funktioniert!" (FAZ, 3.5.1993)

Inzwischen sehen wir klarer. In Berlin gibt es mittlerweile das gigantomanische Holocaust-Stelenfeld vor dem Reichstag, die deutsche Außenpolitik steht mehr denn je unter der Fuchtel der "besonderen Verantwortung" Deutschlands für Israel, und der "Holocaust" ist Dreh- und Angelpunkt des bundesdeutschen Bewußtseins; es war der Extrem-Vergangenheitsbewältiger Guido Knopp, der konsequenterweise zur Schreibweise mit "k" statt "c" überging: als Geste der sprachlich-propagandistischen Anverwandlung, der Implementierung ins Breitenbewußtsein; nach dem Muster: Holokaust, der du bist in unseren Gehirnen, geheiligt werde dein Name.

"One World" oder Völkervielfalt?

Der Kreis schließt sich: Die "christlich-jüdische" Symbiose, die uns weisgemacht werden soll, hat es nie gegeben. Dagegen gibt es die Symbiose, will sagen: die Infiltration des globalen "Weltgewissens" mit dem Holocaust-Dogma, die auf die weltweite Inthronisierung einer jüdischen Sonder-Identität zu Lasten jeder anderen nationalen Integrität hinausläuft. Wie lautete gleich die blumige Verheißung im ersten Buch Mose: "(...) und durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden."

Mit dem Abendland, mit Europa, mit dem unendlich reichen Flickenteppich aus Germanischem, Romanischem, Slawischem, Christlich-Heidnischem, der seit zwei Jahrtausenden unseren Weltteil ausmacht, hat diese Prophetie nichts zu tun. Sie ist im Gegenteil eine kaum verklausulierte Kampfansage an jedweden Freiheitswillen, der vom "Segen" der Moderne, der One World, der Globalisierung nichts wissen will. Die Wahl bleibt dem Abendland nicht erspart.


Quelle: Nation & Europa

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