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25. November
2005
Saddam Hussein vor
Gericht:
Siegerjustiz in
Bagdad
Von Klaus Hansen
Zweieinhalb Jahre nach der
angloamerikanischen Invasion hat am 19. Oktober in Bagdad
der Prozeß gegen den irakischen Präsidenten
Saddam Hussein und sieben seiner hochrangigen Mitarbeiter
begonnen. Ihnen droht die Todesstrafe. Alle Angeklagten
erklärten sich für nicht schuldig. Obwohl von der
Haft (und möglicher Folter?) gezeichnet, beharrt Saddam
Hussein weiterhin auf seiner Stellung als Staatsoberhaupt.
Der von den Alliierten gewaltsam herbeigeführte
"Regimewechsel" habe nichts an der Rechtslage geändert.
Auch das Gericht sei illegitim. "Was auf Unrecht
gegründet ist, bleibt Unrecht", erklärte der
68jährige und widerlegte damit Vermutungen, er
würde sich dem Tribunal als gebrochener Mann
schuldzerknirscht anzubiedern versuchen.
Saddam Hussein sieht in dem
Verfahren eine Schaubühne der Siegerjustiz. Dafür
hat er gute Gründe. Von der fünfköpfigen
Gerichtsjury ist so gut wie nichts bekannt. Die
Fernsehkameras zeigen alle Angeklagten und ihre Verteidiger,
von den Richtern aber nur den Vorsitzenden, von dem zu lesen
ist, er sei Kurde. Sein Name liegt in mehreren Schreibweisen
vor - eine Version lautet: Rizgar Mohammed Amin. "Wer sind
Sie? Was sind Sie?", wurde er von Saddam Hussein gefragt.
"Haben Sie früher je als Richter gearbeitet?" Keine
Antwort.
Verteidiger ermordet
Die Geheimnistuerei wird mit
Sicherheitsbedürfnissen begründet. Gegenüber
den Verteidigern ist man weniger zimperlich. Sie werden in
den Medien vorgeführt, massiv bedroht, und der erste
von ihnen, Sadun Sughair al-Dschanabi, wurde bereits zwei
Tage nach Beginn des Prozesses verschleppt und ermordet. Der
Präsident der irakischen Anwaltskammer, Dhia al-Saadi,
sprach von einer "bedenklichen Entwicklung". Seine Kollegen
würden künftig zögern, "Menschen zu
verteidigen, die aus politischen Gründen inhaftiert
sind". Badie Issat Aref, juristischer Beistand des
irakischen Vize-Ministerpräsidenten
Tarik Asis, fügte hinzu: "Wenn nicht einmal die
Sicherheit der Anwälte gewährleistet ist, wie
sollen wir dann unsere Mandanten schützen?" Auch
Entlastungszeugen würden unter diesen Umständen
kaum noch auszusagen wagen.
Das Sondertribunal wurde von der
US-Regierung eingesetzt. Seine Mitglieder sind in den
letzten Monaten von amerikanischen Trainern auf ihre Aufgabe
vorbereitet worden. Kosten: 75 Millionen Dollar. Der
Gerichtsvorsitzende, heißt es, sei auf Vorschlag des
Kollaborationspräsidenten Dschalal Talabani berufen
worden. Talabani, ebenfalls ein Kurde, legt Wert auf sein
Amt und sagt deshalb, Saddam gehöre "nicht einmal,
sondern zwanzigmal täglich hingerichtet".
Die Partei des angeklagten
Staatspräsidenten wurde gleich nach dem Einmarsch der
Alliierten verboten - als Beweis dafür, wie man sich
die neue "Demokratie" im Irak vorstellt. Es finden zwar
Wahlgänge statt, aber nur mit Gruppierungen und
Kandidaten, die den Amerikanern und ihren einheimischen
Handlangern halbwegs genehm sind. Dabei steht Deutschland
Pate: Hier hatten die Alliierten 1945 ebenfalls die
Regierungspartei und deren Unterorganisationen verboten, so
daß siegerfreundliche Kräfte unbehindert in das
politische Vakuum strömen konnten.
1990, als die DDR zusammenbrach, war
man toleranter. Die alte Staatspartei konnte fast
ungestört weitermachen, wechselte lediglich den Namen,
sitzt als viertgrößte Fraktion im Bundestag und
übt bereits auf Länderebene für den Einzug in
die Bundesregierung. Was immer man von der zur "Linkspartei"
mutierten SED halten mag: Daß sie nicht verboten
wurde, dürfte nicht nur ihren vier Millionen
Wählern weitaus demokratischer dünken als das
irakische Modell.
Die Menschenrechtsorganisation
"Human Rights Watch" ist unverdächtig. Erstens
residiert sie in den USA, und zweitens hat sie das Regime
von Saddam Hussein stets kritisch beäugt. Um so mehr
fällt ins Gewicht, was der Leiter der Rechtsabteilung
von "Human Rights Watch", der amerikanische Jurist Richard
Dicker, vorsichtig andeutet: "Es ist ungewiß, ob
dieses Gericht tatsächlich zur Führung eines
fairen und unparteiischen Prozesses in der Lage sein
wird."
Die Regeln, nach denen das Tribunal
in Bagdad arbeite, stimmten in wichtigen Punkten nicht mit
internationalen Standards überein. Den Angeklagten sei
es nach ihrer Verhaftung zunächst nicht möglich
gewesen, Anwälte zu kontaktieren. Man habe sie
wochenlang ohne juristischen Beistand verhört und wolle
nun die unstatthaft eingeholten Aussagen zur Grundlage einer
Verurteilung machen.
Verurteilung trotz
unzureichender Beweislage
Ein weiterer Punkt, der Dicker Sorge
bereitet: Das Tribunal darf die Weigerung von Angeklagten,
auf Richterfragen zu antworten, als Schuldbeweis werten.
Nach internationaler Norm steht einem Angeklagten dagegen
ein Zeugnisverweigerungsrecht zu. Er kann nicht verpflichtet
werden, sich mit seinen Aussagen selbst zu belasten oder
überhaupt nur Angaben zu machen. Schweigen darf nicht
zu seinen Lasten interpretiert werden.
Als besonders unannehmbar empfindet
es Dicker, daß sich die Richter in Bagdad bei einer
Verurteilung der Angeklagten mit "befriedigenden" Beweisen
begnügen wollen: "In einem fairen Verfahren reicht dies
für eine Verurteilung nicht aus. Nach internationalen
Standards sind höhere Maßstäbe an den Wert
von Beweisen anzulegen. Die Überzeugung der Richter von
der Schuld des Angeklagten muß begründet sein,
das heißt, ein Verbrechen muß in allen
Einzelheiten und über jeden Zweifel hinaus beweisbar
sein."
Diese kritischen Anmerkungen der
amerikanischen Menschenrechtsorganisation wiegen schwer
genug, sind aber einem grundsätzlicheren Einwand
nachgeordnet: Niemand hat die diplomatische Immunität
des irakischen Staatspräsidenten aufgehoben. Er wurde
weder abgewählt noch sonstwie vom irakischen Volk aus
seinem Amt verstoßen. Landfremde Besatzer haben ihn
kurzerhand für abgesetzt erklärt und einem
"Gericht" zugeführt, dessen Legitimität allein aus
den alliierten Gewehrläufen rührt. Und noch etwas
ist unakzeptabel: Eigens für das Tribunal wurden aus
irakischem und amerikanischem Recht neue Gesetze gebastelt,
die zum Zeitpunkt der behaupteten Taten noch nicht in Kraft
waren. Rückwirkende Gesetze sind aber nach
internationalem Recht verboten. Man kann nur für
Strafbares bestraft werden.
Auch wenn man berücksichtigt,
daß hier wieder einmal juristisches Neuland betreten
wird (wie allerdings schon die Entschuldigung beim
Nürnberger Prozeß 1945 lautete), kann man die
Justizfarce von Bagdad nur abscheulich finden. Jeder
weiß, daß dieses Gericht weder unabhängig
noch neutral agiert. Es urteilen Sieger über Besiegte,
Streitbeteiligte über andere Streitbeteiligte. Wenn man
militärische Auseinandersetzungen unbedingt juristisch
fortschreiben will, dann sollte man wenigstens Richter aus
Staaten heranziehen, die nicht involviert sind. Sie
müßten in ihren Entscheidungen absolut frei sein,
müßten Sieger und Besiegte gleichermaßen
zur Rechenschaft ziehen dürfen.
Für alles verantwortlich?
Saddam Hussein wird in dem jetzt
begonnen Prozeß vorgeworfen, irakische
Polizeikräfte hätten 1982 in dem Ort Dudschail
nahe Bagdad 143 Schiiten willkürlich getötet,
nachdem dort ein Attentat auf den Präsidenten versucht
worden war. Wenigstens der Tathergang müßte sich
beweisen lassen. Eine andere Frage ist es, ob der
Präsident unmittelbare Verantwortung trägt oder ob
es sich um einen - natürlich strafbaren -
Vergeltungsexzeß untergeordneter Stellen handelt. Der
Irak hat 24 Millionen Einwohner, ist
flächenmäßig weit größer als die
Bundesrepublik Deutschland. Nicht alles, was in einem
solchen Land passiert, muß zwangsläufig auf einen
Befehl des Präsidenten zurückgehen.
Freilich kann man sich auch auf den
rigorosen Standpunkt stellen, daß ein Staatsoberhaupt
persönlich für alles haftet, was Staatsbedienstete
anrichten. Das sollte dann aber ein allgemeiner Grundsatz
sein. Für amerikanische Verbrechen im Irak
übernehmen weder der US-Präsident noch seine
Minister oder Generäle irgendwelche Verantwortung.
Lassen sich derartige Vorgänge - man denke nur an die
filmisch dokumentierten Folterszenen aus Abu Ghraib - nicht
einfach leugnen, heißt es regelmäßig, es
handele sich um Verfehlungen weit nachrangiger Offiziere und
Soldaten. Die US-Armee kann treiben, was sie will: Entweder
findet man nach entdeckten Verbrechen keinen höheren
Befehl dazu, oder man spricht die Opfer verharmlosend als
"Kollateralschäden" an.
Letzteres gipfelt immer wieder in
der Behauptung, man habe zwar eine Rakete in diese oder jene
Menschenansammlung geschossen, doch sei es nie Absicht
gewesen, außer den dort vermuteten "Terroristen" auch
Frauen und Kinder umzubringen. Auf diese Weise ist schon so
manche irakische Hochzeitsfeier zum Massenbegräbnis
geworden. Und der amerikanische Präsident wäscht
seine Hände in Unschuld. Als "wiedergeborener Christ"
kennt er das Pilatus-Modell: Jede Besatzungsmacht tut gut
daran, sich bei der Durchsetzung ihrer Ziele einheimischer
Helfershelfer zu bedienen. Deshalb wurde das Tribunal in
Bagdad mit irakischen "Richtern" besetzt, und deshalb auch
schiebt man die Schuld an der katastrophalen Sicherheitslage
der ortsansässigen Polizei zu, die erst noch "richtig"
ausgebildet werden müsse.
Verspätete
Moral
In Wirklichkeit resultiert die
heutige Situation im Irak einzig und allein aus der
angloamerikanischen Invasion. Sie hat bereits 20.000
Zivilisten das Leben gekostet. Noch größer ist
die Zahl der Verwundeten und Verstümmelten. Daß
dafür niemand die Verantwortung übernimmt,
läßt das Tribunal über Geschehnisse, die ein
Vierteljahrhundert zurückliegen, um so
anachronistischer erscheinen.
Die nachträgliche Empörung
über Verbrechen, die unter Saddam Hussein geschehen
sein sollen oder tatsächlich geschehen sind,
übersieht gern, daß der jetzt Angeklagte lange
Zeit von den USA und deren Verbündeten anerkannt,
politisch unterstützt und mit Waffen beliefert wurde.
Sein 1980 begonnener Krieg gegen den Iran sollte die dortige
Mullah-Herrschaft zu Fall bringen und das Land wieder, wie
zu Zeiten des Schahs, an die Seite Amerikas führen.
Washingtons
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"Der ganze Prozeß wirkt wie eine Farce.
Nichts geht mit rechten Dingen zu. Bis zum 25.
September hatten wir keinerlei offizielle Dokumente
erhalten. Das ist eine dramatische Verletzung der
irakischen Gesetze. De jure ist Saddam immer noch
Staatschef. Die amerikanischen Invasoren und
Besatzer haben ihn gestürzt und
gefangengenommen, nachdem sie den Irak
zerstört hatten. Jetzt setzen sie mit dem
Recht des Stärkeren ihren Willen durch und
treten die irakischen Gesetze mit Füßen.
Für mich entbehrt auch die jetzige Regierung
jeglicher Legitimität. Erst wenn alle Besatzer
den Irak verlassen haben, kann der Irak sich
wirklich selbst regieren."
--Chalil al-Duleimi,
Saddam-Hussein-Verteidiger
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Außenpolitik steht traditionell unter dem Motto:
"Er mag zwar ein Schurke sein, aber er ist unser Schurke."
Über die Moral des Saddam Hussein begann man sich erst
Gedanken zu machen, als er aus dem Ruder lief und einen
anderen US-Verbündeten, das Öldepot Kuwait, zu
annektieren suchte.
Aber darüber wird man vor dem
Tribunal in Bagdad nicht sprechen. Sogar der neue
"Justizminister" Abd al-Hussein findet es dekuvrierend, wie
amerikanische Zensoren die Ermittlungsakten frisieren: "Es
sieht so aus, als gebe es eine Menge Geheimnisse, die sie
schützen wollen." Auch in Nürnberg wollte man 1945
nichts mehr davon wissen, daß die dort richtenden
Sowjets bei der Aufteilung Polens mit Hitler gemeinsame
Sache gemacht hatten. Die Westmächte nehmen daran bis
heute keinen Anstoß. Allein die Deutschen sollten
büßen.
Angesichts der
Machtverhältnisse auf dieser Welt erscheint die
Forderung absurd - aber eigentlich müßten George
W. Bush und sein Hauptverbündeter Tony Blair auf die
Anklagebank. Denn mittlerweile steht unumstritten fest,
daß die Begründung für den Überfall auf
den Irak falsch war: Saddam Hussein verfügte über
keine Massenvernichtungswaffen. Westliche Geheimdienste und
Politiker hatten die internationale Öffentlichkeit
gezielt irregeführt. Das bedeutet aber auch, daß
die auf beiden Seiten angefallenen Opfer auf das Konto von
Bush und Blair gehen. Mag es auch sein, daß tote
Iraker in Washington und London keine schlaflosen
Nächte hervorrufen - aber wie steht es um die
amerikanischen und britischen Soldaten, die in dem Glauben
gefallen sind, den Erdball vor dem Feuer irakischer
Massenvernichtungswaffen schützen zu müssen? Der
damalige US-Außenminister Colin Powell hat
kürzlich erklärt, rückblickend schäme er
sich dafür, vor der UNO "Beweise" präsentiert zu
haben, die keine waren. Doch mit solchen
Eingeständnissen werden 2000 gefallene GIs nicht wieder
lebendig.
Saddam Hussein und den angeklagten
Mitgliedern seiner Regierung droht die Todesstrafe. Auch
daran läßt sich westliches Pharisäertum
ermessen. Rußland wurde erst in den Europarat
aufgenommen, als es sich verpflichtet hatte, nicht
länger die Todesstrafe anzuwenden. Wäre Saddam
Hussein vor den angloamerikanischen Invasoren nach Europa
emigriert, müßte das Siegertribunal ohne ihn
auskommen. Denn Artikel 11 der "Europäischen Konvention
über die Auslieferung" verbietet Überstellungen an
Länder mit Todesstrafe. Nicht verboten ist
internationale Aufbauhilfe für einen Justizapparat, der
die Todesstrafe praktiziert - also helfen bundesdeutsche
Juristen ihren irakischen Kollegen. Solche
Widersprüchlichkeiten erträgt mühelos, wer
moralische Grundsätze für ein lediglich
propagandistisches Mittel hält. Wie jene, die jetzt in
Bagdad ein Siegertribunal veranstalten.
Quelle: Nation &
Europa
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