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29. Mai
2005
Deutsche Bischöfe
über die Siegerwillkür:
"Armes
Vaterland"
Von Manfred Müller
Besatzungswillkür, Hunger und
Mangel - das waren die Konkretisierungen der heute
hochgejubelten "Befreiung", wie sie von weiten Teilen des
deutschen Volkes 1945 empfunden wurden. Gleichzeitig aber
keimten damals trotz der widrigen Lebensbedingungen
Hoffnungen (teils realistischer, teils illusionärer
Art). Diese Hoffnungen konnten sich zu politischen
Zielvorstellungen verdichten, an die zu erinnern den heute
Herrschenden nicht genehm sein dürfte. Denn es ging um
Traditionslinien, die man später umbog oder beseitigte.
Ein Musterbeispiel aus dem Bereich
christlich-deutschen Geistes liefert der Hirtenbrief des
Mainzer Bischofs Albert Stohr vom 29. Juni 1945, der in den
Sonntagsmessen dieser Diözese von allen Kanzeln den
Gläubigen zu Gehör gebracht wurde. Darin
heißt es: "In aller Offenheit und Überzeugung
bekenne ich mich vor Euch zu unserem armen, geschlagenen,
zerbrochenen, von fremden Mächten überzogenen
Vaterland. Für uns Katholiken ist ja die
Vaterlandsliebe mehr als ein bloß naturhaftes
Nationalgefühl. Sie ist uns Willenstugend, deren
Gegenstand die von Gott gewollte Bluts- und
Gesinnungsgemeinschaft aller deutschen Brüder und
Schwestern ist."
Heute undenkbar
Dieses Bekenntnis zu Volk und
Vaterland im Sinne einer "Blutsgemeinschaft" brächte
dem 1961 gestorbenen Bischof heute den Ruf eines üblen
"Nationalisten" und "Rassisten" ein. Sein Nachfolger auf dem
Bischofsstuhl von Mainz, Karl Kardinal Lehmann, ein betont
zeitgeistkonformer Priester, würde aus Höflichkeit
womöglich etwas zurückhaltender reagieren,
zumindest aber einwenden, die "romantische Verklärung
von Vaterland und Heimat" führe nicht weiter. So
jedenfalls Lehmanns Beitrag zur kürzlichen
Patriotismus-Debatte.
Stohr gehörte bereits im
Dritten Reich zu jenen Bischöfen, die sich nicht
einschüchtern ließen. Als
Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels am 27. Mai 1937
in der Berliner Deutschlandhalle eine reichsweit
übertragene furiose Rede gegen die
"herdenmäßige Unzucht" und die "Schweinereien" im
Welt- und Ordensklerus hielt (den Hintergrund lieferten
Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Kleriker), wurde
Stohr zur Zielscheibe einer vor dem Bischofspalais
randalierenden Volksmenge: "Wir machen unseren Herzen Luft,
der Mainzer Bischof ist ein Schuft; der Mainzer Bischof ist
ein Schwein, drum schützet eure Kinderlein."
Es hätte sich niemand
gewundert, wenn der Bischof - er war zugleich Professor
für Moraltheologie - nach diesen wüsten
Beleidigungen auf Konfrontationskurs gegangen wäre.
Doch ihm war eine vernünftige Seelsorge wichtiger. Und
die warf im Dritten Reich gewisse Probleme auf. So klagte
Stohr 1942 in einer Denkschrift an Papst Pius XII.: "Viele
gute Katholiken, auch Priester, tragen schwer am
jüdischen Einschlag im Gebetsleben der Kirche. Die
Dinge liegen tatsächlich so, daß schon gewisse
alttestamentliche Namen wie Abraham, Isaak, Jakob, Israel,
Sara usw. einen starken Widerwillen auslösen. Das
führt dann dazu, daß mancher Priester z. B. im
Brautsegen diese Namen einfach wegläßt oder die
Gebete in möglichst unverständlicher Form murmelt,
um nicht anzustoßen und die Sakramente und Segnungen
der Kirche nicht odios zu machen" (odios =
widerwärtig).
"Bannerträger des
Reichsgedankens"
Stohrs patriotische Einstellung
resultierte wie bei den meisten seiner Generationsgenossen
aus den prägenden Einflüssen von Familie, Schule,
Kirche und gesellschaftlichem Umfeld des Kaiserreiches.
Daher war ihm das, was er im Hirtenbrief vom Juni 1945 als
Zielvorstellung proklamierte, ein Herzensanliegen: "Unser
stolzes Reich ist zerspalten... Aber wir haben doch ein
Ideal vor uns und hoffen, daß seine Verwirklichung uns
über kurz oder lang wieder gelingen wird... Denkt
daran, in welchem Grad einst das Deutsche Reich
Bannerträger des Reichsgedankens war!"
Indem er hinter das Bismarckreich
zurückgriff, die Traditionen des Heiligen
Römischen Reiches Deutscher Nation andeutete und ihnen
Zukunftsträchtigkeit zusprach, glaubte Stohr, an die
"Zeiten heroischer Jugendkraft unseres Volkes und seiner
größten Heldentaten" anzuknüpfen: "Wir
wollen es [dieses Ideal] aufnehmen, sobald wir
wieder Recht und Macht haben, unser Gemeinschaftsleben zu
formen. Wir sollen, wie man hört, wieder die
Möglichkeit erhalten, unser Volksleben nach
demokratischen Grundsätzen zu gestalten. Dann wollen
wir Christen antreten mit dem festen Willen, das deutsche
Haus zu bauen nach christlichen Ideen."
Wie sehr dies in der Bundesrepublik
allerdings mißlungen ist, zeigt der gegenwärtige
Zustand des Staates: Zerstörung der Volkssubstanz,
allmählicher Ruin der wirtschaftlichen und sozialen
Grundlagen des Gemeinwesens, um sich
greifender
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Mit Johannes Paul II. hat die katholische
Weltkirche einen Oberhirten verloren, dessen Wort
zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa fehlen
wird. Der in Polen geborene Karol Wojtyla empfand
den Sieg Stalins nicht als "Befreiung", sondern als
ein neues Kapitel nationaler Unterdrückung.
Für Johannes Paul II. war Vaterlandsliebe ein
unverzichtbarer Bestandteil christlicher Denkart.
Der Patriotismus falle "in den Bereich des vierten
Gebots, das uns verpflichtet, Vater und Mutter zu
ehren". Sie verkörperten das geistige und
territoriale Erbe des Vaterlandes. So nachzulesen
in dem letzten Buch des verstorbenen Papstes
("Erinnerung und Identität", Weltbild-Verlag
2005). Und was sagte Johannes Paul II. zu
Heimatvertreibungen und Landraub? "Das einer Nation
mit Gewalt entrissene Territorium wird in gewissem
Sinne zu einer flehentlichen Bitte und sogar zu
einem Aufschrei an den 'Geist' der Nation selbst.
Dann erwacht der Geist der Nation zu neuem Leben
und kämpft, damit dem Land seine Rechte
zurückgegeben werden."
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Wertezerfall und hedonistische Desorientierung. Die
Formel vom "besseren Deutschland", die damals übrigens
auch, unter anderem ideologischen Vorzeichen, in
Mitteldeutschland zu hören war, entpuppte sich
letztlich als Illusion. Auch die Kirche leidet unter
Auszehrung. Christliche Wertvorstellungen zum Lebensschutz
und zur Lebensgestaltung blieben auf der Strecke.
"Befreiung" durch Inhaftierung
Für Stohr leuchteten vor 60
Jahren "vier Sterne als Ziel unseres Planens und Strebens:
der vaterländische, der Rechts-, der christliche und
der soziale Gedanke". Dazu hätte freilich die
Siegerwillkür überwunden werden müssen. Der
Mainzer Bischof scheute sich nicht, am 21. Juni 1945 in
einem Brief an den Papst über "die radikale Beseitigung
aller Nazis aus der Wirtschaft, den Ämtern, den Berufen
und selbst den Wohnungen" zu klagen. "Fast der einzige
Befähigungsnachweis zur Besetzung eines Amtes scheint
der Aufenthalt eines Kandidaten in Dachau oder sonstwo im
Gefängnis zu sein."
Mit seiner Klage stand Stohr
keineswegs allein. Auch sein Amtsbruder im
westfälischen Münster, Clemens August Graf von
Galen, beschwerte sich 1945/46 vor ausländischen
Journalisten über die Siegerexzesse: "Wir können
nur mit ernster Sorge auf die Methoden schauen, mit denen
man gegen angeblich politisch belastete Menschen vorgeht."
Viele würden in Konzentrationslager gesperrt, "wo sie
wochen-, monatelang nicht einmal vernommen werden und keine
Gelegenheit zu ihrer Verteidigung haben". Selbst die
Nationalsozialisten hätten es KZ-Häftlingen
gestattet, zweimal im Monat Briefe mit
Familienangehörigen zu wechseln und von ihnen
Lebensmittelpakete zu erhalten. "Solche Vergünstigungen
gibt es bei den Engländern nicht."
Auch die von den Siegern betriebene
"Säuberung" des öffentlichen Dienstes
geißelte der Bischof von Münster als Methode der
Rechtlosigkeit: "Als die Nationalsozialisten an die Macht
kamen, da hatten sie ihre Gegner durch das 'Gesetz zur
Wiederherstellung des Berufsbeamtentums' zwar
rücksichtslos aus den öffentlichen Stellen
entfernt, aber sie haben doch wenigstens pensioniert oder
doch in irgendeiner Weise abgefunden. Heute werden sie ohne
Entschädigung herausgeworfen, und nicht nur sie selbst,
sondern auch ihre unschuldigen Familien, ihre Frauen und
Kinder dem Elend preisgegeben."
Diese
Interview-Äußerungen wurden 1946 in der Schweizer
Presse veröffentlicht (hier zitiert aus dem Buch
"Kardinal von Galen - ein Gottesmann seiner Zeit", Verlag
Aschendorf, Münster 1948). Da sich der "Löwe von
Münster", wie der Bischof ehrfurchtsvoll im Volksmund
hieß, auch schon im Dritten Reich mit den Machthabern
angelegt hatte, wurden seine Nachkriegsklagen um so mehr
beachtet. Schon am 1. Juli 1945 war von Galen bei seiner
Predigt im Wallfahrtsort Telgte mit heftiger Kritik an den
"Befreiungs"-Verhältnissen hervorgetreten. Er beklagte
die Überfälle und Raubzüge von Russen und
Polen im Münsterland (bei den Tätern handelte es
sich um entlassene Fremdarbeiter), die Vergewaltigungen der
Frauen und Mädchen - Geschehnisse, die "nur aus
Haß und Rachsucht unserer früheren Kriegsgegner
zu erklären sind". Eine Schriftfassung der Telgter
Predigt ging in vervielfältigten Exemplaren von Hand zu
Hand, denn die Medien standen unter Siegerzensur. Als von
Galen am 22. März 1946 kurz nach seiner Erhebung zum
Kardinal starb, waren seine letzten Worte: "Gott
schütze das liebe Vaterland!"
Bei den gegenwärtigen
Rückblicken auf das Kriegsende werden Stimmen wie die
der beiden Bischöfe Stohr und von Galen konsequent
ausgeblendet. Heutige Kirchenfürsten tun so, als sei
die alliierte Besatzungsherrschaft ein Zuckerschlecken
gewesen, für das die Deutschen auf ewig dankbar zu sein
hätten. Die Wahrheit sieht anders aus. .
Quelle: Nation &
Europa
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