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11. Mai
2007
Zwischen "Kanak Sprak"
und Anglomanie:
Kampf um die
Sprache
Von Karl Richter
Die Deutschen sind für ihre
Regelungswut bekannt. Diese mutet Ausländern mitunter
übertrieben an, besitzt aber den Vorteil, daß sie
- meist - Ordnung und klare Verhältnisse schafft. Auch
das "Verwaltungsverfahrensgesetz" (VwVfG), dessen Wortlaut
auf der Internetseite des Bundesjustizministeriums
nachzulesen ist, regelt etwas, das zunächst lapidar
erscheint. Unter Paragraph 23 findet sich dort die für
alle deutschen Behörden verbindliche Vorschrift: "Die
Amtssprache ist deutsch."
Lapidar? Vielleicht nicht mehr
lange, denn dank der Standards des europäischen
Minderheitenschutzes dürfte der Zeitpunkt nicht mehr so
fern sein, bis die ersten ethnischen Minderheiten in der
Bundesrepublik die Zweisprachigkeit bei Behörden und
bei der Straßenbeschilderung werden einklagen
können. Solche zweisprachigen Enklaven gibt es in
Europa bereits, etwa in Kärnten (wo es mit dem
benachbarten Slowenien einen seit langem schwelenden
"Ortstafelstreit" gibt), aber auch im sorbischen
Siedlungsgebiet in Sachsen.
Vorboten der ethnischen
Fragmentierung
Wenn sich die ethnischen Gewichte
weiter so verändern wie in den letzten 20 Jahren, dann
wird es um das Jahr 2040 in allen größeren
deutschen Städten nichtdeutsche Mehrheiten geben. In
der Altersgruppe der Jüngsten sind die Mehrheiten
verschiedentlich bereits gekippt, so etwa in der bayerischen
Landeshauptstadt München, wo es im letzten Jahr in der
Altersgruppe
der unter 12jährigen erstmals mehr ausländische
als deutsche Schüler gab. Über solche
Verschiebungen wird aus Gründen der political
correctness nicht viel Aufhebens gemacht; aber wenn aus den
heute Jungen Erwachsene geworden sind, ist es definitiv zu
spät.
Für jeden unübersehbar,
der Augen im Kopf hat, wirft die ethnische Fragmentierung
Deutschlands inzwischen ihre Schatten voraus. Ebenfalls in
München eröffnete kürzlich eine Bankfiliale
ihr erstes rein türkischsprachiges Terminal; und der
Berliner Sprachwissenschaftler Prof. Norbert Dittmar sorgte
dieser Tage für Aufsehen, weil er die Veränderung
der deutschen Gebrauchssprache durch den Einfluß von
Zuwanderern nachwies. An sich eine Binsenweisheit, denn
nicht nur in der Biologie, sondern auch im kulturellen
Gefüge einer Gesellschaft funktioniert das Gesetz der
Massenwirksamkeit: Haben sich bestimmte Gepflogenheiten erst
einmal festgesetzt, entfalten sie Eigendynamik und sind kaum
mehr wegzubekommen.
Dittmar: "Deutsche Jugendliche
übernehmen vermehrt die Aussprache und Satzbildung
ausländischer Jugendlicher und benutzen (...)
häufig Worte aus dem Türkischen oder Arabischen."
Ein schrumpfender Gesamtwortschatz und sogar eine
veränderte Aussprache ("Isch" statt "ich") sei
festzustellen. "Außerdem werden häufig die
Artikel weggelassen und Präpositionen nur selten
benutzt." Auch vereinfachte Satzkonstruktionen seien zu
beobachten.
Der Befund des Linguisten ist
eindeutig: In Sachen Sprachentwicklung geht die
Bundesrepublik den Weg der USA. Auch dort habe eine
"reduzierte Mischsprache" ihren Weg von den
Schwarzen-Ghettos in die Gesellschaft gefunden; es handle
sich um eine "regelrechte Gegenkultur".
Überlebensreflexe
deutscher Minderheiten
Diese Diagnose erstaunt, wie gesagt,
nicht, denn die Sprachentwicklung geht mit der ethnischen
Hand in Hand. Und daß sich einheimische Jugendliche
vermehrt das abgespeckte Misch-Idiom ihrer Altersgenossen
mit "Migrationshintergrund" zueigen machen, kann erst recht
nicht verwundern, wenn man sich die sozialen
Rahmenbedingungen des Sprachwandels vor Augen hält: Es
handelt sich um reine Überlebensreflexe der an ihren
Schulen in die Minderheit geratenen deutschen Kinder. Schon
als vor Jahresfrist Berichte über die Zustände an
der Berliner Rütli-Schule die Runde machten, tauchte
ein Detail immer wieder auf: die Beobachtung, daß
deutsche Schüler, um bei gewalttätigen
ausländischen Mitschülern nicht aufzufallen, dazu
übergegangen seien, deren Sprachgewohnheiten zu
übernehmen.
Wer in solchen Momentaufnahmen
Szenen einer Landnahme sehen will, liegt vermutlich richtig:
Der vorauseilende sprachliche Unterwerfungsgestus straft
alle diejenigen Lügen, die sich die künftige
Multikulti-Bundesrepublik als friedvolles,
zivilgesellschaftliches Ethno-Puzzle vorstellen. Die
Wirklichkeit ist viel brutaler. Sie läßt sich
überall dort studieren, wo an die Stelle der
angestammten Bevölkerung eine neue getreten ist - durch
Zuwanderung, höhere Geburtenzahlen oder Vertreibung: im
Kosovo, in Palästina, in Schlesien und
Ostpreußen. Und jetzt in den
Zuwanderungsgesellschaften unserer Großstädte.
Man könnte es an dieser Stelle
bei der resignierenden Feststellung belassen, daß
unsere Sprachlandschaft den mit Händen zu greifenden
Bevölkerungsaustausch eben sehr sensibel widerspiegelt:
Gäbe es das ethnisch-demographische Problem nicht,
gäbe es auch keinen Grund, sich über den
sprachlichen Ethno-Mix zu ärgern.
Doch das stimmt nicht. Auch ohne
Ausländer - und das ist das wirklich Ärgerliche -
stünde die Sprachnation vermutlich ziemlich arm da.
Denn Unheil droht ihr nicht nur durch das sich ausbreitende
türkisch-arabisch-dummdeutsche Misch-Idiom, sondern
auch durch die grenzenlose Sprach-Idiotie einheimischer
Deutsch-Verhunzer.
Deutsch reden - nur noch zu
Hause?
Was soll man über eine
vermeintlich "Deutsche Bahn" sagen, die ihren - mehrheitlich
noch immer deutschsprachigen - Kunden "Surf &
Rail"-Tarife, den "Call-a-Bike-Point" und den "Snack-Point"
im Interregio zumutet? Was soll man von "deutschen"
Fußgängerzonen halten, in denen
Schnellrestaurants mit "All you can eat"-Angeboten werben
und Friseurläden "Haircuts" anpreisen?
Der Fisch fängt freilich auch
in diesem Fall am Kopf zu stinken an. Längst haben sich
Politiker wie der baden-württembergische
CDU-Ministerpräsident Oettinger unsterblich gemacht,
der in einem Interview die grenzenlos dumme
Zukunftserwartung absonderte, das Deutsche werde
künftig zur Sprache der "privaten Freundeskreise"
absinken, weil "jeder" fortan des Englischen mächtig
sein müsse: "Deutsch bleibt die Sprache der Familie,
der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber -
Englisch wird die Arbeitssprache." Nicht der einzige
Politiker-Stuß in Sachen Sprache. Schon seit
Rot-Grün gibt es das "Gender-Mainstreaming"-Konzept als
verbindliche Richtlinie für sämtliche Ministerien.
Und im Zuge der sogenannten Hochschulreform haben sich
"deutsche" Bildungspolitiker bekanntlich darauf geeinigt,
daß es statt der überkommenen Magister- und
Doktor-Abschlüsse in Zukunft nur noch "Bachelor"- und
"Master"-Zertifikate geben soll - wie in England und den
USA.
Was lehrt die grassierende
Anglomanie? Für den Gesundheits-Unternehmer Werner
Kieser, der dem Verein Deutsche Sprache (VDS) als
Ehrenmitglied angehört und in seinem Betrieb auf
korrektes Deutsch achtet, zunächst einmal Inkompetenz,
und zwar "nicht allein sprachliche, sondern auch fachliche".
Vor allem aber: "Wenn wir darauf verzichten, ganze
Sätze mit Subjekt und Prädikat zu bilden und uns
nur noch in Schlagwörtern, Modewörtern und
Anglizismen zu verständigen suchen, verkommt unsere
Sprache und in der Folge auch unser Denken."
Verluderung des Denkens,
Verlotterung der Sprache
Diesen Punkt hat die bundesdeutsche
Gesellschaft in weiten Bereichen längst
überschritten: die Verluderung des Denkens infolge
Verlotterung der Sprache. Konfuzius brachte es schon vor
zweieinhalb Jahrtausenden auf den Punkt: "Wenn die Begriffe
nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht. Stimmen die
Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande. Kommen die
Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht.
Wenn Moral und Kunst nicht gedeihen, treffen die Strafen
nicht. Treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk
nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der
Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen
Wort werden lassen kann und seine Worte unter allen
Umständen zu Taten machen kann."
Sprachforscher wissen seit langem:
Sprachen stellen je und je eigentümliche Methoden dar,
die uns umgebende Welt in Begriffen abzubilden. Durch
Grammatik und Wortschatz geben Völker zu erkennen, was
ihnen bei ihrer Welt-Wahrnehmung wichtig ist und wo die
Akzente ihres Welt-Bildes liegen. Es ist nun einmal ein
Unterschied, ob eine Sprache mehrere hunderttausend
Wörter umfaßt oder nur einige zehntausend. Es
sagt etwas aus über die Kultur der Sprechenden, wenn es
in ihrer Sprache - wie im Roma-Idiom - keinerlei
Ausdrücke für kompliziertere soziale Hierarchien
gibt. Es ist ein Unterschied, ob eine Sprache die Verben
beugt - wie die flektierenden indogermanischen Sprachen -
oder "nur" durch Anhängen von Kürzeln und
eingeschobenen Zwischensilben modifiziert, wie es etwa im
Türkischen der Fall ist. Es bleibt dabei: Sprache ist
Welt-Abbildung, eine Methode, sich in der Welt zu
orientieren und sich zu ihr zu stellen.
Wissenschaftssprache
schlechthin
Nicht ohne Grund galt das Deutsche,
das über einen außerordentlich reichen Wortschatz
und über eine relativ formenreiche Grammatik
verfügt, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als
ideales Medium, wissenschaftliche und philosophische Inhalte
wiederzugeben. Gerade in den Naturwissenschaften war das
Deutsche über alle historischen Zäsuren hinweg
"die" Wissenschaftssprache schlechthin.
Man muß diesen Horizont der
Beobachtung einnehmen, um das Terrain ermessen zu
können, das Sprach-Kapitulanten wie der zitierte
CDU-Ministerpräsident kampflos preisgeben. Wissen sie
es einfach nicht besser - oder sind sie wirklich von der
ebenso manischen wie debilen Idee besessen, man erhasche
sich Standortvorteile, indem man sich vorauseilend der
Sprache der "global players" unterwirft?
Das Problem liegt vermutlich tiefer
und hat mit der insgesamt verbogenen Mentalität der
Deutschen nach 1945 zu tun. Zum Vergleich: Im benachbarten
Frankreich zerbrechen sich viele renommierte Experten die
Köpfe darüber, wie sich englische Begriffe der
Umgangssprache am besten durch französische Synonyme
ersetzen lassen - eine Unterabteilung der berühmten
"Académie Française" veröffentlicht
regelmäßig entsprechende Wörterlisten, an
die sich Behörden und Rundfunksender zu halten haben.
Die gedankenlose
Selbstverständlichkeit, mit der hierzulande der
öffentliche Raum einem abgespeckten Dummie-Englisch
überlassen wird, wäre links des Rheins undenkbar.
Aber selbst ein kleines Sprach-Volk wie die Isländer
ließen es sich nicht nehmen, alle englischen
Computer-Begriffe ins Isländische zu übersetzen;
der "Computer" heißt demzufolge auf isländisch
"tölva", zu deutsch etwa "Zählhexe" - die
"Völva", Seherin, ist dem Germanenkundigen aus der
berühmten "Völuspa" der Edda bekannt. Das Beispiel
zeigt, wie produktiv Sprachen auch im Zeitalter der
Globalisierung durchaus sein können - wenn ihre
Sprecher nur wollen.
Verhängnisvolle "Reform"
Die Deutschen wollen offenbar nicht,
von einigen wenigen - glücklicherweise recht
umtriebigen - Sprachwahrern abgesehen, die in Vereinen und
Verbandszeitschriften die Öffentlichkeit für das
Sprach-Problem zu sensibilisieren versuchen. Es gibt
immerhin Teilerfolge. Die Telekom etwa verpflichtete sich,
künftig wieder verständliche,
nämlich
deutschsprachige Tarifbezeichnungen zu verwenden.
Doch aufs Ganze gesehen befinden
sich Politik und Medien fest in der Hand von
Sprach-Schlampern, ja Sprach-Verbrechern. Hätte es der
sogenannten "Rechtschreibreform" wirklich bedurft? Ihr
einziger Effekt, darüber sind sich alle inzwischen
einig, ist die nachhaltige Zerstörung der einheitlichen
Rechtschreibung und eine kaum wiedergutzumachende
Verunsicherung derjenigen, die Deutsch erst noch lernen
müssen, der Kinder und Jugendlichen. Reinhard Markner,
Vorsitzender der Forschungsgruppe Deutsche Sprache, ist sich
sicher: "Das gesunde Sprachempfinden hat durch die Reform
und ihre Reformen schweren Schaden genommen."
Wie krank und unsicher in ihren
Reflexen muß eine Gesellschaft, muß ein Volk
sein, das Politiker wie die für die
Rechtschreib-"Reform" verantwortlichen nicht spornstreichs
zum Teufel jagt? Genau hier liegt der Hund begraben: Weil
sich die Deutschen ihrer selbst zutiefst unsicher sind,
voller Selbstzweifel und jahrzehntelang hochgepäppelter
Schuldkomplexe, fehlt ihnen auch die
selbstverständliche Parteinahme für ihre Sprache.
In diesem Punkt schließt sich der Kreis. Denn das
Schleifen-Lassen in Sprachdingen, das Werbetextern und
Politikern zugestandene Herumhantieren am wertvollsten Organ
unserer Identität liegt auf der gleichen Linie wie das
Fehlen anderer essentieller Überlebens-Reflexe: Wir
sind irre an uns selbst.
Es ist immer das gleiche Spiel:
Herumkuriert wird, wenn überhaupt, nur an den
Symptomen. Es ist doch hanebüchen, auf die
demographische Trendwende zu hoffen, indem man die Zahl der
verfügbaren Kinderkrippenplätze um ein paar
zehntausend aufstockt. Es ist hanebüchen, die
Zuwanderung nach Europa eindämmen zu wollen, Millionen
von Zuwanderungswilligen in Afrika und Asien aber
gleichzeitig zu signalisieren: Jeder, der es erst einmal
nach Europa geschafft hat, kann auch bleiben.
Ein Nebenkriegsschauplatz
Auch das Anliegen der Sprachwahrung
wird bis auf weiteres mit diesem Manko behaftet bleiben: Es
wird sich immer um relativ harmlose Rückzugsgefechte
handeln, so lange sich am leitenden Geist unseres
Gemeinwesens nichts ändert. Die Festschreibung der
deutschen Sprache im Grundgesetz - so löblich die
Forderung auch ist - wird nichts daran ändern,
daß sich die ethnischen Gewichte in unserem Land
weiter unaufhaltsam verschieben - so lange, bis die Frage
nach unserer sprachlichen Identität eine rein
akademische geworden ist. Dann aber ist es zu spät.
Auch engagierte Sprachwahrer tun
deshalb gut daran, zu erkennen, daß sie auf einem
Nebenkriegsschauplatz kämpfen. Je eher der Groschen
fällt, um so besser. Es ist doch eine Binsenweisheit:
Nur wenn das deutsche Volk überlebt, hat auch seine
Sprache eine Zukunft. Alles andere ist ein Kampf gegen
Windmühlenflügel.
Quelle: Nation &
Europa
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