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11. Januar
2005
Saakaschwili
heißt jetzt Juschtschenko:
Ukraine -
wohin?
Von Anton Vergeiner
Wem das Szenario der jüngsten
Unruhen in der Ukraine bekannt vorkommt, der liegt richtig.
Alles erinnert bis ins Detail an die Turbulenzen, die
ziemlich genau vor Jahresfrist zur Abdankung des georgischen
Ministerpräsidenten Schewardnadse führten. In
Georgien regiert seither eine amerikanische Marionette
namens Saakaschwili. Und kein westlicher Journalist
interessiert sich mehr für die Lage der dortigen
Menschen. Sie ist, nebenbei, um nichts besser geworden.
In der Ukraine heißt der
"demokratische" Hoffnungsträger Viktor Juschtschenko.
Er lag zwar nach Auszählung der November-Wahl hinter
seinem Konkurrenten Viktor Janukowitsch. Aber in solchen
Fällen sind neuerdings "unabhängige", meist aus
dem Westen stammende Beobachter zur Stelle, die denn auch in
diesem Fall prompt "Betrug" riefen und auf eine
Wahlwiederholung drängten.
Je knapper die Kandidaten
zunächst auseinanderliegen, desto
resonanzkräftiger der Zweifel - wie man auch bei der
vorletzten US-Präsidentschaftswahl gesehen hat.
Allerdings gab es in den USA keine ausländischen
Interventionen. Grundsätzlich gilt: Der des Betrugs
bezichtigte Kandidat gerät derart ins Zwielicht,
daß er bei einer Wahlwiederholung einen Teil seines
früheren Anhangs verliert, was dann wiederum als
Bestätigung dafür gewertet wird, daß der
erste Wahlgang betrügerisch ablief.
Mindestens 105 Millionen
Dollar Wahlhilfe
In Kiew beschränkten sich die
"Beobachter" nicht aufs Beobachten. Eine ganze Reihe
westlicher Organisationen, darunter auch deutsche, hatten
weit im Vorfeld der Wahl Posten bezogen und unverhohlene
Einmischung betrieben. Aus der Bundesrepublik etwa die der
SPD nahestehende Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und das
"Centrum für angewandte Politikforschung" (CAP).
Letzteres macht kein Hehl daraus, daß seine
Tätigkeit in Kiew weit "über die Wahl" hinausgehe
und man sich etwa auch "mit Schnittstellen zwischen den
Wahlen und der Transformation" befasse. In einer anderen
CAP-Verlautbarung heißt es ausdrücklich, zu den
Aufgaben der "Wahlbeobachter" habe es gehört,
"Politikempfehlungen für ein erfolgreiches und
effektives Reformhandeln" zu erarbeiten.
Soviel Einmischung in die inneren
Angelegenheit eines fremden Landes verwundert nicht, stammen
die Marschzahlen doch direkt aus Washington.
US-Behörden und der Regierung nahestehende
"unabhängige" Organisationen sponserten die ukrainische
Opposition mit mindestens 105 Millionen Dollar. Insider
gehen davon aus, daß der tatsächlich an
Juschtschenko und seinen Anhang geflossene Betrag rund
dreimal so hoch war.
Schon vor mehr als einem Jahr hatte
die Washingtoner Regierungsagentur für Auslandshilfe
"USAid" 55 Millionen Dollar für die
"Demokratieförderung in der Ukraine" zur Verfügung
gestellt. Davon floß ein erheblicher Teil an rund 30
oppositionelle Medien. Juschtschenkos Wahlkampfhelfer wurden
mit Handys, Laptops und moderner Elektronik ausgerüstet
und von westlichen Propaganda-Experten trainiert. Bereits im
Mai 2004 hatte Anders Aslund, einer der Direktoren der
Carnegie-Stiftung, im US-Repräsentantenhaus
erklärt: "Kein politisches Ereignis in Europa ist in
diesem Jahr so wichtig wie die Präsidentenwahl in der
Ukraine. Amerika kann enorm viel tun, um die Entscheidung zu
beeinflussen." Prompt machte das US-Außenministerium
nochmals zehn Million Dollar locker.
Zum Einsatz kamen auch Aktivisten
der serbischen Studentenbewegung "Otpor" ("Widerstand"), die
schon in Belgrad und danach in Georgien für
Regimewechsel gesorgt hatten. "Otpor"-Frontmann Alexander
Maric bereiste 18 Monate lang die Ukraine und brachte der
dortigen Schwesterorganisation "Pora" ("Es ist Zeit") von
Grund auf bei, wie man mit einfacher, aber durchschlagender
Werbung massenpsychologische Effekte erzielt - zum Beispiel
durch Herausstellung einer Farbe, in diesem Fall Orange. Vor
allem aber bedienten Amerikas Helfer patriotische
Gefühle, indem sie die Herkunft ihrer Mittel
verleugneten und statt dessen die Russen der Einmischung in
ukrainische Angelegenheiten bezichtigten. Diese Einmischung
gab es zwar auch, aber da es Moskau an Geld und Technik
fehlt, war es ein Kampf mit ungleichen Mitteln.
Der britische Publizist und
Mitbegründer der "British Helsinki Human Rights Group"
John Laughland sprach Klartext: "Die große Mehrheit
dieser sogenannten ,Nichtregierungsorganisationen' wird in
Wahrheit von westlichen Regierungen finanziert.
Beispielsweise trafen wir in Kiew auf das 'Komitee der
ukrainischen Wähler'. Im Büro des Vorsitzenden
dieser Organisation hängt ein großes Bild, das
ihn zusammen mit der ehemaligen US-amerikanischen
Außenministerin Madeleine Albright zeigt, die derzeit
dem 'National Endowment for Democracy' vorsteht. Dies ist
eine zu 100 Prozent von der amerikanischen Regierung
finanzierte Institution."
Zielstrebige Einkreisung
Unter den Nachfolgestaaten der
ehemaligen UdSSR galt die Ukraine paradoxerweise als einer
der "demokratischsten" Staaten. Wie im Fall des georgischen
Machtwechsels vor einem Jahr geht es um Demokratie und
Menschenrechte aber nur am Rande. Viel wichtiger ist es in
den Augen transatlantischer Geostrategen, den Ring um
Rußland auch an der Westflanke noch enger zu ziehen.
Nach dem Frontwechsel der Baltenrepubliken und
sämtlicher ehemaliger Sowjet-Satelliten in
Ost-Mitteleuropa bliebe dann nur noch
Weißrußland. Dessen Präsident Lukaschenko
wird von westlichen Medien bereits als "neuer Hitler" ins
Visier genommen und der US-definierten "Achse des
Bösen" zugerechnet.
Auch ökonomische
Hintergründe lassen sich ausmachen. Das "Handelsblatt"
schrieb am 23.11.2004 über die ukrainische Staatskrise:
Juschtschenko garantiere die wirtschaftliche Westbindung des
Landes und den weiteren Machtverfall Rußlands. "Die
Ukraine ist ein viel zu wichtiger Transportkorridor für
Energieträger, sowohl für russisches Öl und
Gas als
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"Wie man aus den Kulissen der Internationalen
Politik hört, scheinen auch in der Ukraine
amerikanische Interessen eine große Rolle zu
spielen. Zwar mag es stimmen, daß der
Wahlausgang von Seiten der regierenden Kräfte
manipuliert wurde. Die Empörung über
derlei Manipulation können wir allerdings nur
im beschränkten Maße teilen, wenn wir
bedenken, daß es bei den vorletzten
Präsidentschaftswahlen in den ach so
demokratischen Vereinigten Staaten nicht viel
anders war."
--Andreas Mölzer,
FPÖ-Europaabgeordneter
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möglicherweise auch für die Reserven am
Kaspischen Meer, als daß das Land zum Spielball des
Kremls werden dürfte."
Zum Spielball des Weißen
Hauses schon, ist anzufügen. Und das, obwohl die
Amerikaner im Gegensatz zu den Russen eine raumfremde Macht
sind. Der bereits zitierte britische Publizist John
Laughland warnt vor einer gefährlichen Schieflage:
"Ein Wechsel der Ukraine in das
westliche Lager würde (...) die Machtposition
Rußlands in dramatischer Weise schwächen. Das
gesamte Schwarze Meer wäre fortan unter amerikanischer
Kontrolle. Die Ausweitung des amerikanischen Einflusses auf
das Schwarze Meer ist Teil einer großangelegten
Strategie, die nicht nur dazu dienen soll, die Macht
Rußlands zu schwächen, sondern auch,
innenpolitische Veränderungen in der Russischen
Föderation auszulösen."
Für die Öffentlichkeit
wurde viel demokratisches Pathos zelebriert: die
üblichen Studentenproteste, der "friedliche" Boykott
von Regierungsgebäuden, der werbewirksame Einsatz von
Popkünstlern und Sportlern, das Einfliegen
ausländischer Prominenz. Die ukrainischen Medien
witterten den Machtwechsel und schwenkten beizeiten auf
Juschtschenko um, was wiederum bei den Wählern nicht
ohne Wirkung bleiben konnte. Vor allem die mysteriöse
Dioxin-Vergiftung des Oppositionskandidaten, der seitdem im
Gesicht mit blau-grünen Beulen und Pusteln entstellt
ist, sorgte für ein wählerwirksames
Märtyrer-Image. Da fiel auch nicht ins Gewicht,
daß gegen die attraktive Juschtschenko-Verbündete
Julia Tymoschenko ein internationaler Haftbefehl vorliegt.
Die 44jährige Multimillionärin soll ihr
Vermögen beim Öl- und Gasimport aus Rußland
durch Korruption und Betrug erworben haben.
Alte Sowjetfunktionäre
unter sich
Über die Herkunft des
westlichen Wunschkandidaten hört man begreiflicherweise
wenig, denn die Daten passen schlecht ins Bild eines
Demokratie-Ritters mit weißer Rüstung:
Juschtschenko war zu Sowjetzeiten ein nahtlos
angepaßter Planwirtschaftsfunktionär, kein
Oppositioneller, kein Bürgerrechtler. Nach dem
Zusammenbruch der UdSSR wechselte die alte Machtclique in
Kiew das rote Hemd und stellte sich ungeniert an die Spitze
der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung.
Juschtschenko avancierte 1999 unter
Präsident Kutschma zum Ministerpräsidenten. Durch
ein Mißtrauensvotum des Parlaments wurde er im April
2001 zum Rücktritt gezwungen. Daraufhin gründete
er den Wahlblock "Unsere Ukraine", der noch bis vor kurzem
in westlichen Veröffentlichungen regelmäßig
mit dem Attribut "nationalistisch" belegt wurde - eine
Einstufung, die nach den Maßstäben der sonst
üblichen "political correctness" eigentlich einem
Verdammungsurteil gleichkommt. Doch schon bald entdeckte man
in Washington die machtorientierte Anpassungsbereitschaft
des Viktor Juschtschenko, wobei es zumindest nicht
störend war, daß jener sich in zweiter Ehe mit
einer Amerikanerin vermählte (der Georgier Saakaschwili
erhärtete seine Westbindung durch Heirat mit einer
Holländerin, die sich in überstaatlichen
"Reform"-Projekten engagiert).
Wer zahlt, schafft
an
"Unsere Ukraine" brachte es bei den
Parlamentswahlen im März 2002 auf 23,6 Prozent. Die
meisten Aktivisten des Wahlblocks sind ukrainische
Patrioten, denen aufgrund der jahrzehntelangen sowjetischen
Unterdrückung die Russen noch immer suspekt erscheinen.
Antikommunisten aus der Ukraine hatten im Westen Zuflucht
gefunden. Dieses historische Erbe wiegt schwer und macht es
amerikanischen Strategen relativ leicht, das Sowjet-Trauma
für heutige Machtspiele zu reaktivieren.
Dabei kommt es zu grotesken
Bündnissen zwischen kommunistischen Altkadern und
jungen ukrainischen Nationalisten, zwischen überzeugten
Demokraten und oligarchischen Geschäftemachern, die mit
der US-Ostküste verbandelt sind. Im Zweifelsfall gilt
der Grundsatz: Wer zahlt, schafft an - und das sind im
Juschtschenko-Lager die Amerikaner. Bezeichnenderweise wird
sogar die Internet-Seite des ukrainischen Parlaments in den
USA gestaltet, wie beiläufig in der "Süddeutschen
Zeitung" zu lesen war.
Die unübersichtliche
Gemengelage in Kiew steht in krassem Gegensatz zu den
holzschnittartigen Darstellungen westlicher Medien.
Ukrainische Rivalitäten zwischen ehemaligen
Sowjetapparatschiks wie Juschtschenko, Janukowitsch und
Kutschma vermischen sich mit Einflüssen von
außen, wobei Moskau wegen der Sowjet-Hypothek
schlechtere Karten hat als Washington, das sich den
ukrainischen Nationalismus ebenso geschickt wie unredlich
zunutze macht.
"Pseudodemokratische Phrasen"
In Berlin und Brüssel kann oder
will man die Hintergründe nicht erkennen. Der
US-Diplomatie ist es gelungen, wieder einmal einen Keil
zwischen Russen und Europäer zu treiben. Daß man
außerdem noch den Zugriff auf die Ukraine, ihre
Bodenschätze und 47 Millionen "Verbraucher"
erhält, löst in Washington ebenso helle Freude aus
wie der militärstrategische Fortschritt bei der
Umzingelung Rußlands. Dessen Präsident Putin
warnte dieser Tage vor "Versuchen, die von Gott geschaffene
vielgesichtige, vielfältige heutige Zivilisation nach
dem Kasernen-Prinzip der monopolaren Welt umzugestalten".
Verhindert werden müsse eine "Diktatur in
internationalen Angelegenheiten, verpackt in die schöne
Hülle pseudodemokratischer Phrasen".
Quelle: Nation &
Europa
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