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13. Mai 2011

Von Japan lernen
Systemkritiker erkennen die tiefgehende Dimension der nationalen Katastrophe

Von Dr. Claus Nordbruch

Zu dem Zeitpunkt, als diese Zeilen geschrieben werden, kämpfen japanische Techniker und Arbeiter immer noch unermüdlich gegen die atomare Katastrophe in Fukushima. Die Strahlenlecks sind nach wie vor außer Kontrolle. Inzwischen strömt gar radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik. Angesichts Zehntausender getöteter, vermißter oder verstrahlter Japaner sowie der verheerenden Auswirkungen der atomaren Havarie auf die Umwelt und damit auf die Volksgesundheit, von ungeheuren Schäden für die Landwirtschaft und die Fischerei einmal ganz abgesehen, handelt es sich für Japan um die größte und folgenreichste Katastrophe seit der durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erzwungenen Beendigung der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges.

Gerade deshalb sticht die gegenwärtige Haltung des japanischen Volkes hervor. Während bei Umweltkatastrophen und nationalen Unglücken größten Ausmaßes in anderen Regionen der Erde wie Haiti, Indonesien, Chile oder selbst im Süden der USA, namentlich in New Orleans, oftmals bürgerkriegsähnliche Zustände zu beobachten sind, ist das Verhalten und Auftreten der Japaner ein gänzlich anderes: Ein Unding ist die Vorstellung, daß in Japan plündernde Horden über Geschäfte und evakuierte Häuser herfallen würden. In anderen Regionen der Erde gehen Plünderungen oftmals mit einer unbeschreiblichen Zerstörungswut einher. Vielfach kommt es dabei zu Brandschatzungen und Massenvergewaltigungen. Es ist in Japan nicht einmal ansatzweise zu vergleichbaren anarchischen Raubzügen gekommen. Es ist auch nicht annähernd ein Zusammenbruch staatlicher Ordnungsstrukturen festzustellen gewesen.

Anstatt eine augenblickliche Schwäche der öffentlichen Ordnung zur eigenen Bereicherung auszunützen, steht das japanische Volk zusammen und bekämpft - wie beispielsweise der Einsatz der Arbeiter in den havarierten Kernreaktoren eindrucksvoll zeigt - die beständige Bedrohung des Super-Gau sogar bis zur totalen Selbstaufgabe. Die augenblickliche Notlage läßt die Japaner nicht etwa verzweifeln und nach der Hilfe von außerhalb schreien. Mit auffälligem Gemeinschaftssinn versuchen die Japaner die verheerende Situation in den Griff zu bekommen.

Der Grund für diese im Gegensatz zu anderen Katastrophengebieten deutlich unterschiedliche Verhaltensweise der Bevölkerung dürfte nicht zuletzt in der Kultur und Gesellschaftsstruktur Japans zu finden sein. Allen voran wäre hier die herausragende Rolle anzuführen, die Disziplin und Selbstdisziplin in der japanischen Kultur einnehmen. Auch die größtenteils erhalten gebliebene und bis heute bewahrte ethnische Homogenität des japanischen Volkes dürfte nicht unwesentlich mit der allgemeinen Haltung der Menschen Japans zu tun haben. Der betreffend Japanfragen als Fachmann geltende US-amerikanische Journalist Robert C. Christopher erklärte bereits in seinem Buch The Japanese Mind (1984), daß Japan kulturell wie ethnisch zu den homogensten Nationen der Welt gehöre. Es habe trotz der Verwestlichung seine eigene, ihm zugrunde liegende Identität behalten (S. 40).

Es ist weder naiver Idealismus noch nostalgisches Wunschdenken, den Japanern diejenigen Charaktereigenschaften und Tugenden zu bescheinigen, die einst untrennbar mit den Preußen bzw. den Deutschen in Verbindung gebracht wurden, allen voran Fleiß, Opferbereitschaft, Pünktlichkeit und Genügsamkeit. In keiner anderen Kultur und bei keinem anderen Volk dürften diese Werte heute mehr Bedeutung haben als in der japanischen. Während diese Tugenden für Vertreter des bundesdeutschen politischen Systems nichts anderes als "Sekundärtugenden" sind, "mit denen man auch ein Konzentrationslager betreiben" könne, ist Disziplin ein Teil der japanischen Seele. Disziplin als elementarer Teil des japanischen Volksgeistes - das mag bislang nur Karatekas bewußt gewesen sein.

Doch nun zeigt sich auch für Nichtkampfsportler, daß Disziplin in Japan kein anerzogenes, oder gezwungenes, oder gekünsteltes Element ist - wäre sie das, würde die Disziplin in Extremsituationen wie der jetzigen binnen kürzester Zeit auseinanderbrechen. Diesen Umstand haben parteiungebundene, jugendliche Kritiker des BRD-Systems, beispielsweise dasAktionsbüro Mittelrhein (http://abmittelrhein.info), erkannt. Disziplin als der Volkscharakter Japans ist in den Metropolen ebenso zugegen wie auf den kleineren Inseln, und sie wird von Akademikern ebenso selbstverständlich verinnerlicht wie von Bauern und Fischern. Disziplin ist eine Lebenshaltung; in Japan eine Lebenseinstellung, die nur möglich ist unter Menschen mit gleichen Empfindungen und Antrieben.

Um diesen gesamten Komplex erfassen zu können, sei daran erinnert, daß in Japan das Abstammungsprinzip (ius sanguinis) noch als Grundlage des Staatsbürgerrechts gilt. Bekanntlich ist dieser Grundsatz in der BRD vor über 10 Jahren abgeschafft worden. Im Klartext bedeutet dieses Recht: Nur wer japanischen Blutes ist, kann Japaner sein. Und dies sind rund 98 Prozent der in Japan lebenden Menschen. Christopher legt dar, daß dieses ethnische Geburtsrecht viel größere Bedeutung hat als die Religion oder eine politische Ideologie. Nur wer innerhalb des japanischen 'Stammes' hineingeboren wird, ist in der japanischen Gesellschaft voll anerkannt (S. 44 ff). Einem Volk, das so sehr mit Blut, Sprache und Kultur miteinander verbunden ist, das sich als Familie betrachtet, hat einen Gemeinschaftssinn entwickelt, der eben gerade in größten Notzeiten zum Tragen kommt. Multikulturelle, heterogene und pluralistische Gesellschaften, die bunt zusammengewürfelt werden, Naturgesetze ebenso verletzen, wie sie geschichtlichen Zusammenhängen verständnislos gegenüberstehen stehen, deren 'Werte' sich deshalb auch nicht ethnisch und ethisch entwickelt und gefestigt haben, sondern oberflächlich auf materialistischen und hedonistischen Dogmen beruhen, können nationale Katastrophen von größtem Ausmaß, und das lehrt die jüngste Geschichte, kaum meistem.

Es ist bezeichnend, wie in der BRD politische Parteien aller Schattierungen mit dem nationalen Desaster in Japan umgehen, ja gar versuchen, aus diesem politisches Kapital zu schlagen. So forderte die SPD die Bundesregierung nach allerbesten bundesdeutschen Katastrophenbewältigungsrichtlinien zunächst einmal auf, "Japan die Ausrichtung einer Internationalen Hilfskonferenz zur Bewältigung der Atomkatastrophe anzubieten", während die Grünen als Nutznießer von Atomkatastrophen die 'Verbesserung der Welt' geradezu geschäftsmäßig betreiben. Dieses würdelose Verhalten politischer Vertreter ist das genaue Spiegelbild des Gesellschaftssystems, das sie geschaffen haben - was zwar schon zwingend, aber eben mit Japan nicht zu vergleichen ist.

Um so hoffnungsvoller ist der Umstand, daß es noch Systemkritiker gibt, die die tiefere Dimension, um die es bei einer Analyse der Katastrophe in Fukushima geht, erkannt haben. Offenbar gibt es in unserem Volk doch noch einen Kern, dem die Tugenden, die heute den Japanern zugeschrieben werden, nicht fremd sind. Damit ist die Hoffnung noch nicht völlig dahin, daß sich auch die Deutschen bei den in Europa bevorstehenden Katastrophen gestärkt erheben könnten.


Quelle: Euro-Kurier 4/2011
Photo: RAAI

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