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 17. April 2004

Die Welt wird immer sicherer

Von Harald Neubauer

Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Diese Bibel-Weisheit müßten vor allem christliche Politiker kennen, zum Beispiel George W. Bush, der sich als Werkzeug Gottes begreift, aber auch der frömmelnde Spanier Jose Maria Aznar, dem der Irak-Kreuzzug als heilige Pflicht erschien. Haben sie allen Ernstes geglaubt, anderen einen Waffengang aufzwingen zu können, ohne die eigene Bevölkerung zu gefährden? Nun ist das Wehgeschrei groß. 202 Bomben-Tote machten den Spaniern schlagartig bewußt, daß sie eine andere Regierung brauchen - eine, die nicht den Krieg ins Land holt.

Bush und sein Juniorpartner Aznar hielten sich für befugt, die ihnen nicht genehme Regierung eines anderen Landes aus dem Amt zu bomben. Aber siehe da, es geht auch umgekehrt. Fast möchte man sagen: Wer andere ins Erdloch treibt, fällt selbst hinein. Genau ein Jahr ist es her, daß alle Welt im Fernsehen mit ansehen konnte, wie Bagdad in Flammen aufging. Tausende von Menschen wurden zerfetzt und verbrannt, oft Frauen und Kinder, die ebenso wehr- und schuldlos waren wie zuletzt die Opfer des 11. März 2004 in Spanien.

Gewiß: Es wäre unanständig, die Toten und Verstümmelten gegeneinander aufzuwiegen. Denn sie alle, da wie dort, hatten das gleiche Lebensrecht. Aber bisher ist es noch nicht gelungen, einen Krieg zu erfinden, der nicht auch Zivilisten in Mitleidenschaft zieht. Schon im Zweiten Weltkrieg wollten insbesondere Amerikaner und Engländer den Unterschied zwischen Front und Hinterland nicht akzeptieren. Ihre Bomberpulks stürzten sich mit Vorliebe auf "weiche Ziele", sprich: deutsche Wohnviertel. Der Brockhaus nennt es "Terrorkrieg".

Von daher mutet es reichlich weltfremd an, wenn westliche Politiker und Medien plötzlich so tun, als sei der Terrorismus ein völlig neues Phänomen. Er wurde nur lange nicht mehr beim Namen genannt. Was den Amerikanern heute im Irak passiert, erlebten deutsche Soldaten vor 1945 nahezu überall in den von ihnen besetzten Ländern. Allerdings werden die damaligen Bombenleger und Heckenschützen heute nicht als "Terroristen" apostrophiert, sondern - durchaus wohlwollend - als Partisanen, Widerständler und Freiheitskämpfer.

Bemißt man nach diesem Muster die aktuelle Irak-Berichterstattung, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Obwohl mittlerweile unstrittig ist, daß die Angloamerikaner und ihre Hilfstruppen unter falschen Behauptungen und völkerrechtswidrig in den Irak einmarschiert sind, wird der anhaltende Widerstand als "Terror" beklagt. Auch Politiker und Journalisten, die sich kritisch mit der US-Invasion auseinandergesetzt haben, bestreiten den Irakern das Verteidigungsrecht. Zählt es zu den Geboten der neuen Weltordnung, daß sich überfallene Völker demütig in ihr Schicksal zu fügen haben?

Der asymmetrische Krieg, auch Terror genannt, ist eine Folge amerikanischer Omnipotenz. Die in offener Feldschlacht hoffnungslos Unterlegenen flüchten in den Hinterhalt. Für manche Deutsche schwer zu verstehen. Hierzulande entschloß man sich nach 1945 zur Kollaboration mit den Siegern. Der "Werwolf" blieb in Kinderschuhen stecken. Aber nicht überall will man so rasch den Geßlerhut grüßen. Besatzer als "Befreier"? Zerstörer als "Aufbauhelfer"? Da fühlen sich zumindest die Iraker auf den Arm genommen. Ihr Öl haben sie seit Jahrzehnten allein gefördert. Weshalb ihnen nun so viele Fremde den Bohrer halten wollen, kommt ihnen - mit Verlaub - spanisch vor. Auch Strom und Wasser flossen in Bagdad schon lange vor der Ankunft angloamerikanischer Missionare. Die Ankündigung des George W. Bush, er wolle beim Wiederaufbau helfen, klingt in irakischen Ohren so, als böte der saudi-arabische Bauingenieur Osama bin Laden den Spaniern die Entsendung eines Reparaturtrupps an - von al-Qaida.

Im Nahen Osten wünscht man sich nur eines: den Abzug der Amerikaner. Je früher, desto besser. Wer diesen Wunsch nicht nachvollziehen kann, der sollte sich beim ARD-Magazin "Panorama" einen Mitschnitt der Sendung vom 26. Februar besorgen. Dort ist zu sehen, wie US-Soldaten vor laufender Kamera irakische Verwundete erschießen, Menschen, die wehrlos am Boden liegen. Das mache ihn glücklich, gluckst einer der Täter ins Mikrophon.

Und die Kriegsherren in Washington und London? Die sind auch glücklich. Ihre Politik, sagen sie, habe die Welt sicherer gemacht. Das ist mindestens genauso richtig wie der Glaube an Saddams Atombombe oder der Anruf des Jose Maria Aznar bei spanischen Journalisten: "Es war die ETA. Haben Sie daran nicht den geringsten Zweifel!" Wir Deutschen kennen das. Als ausländische Linksradikale im Oktober 2000 eine Synagoge in Düsseldorf angriffen, proklamierten Kanzler Schröder und Präsident Spiegel den "Aufstand der Anständigen" - gegen die politische Rechte. Deutsche Wähler, leider, sind nicht ganz so sensibel wie spanische.


Quelle: Nation & Europa

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