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3. Mai
2004
Die Folgen
amerikanischer Kriegspolitik:
Weshalb
Terror?
Von Jürgen Schwab
Erschreckend, aber wahr: Gewalt
lohnt sich. Und vor allem lohnt sich Terrorismus im
Zeitalter der Globalisierung, die Peter Scholl-Latour
zutreffend als "globale Amerikanisierung" bezeichnet.
Erstmals erreichten islamische Terroristen einen
Regierungswechsel bei der spanischen Parlamentswahl im
März dieses Jahres. Weil Terroristen moderne Menschen
sind, auch wenn sie islamische Traditionalisten sein
mögen, folgen sie der zeitgenössischen Logik von
Öffentlichkeit. Ein Gewaltakt, der nicht vor aller
Augen inszeniert wird, scheint nicht stattgefunden zu haben.
Deshalb müssen nach terroristischem Kalkül die
Opferzahlen in den Metropolen der Feindstaaten zahlreich
sein und die von den Medien verbreiteten Bilder
möglichst abscheulich wirken.
Anfang April waren in Falludscha
vier Amerikaner der US-Söldnerfirma "Blackwater
Security" von irakischen Widerstandskämpfern erschossen
worden. Zwei der Leichen wurden sodann von einer
wütenden Menge stundenlang brutal und medienwirksam
geschändet. Wie Trophäen hatte auch George W. Bush
Monate zuvor die entsetzlich zugerichteten Körper der
getöteten Söhne von Saddam Hussein vor den Kameras
präsentiert. Und dem gefangenen irakisehen
Präsidenten wurde für die Weltöffentlichkeit
sogar in die Mundhöhle hineingefilmt.
Die Macht der Bilder
Die Photos getöteter oder
gefangener und gedemütigter Kontrahenten sollen bei
Freund und Feind Eindruck erwecken. Widerspenstigen
Völkern wird ihre Unterlegenheit gegenüber der
amerikanischen Militärmaschine vor Augen geführt;
und auf der anderen Seite bemüht man sich, der
"westlichen Wertegemeinschaft" ihre Ohnmacht im Kampf gegen
den Terrorismus zu demonstrieren. Der hektische Aktivismus
von Otto Schily und Günter Beckstein als Antwort auf
die Bombenanschläge von Madrid soll
Problemlösungen suggerieren, die es so nicht geben
kann. Die Amerikaner haben mit ihrem Einmarsch in den Irak
die Büchse der Pandora geöffnet. Sie
läßt sich nicht mit immer neuen Raketenangriffen
und Sicherheitsgesetzen schließen.
Die Lehre lautet schon jetzt: Wer
sich als Kriegspartei begreift und als solche auftritt,
muß sich wohl oder übel auf Opfer einstellen -
auch unter der Zivilbevölkerung. Man kann nicht
Deutschland "am Hindukusch verteidigen", wie es Peter Struck
propagiert, ohne zu riskieren, daß im Gegenzug die
Afghanen ihr Land in den Alpen oder im Harz verteidigen. Wer
auf fremdem Territorium operiert, darf sich über
ungebetene Gäste im eigenen Land nicht wundern. Die
Gestalt des Krieges hat sich gewandelt. Staat gegen Staat
mit militärischen Aufgeboten in offener Feldschlacht -
das wird es wohl kaum mehr geben. Die waffentechnische
Überlegenheit der USA, zuletzt gegen den Irak unter
Beweis gestellt, zwingt Widersacher zu neuen Formen des
Kampfes. Da kann es sogar lohnend erscheinen, sein gesamtes
Atomwaffenentwicklungsprogramm auf ein Schiff zu laden und
bei den USA abzuliefern, wie es unlängst der libysche
Staatspräsident Muammar al-Gaddafi tat, um von Bushs
Liste der "Schurkenstaaten" gestrichen zu werden. Im
Konfliktfall müßten die Libyer ohnehin mit
anderen Waffen kämpfen.
Weil sich für angegriffene oder
unterdrückte Völker der herkömmliche
militärische Widerstand nicht mehr lohnt, bleibt den
zunächst Hilflosen nur noch eines: nicht mehr der Krieg
"Staat gegen Staat", sondern der Kampf "jeder gegen jeden"
(Thomas Hobbes), der nun allerdings über nationale
Grenzen hinausgeht und auf globaler Ebene stattfindet. Im
terroristischen Kleinkrieg, wo nicht mehr zwischen
Kombattanten und Nichtkombattanten unterschieden wird,
suchen die sogenannten Rückständigen ihre Chance.
Vor Dolch und Bombengürtel schützen selbst
Satellitenüberwachung und ein High-Tech-Zaun nicht.
Keine Hochtechnologie ist bislang imstande, jeden
Bürger vor Angriffen zu bewahren. Auch die USA und ihre
Verbündeten haben Achillesfersen. Sie sind zumeist
ziviler Natur.
Auch psychologisch ist der "Westen"
verwundbar. "Früher fürchteten die Menschen sich
vor dem Jenseits, heute vor dem Tod", sagt der
Schriftsteller Botho Strauß. Dagegen war sich der
palästinensische Scheich Achmed Jassin wohl jeden Tag
bewußt, daß ihm sein Widerstand gegen die
israelische Besatzungspolitik den Tod einbringen kann. Er
hat ihn nicht gefürchtet. In seiner Wohnung empfing er
Journalisten und Besucher jeder Art. Für die Israelis
war es kein Problem, den halbblinden, gelähmten Mann in
seinem Rollstuhl umzubringen - nach dem Gottesdienst. Wenige
Monate zuvor hatte Jassin bereits einen Raketenangriff
überstanden. Nur seine religiöse Rückbindung
und sein Bewußtsein, der Schöpfung (Allah) als
Teil untergeordnet zu sein, ließen ihn - und seinen
nun ebenfalls ermordeten Nachfolger Rantisi - keine
Todesangst empfinden. Dem normalen Westeuropäer oder
Amerikaner ist das unbegreiflich. Er sorgt sich oft schon im
reifen Lebensalter von 35 Jahren um die Höhe der
späteren Rente. Sich für die Gemeinschaft oder
eine Idee zu opfern - das gilt hierzulande als
töricht.
Westliche Betrachtungen zur Gewalt
sind meist von Bildern beeinflußt. Wo sie in der
Medienberichterstattung fehlen, bleibt gutmenschliche
Betroffenheit aus. Die verstümmelten Leichen, die 1999
bei der Bombardierung serbischer Städte unter
Beteiligung der Bundesluftwaffe "anfielen", wurden von der
Regie ausgeblendet. So drängte sich dem breiten
Publikum auch nicht die Frage auf, ob Gerhard Schröder
und Rudolf Scharping vor ein Kriegsverbrechertribunal
gehören. Der französische Rechtsanwalt Jacques
Verges, der Saddam Hussein verteidigt, will Antworten haben:
"Was ist abscheulicher: eine Bombe in einem Cafe zu
zünden oder vom Flugzeug aus ganze Städte
auszuradieren?"
Recht auf "Individuelle
Selbstverteidigung"
Nimmt man die UN-Charta zur Hand,
haben überfallene Länder "das naturgegebene Recht
zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung"
(Artikel 51), "bis der Sicherheitsrat die zur Wahrung des
Weltfriedens und der internationalen Sicherheit
erforderlichen Maßnahmen getroffen hat". Solche
Maßnahmen müßten sich gegen den Aggressor
richten und scheiterten bislang aus naheliegenden
Gründen am Veto der USA. Unter kollektiver
Selbstverteidigung ist der militärische Widerstand der
angegriffenen Armee zu verstehen. Die individuelle
Selbstverteidigung, von der die UN-Charta billigend spricht,
wird von den westlichen Medien als "Terror" apostrophiert:
Einzelne Menschen oder kleinere, autonome Gruppen greifen zu
Gewehr und Bombe, um sich gegen ein Okkupationsregime zu
wehren.
In Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta
heißt es unmißverständlich: "Alle
Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen
jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die
politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete...
Androhung oder Anwendung von Gewalt."
Hiergegen haben die USA und ihre
Verbündeten im Irak-Krieg eklatant verstoßen.
Deshalb fühlen sich arabische Widerstandskämpfer
im Recht. Allerdings definiert die UN-Charta nicht, wie weit
das individuelle Selbstverteidigungsrecht konkret geht: Gilt
es nur im eigenen Land, oder ist es auch auf dem
Hoheitsgebiet des Angreifers anwendbar? Der asymmetrische
Krieg wirft viele neue Fragen auf.
Eines darf es jedenfalls nicht
geben: daß sich einzelne Staaten wie die USA, England
und Israel das Recht herausnehmen, die UN-Charta zu brechen
und genau jene Angriffskriege zu führen, die man in
Nürnberg 1945/46 als todeswürdige Verbrechen
qualifiziert hat. In den Nürnberger Prozessen wurden
die teilweise extrem grausamen Widerstandshandlungen von
Partisanen gegen die deutsche Besatzungsmacht übrigens
nicht angeklagt - die Sieger und ihre Juristen hielten den
Terror für statthaft.
Quelle: Nation &
Europa
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