26. Juni 2009

Zerbombtes Afghanistan, zerknirschte US-Täter:
"Wir bedauern zutiefst"

Von Petra Wernicke

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Nach diesem Motto fuhrwerken die westlichen "Befreiungstruppen" nun schon bald acht Jahre am Hindukusch herum. Afghanische Zivilisten, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhalten, werden ins Jenseits gebombt. Selbst Kollaborations-Präsident Hamid Karsai ist irritiert und fühlt sich zu dem Hinweis veranlaßt: "Afghanen sind auch Menschen."

Gleichgültigkeit oder Zynismus? Jedesmal, wenn Frauen und Kinder tot aus den Trümmern ihrer Häuser hervorgezogen werden, machen die Täter für zehn Sekunden ein betroffenes Gesicht und erklären: "Wir bedauern diesen Verlust zutiefst" (so US-Außenministerin Hillary Clinton, als Anfang Mai wieder einmal mehr als 100 afghanische Zivilisten von amerikanischen Bomben zerfetzt worden waren). Das angebliche Bedauern führt aber keineswegs dazu, daß man die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht oder gar die militärische Strategie ändert. Man macht unverdrossen weiter wie bisher.

Frage nach der Verhältnismäßigkeit

Die westliche Propaganda versucht dem Publikum weiszumachen, daß keines der von den Besatzungstruppen angerichteten Blutbäder etwas anderes ist als ein "Versehen". Fachbegriff: Kollateralschaden. Seltsamerweise hat man diese Ausrede nicht gelten lassen, als durch Afghanistan noch sowjetische Panzer rollten. Da war jeder tote Zivilist das Opfer eines Kriegsverbrechens. Zumindest aber das Opfer einer völkerrechtswidrigen Invasion. Und die Amerikaner rüsteten die Taliban mit modernsten Waffen aus, um die russischen Eindringlinge zurückzuschlagen.

Gewiß: In Kriegen werden immer wieder auch Zivilisten getötet. Neben absichtlichen Verbrechen kann es zu irrtümlichen Zielansprachen kommen, zu Mißverständnissen und Überreaktionen. Doch genau deshalb will jeder Krieg gut begründet sein. Es geht um die Verhältnismäßigkeit. Wie viele tote Frauen und Kinder ist es beispielsweise wert, daß in Kabul keine "antiwestlichen" Kräfte an die Macht kommen? Bedrohen gar die Taliban Amerika und Europa in ihrer Existenz? Sind Recht und Freiheit des deutschen Volkes bedroht, wenn in Afghanistan keine Bundeswehr aufmarschiert?

Am Hindukusch soll es Terroristen geben. Mag sein. Terroristen findet man freilich auch anderswo, ohne daß deshalb der Westen seine Kriegsmaschinerie mobilisiert. Üblicherweise wird Kriminalität durch die Polizei bekämpft, auch schwerste Kriminalität. Und dabei bedenkt man sorgfältig von Fall zu Fall, wie man unbeteiligte Bürger aus der Schußlinie hält. Ein Einsatzleiter, der dabei zu hohe Risiken eingeht, wird disziplinarisch und womöglich auch strafrechtlich belangt. Man kann sich schwerlich vorstellen, daß die Polizei etwa eine Hochzeitsgesellschaft mit einem Terroristen-Treffen verwechselt und unter Streufeuer nimmt. Den Amerikanern sind in Afghanistan (und anderswo) solche Fehleinschätzungen schon vielfach passiert - wenn es denn keine Absicht war.

Keiner will nachgeben

Es bleibt also die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Sie beantwortet sich auch nicht aus Straßen, Brücken und Schulen, die von westlichen Pionieren gebaut werden. Dazu könnte man zivile Unternehmen einsetzen oder das Technische Hilfswerk. So aber ist zu fragen: Wie viele Kinderleben darf es kosten, daß es anderen Kindern womöglich etwas besser geht? Wie viele tote Frauen und Männer sind für den Infrastruktur-Aufbau in Afghanistan angemessen? Hundert, tausend, zehntausend? Niemand gibt darauf eine Antwort. Wir hören aber nach jedem gefallenen Bundeswehr-Soldaten, jetzt werde es erst recht keinen Abzug geben, weil man sich dem Feind nicht beugen dürfe. Es ist der alte Kriegsmechanismus: Kampf bis zur letzten Patrone! Ist die eine Schlacht verloren, ruht die Hoffnung auf der nächsten.

Je heftiger die Eskalation, desto größer der militärische und politische Trotz. Deshalb gibt es so gut wie keinen Krieg, der glimpflich ausgeht. Selbst die Sieger bezahlen am Ende einen Preis, dessen Höhe sie sich vor dem ersten Schuß nicht vorzustellen vermochten. Erschütternd, daß man dieser Zwangsläufigkeit immer wieder anheimfällt, obwohl in nahezu

"Die meisten deutschen Politiker wissen, daß sie durch den Krieg in Afghanistan die Terrorismusgefahr in Deutschland erhöhen. Aber ihnen fehlt der Mut, aufzustehen und 'Stopp' zu sagen. Und sie wissen nicht, wie man aus diesem Schlamassel wieder herauskommt. Das wiederum hängt damit zusammen, daß die meisten westlichen Politiker in Wirklichkeit keine Ahnung von Afghanistan und Pakistan haben. Selbst die Politiker, die schon mal dort waren, sind fast immer nur zu westlichen Militärlagern oder zu Regierungsgebäuden gefahren. Kaum einer hat mal ein paar Tage im Land gelebt."

Dr. Jürgen Todenhöfer, Sachbuchautor und Ex-CDU-MdB

jeder Sonntagsrede versichert wird, man habe aus der Geschichte gelernt. Nein, man wiederholt die alten Fehler ungerührt und redet sich dabei ein, diesmal sei alles ganz anders. Im Bundestag hört man das (persönlich risikolose) Wir-dürfen-nicht-aufgeben-Feldgeschrei am inbrünstigsten aus dem Mund derer, die einst mit pazifistischen Glaubensbekenntnissen ("Nie wieder Krieg!") ihre Wähler betört haben. Um den Bruch ein wenig zu verschleiern, werden Begriffe ausgetauscht: Kriegseinsätze verwandeln sich in "Friedensmissionen", und lange Zeit hat man sich sogar geweigert, die im Ausland umgekommenen Bundeswehr-Soldaten als Gefallene zu bezeichnen.

Manipulativ auch, daß die afghanische Seite in der westlichen Kriegsberichterstattung nur für Terroranschläge, Attentate, Überfälle und Hinterhalte gut ist. Der Gegner wird sprachlich kriminalisiert - wodurch er sich, gefangengenommen, um so bedenkenloser foltern läßt. Auch hier die bewährte Masche: Der neue US-Präsident äußert sein Bedauern über das von seinem Vorgänger eingeführte "Waterboarding" - und sorgt gleichzeitig dafür, daß die Folterer und ihre Auftraggeber nicht vor Gericht kommen. Ex-Außenministerin Condoleezza Rice dazu wörtlich: "Definitionsgemäß kann etwas, das der Präsident autorisiert hat, nicht gegen unsere Verpflichtungen nach der Anti-Folter-Konvention verstoßen" (SZ, 5.5.2009).

Kommen afghanische Zivilisten bei US-Angriffen zu Tode, heißt es zuweilen auch, die Taliban würden Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde mißbrauchen. Diese (unbewiesene) Behauptung widerspricht allerdings der Irrtums-Ausrede. Denn wenn man von solchen Erscheinungen weiß, wird der Angriff auf besagte "Schutzschilde" zu einer bewußten Handlung. Man nimmt zivile Opfer in Kauf, obgleich man vorgibt, zuvörderst auf das Wohlergehen der afghanischen Zivilbevölkerung konzentriert zu sein. Neu und originell ist das "Schutzschild"-Argument ohnehin nicht. Im Zweiten Weltkrieg rechtfertigten anglo-amerikanische Vernichtungsplaner das Terrorbombardement auf deutsche Städte mit der Behauptung, dort seien Rüstungsfabriken bewußt in Wohnvierteln plaziert worden, und darauf könne man leider keine Rücksicht nehmen. Umgekehrt läßt man den Hinweis natürlich nicht gelten.

Kurzum: Das "Bedauern", das afghanischen Zivilisten ins Grab gerufen wird, macht niemanden wieder lebendig - kein Kind, keine Mutter, keinen Vater. Es ist billig und heuchlerisch. Wirkliches Mitgefühl würde selbstkritisch prüfen, ob es nicht hoch an der Zeit ist, diesen sinnlosen, zumindest aber unverhältnismäßigen Krieg zu beenden. Denn eines steht fest: Wo sie nicht fallen, können Bomben auch keine Unschuldigen treffen.


Quelle: Nation & Europa
Juni 2009 (S. 47-49)

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