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28. November 2008

60 Jahre Freie Universität Berlin:
Auftrag: Umerziehung

Von Detlev Rose

Wenn die Berliner Hochschulen heutzutage in den Schlagzeilen auftauchen, dann geht es zumeist um den Sparkurs und die dadurch bedingten "Umstrukturierungsprozesse". Da erinnert man sich gern angenehmerer Zeiten - auch Zeiten, in denen die Mittel noch reichlich flossen -, und welcher Anlaß wäre dazu besser geeignet als ein Jubiläum. Die Freie Universität Berlin (FU) hat dieser Tage einen solchen Anlaß, sie wurde vor 60 Jahren, am 4. Dezember 1948, in der amerikanischen Besatzungszone der deutschen Hauptstadt gegründet.

Damit ist sie - im Vergleich zu vielen altehrwürdigen Hochschulen - eine recht junge Einrichtung. Doch nicht nur das Alter unterscheidet sie von anderen deutschen Universitäten. Die FU Berlin war nie nur eine Institution der Forschung und Lehre, sondern hatte von Anfang an auch eine dezidiert politische Funktion. Ohne US-Hilfe wäre ihr Aufbau nicht denkbar gewesen, und wer Geld gibt, tut dies selten ohne Hintergedanken.

Aus den USA finanziert

Es war die Zeit der Berlin-Blockade. Die Sowjets hatten die Westzonen der Hauptstadt abgeriegelt, um nach der von den West-Alliierten im Alleingang durchgeführten Währungsreform ihren Anspruch auf ganz Berlin zu untermauern. Die Versorgung der Bevölkerung war nur noch auf dem Luftweg möglich. Daß in dieser Zeit die antisowjetische Stimmung im Westteil der Stadt massiv wuchs, kann kaum verwundern.

Für die Studenten der in der Sowjetzone gelegenen Humboldt-Universität (früher: Friedrich-Wilhelms-Universität) kam noch ein weiteres Ärgernis hinzu. Sie mußten - egal, in welchem Fach sie eingeschrieben waren - Pflichtvorlesungen über "dialektischen Materialismus" besuchen. Einige Hochschüler, die sich diesem Zwang nicht unterwerfen wollten, entwickelten daraufhin die Idee einer universitären "Gegengründung" und fanden damit Unterstützung bei Professoren, Politikern und US-Militäradministratoren.

Bei den Amerikanern gab es bereits seit April 1948 eigene Überlegungen zur Gründung einer Universität im Westteil Berlins. Als sich die Entwicklungen zuspitzten, nutzten sie die Gelegenheit und unterstützten den Aufbau der Freien Universität Berlin nach Kräften. Dies betraf vor allem die Finanzierung, die mit 20 Millionen D-Mark direkt aus dem US-Haushalt kam, aber zum Teil auch von "privater" Seite. Als größter Sponsor fungierte die Ford-Stiftung, die der FU rund zehn Millionen D-Mark zur Verfügung stellte. Davon konnten in den folgenden Jahren das Hauptgebäude (aus Dankbarkeit "Henry-Ford-Bau" genannt), die Universitätsbibliothek und die Mensa gebaut werden.

Ein Zeitzeuge, Dr. Horst Hartwich, der während der Aufbauphase in den FU-Gremien für die Außenbeziehungen zuständig war, hob in einer Vorlesung zur FU-Geschichte den Namen des Politologen Franz Neumann hervor: "Daß die Freie Universität auf dem Sektor der Politischen Wissenschaft in den ersten zehn Jahren eine so hervorragende Stellung einnehmen konnte [...], verdanken wir unter anderem Franz Neumann. Er war auch der Mann, der die Verbindung zur Ford-Foundation herstellte, die neben der öffentlichen Hand der Freien Universität immer wieder hilfreich unter die Arme griff."

Die Rolle des Franz Neumann

Neumann, dessen Name heutzutage nur noch wenigen etwas sagt, hatte schon zu Kriegszeiten erheblichen Einfluß auf das amerikanische Deutschlandbild und damit auch auf Ziele und Vorgehensweisen der Besatzungspolitik. In der Weimarer Zeit war der 1900 in Kattowitz geborene Neumann auf dem linken Flügel der SPD beheimatet; er wurde 1933 verhaftet und floh kurz nach seiner Entlassung nach London. Dort absolvierte der gelernte Jurist ein Zweitstudium der Politischen Wissenschaften. Nur drei Jahre später zog er nach New York, um in Max Horkheimers Institut für Sozialforschung zu arbeiten, das von Frankfurt am Main dorthin umgesiedelt war.

1942 veröffentlichte er sein zentrales Werk "Behemoth" (zu deutsch: "Ungeheuer"), eine umfangreiche Analyse von "Struktur und Praxis" des Nationalsozialismus. Mitgewirkt hatte fast das ganze Institut für Sozialforschung. Der Autor nimmt darin die Institutionen und ihre Verhältnisse untereinander in den Blick und beschreibt das NS-System als "Unstaat", als eine "Herrschaft der Gesetzlosigkeit und Anarchie". Bereits im Vorwort heißt es: "Psychologische Kriegführung ist nicht Propaganda, sie ist Politik."

Neumann erweckte die Aufmerksamkeit der Geheimdienste. Schon 1943 findet man den Politologen als Mitarbeiter des Office of Strategic Services (OSS) wieder, eine Art Koordinierungsstelle für verschiedene Geheimdienste der USA. Dort half er dabei, die Tätigkeit der US-Militärregierung in Deutschland vorzubereiten. Hauptziel: die "Reeducation" (Umerziehung) der Deutschen. Dabei spielte die Neuausrichtung der Schulen und Universitäten eine wichtige Rolle. Traditionelle Lehrinhalte wurden gekippt, die Bibliotheken von unerwünschter Literatur "gesäubert", mißliebige Professoren und Pädagogen gefeuert. Auch an der Konzeption der Nürnberger Prozesse strickte Neumann kräftig mit. "Daß das Rückwirkungsverbot bei der Bestrafung von NS-Verbrechen aufgehoben werden müsse, hat der Autor von 'Behemoth' schlüssig hergeleitet" ("Berliner Zeitung", 5.12.2000). Schließlich wechselte Neumann ins Außenministerium, wo er den wissenschaftlichen Zweig der Deutschland-Abteilung leitete.

Es war also keiner von der Ersatzbank, der da mithalf, das politikwissenschaftliche Institut der FU aufzubauen und den Kontakt zu wichtigen Geldgebern herzustellen. In den Chroniken fällt Neumanns Anteil jedoch meist unter den Tisch, dafür wird das Engagement des amerikanischen Hohen Kommissars John McCloy und seines engsten Beraters Shepard Stone um so mehr hervorgehoben. Stone leitete ab 1950 das "Office of Public Affairs", ein Amt in der Hohen Kommission, das für Propaganda, Public Relations und "kulturelle Angelegenheiten" zuständig war. In dieser Position unterstanden ihm 400 amerikanische und 3500 deutsche Mitarbeiter.

"Einzigartige Möglichkeiten"

Stone, der eigentlich "Cohen" hieß, den Namen aber gewechselt hatte, war Deutschland-Kenner. Von 1929 an studierte der Sohn jüdisch-litauischer Einwanderer in Heidelberg und Berlin, 1932 promovierte er mit einer Arbeit über "Deutschland, Danzig und Polen", wurde dann Redakteur bei der "New York Times". Zum Kriegseinsatz meldete er sich freiwillig und landete schnell beim militärischen Nachrichtendienst. Mit der US-Armee kam er 1945 nach Deutschland, und in der Besatzungszeit gehörte unter anderem die Lizenzierung von Zeitungen zu seinen Aufgaben. Verleger oder Journalist durfte nur werden, wer den Vorstellungen der Sieger entsprach.

Nach einem Intermezzo wiederum bei der "New York Times" kam Stone 1949 nach Deutschland zurück. Dabei geriet die FU Berlin in sein Blickfeld, neben Neumann vermittelte er ihr die Millionenzuschüsse der Ford-Stiftung. Was ihm im Sinn lag, formulierte er in einer Denkschrift an die Stiftung: "Die Freie Universität Berlin bietet einzigartige Möglichkeiten für die Förderung der Völkerverständigung, für die Stärkung des demokratischen Gedankens, die Förderung der demokratischen Zusammenarbeit und die Heranziehung demokratischer Führungskräfte für Europa." Schon damals verstand man es gut, Machtinteressen hinter dem inflationären Gebrauch immer derselben Chiffren (Demokratie, Freiheit, Menschenrechte) zu verstecken.

Die "einzigartige Möglichkeit", die sich mit der FU verband, war tatsächlich jene, zwei zentrale strategische Ziele der US-Politik effektiv voranzutreiben, nämlich die "Charakterwäsche" der Deutschen innerhalb des eigenen Machtbereichs und die Positionsverbesserung im Kalten Krieg mit dem Sowjetblock. Beide Ziele waren eng miteinander verschränkt. Denn: Sollten die Westdeutschen zuverlässige US-Hilfswillige im Kalten Krieg werden, mußte ihr Denken, ihre Mentalität, mußten ihre Wertvorstellungen möglichst gründlich "verwestlicht", genauer: amerikanisiert sein. Um dies zu erreichen, konzentrierten sich die US-Planer auf künftige Führungskräfte, insbesondere solche, die sich auf eine Tätigkeit in der Politik oder im meinungsbildenden Sektor vorbereiteten.

Im Hintergrund: die CIA

In einem Gutachten, das der zeitweilige US-Landeskommissar für Bayern George Shuster 1956 für die Ford-Stiftung verfaßte, werden Details verraten. Über den Aufbau des FU-Lehrkörpers heißt es: "Nach und nach sicherte sich das Kuratorium die Dienste kompetenter Professoren, die entweder von Universitäten kamen, die sich jetzt unter sowjetischer Herrschaft befinden, oder aus den Exilen, in die sie aus diesen oder jenen Gründen geflüchtet waren, als das Nazi-Regime sie zwang, Deutschland zu verlassen." Zielrichtung laut Shuster: "Die Sozialwissenschaften dürfen sich nicht nur mit der bloßen Ablehnung des Ostens befassen. Ebenso wichtig ist ein lebhaftes, fortdauerndes Interesse an dem Aufbau demokratischer Institutionen. Glücklicherweise ist sich die Freie Universität der Größe dieser Aufgabe bewußt."

Zu dieser Zeit war Shepard Stone bereits führend in der Ford-Stiftung tätig. Sein ehemaliger Chef John McCloy hatte dort den Kuratoriumsvorsitz übernommen und seinen bewährten Mitarbeiter nachgeholt. Stone leitete nunmehr das Programm für internationale Beziehungen. 1968 wechselte er als Vorsitzender in die "Internationale Vereinigung für Kulturelle Freiheit" (zuvor "Kongreß für Kulturelle Freiheit"). Dabei handelt es sich um eine von der CIA aufgebaute und finanzierte Organisation, die ihre Zentrale in Paris hatte und Zweigstellen in ganz Westeuropa unterhielt. Ziel war der Kampf für amerikanische Vorstellungen in bildender Kunst, Literatur und Musik. Insbesondere "sozialkritische" Intellektuelle und Künstler aus dem linken Lager waren für den "Kongreß" von Interesse. Mit geheimdienstlichen Mitteln sollten sie sowjetischen Einflüssen entzogen und für den Einsatz an der US-Kulturfront rekrutiert werden.

Ausführlich dokumentiert wurde die Geschichte dieser großangelegten ClA-Operation in der TV-Sendung "Benutzt und gesteuert - Künstler im Netz der CIA", die am 29.11.2006 auf "Arte" ausgestrahlt wurde. Um die geheimdienstlichen Hintergründe zu tarnen, wurde der "Kongreß" offiziell von der Ford-Stiftung finanziert; doch schon am 27. April 1966 enthüllte die "New York Times" den Zusammenhang. Die Kooperation mit renommierten Stiftungen erlaubte der CIA nach Aussage eines früheren Mitarbeiters die Finanzierung "einer scheinbar unbegrenzten Bandbreite von verdeckten Operationen, um Jugendgruppen, Gewerkschaften, Universitäten, Verlage und andere private Organisationen zu beeinflussen".

Als Spinne im Netz fungierte John McCloy, der seit 1954 die Ford-Stiftung leitete. McCloy war offenbar eine "Allzweckwaffe" der Hochfinanz: bis 1940 Wall-Street-Anwalt, Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium (1941-1945), Präsident der Weltbank (1947-1949), Vorsitzender von Rockefellers Chase Manhattan Bank (1953-1960) und außerdem von 1954 bis 1970 Vorsitzender des kapitalistischen Politbüros "Council on Foreign Relations".

Angriff über die linke Flanke

Aus oberflächlicher Sicht mag es verblüffend sein, daß die US-Strategen ihren Angriff besonders über die linke Flanke führten. Doch mußte man auf (pseudo-)konservative Kreise und Christdemokraten in Deutschland nicht viel Energie aufwenden, da deren Reihen ohnehin mit strammen Atlantikern gut gefüllt waren. Auf der linken Seite des politischen Spektrums war die Anfälligkeit für neutralistische und US-kritische Positionen in den 1950er Jahren sehr viel größer. Daher galt es aus US-Sicht, die "westlichen Werte" vor allem links populär zu machen. Die Umerziehung sollte zuvörderst über die Sozialwissenschaften laufen. Schon 1950 nahm das "Institut für Politische Wissenschaft" an der FU Berlin seinen Betrieb auf. Und im April 1959 wurde die ehemals unabhängige "Deutsche Hochschule für Politik" als "Otto-Suhr-Institut" (OSI) in die Universität integriert.

Die Politikwissenschaften an der FU sind in dieser Zeit entscheidend von zwei Namen geprägt worden: Ossip K. Flechtheim lehrte von 1952 bis 1974, Richard Löwenthal von 1961 bis 1974 am OSI bzw. dessen Vorläufer. Beide hatten linksextreme Wurzeln und kannten sich schon aus Weimarer Zeiten. Flechtheim, 1909 als Sohn einer russischen Jüdin in der Ukraine geboren, wuchs in Münster auf und trat 1927 der KPD bei (Austritt 1932). Der knapp ein Jahr ältere Richard Löwenthal, Sproß einer jüdischen Bürgerfamilie in Berlin, war bereits 1926 in die Kommunistische Partei und ihre Studentengruppe eingetreten, wurde allerdings 1929 ausgeschlossen, da er den scharfen Kurs gegen die Sozialdemokratie nicht mittragen wollte. Beide schlossen sich 1933 der leninistischen Sektierergruppe "Neu Beginnen" an. Zwei Jahre später emigrierten sie, Flechtheim über Belgien und die Schweiz in die USA, Löwenthal über Prag und Paris nach London.

"Libertärer Sozialismus"

Am Institut für Sozialforschung in New York arbeitete Flechtheim zunächst als Assistent von Franz Neumann. Seine Ansichten über die Weimarer Republik flossen ins "Behemoth"-Projekt mit ein. Er lehrte dann noch an verschiedenen US-Universitäten, bevor er 1952 nach Deutschland zurückkehrte. Damit verband er die Hoffnung, daß "nun eine echte Chance dafür bestünde, daß Deutschland den 'Dritten Weg' eines demokratischen oder libertären Sozialismus geht". Dieses Ziel vertrat er nicht nur akademisch, sondern auch politisch aktiv. Zum Beispiel 1967 als Mitgründer des "Republikanischen Clubs" in Berlin, eines linksradikalen Aktionszentrums, als Mitglied der SPD, der Internationale der Kriegsdienstgegner und als graue Eminenz der rot-grünen "Alternativen Liste".

Richard Löwenthal hatte bereits 1935 eine eigene Faschismus-Theorie veröffentlicht. In England arbeitete er als Journalist für die Nachrichtenagentur Reuters und den "Oberserver". Zu Beginn der 1940er Jahre propagierte er ebenfalls die Theorie des "Dritten Weges", mutierte aber im Kalten Krieg zu einem "leidenschaftlichen Verteidiger des Atlantischen Bündnisses". Er engagierte sich seit 1945 in der Sozialdemokratie, brachte es bis in die SPD-Grundwertekommission.

Aspen-Institut: Neues Werkzeug für alte Ziele

Als 1973 Shepard Stone in Berlin einen Ableger des Aspen Instituts Colorado eröffnete, gehörte neben John McCloy auch Richard Löwenthal zu den Gründungsmitgliedern. Die Berliner Filiale des Instituts, das sich gern als "Marktplatz der Ideen" bezeichnet, dient vor allem dazu, im Rahmen von zahlreichen Tagungen, Seminaren und "Workshops" deutsche Entscheider auf US-Ziele einzuschwören. Stone, der das Institut bis 1988 leitete, tat im Grunde das, was er schon immer getan hatte, nur an anderer Stelle: Wühlarbeit für US-Herrschaftsinteressen. Doch schon bevor er seine neue Stelle antrat, konnte Stone (seit 1954 Ehrendoktor der Freien Universität) mit den Resultaten seiner deutschlandpolitischen Aktivitäten sehr zufrieden sein. So brachte er bei der FU schon in der Anfangszeit zahlreiche US-Gastdozenten unter. 1950 entstand die Partnerschaft mit der Stanford University (Kalifornien); heute pflegt die FU zu über 30 nordamerikanischen Universitäten offizielle Beziehungen. Die US-Investitionen haben sich politisch mehr als rentiert.


Quelle: Nation & Europa

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