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17. Dezember 2010

Umerziehung und Geistesleben

Von Rolf Hellberg

Im Gegensatz zu 1933 werden 1945 nicht nur die politischen, sondern auch die geistigen Eliten Deutschlands weitgehend durch die Sieger ihrer Ämter enthoben und aus ihren Wirkungskreisen entfernt. Schulen und Hochschulen werden nach Kriegsende zunächst geschlossen, später mit sorgfältig überprüften Lehrkräften wieder eröffnet. Selbst international angesehene Gelehrte (Carl Schmitt) bleiben ausgeschlossen oder müssen jahrelang aussetzen (Arnold Gehlen). Lehrstühle in den Geisteswissenschaften werden vorzugsweise mit Emigranten und Marxisten besetzt, vor allem in den meinungsbildenden Fächern Geschichte und Soziologie sowie im zur Umerziehung gegründeten neuen Fach Politologie. Deren vorwiegend linkserzogene Schüler bestimmenrdann weitgehend die öffentliche Meinung, besonders in den Bereichen der Bildung und in den Massenmedien. Aus den Bibliotheken werden in allen Besatzungszonen Hunderttausende von Büchern verbannt. Einen großen Einfluß gewinnt dabei die aus den USA zurückkehrende neomarxistische Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno, Pollock, H. Marcuse, Fromm) mit ihren Bestrebungen nach Autoritätsabbau und Sexualisierung, nach Zerstörung von Tradition und Familie sowie Volks- und Heimatbewußtsein. Sie wendet sich gegen alle Pflichten für eine Gemeinschaft, vertritt ungebundenen Individualismus und lehrt Lustgewinn als Lebensziel. Sie leistet die intellektuelle Vorarbeit für die 68er Umsturzversuche der APO. (Außerparlamentarische Opposition)

Im Rahmen der Entnazifizierung erhalten ab 1945 viele Schriftsteller und Künstler Berufs-, Schreib- und Arbeitsverbot für Jahre. Das Vakuum des streng überwachten Literatur- und Kunstbetriebs füllen Vereinigungen wie die lange tonangebende linke 'Gruppe 47' oder die Kreise um die seit Mitte der 50er Jahre in Kassel abgehaltene Kunstausstellung der Documenta. Statt des Ringens um menschliche Vollkommenheit und Werte in der Literatur oder des Schönen in der Kunst erfolgt im Rahmen der Umerziehung weitgehend eine Zerstörung der zeitlosen künstlerischen Ideale. In der Literatur werden Gossenausdrücke üblich, wird die Sprache herabgezogen, ist oft primitive Sexualität oder Brutalität das Hauptthema, werden Obszönitäten geboten, nehmen Übersetzungen aus dem Amerikanischen (Hemingway, Miller) einen wichtigen Rang ein. In der Kunst wird ein Kult des Häßlichen getrieben, wird die Form zerstört und Abstraktes gefeiert, werden offensichtlich abartige Machwerke wie Kritzeleien von Affen, 'Elefantenkot' oder menschliche Exkremente ausstellungswürdig und preisgekrönt. Kultusministerien unterstützen diese Verirrungen. Kurzfristige Moden und Experimente (Pop-Art, Minimal-Art) werden hochgelobt. Collagen aus allen möglichen Materialien und Gebilde aus ranzigem Fett (Beuys) erhalten Preise, während an der Klassik ausgerichtete Kunstwerke (Breker, Klimsch, Thorak) unterdrückt, Ausstellungen traditionell arbeitender Künstler verhindert werden.

Im Gegensatz zur weltweit anerkannten Glanzzeit des deutschen Films, Theaters und selbst des Schlagers in der Vorkriegszeit sinkt deren Niveau nach wenigen Höhepunkten in den 50er Jahren. Film und Musik werden, vor allem dann im Fernsehen, zu einer Spielwiese für Importe, vorwiegend aus den USA. 'Crime and sex' bilden die Hauptinhalte.

Zwar wird vielfach der 'Verlust der Mitte' beklagt, das Fehlen einer guten Literatur bedauert, der Mißbrauch des Theaters zu durchsichtigen linken gesellschaftspolitischen Zwecken durch zunehmenden Nichtbesuch offenkundig. Doch ändert sich nichts an den herrschenden Zuständen. Die an sich brennenden und aktuellen Themen - Not- und Bewährungszeit im Krieg, Katastrophe von 1945, Flucht und Vertreibung, Verlust großer Volksgebiete, Besatzungszeit, deutsche Spaltung in mehrere Staaten, Überfremdung, Ringen um eigene volkliche Identität - erfahren kaum die ihnen gebührende Beachtung, geraten fast in Tabuzonen.

Bezeichnend ist, daß gerade der Kreis der als führend angesehenen Intellektuellen, Literaten und Künstler sich mit der deutschen Spaltung abfindet, die DDR hofiert und während der sich 1989/90 abzeichnenden Wiedervereinigung von West- und Mitteldeutschland große Vorbehalte gegen diese geäußert. Die Umerziehung wird systematisch weiterverfolgt und mit ungerechtfertigten, sich aber immer wiederholenden pauschalen Angriffen gegen ganze Berufsgruppen wie Juristen, Ärzte, Hochschullehrer oder Soldaten wegen deren Tätigkeit im Dritten Reich geführt. Ausländische Staatsmänner (Reagan in Bitburg 1985, Mitterrand in Berlin 1995) müssen die deutsche Vergangenheit in Schutz nehmen oder sprechen anklagend von der deutschen "Canossa-Republik" (Meri 1995 in Berlin).

Im 'Historikerstreit' von 1986 unternehmen einige ältere Historiker (Nolte, Hillgruber) den längst überfälligen Versuch, die NS-Zeit unter historischen statt wie bisher unter moralischen Gesichtspunkten zu betrachten. Sie werden von Jürgen Habermas, dem führenden Vertreter der Frankfurter Schule, und linken Geschichtlern, die im Namen der Aufklärung wirkliche Aufklärung zu strittigen Fragen verhindern, unsachlich und diffamierend angegriffen und erzielen trotz überzeugender Argumente keinen Durchbruch. Der historische Revisionismus - an sich Grundlage der Geschichtswissenschaft - kann sich im Bereich der Zeitgeschichte noch nicht durchsetzen. Nur in Einzelfällen (Katyn, Fall Barbarossa, Zahl der Auschwitz-Opfer, Reichstagsbrand) können revisionistische Erkenntnisse nicht länger verschwiegen werden.

Der ab 1985 weiter zunehmende Druck der im Rahmen einer neuen Umerziehungswelle gesteuerten öffentlichen Meinung wird um 1990 in dem Ausdruck Political Correctness begrifflich gefaßt, der den früheren 'Grundkonsens der Demokraten' ablöst. Er legt Tabuzonen fest, deren Grenzen man - besonders im Bereich gewisser Fragen der Zeitgeschichte - nicht ungestraft überschreiten darf. Opfer dieser trotz grundgesetzlich garantierter Meinungsfreiheit herrschenden Intoleranz werden neben einer Reihe anderer Bundestagspräsident Philipp Jenninger (1988) und Steffen Heitmann (1993), die sich mit wenigen Worten um Amt und Karriere reden. Gesetzliche Auswirkungen hat diese herrschende Meinung auch im Auschwitzlüge-Gesetz vom 25.4.1985, das erstmals ein Gesinnungsstrafrecht schafft, indem es Zweifel an geltenden Ansichten zu bestimmten Ereignissen der Zeitgeschichte mit Strafe bedroht, und praktisch die Buchzensur einführt. Es wird in der Folgezeit zunehmend gegen Autoren und Verleger von Büchern zur Zeitgeschichte angewendet. Die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet kommt dadurch praktisch zum Erliegen (Skandale um die Professoren Diwald, Nolte, Hepp, Adler).

Der Abstand zwischen öffentlicher (Volks- )Meinung und die Political Correctness vertretender veröffentlichter (Medien-)Meinung wird in den 90er Jahren immer größer. Eine tiefe Politikverdrossenheit weiter Kreise, die sich auch in sinkender Wahlbeteiligung äußert, hat nicht zuletzt in der unsinnigen Überzogenheit der Umerziehung ihre Ursache. Der Ruf nach einer dringend notwendigen geistigen Wende und nach einem Ablegen der Besiegten- und Sühnementalität wird immer lauter. Mehr als 50 Jahre nach dem Ende des Krieges steht eine neue Generation an der Jahrtausendschwelle vor der Entscheidung, ob sie sich weiterhin politisch korrekt im Sinne der Sieger und Mitsieger von 1945 und angepaßt verhalten soll oder ob sie nicht endlich mündig werden will.


Quelle: Auszug aus: KLEINE DEUTSCHE GESCHICHTE von den Anfängen bis zur Gegenwart (Grabert Verlag, 1997, S.164-167)

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