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11. Februar
2005
"Opfertümelei"
Von Franz
Schönhuber
Angesichts der anstehenden und
leider nur spärlich zugelassenen Gedenktagen für
deutsche Kriegsopfer im Jahr 2005 erschien am 13. Dezember
vergangenen Jahres ein Artikel in der Süddeutschen
Zeitung unter dem Titel "Opfertümelei". Für mich
das Unwort des Jahres 2004. Es treibt einem die
Schamröte ins Gesicht ob der Kälte und Arroganz
der Nachgeborenen, deren Zynismus so weit geht, das Wort
"Opfertümelei" genau so abwertend zu gebrauchen, wie
"Deutschtümelei". Soll heißen, die deutschen
Opfer sind selber schuld, verdienen kaum Mitleid.
Was hat man bloß aus
unserem Volk gemacht! Unsere Kriegsgegner, die Amerikaner,
Engländer, Franzosen, selbst die Russen tun alles, um
ihren Ehrenschild fleckenlos zu halten, scheuen dabei vor
patriotisch gefärbten Fälschungen nicht zurück
und feiern sogar Mörder als Kriegshelden, siehe die
Errichtung eines Denkmals für "Bomber Harris" in
England. Aber unsere Politiker und Medienvertreter schlagen
sich voll Stolz an die Brust, wenn sie wieder einmal einen
Fund von einem tatsächlichen oder angeblichen deutschen
Verbrechen zu Tage fördern können.
Wofür ich mich
schäme
Ich gestehe es ehrlich: Der Satz
"Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" geht mir nicht
über die Lippen, wenn damit die Bundesrepublik gemeint
sein soll, im Gegenteil, ich schäme mich. Ich
schäme mich, wenn ich daran denke, dass unser
Bundeskanzler am 8. Mai, dem Jahrestag des sowjetischen
Sieges über Deutschland an den Gedenkfeierlichkeiten in
Moskau teilnehmen wird. Kennt er nicht die Bilder, die
zeigen, wie die deutschen Kriegsgefangenen wie eine
Viehherde durch die Straßen der sowjetischen
Hauptstadt getrieben wurden, weiß er nicht, dass man
deutschen Offizieren vorher Rizinusöl in die Speisen
gemischt hatte, um sie dann während des Marsches als
"Hosenscheißer" verhöhnen zu können? Soll
aufgrund dieser würdenlosen Anbiederung vergessen
gemacht werden, dass die Rote Armee auf ihren Sturm durch
Deutschland eine Million deutscher Frauen und Mädchen
vergewaltigt oder getötet hat?
Gerhard Schröder verteidigt
sein Kommen damit, dass er sagt, er mache Realpolitik und es
gelte, nach vorne zu schauen. Nun gut: Realpolitik ist eine
Sache und die damit verbundene Zusammenarbeit mit Russland
sogar eine richtige und notwendige, eine würdelose
Dreingabe aber ist nicht notwendig. Sie wirkt
kontraproduktiv.
Nach vorne schauen? Auch gut und
recht, aber warum dann die dauernden Aufrufe "wider das
Vergessen"?
Sind damit nur unsere Untaten
gemeint? Die unserer Gegner aber nicht? Müssen die KZ's
ewig in beschämender Erinnerung stehen bleiben, die
Gulags aber mit dem Schleier des Vergessens überzogen
werden? Und Folter ist nicht gleich Folter. Wenn
amerikanische und englische Soldaten im Irakkrieg foltern,
sind das lässliche Sünden, bei NS-Folterern aber
bleiben es Todsünden. Die einen kamen ein paar Monate
ins Gefängnis, die anderen bezahlten mit ihrem
Leben.
Doch unsere Politiker sprechen
weiter von Moral und schämen sich dabei nicht. Ich muss
bei dem derzeitigen Verhalten mancher deutscher Politiker
immer an den Satz eines bekannten Zeitgenossen denken,
dessen Name mir entfallen ist: "Immer wenn ich in der
Politik das Wort Moral höre, entsichere ich meinen
Revolver!"
In diesem Zusammenhang erlaube mir
der Leser einen kleinen Umweg. Was Moral in der politischen
Praxis bedeutet, das hat ein, jeder Sympathie für die
Rechten gewiss unverdächtiger Zeuge eindrucksvoll zum
Ausdruck gebracht. Im "Spiegel online" ging der
jüdische Publizist Henryk Broder auf die
EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei ein: Er
forderte dabei die Türken auf, den Genozid an den
Armeniern nicht weiter zu leugnen, sondern sie um Vergebung
zu bitten. Aber diese Forderung wird die EU nicht
unterstützen: Nicht weil die EU vermeiden möchte,
die Türken zu kränken, sie in eine peinliche
Situation zu bringen, sondern weil ihr ein paar
Hunderttausend Armenier, die seit 80 Jahren tot sind,
wurscht sind.
So wie ihr ein paar Millionen
tote Ruander, Sudanesen und Kongolesen wurscht sind. So wie
ihr alles wurscht ist, was die gemeinsame Handelsbilanz und
die Stabilität des Euro nicht tangiert.
Einseitiges
Gedenken
Dieser Aufzählung müssten
die Millionen gefallener und ermordeter Deutscher
hinzugezählt werden, deren Schicksal nicht wenigen
unserer nachgeborenen Politiker aller Couleur eben auch
"wurscht" ist. Und zwar aus ähnlichen Gründen, die
Henryk Broder der EU zuschreibt.
Inzwischen aber hat die
Opfer-Bewältigung eine neue Dimension erreicht, die
einen nur mit Abscheu erfüllen kann. Der Streit
darüber, wer ein "richtiges" oder "falsches" Opfer war,
wird jetzt sogar in das Reich der Toten verlegt. Laut eines
Artikels im Feuilleton der FAZ vom 5. Januar 2005 hat man
den Text einer gemeinsamen Gedenktafel für die
von sowjetischen und SED-Schergen im Gulag von Buchenwald
und Sachsenhausen ermordeten Deutschen mit der
Begründung abgelehnt, es könnten unter ihnen auch
NS-Belastete gewesen sein. Die willkürlich verhafteten
und erschossenen Hitlerjungen sollen also unserer Trauer
nicht würdig sein. Schon vorher hatte der Zentralrat
der Juden die Mitarbeit an der "Stiftung Sächsische
Gedenkstätten" eingestellt, genau so wie die Leitung
der Sinti und Roma und anderer Verfolgten Organisationen,
weil die NS-Verbrechen und die in Deutschland begangenen
Verbrechen der Kommunisten allzu sehr auf eine Ebene
gestellt worden waren. Hier schlug alttestamentarischer Hass
durch. Nicht einmal den Toten verzeiht man es, Deutsche
gewesen zu sein. Das ist die Neuauflage der Spruchkammer
unseligen Angedenkens mit all den Urteilskriterien von
"belastet" bis "nicht betroffen", diesmal ausgedehnt auf
Tote.
Und wenn jemand, wie der Kölner
Erzbischof und Kardinal Meisner es wagte, Abtreibung, die
Kindermorde unter Herodes in Bethlehem und die NS-Verbrechen
an Juden in einem Zusammenhang zu bringen, so konnte man
damit rechnen, dass ein Sturm der Entrüstung
durch die "gutmenschliche" Bundesrepublik fegen und eine
Entschuldigung folgen würde. So war es denn auch.
Bleibt die Frage, wo denn seitens der Kirchenhierarchie die
Unterstützung für den Kardinal geblieben ist?
Warum sie feige geschwiegen hat?
Dass ein besiegtes Land nicht
zwangsläufig seine Würde verlieren muss, beweisen
uns die Japaner. Der japanische Ministerpräsident
Koizumi hatte am Neujahrstag 2003/2004 den Jasakuni-Schrein
für Japans Kriegstote besucht, diese geehrt, darunter
auch die toten "Kriegsverbrecher". Als sich darüber die
ehemaligen Kriegsgegner entrüsteten, entgegnete der
Ministerpräsident ungerührt, er habe in dem
Schrein für "Frieden und Wohlstand" gebetet. Kein Land
habe sich in die Traditionen und die Geschichte eines
anderen Landes einzumischen, begegnete Koizumi der Kritik.
Diesen Satz in die Ohren bundesdeutscher Gutmenschen und
unentwegter NS-Bewältiger!
Ich weiß, dass die Umerziehung
so weit gediehen ist, dass einem Großteil unserer
Bürgerinnen und Bürger alle Versuche, für
Wahrheit und Ehre unseres Volkes einzutreten, kalt lassen.
Ich gestehe auch, dass mich angesichts dieser Sachlage
manchmal Anflüge von Resignation befallen: Hat Dein Tun
überhaupt noch einen Sinn? Aber dann sage ich mir: Ich
weiß ja, dass die Knopps und Co. nur auf die
Resignation oder das Ableben der Zeitzeugen warten, um dann
ungestört das Zerstörungswerk an der deutschen
Geschichte zu Ende bringen zu können. Nein, wir noch
lebenden Zeitzeugen müssen
so lange hinhaltenden Widerstand leisten, bis unter den
Jungen, die die Schnauze voll von den täglichen
bundesdeutschen Canossagängen haben, eine
revisionistische Gruppe heranwächst, die alle
Ängste und Zwänge über Bord wirft. Viel Zeit
bleibt uns Alten dazu nicht mehr. Umso intensiver
müssen wir sie nutzen.
Quelle: Nation &
Europa
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