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11. Februar
2005
Vor 60 Jahren wurde die
"Wilhelm Gustloff" versenkt:
9000 Tote auf
einen Schlag
Von Petra Wernicke
Sie war das größte
Kreuzfahrtschiff der Welt, und ihr Untergang gilt als
größte Katastrophe der Seefahrtsgeschichte.
Dennoch blieb das Schicksal der "Wilhelm Gustloff" im
Gegensatz zu dem der "Titanic" lange unbeachtet - weil die
Opfer Deutsche waren. Auf der Flucht vor der
heranrückenden Roten Armee hatten Anfang 1945 rund 10
000 Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, ihre
Hoffnung auf den ehemaligen Feriendampfer der
NS-Organisation "Kraft durch Freude" (KdF) gesetzt. Das
Schiff, 1937 vom Stapel gelaufen, trug den Namen des
Schweizer NSDAP-Landesgruppenleiters. Der war im Februar
1936 von dem jüdischen Studenten David Frankfurter in
Davos ermordet
worden.
Die "Wilhelm Gustloff", 25 000
Bruttoregistertonnen groß, fuhr zunächst Urlauber
in den Atlantik, nach Norwegen und Schweden, in die Nord-
und Ostsee. Im KdF-Rahmen konnten sich erstmals auch
deutsche Arbeiter und kleine Angestellte Kreuzfahrten und
Fernreisen leisten. Das wurde im In- und Ausland als eine
der sozialpolitischen Großtaten des Dritten Reiches
bewundert. Der Zweite Weltkrieg beendete jäh den gerade
in Schwung gekommenen Volkstourismus. Aus der
prächtigen "Wilhelm Gustloff" wurde ein Lazarettschiff.
1945 lag es in Gotenhafen (polnisch heute "Gdynia") an der
Danziger Bucht. Es sollte nun auf Befehl von
Großadmiral Karl Dönitz Flüchtlinge
über die Ostsee nach Westen in Sicherheit bringen
("Operation Hannibal").
Auch Retter beschossen
Drei Torpedoschüsse des
sowjetischen U-Boots "S 13" besiegelten aber am 30. Januar
1945 das Schicksal der "Gustloff" auf schreckliche Weise.
Die meisten Flüchtlinge gingen mit dem sinkenden Schiff
unter oder erfroren innerhalb weniger Minuten in der
eiskalten Ostsee. 937 Menschen konnten gerettet werden, weil
sich zwei deutsche Torpedoboote trotz der U-Boot-Warnung an
die Untergangsstelle wagten und dort Schiffbrüchige
unter höchstem Risiko aufzunehmen vermochten. Auch sie
wurden von dem Sowjet-U-Boot beschossen.
In früheren
Veröffentlichungen ist von 5000 bis 6000 Toten die
Rede. Nach neuerem Forschungsstand wird aber von 9000
Todesopfern ausgegangen.
Obwohl es sich um ein offenkundiges
Kriegsverbrechen an wehrlosen Zivilisten handelte, ist dem
Kommandanten des sowjetischen U-Bootes, Alexander Marinesko,
noch heute in Sankt Petersburg ein ehrendes Museum gewidmet.
Darin wird behauptet, die "Gustloff" sei kein
Flüchtlingsdampfer, sondern ein Kriegsschiff mit
soldatischer Besatzung gewesen. Tatsächlich aber hatte
die "Gustloff" Signallichter eingeschaltet und war für
den sowjetischen Kommandanten leicht als das weithin
bekannte Zivilschiff zu identifizieren.
Spätere Hinweise, daß
sich unter den Flüchtlingen auch (teilweise
schwerverwundete) Soldaten befunden hätten, ändern
nichts an der Qualifizierung als
Kriegsverbrechen. Denn die
Torpedierung diente keinem militärischen Zweck. Der
sowjetischen Führung war die Evakuierung deutscher
Zivilisten und Verwundeter über die Ostsee keineswegs
verborgen geblieben. Auch auf dem Land walzten und schossen
Panzer der Roten Armee bedenkenlos in die
Flüchtlingstrecks hinein. Frauen und Kinder wurden
massenhaft vergewaltigt. Nach der Versenkung der "Gustloff"
torpedierten sowjetische U-Boote weitere
Flüchtlingsschiffe, darunter die "Steuben" mit 3600 und
die "Goya" mit 6700 Menschen an Bord. In keinem dieser
Fälle machten die sowjetischen U-Boot-Kommandanten auch
nur den geringsten Versuch, Status und Ladung der
anvisierten Schiffe zu prüfen. Auch
Rettungsmaßnahmen unterblieben.
58 Jahre nach dem Untergang der
"Gustloff", im Februar 2002, veröffentlichte Literatur-
Nobelpreisträger Günter Grass sein Buch "Im
Krebsgang". Darin spielt das Schicksal des
Flüchtlingsschiffs eine tragende Rolle. Die Kritik
sprach von einem "Tabubruch", weil deutsche Schriftsteller
und Intellektuelle bis dahin die Leidensgeschichte des
eigenen Volkes weitgehend ignoriert hatten. Dem bekennenden
SPD-Blechtrommler Grass ließ sich aber keine
"revisionistische" oder gar NS-apologetische Haltung
unterstellen.
Deutsche Politiker erübrigten
jetzt zum 60. Jahrestag der "Gustloff"-Katastrophe kein Wort
des Gedenkens. 9000 deutsche Opfer eines alliierten
Kriegsverbrechens passen einfach nicht zu den
"Befreiungs"-Feierlichkeiten, die gegenwärtig im
Rückblick auf den 8. Mai 1945 umfangreich vorbereitet
werden. Dazu fährt der Bundeskanzler nicht nach
Gotenhafen oder in die Danziger Bucht, sondern nach -
Moskau.
Quelle: Nation &
Europa
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