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5. August
2005
60 Jahre Vereinte
Nationen:
Endlösung:
One World
Von Karl Richter
Die Vereinten Nationen sind eine
Chimäre. Sie werden es vermutlich so lange bleiben, wie
Nationen existieren. Es gibt überhaupt nur zwei
Möglichkeiten: Entweder die Nationen verschwinden eines
Tages, absorbiert, zerschmolzen zu einer wie auch immer
gearteten "Einen Welt" ohne Konturen, Struktur und
Identität - oder aber sie bleiben, mit allen
Eigenheiten und Anrechten auf ihre Selbständigkeit;
dann aber bleibt auch die Idee der globalen Einheit Utopie,
und wahrscheinlich ist das auch gut so.
Gegründet wurden die Vereinten
Nationen vor 60 Jahren als geschichtsdialektischer Reflex
auf den gescheiterten Völkerbund, realpolitisch als
Allianz gegen die Achsenmächte Deutschland, Italien und
Japan. Man soll nicht verschweigen, daß es sich seit
der "Atlantik-Charta" vom Sommer 1941, der Vorgängerin
der UN-Charta vom 26. Juni 1945, um eine antideutsche,
anglo-amerikanische Veranstaltung handelte, eine
Konstellation, die die Vereinten Nationen bis heute nie ganz
überwunden haben. Zu erinnern ist daran, daß die
vor dem Hintergrund des Krieges formulierten
"Feindstaatenklauseln" - Artikel 53 und 107 der Charta -,
die jedem Mitgliedsland die Wiederaufnahme von
Kampfhandlungen gegen die ehemaligen Kriegsgegner
Deutschland und Japan gestatten, bis heute formell in Kraft
sind. Keine Bundesregierung hielt es jemals für
nötig, die offizielle Aufhebung dieser zutiefst
diskriminierenden Regelung zu fordern. Man tut einfach so,
als gäbe es sie nicht.
Und spielt ansonsten brav den
Zahlmeister: Deutschland bringt 8,7 Prozent des UNO-Etats
auf, der alte Achsenverbündete Japan sogar 19,5
Prozent. Macht zusammen 28,2 Prozent. Damit liegt man
deutlich vor den USA (22 Prozent), die zudem eine
ausgesprochen schlechte Beitragsmoral aufweisen, und knapp
vor dem angloamerikanischen Gesamtbeitrag. Legt man gar die
Beiträge pro Kopf der Landesbevölkerung um,
rangieren die USA unter den westlichen Industriestaaten erst
auf dem 14. Platz. Im Klartext: Der Staat, der politisch am
meisten von der "Weltorganisation" profitiert, zeigt sich
bei den Finanzen vergleichsweise zugeknöpft.
Die Gründungsarchitekten der
UNO, allen voran US-Präsident Roosevelt und der
britische Kriegspremier Winston Churchill, waren alles
andere als pazifistische Weltheilande und denkbar unberufen,
der Völkergemeinschaft eine echte und dauerhafte
Friedensordnung zu schenken. Roosevelt, dessen
Mitverantwortung für Pearl Harbor und an der Ausweitung
des europäischen Konflikts zum Zweiten Weltkrieg heute
außer Zweifel steht, schwebte von Anfang an ein
Welt-Konzept vor, das die Führungsposition der USA und
des britischen Empire einschloß; und Churchill war ein
fanatischer Deutschenhasser, der in den ersten Kriegsjahren
jedes Verständigungsangebot aus Berlin brüsk
zurückgewiesen hatte - und dadurch letztlich das Empire
verspielte. Wie um die tatsächlichen macht- und global
politischen Triebkräfte hinter dem Projekt zu
dokumentieren, wurde als Eingangspassus der UN-Charta
sinnentsprechend der Beginn der US-Verfassung gewählt:
"We the people ..." - "wir, die Völker ...".
Ein glatter Fall von
Tatsachenverdrehung, wie oft, wenn Angelsachsen dem Rest der
Menschheit mit moralischen Phrasen kommen. Niemand hat die
Völker befragt. In Wahrheit ging es den
UN-Gründern darum, möglichst viel von der
Konkursmasse der alten Welt einzusammeln, die der Krieg
unter tätiger Mithilfe des amerikanischen
Großkapitals zerstört hatte. Zu spät
bemerkte Churchill, daß auch das britische
Kolonialreich zur stillschweigenden Übernahme durch den
großen US-Bruder auserkoren war.
Biblische Endzeit-Utopie
Die amerikanische Welthegemonie ist
aber nur der eine Tragpfeiler, auf denen das Konstrukt der
Vereinten Nationen bis heute ruht. Der andere ist eine
diffuse, zutiefst freimaurerisch inspirierte und von
pseudo-humanitären Parolen verbrämte Welt-Vision,
die sich bis in die Symbolik hinein aus alttestamentarischen
Quellen speist. Schon die Bildersprache ist entlarvend: Das
UNO-Emblem zeigt die Kontinente in freier Draufsicht um den
ruhenden Pol gelagert - die alte Endzeit-Vision des
biblischen Propheten Jesaja, der Jahwe und sein Volk am Ende
der Tage zur Richterschaft über die Menschheit
auserkoren sieht. In kaum verhohlener Triumphpose malt sich
der Prophet das immerwährende Friedensreich aus, eine
frühe Vorwegnahme aller späteren
"One-World"-Phantasien:
"Am Ende der Tage wird es geschehen:
Der Berg mit dem Haus des Herrn steht festgegründet als
höchster der Berge; er überragt alle Hügel.
Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen
sich auf den Weg. (...) Denn von Zion kommt die Weisung des
Herrn, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im
Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht.
Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und
Winzermesser aus ihren Lanzen (...)."(Jes. 2, 2-5;
Hervorhebung vom Verfasser).
Auch in der Farbsymbolik erweist
sich Analogie. Nicht zufällig ist das UN-Logo in
blauweiß gehalten: Vier Jahre nach Gründung der
Vereinten Nationen wählte sich auch der Staat Israel
Blau-weiß zu seinen Nationalfarben.
In den 60 Jahren seit Ratifikation
der UN-Charta traten Zweck und Ziel der Weltorganisation in
vielen kleinen und großen Schritten hervor: nicht
Weltfrieden, sondern Weltstaat. Wären die Vereinten
Nationen wirklich als Friedensorganisation konzipiert
gewesen, so hätten sie bis auf den heutigen Tag aufs
jämmerlichste versagt, davon zeugen ungezählte
bewaffnete Konflikte seit 1945, die die UNO nicht beilegen,
häufig nicht einmal schlichten konnte.
Gegen "ethnische Reinheit"
Das modische Wort von den "peace
keeping missions", den angeblich "friedenserhaltenden
Maßnahmen" in aller Welt, an denen sich seit einigen
Jahren auch die Bundeswehr beteiligt, ist eine echte
Orwell-Begriffshülse. Denn wo die Vereinten Nationen
intervenieren, entsteht im Normalfall - siehe Bosnien,
Kosovo, Ruanda - keine Friedensordnung, sondern die Saat
künftiger Konflikte. Dabei beschreitet die
Weltorganisation hauptsächlich drei Wege, die letztlich
alle zu gleich katastrophalen Ergebnissen führen:
Sie regiert immer ungenierter
und häufig unter Inanspruchnahme des amerikanischen
Militärknüppels in die inneren Angelegenheiten
souveräner Staaten hinein und errichtet nach
Ausschaltung der legitimen Verwaltung recht- und machtlose
Protektorate (wie im Irak). Nicht zufällig tragen
einige der bewaffneten UN-Kontingente die offizielle
Bezeichnung "Implementation Forces" (IFOR). Die Frage, was
da implementiert, also eingepflanzt werden soll, beantwortet
sich von selbst.
Sie fragmentiert vormals
funktionierende Staaten in lebensunfähige, von
internationaler Unterstützung abhängige
Kleinparzellen (wie im früheren Jugoslawien);
Sie betreibt unter dem Schutz
internationaler Besatzungstruppen eine Politik der
systematischen ethnischen Durchmischung - und schafft so
alle Voraussetzungen für weitere Konflikte und damit
für eine dauerhafte Beherrschung der betroffenen
Regionen. Der frühere UN-Administrator im Kosovo, der
Brasilianer Sergio Mello, bezeichnete das Streben nach
ethnischer Homogenität in einem Interview mit dem
US-Sender PBS vom 4. August 1999 sogar ausdrücklich als
"Nazikonzept", dessen Umsetzung die Vereinten Nationen mit
allen Mitteln verhindern müßten. Mello
wörtlich: "Genau das haben die alliierten Mächte
im Zweiten Weltkrieg bekämpft. Die Vereinten Nationen
wurden gegründet, um diese Konzeption zu
bekämpfen, was seit Dekaden auch geschieht. Und das war
auch der Grund, warum der Sicherheitsrat der Vereinten
Nationen eine solch starke Militärpräsenz im
Kosovo verlangte - nämlich um das System der ethnischen
Reinheit zu verhindern."
An den Vereinten Nationen
bewahrheitet sich die alte Weisheit: Stimmen Denken und
Begriffe nicht, dann können auch die Taten nur
unheilvoll sein. Das den UN zugrundeliegende ideologische
Fernziel der "One World" ist im letzten eine religiöse,
mythische Vision, als politische Handlungsanweisung jedoch
unbrauchbar, ja verhängnisvoll. Völker wollen
nicht eingeschmolzen und ausgelöscht werden, sondern
ihren Platz als lebensfähige Subsysteme einer
größeren Welt-Ordnung behaupten. Jede Politik,
die schon im Ansatz gegen dieses Prinzip
verstößt, befördert nicht den Frieden in der
Welt, sondern Unordnung und Chaos.
Die alternative Vision des
Carl Schmitt
In den 60 Jahren ihres Bestehens hat
die Organisation unter dem Symbol des weltumspannenden
Friedenszweiges immer weitere Teile des Globus unter ihren
Einfluß gebracht. Aus 26 Unterzeichnerstaaten der
"Erklärung der Vereinten Nationen" im Jahr 1942 wurden
inzwischen 191. Zwar verfügt die UNO noch immer nicht
über eigene Streitkräfte und eigene Finanzmittel,
um ihren Entscheidungen im Bedarfsfall realpolitischen
Nachdruck verleihen zu können. Doch haben sich die USA
in den Konflikten der letzten Jahrzehnte noch immer als
williges Vollzugsorgan erwiesen - wie das amerikanische
Kapital umgekehrt noch immer den größten Nutzen
aus 60 Jahren Globalisierungspolitik der Vereinten Nationen
zog.
Man kann in der Rückschau nicht
sagen, daß es keine Alternativen gegeben hätte.
Am bekanntesten ist Carl Schmitts Großraum-Konzept mit
"Interventionsverbot für raumfremde Mächte", eine
Art europäischer Monroe-Doktrin. Schmitts Modell
unterteilt die Weltkarte, vereinfacht gesprochen, in mehrere
kontinentale Großräume, die jeweils von einer
regionalen Führungsmacht dominiert werden - etwa der
amerikanische Doppelkontinent von den USA, Asien von China,
der Pazifik von Japan und so weiter. Der charakteristische
Unterschied zwischen Schmitts Entwurf und dem der UN liegt
darin, daß Schmitt an der Unantastbarkeit der
nationalstaatlichen Souveränität festhält -
bis hin zum Recht, Krieg zu führen -, während die
Vereinten Nationen und die mit ihnen verschwisterten
Organisationen (wie Welthandelsorganisation, Weltbank,
Internationaler Währungsfonds, UNICEF, UNHCR usw.) sie
immer unverhüllter in Frage stellen und das Ziel der
weltweiten De-Souveränisierung an einer Vielzahl von
Frontabschnitten gleichzeitig verfolgen: Entwicklungshilfe,
Klimaschutz, Internationaler Gerichtshof,
"friedenserhaltende Maßnahmen", um nur die wichtigsten
zu nennen.
Die autarken, lebensfähigen
Großräume des Planeten wurden aber durch den
Zweiten Weltkrieg und verstärkt seit dem Ende der UdSSR
systematisch zerschlagen, während gleichzeitig der
Verlust an eigenständiger Handlungsfähigkeit auf
Seiten der Nationalstaaten ein vorher nie gekanntes
Ausmaß erreicht hat. Mit Ausnahme einiger weniger
Großstaaten wie den USA und China ist am Beginn des
21. Jahrhunderts kaum noch ein Staat in der Lage, eine
"souveräne" Außen- und Sicherheitspolitik zu
betreiben, geschweige denn eine "souveräne"
Wirtschaftspolitik. Im Gefolge eines jahrzehntelangen
Wechselspiels aus internationaler Verflechtung
("Integration") und militärischer Abrüstung sind
die meisten Länder der Welt, selbst Staaten von
mittlerer Größe und durchaus beachtlicher
militärischer Stärke, heute de facto nicht mehr
souverän.
Gerade die Europäer erleben es
täglich am eigenen Leib: Ihr Alltag, ihre Wirtschaft,
selbst die kommunale Infrastrukturpolitik wird zu
erheblichen Teilen nicht mehr von ihnen selbst, sondern von
einer transnationalen Superbehörde namens EU gestaltet.
Man kann sie getrost als die europäische
Vorläuferorganisation des geplanten Weltstaates
betrachten. Den Cent gibt es schon, und der Schritt zur
Weltwährung ist nicht mehr undenkbar.
Nur: Die Rechnung ist wieder einmal
ohne den Wirt gemacht. Schon die größere EU ist
im Jahr 1 nach der Osterweiterung gehörig ins
Straucheln geraten. Der selbsternannte Weltpolizist USA hat
sich im Irak übernommen und taumelt dem Zerplatzen der
Dollar-Chimäre entgegen. Es ist wie mit dem Turm von
Babel: Das ehrgeizige Projekt scheiterte, als die Menschen
plötzlich nicht mehr die gleiche Sprache sprachen - ein
Schicksal, das den Vereinten Nationen wie auf den Leib
geschneidert scheint.
Kommt der Weltstaat?
Die Verantwortlichen wollen von
alledem nichts wissen. Schotten sich ab in klimatisierten
Glasfestungen, die vom wirklichen Leben so weit entfernt
sind wie der Mond. Die amerikanische Historikerin Barbara
Tuchmann diagnostizierte die unverbesserliche
Betriebsblindheit der Mächtigen vor etlichen Jahren in
ihrem Bestseller "Die Torheit der Regierenden" und zeichnete
darin ein messerscharfes Psychogramm der Etablierten aller
Zeiten. Ob Rom, Habsburgerreich oder Sowjetunion - der
Anfang vom Ende war immer der Verlust der Bodenhaftung. Die
Überdehnung der Nachschublinien. Die
Unterschätzung der "Barbaren" an der Peripherie des
eigenen Machtkreises. Gestern Goten und Alanen, heute
Straßenkrieger in Bagdad.
Kampflos werden die Propheten der
"Einen Welt" nicht von ihrer unheiligen Vision
abrücken. Möglich, daß den Völkern nach
zwei Weltkriegen ein schlimmer dritter Durchgang droht, um
ihnen die Zumutung des längst geplanten Weltstaates
plausibler zu machen, der mit totaler Überwachung,
totaler Kontrolle des einzelnen einhergehen wird; die "One
World" der Nivellierer und Volksverächter läuft
auf den Planet der Affen hinaus. Eine Totgeburt, die den Weg
aller Imperien gehen wird.
Quelle: Nation &
Europa
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