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Juli/August
2004
60 Jahre nach
Stauffenbergs Hitler-Attentat:
Die
Widerstandslüge
Von Dr. Fritz
Stenzel
Es gibt kaum etwas Befremdlicheres
als die Traditionspflege der Bundesrepublik Deutschland.
Positive Geschichtsdaten - wie etwa die Reichsgründung
- werden gar nicht oder nur am Rande vermerkt. Statt dessen
konzentriert man sich geradezu manisch auf alles, was
irgendwie für nationalmasochistische
Bußübungen taugt. Für fast jedes NS-KZ
hält der Kalender mittlerweile einen speziellen
Gedenktag parat. Man betrauert Jahr für Jahr die
NS-Bücherverbrennung ebenso pünktlich und
umfassend wie die "Reichskristallnacht". Und neuerdings
muß jeder 27. Januar zur Feier jenes Tages herhalten,
an dem Stalins Truppen 1945 in Auschwitz einrückten.
Um gleich jedem
Mißverständnis vorzubeugen: Nicht die Tatsache,
daß regelmäßig der NS-Opfer gedacht wird,
stört
empfindsame Gemüter. Anstößig und peinlich
wirkt die Schlagseite bundesdeutscher Gedenkkultur. Den
Bürgern dieses Landes wird ein Geschichtsbild
zugemutet, das von nationaler Identifizierung regelrecht
abschreckt: Erhebende, freudige Ereignisse deutscher
Vergangenheit bleiben zumeist ausgeblendet, während das
Dritte Reich mit einer Ausdauer und Totalität
"bewältigt" wird, als sei Hitler der wichtigste und
überragendste Deutsche aller Zeiten.
Sozialwissenschaftler sprechen von "negativer
Identitätsstiftung". Was früher Volksgemeinschaft
war, kommt heute als Schuldgemeinschaft daher.
Patrioten als Vorbilder
für Nichtpatrioten?
Selbst der 20. Juli 1944, dessen 60.
Jahrestag mit pompösen Feierlichkeiten ansteht, bringt
kein Licht in die historische Dunkelhaft der Deutschen. Im
Gegenteil. Der Rückblick auf das Stauffenbergsche
Hitler-Attentat ist von Heuchelei, Verdrängung und
Fehlinterpretation geprägt, so daß ihm keinerlei
Trost innewohnt. Auf ihrer Suche nach wenigstens einem
"guten" Gedenktag hat die deutsche Nachkriegspolitik den 20.
Juli okkupiert, deformiert und ideologisch mißbraucht.
Man vereinnahmte den toten Stauffenberg und seine
Mitverschwörer zur geistig-moralischen Legitimierung
der Bundesrepublik. Genau hingeschaut hat man dabei nicht.
Die Verschwörer um den Grafen
von Stauffenberg verstanden sich als Patrioten. In ihrer
Mehrzahl waren sie enttäuschte Nationalsozialisten. Sie
hatten Hitlers Aufstieg begrüßt und sich selber
am Aufbau des Dritten Reiches aktiv beteiligt. Erst nach und
nach, bei den einen früher, bei den anderen
später, stellte sich Enttäuschung ein. Vor allem
die Kriegswende zuungunsten Deutschlands löste Zweifel
an Hitlers Führungsqualitäten aus und ließ
am Ende selbst "alte Kämpfer" nach Alternativen suchen.
Der SS-Gruppenführer und Leiter
der Reichskriminalpolizei Arthur Nebe zählte
schließlich ebenso zum Widerstand wie der
SA-Obergruppenführer und Berliner Polizeipräsident
Graf von Helldorf. Letzterer hatte die Judendeportationen
aus der Reichshauptstadt organisiert; und Nebe wird
vorgeworfen, 1941 als Führer der Einsatzgruppe B im
Hinterland der Ostfront rund 45 000 Personen, meist Juden,
getötet zu haben. Beide, Nebe und Helldorf, wurden nach
dem Hitler-Attentat als Mitverschwörer hingerichtet.
Bei den bundesdeutschen 20.-Juli-Feierlichkeiten werden sie
regelmäßig ignoriert, weil sie nicht ins Klischee
passen.
Noch stärker im Zentrum des
Widerstandes bewegte sich Generaloberst Erich Hoepner. Er
unterzeichnete am 20. Juli 1944 im Berliner Bendlerblock als
selbsternannter "Oberbefehlshaber im Heimatkriegsgebiet"
mehrere martialische Standrechtsverordnungen, mit denen die
Verschwörer dem befürchteten Widerstand gegen den
Widerstand vorzubeugen versuchten. Zur Begründung des
Rußlandfeldzuges hatte Hoepner 1941 als Befehlshaber
der Panzergruppe 4 seine Soldaten eingeschworen: "Es ist der
alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die
Verteidigung europäischer Kultur gegen
moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des
jüdischen Bolschewismus."
Zum Hitler-Hasser entwickelte sich
Hoepner 1942, als er wegen militärischer
Eigenmächtigkeiten seines Postens enthoben wurde. Nach
gelungenem Attentat hätte er der neuen Regierung als
Reichskriegsminister angehören sollen. Das wäre
mehr als eine Rehabilitierung gewesen. Statt dessen
erwartete ihn am 8. August 1944 der Henker.
Dem wäre er zwei Jahre
später in Nürnberg möglicherweise auch zum
Opfer gefallen, weil dort ein Dokument präsentiert
wurde, in dem der Chef der Einsatzgruppe A,
SS-Brigadeführer Stahlecker, die Zusammenarbeit mit
Hoepner als "sehr gut, fast herzlich" lobte. Es ging um die
Erschießung von 135 000 Personen
("partisanenverdächtige Elemente") im besetzten Teil
der UdSSR. Vielen Wehrmachts-Generälen waren die
Hinterlandaktivitäten der Einsatzgruppen suspekt; sie
wollten möglichst wenig, am liebsten gar nichts damit
zu tun haben. Hoepner war von solchen
Berührungsängsten offenbar nicht geplagt.
In Verbrechen
verstrickt?
Über Generalmajor Henning von
Tresckow, eine der Zentralfiguren des Widerstands, berichtet
der Historiker Professor Christian Gerlach, er habe Ende
Juni 1944 eigenhändig befohlen, russische Kinder zur
Zwangsarbeit zu rekrutieren ("Die Welt", 3.3.2004). Sein
Mitverschwörer Oberst Rudolph-Christoph Freiherr von
Gersdorff verteidigte laut Gerlach "noch 1959 die
Tötung Hunderter sowjetischer Juden, da unter ihnen
viele Agenten und Kriminelle gewesen seien". Letzteres deckt
sich zwar mit den Aussagen anderer Zeitzeugen, paßt
aber heute nicht mehr ins undifferenzierte Horrorbild von
der "verbrecherischen Wehrmacht". Militäraktionen gegen
Partisanen werden längst dem "Holocaust" zugeschlagen.
Eduard Wagner, ein anderer Kopf des
Widerstandes, war als Generalquartiermeister des Heeres
nicht nur für die Versorgung der Soldaten, sondern auch
für die kriegsgefangenen Russen zuständig. In der
Zeitgeschichtsliteratur wird er mit dem Satz zitiert:
"Nichtarbeitende Kriegsgefangene in den Gefangenenlagern
haben zu verhungern." Ähnlich soll sich Wagner
hinsichtlich der Bevölkerung im eingekesselten
Leningrad geäußert haben. "Es gibt kaum ein
Großverbrechen im Osten, an dem Wagner nicht beteiligt
war", urteilt Historiker Gerlach. Drei Tage nach dem
gescheiterten Hitler-Attentat verübte General Wagner
Selbstmord.
Und der Attentäter selber? In
dem ARD-Fernsehfilm "Stauffenberg", im Februar dieses Jahres
ausgestrahlt, wurde aus einem Brief Stauffenbergs an seine
Ehefrau zitiert. Darin heißt es über die
Bevölkerung Polens: "Ein unglaublicher Pöbel, sehr
viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich
sicher nur unter der Knute wohlfühlt."
Man kann über den Aussagewert
solcher Zitate lang und breit streiten; Tatsache ist,
daß in anderen Fällen harmlosere
Äußerungen genügten, um Straßen,
Schulen und Kasernen umzubenennen. 1995 wurde beispielsweise
aus der Generaloberst-Dietl-Kaserne in Füssen die
Allgäu-Kaserne, weil man an dem alten Namensgeber
plötzlich eine NS-Gesinnung entdeckt hatte. Fraglos war
Eduard Dietl kein Widerständler; aber Verbrechen finden
sich in seiner Biographie nicht. Offenkundig wird auf die
Teilnehmer des 20. Juli 1944 ein anderer Maßstab
angelegt als an deutsche Soldaten und Offiziere, die bis zum
bitteren Ende ihrer Eidespflicht nachkamen. Das mag auch
einer der Gründe dafür sein, weshalb sich deutsche
Kriegsveteranen mit der selektiven bundesdeutschen
Gedenkkultur nie so recht anzufreunden vermochten.
Und noch etwas macht die
alljährlichen Widerstandsfeiern unwahrhaftig: daß
nämlich verschwiegen wird, welche politischen Ziele die
Verschwörer durchsetzen wollten. An die Einführung
einer parlamentarischen Demokratie war nicht gedacht. Das
Reich sollte in eine Art Ständestaat übergehen,
"eine Mischform zwischen der konstitutionellen Monarchie und
der autoritären Diktatur" (Professor Hans Mommsen).
Darin waren sich alle Verschwörer einig - von dem
National-Konservativen Carl Goerdeler bis zum
Sozialdemokraten Julius Leber. Man verachtete die
"Gleichheitslüge" und forderte von der
Nach-NS-Gesellschaft, sich vor den "naturgegebenen
Rängen" zu beugen.
Heute Fall für den
Verfassungsschutz
Eine Direktwahl von Abgeordneten
sollte es nur auf unterster Ebene geben, dort, wo
einigermaßen gewährleistet sei, daß "man
weder einen Lumpen noch einen Phantasten wählt", wie es
in den Papieren des Widerstands wörtlich heißt.
SA und SS sollten als unerwünschte Wehrmachtskonkurrenz
verboten werden, nicht aber die NSDAP. Deren wie
überhaupt der Parteien Bedeutung wollten die
Verschwörer allerdings deutlich verringern. Die
Interessen des Volkes seien in besserer Hand bei den
Repräsentanten der Berufsgruppen, bei Unternehmern,
Gewerkschaften und Hochschullehrern. Kein
"Parteiengezänk" mehr. Damit kämen Stauffenberg
und seine Umsturzplaner heute schnurstracks in den
Verfassungsschutzbericht - als Extremisten.
Außenpolitisch schwebte den
Widerständlern eine deutsche Großmacht zur
Führung Europas vor. Die Grenzen Deutschlands sollten
die des Kaiserreichs von 1914 sein, dazu Österreich und
das Sudetenland. Auch Kolonien wollte man von den Alliierten
verlangen - und von Italien die Rückgabe
Südtirols. Das waren Forderungen, die selbst Hitler
nicht alle aufzustellen gewagt hatte. Eine Rückkehr zur
Unrechtsordnung von Versailles - da waren sich Führer
und Widerstand einig - sollte es unter keinen Umständen
geben.
Naive Hoffnung auf alliierte
Großmut
Im Unterschied zu Hitler hofften die
Verschwörer jedoch, daß die Alliierten an einer
Ausgleichslösung interessiert sein könnten. Sie
ignorierten die schon im Januar 1943 ergangenen
Beschlüsse von Casablanca: Dort hatte US-Präsident
Roosevelt seine Verbündeten Churchill und Stalin darauf
eingeschworen, daß es mit den Achsenmächten keine
Friedens- oder Waffenstillstandsverhandlungen geben
dürfe. Deutschland und seine Partner wurden zur
bedingungslosen Kapitulation ("unconditional surrender")
aufgefordert. Erst das veranlaßte Goebbels in seiner
berühmten Sportpalastrede zur Propagierung des "totalen
Kriegs".
Politisch waren die Verschwörer
von frappierender Naivität. Für sie war Hitler der
Dreh- und Angelpunkt allen Geschehens. Die alliierten
Kriegsziele nahm man kaum zur Kenntnis. Dabei hatte
Churchills außenpolitischer Chefberater Robert Lord
Vansittart schon 1940 geschrieben: "Der Feind ist das
Deutsche Reich und nicht etwa der Nazismus, und diejenigen,
die das bislang noch nicht begriffen haben, haben
überhaupt nichts begriffen." Deutschland sollte als
machtpolitischer Faktor ausgeschaltet werden. Die Frage, wer
in Berlin regiert, war zweitrangig. London ging es um die
seit Jahrhunderten angestrebte "Balance of power": Keine
europäische Kontinentalmacht sollte stärker sein
als Großbritannien. Deshalb waren die deutschen
Friedensangebote allesamt ausgeschlagen worden.
Als man 1944 in London von dem
Attentat auf Hitler hörte, machte man sich über
die Verschwörer lustig. Sie wurden als eine Clique
verknöcherter Militaristen karikiert, die sich kurz vor
der deutschen Niederlage ans rettende Ufer zu flüchten
versuchten, um den nächsten Krieg vorzubereiten. Schon
die ersten Versuche der Widerständler, mit der
britischen Regierung in Kontakt zu kommen, hatte Vansittart
mit einem hohntriefenden Fünfzeiler
beantwortet:
"Litte Hans, in a tight corner, /
Wondered what next he could try / So to look even littler /
He bumped off his Hitler / And said 'What a good boy am I'."
Auf deutsch in etwa: "Klein Hans, in enger Ecke, /
überlegte, was er als nächstes versuchen
könnte. / Um noch harmloser auszusehen, / brachte er
seinen Hitler um / und sagte: Welch guter Junge bin
ich doch!'"
"Sie verteidigten ihr
Grundeigentum"
An jener Einschätzung hat sich
bis heute wenig geändert. Während die deutsche
Politik die Verschwörer des 20. Juli 1944 als
leuchtendes Vorbild hinstellt, schrieb beispielsweise die
"New York Post" am 14.11.2003:
"Der deutsche Widerstand? Eine fast
so große Lüge wie die Holocaustleugnung. Graf
Stauffenberg und seine Aristokratenkollegen, deren
ungenügender Versuch, Hitler 1944 mit einer Bombe zu
töten, immer wieder als ein Beispiel deutschen Mutes
zitiert wird, erhoben nie einen Finger gegen das Naziregime,
bevor die Rote Armee sich ihrem ererbten Land in
Ostpreußen näherte. Sie kämpften nicht
für hohe Ideale. Sie verteidigten ihr
Grundeigentum."
Offiziell werden solche Töne
natürlich gemieden. Man will den deutschen NATO-Partner
nicht brüskieren. Deshalb sind bei den 20.-Juli-Feiern
in Berlin immer auch die Botschafter jener Staaten
vertreten, die 1944/45 keine Sekunde gezögert
hätten, eine Goerdeler/Stauffenberg-Regierung zu
verhaften und auf die Anklagebank zu setzen. "Dafür
spricht auch", meint der Historiker Eberhard Jäckel,
"daß sich diese Regierung weithin aus Angehörigen
der besonders verhaßten preußischen
Offizierskaste zusammensetzte".
Mit anderen Worten: Man geniert sich
nicht, posthume Loblieder auf Männer anzustimmen, die
man zu ihren Lebzeiten verachtet und als Wurzel allen
Übels betrachtet hatte. Ausgerechnet Churchill
heuchelte nach dem Krieg, der Stauffenbergsche Putschversuch
zähle "zum Edelsten und Größten, was in der
politischen Geschichte aller Völker hervorgebracht
wurde". Dagegen heißt es in einem US-Dossier vom 30.
Juli 1944, Hitlers Überleben sei ein Glücksfall
für die Alliierten gewesen ("lucky für the
Allies"). Sonst wäre es den
Verschwörer-Generälen ("conspiring generals")
ermöglicht worden, die Kriegsniederlage allein Hitler
anzulasten.
Sinnentleertes
Gedenken
Die Unwahrhaftigkeit des
Widerstandsgedenkens erübrigt heute
rechtsphilosophische Debatten über den Sinn des Eides
und das Für und Wider des "Tyrannenmords". Vom 20. Juli
1944 ist nur eine leere Hülle übriggeblieben. Sie
wird Jahr für Jahr mit Inhalten gefüllt, die der
jeweilige Zeitgeist für opportun hält. Als
Gedenkredner marschieren deutsche Politiker auf, die
militärstrategisch bereits den Hindukusch
überschritten haben, 1999 Jugoslawien bombardieren
ließen und eine Beschränkung deutscher Soldaten
auf die Landesverteidigung für
rückwärtsgewandten Humbug halten. Man hat nichts
gelernt, und man will nichts lernen.
Stauffenberg soll vor seiner
Hinrichtung gerufen haben: "Es lebe das heilige
Deutschland!" Als kürzlich der neugewählte
Bundespräsident Horst Köhler in seiner
Antrittsrede den schlichten Satz sprach: "Ich liebe unser
Land", befand eine meinungsführende deutsche
Tageszeitung, das klinge provinziell und
"krähwinklerisch". Nein, diese Republik kann sich auf
viel berufen - zuletzt auf Claus Schenk Graf von
Stauffenberg.
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