27. Juli 2004

60 Jahre nach Stauffenbergs Hitler-Attentat:
Die Widerstandslüge

Von Dr. Fritz Stenzel

Es gibt kaum etwas Befremdlicheres als die Traditionspflege der Bundesrepublik Deutschland. Positive Geschichtsdaten - wie etwa die Reichsgründung - werden gar nicht oder nur am Rande vermerkt. Statt dessen konzentriert man sich geradezu manisch auf alles, was irgendwie für nationalmasochistische Bußübungen taugt. Für fast jedes NS-KZ hält der Kalender mittlerweile einen speziellen Gedenktag parat. Man betrauert Jahr für Jahr die NS-Bücherverbrennung ebenso pünktlich und umfassend wie die "Reichskristallnacht". Und neuerdings muß jeder 27. Januar zur Feier jenes Tages herhalten, an dem Stalins Truppen 1945 in Auschwitz einrückten.

Um gleich jedem Mißverständnis vorzubeugen: Nicht die Tatsache, daß regelmäßig der NS-Opfer gedacht wird, stört empfindsame Gemüter. Anstößig und peinlich wirkt die Schlagseite bundesdeutscher Gedenkkultur. Den Bürgern dieses Landes wird ein Geschichtsbild zugemutet, das von nationaler Identifizierung regelrecht abschreckt: Erhebende, freudige Ereignisse deutscher Vergangenheit bleiben zumeist ausgeblendet, während das Dritte Reich mit einer Ausdauer und Totalität "bewältigt" wird, als sei Hitler der wichtigste und überragendste Deutsche aller Zeiten. Sozialwissenschaftler sprechen von "negativer Identitätsstiftung". Was früher Volksgemeinschaft war, kommt heute als Schuldgemeinschaft daher.

Patrioten als Vorbilder für Nichtpatrioten?

Selbst der 20. Juli 1944, dessen 60. Jahrestag mit pompösen Feierlichkeiten ansteht, bringt kein Licht in die historische Dunkelhaft der Deutschen. Im Gegenteil. Der Rückblick auf das Stauffenbergsche Hitler-Attentat ist von Heuchelei, Verdrängung und Fehlinterpretation geprägt, so daß ihm keinerlei Trost innewohnt. Auf ihrer Suche nach wenigstens einem "guten" Gedenktag hat die deutsche Nachkriegspolitik den 20. Juli okkupiert, deformiert und ideologisch mißbraucht. Man vereinnahmte den toten Stauffenberg und seine Mitverschwörer zur geistig-moralischen Legitimierung der Bundesrepublik. Genau hingeschaut hat man dabei nicht.

Die Verschwörer um den Grafen von Stauffenberg verstanden sich als Patrioten. In ihrer Mehrzahl waren sie enttäuschte Nationalsozialisten. Sie hatten Hitlers Aufstieg begrüßt und sich selber am Aufbau des Dritten Reiches aktiv beteiligt. Erst nach und nach, bei den einen früher, bei den anderen später, stellte sich Enttäuschung ein. Vor allem die Kriegswende zuungunsten Deutschlands löste Zweifel an Hitlers Führungsqualitäten aus und ließ am Ende selbst "alte Kämpfer" nach Alternativen suchen.

Der SS-Gruppenführer und Leiter der Reichskriminalpolizei Arthur Nebe zählte schließlich ebenso zum Widerstand wie der SA-Obergruppenführer und Berliner Polizeipräsident Graf von Helldorf. Letzterer hatte die Judendeportationen aus der Reichshauptstadt organisiert; und Nebe wird vorgeworfen, 1941 als Führer der Einsatzgruppe B im Hinterland der Ostfront rund 45 000 Personen, meist Juden, getötet zu haben. Beide, Nebe und Helldorf, wurden nach dem Hitler-Attentat als Mitverschwörer hingerichtet. Bei den bundesdeutschen 20.-Juli-Feierlichkeiten werden sie regelmäßig ignoriert, weil sie nicht ins Klischee passen.

Noch stärker im Zentrum des Widerstandes bewegte sich Generaloberst Erich Hoepner. Er unterzeichnete am 20. Juli 1944 im Berliner Bendlerblock als selbsternannter "Oberbefehlshaber im Heimatkriegsgebiet" mehrere martialische Standrechtsverordnungen, mit denen die Verschwörer dem befürchteten Widerstand gegen den Widerstand vorzubeugen versuchten. Zur Begründung des Rußlandfeldzuges hatte Hoepner 1941 als Befehlshaber der Panzergruppe 4 seine Soldaten eingeschworen: "Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus."

Zum Hitler-Hasser entwickelte sich Hoepner 1942, als er wegen militärischer Eigenmächtigkeiten seines Postens enthoben wurde. Nach gelungenem Attentat hätte er der neuen Regierung als Reichskriegsminister angehören sollen. Das wäre mehr als eine Rehabilitierung gewesen. Statt dessen erwartete ihn am 8. August 1944 der Henker.

Dem wäre er zwei Jahre später in Nürnberg möglicherweise auch zum Opfer gefallen, weil dort ein Dokument präsentiert wurde, in dem der Chef der Einsatzgruppe A, SS-Brigadeführer Stahlecker, die Zusammenarbeit mit Hoepner als "sehr gut, fast herzlich" lobte. Es ging um die Erschießung von 135 000 Personen ("partisanenverdächtige Elemente") im besetzten Teil der UdSSR. Vielen Wehrmachts-Generälen waren die Hinterlandaktivitäten der Einsatzgruppen suspekt; sie wollten möglichst wenig, am liebsten gar nichts damit zu tun haben. Hoepner war von solchen Berührungsängsten offenbar nicht geplagt.

In Verbrechen verstrickt?

Über Generalmajor Henning von Tresckow, eine der Zentralfiguren des Widerstands, berichtet der Historiker Professor Christian Gerlach, er habe Ende Juni 1944 eigenhändig befohlen, russische Kinder zur Zwangsarbeit zu rekrutieren ("Die Welt", 3.3.2004). Sein Mitverschwörer Oberst Rudolph-Christoph Freiherr von Gersdorff verteidigte laut Gerlach "noch 1959 die Tötung Hunderter sowjetischer Juden, da unter ihnen viele Agenten und Kriminelle gewesen seien". Letzteres deckt sich zwar mit den Aussagen anderer Zeitzeugen, paßt aber heute nicht mehr ins undifferenzierte Horrorbild von der "verbrecherischen Wehrmacht". Militäraktionen gegen Partisanen werden längst dem "Holocaust" zugeschlagen.

Eduard Wagner, ein anderer Kopf des Widerstandes, war als Generalquartiermeister des Heeres nicht nur für die Versorgung der Soldaten, sondern auch für die kriegsgefangenen Russen zuständig. In der Zeitgeschichtsliteratur wird er mit dem Satz zitiert: "Nichtarbeitende Kriegsgefangene in den Gefangenenlagern haben zu verhungern." Ähnlich soll sich Wagner hinsichtlich der Bevölkerung im eingekesselten Leningrad geäußert haben. "Es gibt kaum ein Großverbrechen im Osten, an dem Wagner nicht beteiligt war", urteilt Historiker Gerlach. Drei Tage nach dem gescheiterten Hitler-Attentat verübte General Wagner Selbstmord.

Und der Attentäter selber? In dem ARD-Fernsehfilm "Stauffenberg", im Februar dieses Jahres ausgestrahlt, wurde aus einem Brief Stauffenbergs an seine Ehefrau zitiert. Darin heißt es über die Bevölkerung Polens: "Ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich sicher nur unter der Knute wohlfühlt."

Man kann über den Aussagewert solcher Zitate lang und breit streiten; Tatsache ist, daß in anderen Fällen harmlosere Äußerungen genügten, um Straßen, Schulen und Kasernen umzubenennen. 1995 wurde beispielsweise aus der Generaloberst-Dietl-Kaserne in Füssen die Allgäu-Kaserne, weil man an dem alten Namensgeber plötzlich eine NS-Gesinnung entdeckt hatte. Fraglos war Eduard Dietl kein Widerständler; aber Verbrechen finden sich in seiner Biographie nicht. Offenkundig wird auf die Teilnehmer des 20. Juli 1944 ein anderer Maßstab angelegt als an deutsche Soldaten und Offiziere, die bis zum bitteren Ende ihrer Eidespflicht nachkamen. Das mag auch einer der Gründe dafür sein, weshalb sich deutsche Kriegsveteranen mit der selektiven bundesdeutschen Gedenkkultur nie so recht anzufreunden vermochten.

Und noch etwas macht die alljährlichen Widerstandsfeiern unwahrhaftig: daß nämlich verschwiegen wird, welche politischen Ziele die Verschwörer durchsetzen wollten. An die Einführung einer parlamentarischen Demokratie war nicht gedacht. Das Reich sollte in eine Art Ständestaat übergehen, "eine Mischform zwischen der konstitutionellen Monarchie und der autoritären Diktatur" (Professor Hans Mommsen). Darin waren sich alle Verschwörer einig - von dem National-Konservativen Carl Goerdeler bis zum Sozialdemokraten Julius Leber. Man verachtete die "Gleichheitslüge" und forderte von der Nach-NS-Gesellschaft, sich vor den "naturgegebenen Rängen" zu beugen.

Heute Fall für den Verfassungsschutz

Eine Direktwahl von Abgeordneten sollte es nur auf unterster Ebene geben, dort, wo einigermaßen gewährleistet sei, daß "man weder einen Lumpen noch einen Phantasten wählt", wie es in den Papieren des Widerstands wörtlich heißt. SA und SS sollten als unerwünschte Wehrmachtskonkurrenz verboten werden, nicht aber die NSDAP. Deren wie überhaupt der Parteien Bedeutung wollten die Verschwörer allerdings deutlich verringern. Die Interessen des Volkes seien in besserer Hand bei den Repräsentanten der Berufsgruppen, bei Unternehmern, Gewerkschaften und Hochschullehrern. Kein "Parteiengezänk" mehr. Damit kämen Stauffenberg und seine Umsturzplaner heute schnurstracks in den Verfassungsschutzbericht - als Extremisten.

Außenpolitisch schwebte den Widerständlern eine deutsche Großmacht zur Führung Europas vor. Die Grenzen Deutschlands sollten die des Kaiserreichs von 1914 sein, dazu Österreich und das Sudetenland. Auch Kolonien wollte man von den Alliierten verlangen - und von Italien die Rückgabe Südtirols. Das waren Forderungen, die selbst Hitler nicht alle aufzustellen gewagt hatte. Eine Rückkehr zur Unrechtsordnung von Versailles - da waren sich Führer und Widerstand einig - sollte es unter keinen Umständen geben.

Naive Hoffnung auf alliierte Großmut

Im Unterschied zu Hitler hofften die Verschwörer jedoch, daß die Alliierten an einer Ausgleichslösung interessiert sein könnten. Sie ignorierten die schon im Januar 1943 ergangenen Beschlüsse von Casablanca: Dort hatte US-Präsident Roosevelt seine Verbündeten Churchill und Stalin darauf eingeschworen, daß es mit den Achsenmächten keine Friedens- oder Waffenstillstandsverhandlungen geben dürfe. Deutschland und seine Partner wurden zur bedingungslosen Kapitulation ("unconditional surrender") aufgefordert. Erst das veranlaßte Goebbels in seiner berühmten Sportpalastrede zur Propagierung des "totalen Kriegs".

Politisch waren die Verschwörer von frappierender Naivität. Für sie war Hitler der Dreh- und Angelpunkt allen Geschehens. Die alliierten Kriegsziele nahm man kaum zur Kenntnis. Dabei hatte Churchills außenpolitischer Chefberater Robert Lord Vansittart schon 1940 geschrieben: "Der Feind ist das Deutsche Reich und nicht etwa der Nazismus, und diejenigen, die das bislang noch nicht begriffen haben, haben überhaupt nichts begriffen." Deutschland sollte als machtpolitischer Faktor ausgeschaltet werden. Die Frage, wer in Berlin regiert, war zweitrangig. London ging es um die seit Jahrhunderten angestrebte "Balance of power": Keine europäische Kontinentalmacht sollte stärker sein als Großbritannien. Deshalb waren die deutschen Friedensangebote allesamt ausgeschlagen worden.

Als man 1944 in London von dem Attentat auf Hitler hörte, machte man sich über die Verschwörer lustig. Sie wurden als eine Clique verknöcherter Militaristen karikiert, die sich kurz vor der deutschen Niederlage ans rettende Ufer zu flüchten versuchten, um den nächsten Krieg vorzubereiten. Schon die ersten Versuche der Widerständler, mit der britischen Regierung in Kontakt zu kommen, hatte Vansittart mit einem hohntriefenden Fünfzeiler beantwortet:

"Litte Hans, in a tight corner, / Wondered what next he could try / So to look even littler / He bumped off his Hitler / And said 'What a good boy am I'." Auf deutsch in etwa: "Klein Hans, in enger Ecke, / überlegte, was er als nächstes versuchen könnte. / Um noch harmloser auszusehen, / brachte er seinen Hitler um / und sagte: ‚Welch guter Junge bin ich doch!'"

"Sie verteidigten ihr Grundeigentum"

An jener Einschätzung hat sich bis heute wenig geändert. Während die deutsche Politik die Verschwörer des 20. Juli 1944 als leuchtendes Vorbild hinstellt, schrieb beispielsweise die "New York Post" am 14.11.2003:

"Der deutsche Widerstand? Eine fast so große Lüge wie die Holocaustleugnung. Graf Stauffenberg und seine Aristokratenkollegen, deren ungenügender Versuch, Hitler 1944 mit einer Bombe zu töten, immer wieder als ein Beispiel deutschen Mutes zitiert wird, erhoben nie einen Finger gegen das Naziregime, bevor die Rote Armee sich ihrem ererbten Land in Ostpreußen näherte. Sie kämpften nicht für hohe Ideale. Sie verteidigten ihr Grundeigentum."

Offiziell werden solche Töne natürlich gemieden. Man will den deutschen NATO-Partner nicht brüskieren. Deshalb sind bei den 20.-Juli-Feiern in Berlin immer auch die Botschafter jener Staaten vertreten, die 1944/45 keine Sekunde gezögert hätten, eine Goerdeler/Stauffenberg-Regierung zu verhaften und auf die Anklagebank zu setzen. "Dafür spricht auch", meint der Historiker Eberhard Jäckel, "daß sich diese Regierung weithin aus Angehörigen der besonders verhaßten preußischen Offizierskaste zusammensetzte".

Mit anderen Worten: Man geniert sich nicht, posthume Loblieder auf Männer anzustimmen, die man zu ihren Lebzeiten verachtet und als Wurzel allen Übels betrachtet hatte. Ausgerechnet Churchill heuchelte nach dem Krieg, der Stauffenbergsche Putschversuch zähle "zum Edelsten und Größten, was in der politischen Geschichte aller Völker hervorgebracht wurde". Dagegen heißt es in einem US-Dossier vom 30. Juli 1944, Hitlers Überleben sei ein Glücksfall für die Alliierten gewesen ("lucky für the Allies"). Sonst wäre es den Verschwörer-Generälen ("conspiring generals") ermöglicht worden, die Kriegsniederlage allein Hitler anzulasten.

Sinnentleertes Gedenken

Die Unwahrhaftigkeit des Widerstandsgedenkens erübrigt heute rechtsphilosophische Debatten über den Sinn des Eides und das Für und Wider des "Tyrannenmords". Vom 20. Juli 1944 ist nur eine leere Hülle übriggeblieben. Sie wird Jahr für Jahr mit Inhalten gefüllt, die der jeweilige Zeitgeist für opportun hält. Als Gedenkredner marschieren deutsche Politiker auf, die militärstrategisch bereits den Hindukusch überschritten haben, 1999 Jugoslawien bombardieren ließen und eine Beschränkung deutscher Soldaten auf die Landesverteidigung für rückwärtsgewandten Humbug halten. Man hat nichts gelernt, und man will nichts lernen.

Stauffenberg soll vor seiner Hinrichtung gerufen haben: "Es lebe das heilige Deutschland!" Als kürzlich der neugewählte Bundespräsident Horst Köhler in seiner Antrittsrede den schlichten Satz sprach: "Ich liebe unser Land", befand eine meinungsführende deutsche Tageszeitung, das klinge provinziell und "krähwinklerisch". Nein, diese Republik kann sich auf viel berufen - zuletzt auf Claus Schenk Graf von Stauffenberg.


Quelle: Nation & Europa

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