LEITSEITE | ARCHIV-DEUTSCH | ARCHIV-ENGLISCH | DEUTSCHE VERLUSTE | DEUTSCHE GESCHICHTE | SPENDEN | BRIEFKASTEN | KONTAKT
 26. März 2004

Bewegende Darstellung der Vertreibungsverbrechen
"Ich sehe keinen Anlass, etwas zu beschönigen"
Interview mit Karsten Kriwat, Autor von "Mein Kind! Wo ist mein Kind?"

Der Jurist und Autor Karsten Kriwat hat 2003 sein erfolgreiches Buch "Alliierter Luftterror - Von Dresden bis Bagdad" vorgelegt. Jetzt befindet sich beim Münchner FZ-Verlag ein neues Werk aus seiner Feder unter dem Titel "Mein Kind! Wo ist mein Kind?" in Vorbereitung. Die National-Zeitung hat Kriwat befragt.

"Ein Schwerpunkt: Kinderschicksale"

Herr Kriwat, was kann der Leser von Ihrem Buch "Mein Kind! Wo ist mein Kind?" erwarten?

Kriwat: Eine bewegende und zugleich knappe und präzise Darstellung der Vertreibungsverbrechen. Hierher gehört auch die systematische Verschleppung Hunderttausender deutscher Zivilisten zur Zwangsarbeit unter anderem in polnische Lager und in die Sowjetunion. Und die für die Deutschen errichteten Konzentrationslager, wobei von Polen und Tschechen KZ der Nazis einfach weiterbetrieben wurden. Übrigens: Ich bin immer an bisher nicht veröffentlichten Erlebnisberichten interessiert!

Der Titel lässt vermuten, dass Sie besonders auf Kinderschicksale eingehen?

Kriwat: Hier liegt ein Schwerpunkt. Durch Flucht und Vertreibung sind unzählige Familien getrennt worden, viele haben ihre Kinder verloren. Eines der schlimmsten Kapitel ist heute kaum bekannt: die systematische Trennung deutscher Kinder von ihren Müttern in polnischen Zwangsarbeitslagern. Auch soweit die Kinder überlebten, haben die Eltern sie häufig nie wieder gesehen.

Sie sagten "Flucht und Vertreibung". In welchem Verhältnis stehen die beiden Begriffe?

Kriwat: Die Flucht war Bestandteil der Vertreibung. Churchill, Roosevelt und Stalin hatten sich ja schon in Teheran 1943 auf die so genannte "Westverschiebung Polens" verständigt. Dementsprechend wurde von vornherein darauf hingearbeitet, die Deutschen aus den Ostgebieten zu vertreiben. Die Gräueltaten von Nemmersdorf und Großwaltersdorf im Oktober 1944 waren dazu das Fanal. Frauen und Mädchen wurden dort vergewaltigt, Zivilisten getötet, erschlagen, an Scheunentore genagelt. Diese Verbrechen dienten dem Zweck, eine umfassende Fluchtbewegung auszulösen. Durch sie wurde ein ungeheurer Vertreibungsdruck erzeugt. Und das geschah nicht spontan, sondern war durch die Hetztiraden zum Beispiel Ilja Ehrenburgs seit langem vorbereitet worden. Mit Parolen wie "Für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen" waren Rotarmisten gezielt aufgehetzt worden.

"Sechzig Jahre wurden Deutsche als Täter dargestellt"

In Potsdam ist dann aber beschlossen worden, dass die "Überführung der deutschen Bevölkerung" in "ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll".

Kriwat: Nein. Das sind nur Floskeln aus der amtlichen Verlautbarung über die Konferenz von Potsdam, die vom 17. Juli bis 2. August 1945 stattfand. Die Formulierung "Überführung der deutschen Bevölkerung" ist an sich schon ein Euphemismus. Dass sie in "ordnungsgemäßer und humaner Weise" erfolgen solle, war Zynismus, wenn man bedenkt, dass über zwei Millionen dabei umgekommen sind. Das war ein Versuch, die Öffentlichkeit zumindest in den westlichen Demokratien zu beruhigen, denn die Wahrheit über die Vertreibung von 15 Millionen Deutschen wäre besonders dort schlecht angekommen.

Wie explizit ist denn Ihre Darstellung? Gibt es da eine Grenze, an der Sie sagen: Das kann ich dem Leser nicht zumuten.

Kriwat: Grundsätzlich bin ich dafür, das Geschehene möglichst authentisch zu schildern. Was passiert ist, sollte man nach Möglichkeit auch ungeschminkt darstellen. Ich sehe keinen Anlass, da etwas zu beschönigen. Beinahe sechzig Jahre wurden die Deutschen nur als Täter dargestellt. Es muss endlich auch über die deutschen Opfer geredet werden.

Trotzdem die Frage: Gibt es in Ihrem Buch auch etwas, das Mut macht? Sind darin zum Beispiel auch Polen, Tschechen und Russen zu finden, die sich menschlich und korrekt verhalten haben?

Kriwat: Ja. Das wird genauso geschildert, wie ich in "Alliierter Luftterror" den Stimmen auf alliierter Seite Raum gegeben habe, die gegen die Bombardierung der Zivilisten waren, ja dagegen gekämpft haben. Übrigens protestierte der Labour-Abgeordnete George Russell Strauss im Februar 1944 im britischen Unterhaus energisch gegen die Beschlüsse der Teheran-Konferenz und kam dabei auf den rein deutschen Charakter Ostpreußens zu sprechen. Zusammen mit führenden Sozialisten anderer Länder warnte er in einer Erklärung: Wenn unbestreitbar von Deutschen bewohnte Gebiete an Polen angeschlossen werden sollen, dann wird die Herrschaft der Gewalt verewigt. Dass es solche Männer und Frauen gab, gehört zu den Hoffnungsschimmern, die ich habe. Man kann kein Volk über einen  Kamm  scheren.  Trotz  aller Schrecklichkeiten glaube ich an das Positive im Menschen.

"Vertreibungsergebnisse können nicht anerkannt werden"

Haben Sie Verwandte, die aus dem deutschen Osten stammen?

Kriwat: Meine Familie kommt aus Ostpreußen. Kriwat ist ein ostpreußischer Name.

Kamen Sie dadurch zu dem Thema?

Kriwat: Meine ostpreußischen Wurzeln haben sicher dazu beitragen, mein Interesse zu wecken. Aber mehr noch spielte die Befassung mit dem Völkerrecht während des Studiums eine Rolle. Die Vertreibung ist nicht nur millionenfaches kriminelles Unrecht, damit wurde auch das Völkerrecht mit Füßen getreten. Und zwar in so schwer wiegender Weise, dass die damit geschaffenen Tatsachen wegen Verstoßes gegen zwingendes Recht schlechthin nicht wirksam anerkannt werden können. Das Völkerrecht kennt zwar nur wenige zwingende, also nicht vertraglich abdingbare Bestimmungen - die grundlegenden Menschenrechte gehören aber dazu.

In der Präambel der Haager Landkriegsordnung wurde schon 1907 festgesetzt, dass "die Bevölkerung und die Kriegführenden unter dem Schutz und der Herrschaft der Grundsätze des Völkerrechts bleiben, wie sie sich ergeben aus den unter gesitteten Völkern feststehenden Gebräuchen, aus den Gesetzen der Menschlichkeit und aus den Forderungen des öffentlichen Gewissens". Mein Ziel ist es, das öffentliche Gewissen auch in Bezug auf die deutschen Opfer zu schärfen.

Quelle: National-Zeitung

Bookmark and Share