LEITSEITE | ARCHIV-DEUTSCH | ARCHIV-ENGLISCH | DEUTSCHE VERLUSTE | DEUTSCHE GESCHICHTE | SPENDEN | BRIEFKASTEN | KONTAKT
|
Bewegende Darstellung
der Vertreibungsverbrechen Der Jurist und Autor Karsten Kriwat hat 2003 sein erfolgreiches Buch "Alliierter Luftterror - Von Dresden bis Bagdad" vorgelegt. Jetzt befindet sich beim Münchner FZ-Verlag ein neues Werk aus seiner Feder unter dem Titel "Mein Kind! Wo ist mein Kind?" in Vorbereitung. Die National-Zeitung hat Kriwat befragt. "Ein Schwerpunkt: Kinderschicksale" Herr Kriwat, was kann der Leser von Ihrem Buch "Mein Kind! Wo ist mein Kind?" erwarten? Kriwat: Eine bewegende und zugleich knappe und präzise Darstellung der Vertreibungsverbrechen. Hierher gehört auch die systematische Verschleppung Hunderttausender deutscher Zivilisten zur Zwangsarbeit unter anderem in polnische Lager und in die Sowjetunion. Und die für die Deutschen errichteten Konzentrationslager, wobei von Polen und Tschechen KZ der Nazis einfach weiterbetrieben wurden. Übrigens: Ich bin immer an bisher nicht veröffentlichten Erlebnisberichten interessiert! Der Titel lässt vermuten, dass Sie besonders auf Kinderschicksale eingehen? Kriwat: Hier liegt ein
Schwerpunkt. Durch Flucht und Vertreibung sind
unzählige Familien getrennt worden, viele haben ihre
Kinder verloren. Eines der schlimmsten Kapitel ist heute
kaum bekannt: die systematische Trennung Sie sagten "Flucht und Vertreibung". In welchem Verhältnis stehen die beiden Begriffe? Kriwat: Die Flucht war Bestandteil der Vertreibung. Churchill, Roosevelt und Stalin hatten sich ja schon in Teheran 1943 auf die so genannte "Westverschiebung Polens" verständigt. Dementsprechend wurde von vornherein darauf hingearbeitet, die Deutschen aus den Ostgebieten zu vertreiben. Die Gräueltaten von Nemmersdorf und Großwaltersdorf im Oktober 1944 waren dazu das Fanal. Frauen und Mädchen wurden dort vergewaltigt, Zivilisten getötet, erschlagen, an Scheunentore genagelt. Diese Verbrechen dienten dem Zweck, eine umfassende Fluchtbewegung auszulösen. Durch sie wurde ein ungeheurer Vertreibungsdruck erzeugt. Und das geschah nicht spontan, sondern war durch die Hetztiraden zum Beispiel Ilja Ehrenburgs seit langem vorbereitet worden. Mit Parolen wie "Für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen" waren Rotarmisten gezielt aufgehetzt worden. "Sechzig Jahre wurden Deutsche als Täter dargestellt" In Potsdam ist dann aber beschlossen worden, dass die "Überführung der deutschen Bevölkerung" in "ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll". Kriwat: Nein. Das sind nur Floskeln aus der amtlichen Verlautbarung über die Konferenz von Potsdam, die vom 17. Juli bis 2. August 1945 stattfand. Die Formulierung "Überführung der deutschen Bevölkerung" ist an sich schon ein Euphemismus. Dass sie in "ordnungsgemäßer und humaner Weise" erfolgen solle, war Zynismus, wenn man bedenkt, dass über zwei Millionen dabei umgekommen sind. Das war ein Versuch, die Öffentlichkeit zumindest in den westlichen Demokratien zu beruhigen, denn die Wahrheit über die Vertreibung von 15 Millionen Deutschen wäre besonders dort schlecht angekommen. Wie explizit ist denn Ihre Darstellung? Gibt es da eine Grenze, an der Sie sagen: Das kann ich dem Leser nicht zumuten. Kriwat: Grundsätzlich bin ich dafür, das Geschehene möglichst authentisch zu schildern. Was passiert ist, sollte man nach Möglichkeit auch ungeschminkt darstellen. Ich sehe keinen Anlass, da etwas zu beschönigen. Beinahe sechzig Jahre wurden die Deutschen nur als Täter dargestellt. Es muss endlich auch über die deutschen Opfer geredet werden. Trotzdem die Frage: Gibt es in Ihrem Buch auch etwas, das Mut macht? Sind darin zum Beispiel auch Polen, Tschechen und Russen zu finden, die sich menschlich und korrekt verhalten haben? Kriwat: Ja. Das wird genauso
geschildert, wie ich in "Alliierter Luftterror" den Stimmen
auf alliierter Seite Raum gegeben habe, die gegen die
Bombardierung der Zivilisten waren, ja dagegen gekämpft
haben. Übrigens protestierte der Labour-Abgeordnete
George Russell Strauss im Februar 1944 im britischen
Unterhaus energisch gegen die "Vertreibungsergebnisse können nicht anerkannt werden" Haben Sie Verwandte, die aus dem deutschen Osten stammen? Kriwat: Meine Familie kommt aus Ostpreußen. Kriwat ist ein ostpreußischer Name. Kamen Sie dadurch zu dem Thema? Kriwat: Meine ostpreußischen Wurzeln haben sicher dazu beitragen, mein Interesse zu wecken. Aber mehr noch spielte die Befassung mit dem Völkerrecht während des Studiums eine Rolle. Die Vertreibung ist nicht nur millionenfaches kriminelles Unrecht, damit wurde auch das Völkerrecht mit Füßen getreten. Und zwar in so schwer wiegender Weise, dass die damit geschaffenen Tatsachen wegen Verstoßes gegen zwingendes Recht schlechthin nicht wirksam anerkannt werden können. Das Völkerrecht kennt zwar nur wenige zwingende, also nicht vertraglich abdingbare Bestimmungen - die grundlegenden Menschenrechte gehören aber dazu. In der Präambel der Haager
Landkriegsordnung wurde schon 1907 festgesetzt, dass "die
Bevölkerung und die Kriegführenden unter dem
Schutz und der Herrschaft der Grundsätze des
Völkerrechts bleiben, wie sie sich ergeben aus den
unter gesitteten Völkern feststehenden Gebräuchen,
aus den Gesetzen der Menschlichkeit und aus den Forderungen
des öffentlichen Gewissens". Mein Ziel ist es, das
öffentliche Gewissen auch in Bezug auf die deutschen
Opfer zu schärfen. Quelle: National-Zeitung |