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 11. März 2004

Zentrum gegen Vertreibung:
Nicht einmal das?

Von Dr. Paul Latussek
Vorsitzender der Landesgruppe Thüringen der Landsmannschaft Schlesien

Den Zustand eines Volkes, seine Kultur und Würde erkennt man daran, wie es zu seinen Toten und zu seinen Opfern steht, das heißt, wie es das Andenken an die Opfer ehrt und pflegt und wie es sich zum Leid der Menschen stellt. Kein Deutscher käme auf die Idee, anderen Völkern Vorschriften über die Art und Weise ihres Gedenkens an ihre eigenen Opfer zu machen. Dies ist stets Angelegenheit eines jeden Volkes selbst. Selbst seinen Feinden wurde seit Jahrhunderten das Recht auf eine würdevolle Ehrung seiner Opfer zuerkannt und respektiert. Den Toten ihre Würde zu lassen, gehörte trotz Feindschaft und unterschiedlicher Standpunkte zu Lebenszeit zu ihrer Achtung als Menschen. In besonderer Weise gebührt deshalb den überlebenden Opfern Achtung und Zuneigung.

Was sich über Jahrtausende als Teil christlich geprägter europäischer Kultur entwickelte, verliert in der Gegenwart offensichtlich an Bedeutung, wenn es um die Opfer eines der größten Verbrechen der Menschheit, der völkerrechtswidrigen Vertreibung der Deutschen aus ihren ostdeutschen und südosteuropäischen Heimatgebieten geht.

Liegt es daran, weil bewußt das Ausmaß und die Ungeheuerlichkeit der an Deutschen begangenen Verbrechen aus dem Bewußtsein der Menschheit verdrängt werden soll? Immerhin handelt es sich um mehr als 15 Millionen Deutsche, denen dieses Unrecht angetan wurde. Immerhin handelt es sich um 2,5 Millionen Tote, eine Million zur Zwangsarbeit Verschleppter, von denen 500 000 wegen der grausamen Bedingungen den Tod fanden. Immerhin handelt es sich um Hunderttausende vergewaltigter Frauen, um erschlagene Kinder und getötete alte Menschen - und vieles andere mehr.

Leider gehört es zu den bedauernswertesten und sicher auch zu den erbärmlichsten Kapiteln deutscher Geschichte, daß es der Nachkriegspolitik in Deutschland nicht gelungen ist, den eigenen Opfern ein würdiges und angemessenes Gedenken zu organisieren und zu ihnen ein offenes Bekenntnis, das seinen Ausdruck durch eine weithin sichtbare Gedenkstätte gefunden hätte, abzugeben.

Kann es sein, daß sich deutsche Nachkriegspolitiker durch dieses klägliche Verhalten aus der eigenen Geschichte stehlen wollten? Die ständigen Kollektivschuldzuweisungen gegenüber dem deutschen Volk haben es ihnen leicht gemacht, gegenüber der Weltöffentlichkeit und gegenüber dem eigenen Volk ihre Schwäche als politischen Pragmatismus zu verschleiern. Eine Rechtfertigung für ein bedauernswertes Verhalten ist dies allerdings nicht. Über das zusätzliche Leid, das sie den Opfern angetan haben, ist offensichtlich nicht ausreichend nachgedacht worden. Mit ein paar Mark Zuwendungen, die in keinem Fall eine Entschädigung darstellen, sollten die Opfer veranlaßt werden, ihr Leid, das immer ein persönliches und nie ein kollektives ist, zu verschweigen, zu verdrängen und für kommende Generationen unsichtbar zu machen.

Erfahrungen aus der Geschichte, die lehren, daß über einen solchen Weg kaum eine bessere Zukunft zu erreichen ist, wurden entweder aus Mangel an Geschichtskenntnissen oder wegen fehlenden Mutes und wegen eines bedauerlichen opportunistischen Verhaltens mißachtet. Versuche, über private Initiativen eine Gedenkstätte zu errichten, wurden durch die deutsche Politik verhindert. Das letzte Beispiel dafür ist die Verhinderung der Errichtung einer Gedenkstätte in Thüringen, obwohl die Vorbereitungen dazu durch den Verein "Gedächtnisstätte" mit dem Ankauf des Grundstückes und der Einreichung des Bauantrages schon relativ weit vorangetrieben waren.

Die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibung ist sicher begrüßenswert. Das Zentrum war in seinem Anfangsstadium eindeutig als Stätte der Aufarbeitung und Darstellung der an Deutschen begangenen Verbrechen geplant. Es hätte in dieser Form der Darstellung der geschichtlichen Wahrheit gedient; es hätte dem Bedürfnis der Vertriebenen entsprochen und einen Beitrag zur Versöhnung mit den osteuropäischen Nachbarn geleistet. Selbstverständlich wäre es unvermeidbar gewesen, die Polen aus ihrer sich selbst zuerkannten Opferrolle zu lösen und sie nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter darzustellen. Vielleicht wäre verdeutlicht worden, daß Vertreibungen von Deutschen schon vor dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden haben. Circa eine Million Deutsche sind nach dem Versailler Diktat bis 1939 von Polen mit allen Mitteln vertrieben worden. Sollen im deutsch-polnischen Verhältnis diese geschichtlichen Wahrheiten zukünftig Tabu-Themen bleiben?

Daß trotz der Aufweichung des ursprünglichen Konzeptes (nun ein Zentrum gegen "alle" Vertreibungen) eine unangemessene Reaktion gegen die Errichtung in Berlin aus Polen erfolgte, muß nachdenklich stimmen. Das Zentrum gehört nach Berlin, da die Vertreibung der Deutschen eine in der Geschichte einmalige Grausamkeit darstellt, deren Gedenken man eben nur in der Hauptstadt Deutschlands einen angemessenen Platz geben kann. Nur in Berlin wäre das Zentrum auch gleichzeitig ein Symbol für das Bekenntnis der deutschen Regierung zu den Opfern des eigenen Volkes. Einen Standort nach eigenen Vorstellungen auszusuchen, ist in jedem Fall eine innere Angelegenheit der Deutschen.

Polen nicht reif für Europa

Über anständig vorgetragene Hinweise aus Polen zum Zentrum ist sicher nichts einzuwenden. Allerdings sind die unverschämten Äußerungen des ehemaligen polnischen Außenministers Bartoszewski und die Darstellung der BdV-Vorsitzenden Steinbach, in SS-Uniform auf einem kriechenden Bundeskanzler Schröder sitzend, nicht hinnehmbar.

Sie zeigen mehr, als dem polnischen Volk lieb sein kann: Erstens die nicht vorhandene Europareife Polens. Zweitens den Mangel an Fähigkeit zur Anerkennung eigener Schuld. Drittens eine unangemessene Überheblichkeit gegenüber dem Nachbarn Deutschland. Viertens offenbart es die Verachtung gegenüber einer deutschen Politik, die sich wegen ihres Mangels an Selbstbewußtsein und wegen eines ständig einseitigen Gebens wohl in den Augen der Polen der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Ein deutscher Bundeskanzler, der Achtung und Respekt genießt, würde kaum in eine solche Situation geraten.

Daß Bundeskanzler Schröder trotz dieser demütigenden Darstellung seinem polnischen Kollegen beflissen erklärte, gegen einen Standort Berlin zu sein, wird jedem Heimatvertriebenen über die Interessenvertretung der deutschen Opfer durch die deutsche Regierung die Augen geöffnet haben. Es sind schon komische Sachen: Die Wahrung der Würde, ein gesundes Selbstwertgefühl und die Verantwortung gegenüber dem eigenen Volk.


Quelle: Nation & Europa

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