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22. Mai
2009
Unwürdiger Streit
um Vertriebenen-Zentrum:
Polnische
Anmaßung
Von Karl Richter
Als sich 1989/90 die kleindeutsche
Wiedervereinigung abzeichnete, waren nicht alle darüber
begeistert. Die meisten Vorbehalte gab es in Frankreich und
England, aber auch vermeintliche "Partner" der Deutschen wie
Italiener und Spanier waren von der Aussicht auf ein einiges
Gesamtdeutschland nicht erbaut. Eine Stimme freilich
schoß den Vogel ab, es war die des polnischen
Ministerpräsidenten und früheren
Arbeiterführers Lech Walesa. Er sagte in einem
Interview mit der niederländischen Zeitung "Elsevier"
am 7. April 1990 rundheraus, Deutschland müsse
erforderlichenfalls von der Landkarte ausradiert werden,
"wenn die Deutschen erneut Europa in der einen oder anderen
Art destabilisieren... Der Osten und der Westen besitzen die
notwendigen fortgeschrittenen Technologien, um diesen
Urteilsspruch durchzuführen".
Warum diese Reminiszenz? Weil
Maßlosigkeit und heillose
Selbstüberschätzung polnische Dauererscheinungen
sind. Man muß das wissen, um in den Beziehungen zum
östlichen Nachbarland heute nicht ebenso auf die Nase
zu fallen wie in früheren Epochen unserer Geschichte.
Und um schrille, ja skurrile Äußerungen
polnischer Medien und Politiker richtig einordnen zu
können. An solchen fehlte es in den letzten Monaten
nicht, wobei die Deutschen noch nicht einmal die einzigen
sind, gegen die gegiftet wird. Auch Rußland zieht sich
heute wieder verstärkt polnischen Unmut zu, und ganz
schlimm wird es, wenn russisch-deutsche Allianzen
gemutmaßt werden wie im Fall der Ostsee-Gaspipeline.
Gedenken ohne Beteiligung der
Opfer?
Nun also der Streit um das geplante
und längst schon wieder kleingestutzte "Zentrum gegen
Vertreibungen". Nach Lage der Dinge soll es zusammen mit
einer Gedenkstätte in Berlin entstehen, getragen von
einer gleichnamigen "Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen",
der bis vor wenigen Tagen auch die CDU-Bundestagsabgeordnete
und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV),
Erika Steinbach, angehören sollte. Nach monatelangem
Kesseltreiben polnischer Scharfmacher und bundesdeutscher
Verzichtspolitiker - vorzugsweise aus den Reihen der SPD -
knickte Frau Steinbach ein und zog ihre Kandidatur
zurück. Es ist der vorläufige Schlußpunkt
einer unwürdigen, ja peinlichen Posse, wie sie nur im
bundesdeutschen Absurdistan denkbar ist.
Weniger umstritten als Frau
Steinbach ist ein anderes Mitglied des Stiftungsbeirates des
künftigen Zentrums, der bekannte US-Völkerrechtler
Alfred de Zayas. Er äußerte sich dieser Tage in
einem wohltuend nüchternen Gastkommentar für die
FAZ, in dem er die von polnischen Chauvinisten und hiesigen
Nationalmasochisten gleichermaßen angeheizte
Politisierung der Diskussion um das Zentrum bedauerte und
das geplante Andenken an die deutschen Vertreibungsopfer
nach 1945 ausdrücklich verteidigte. Wörtlich:
"Es ist geschichtlich
nicht zu bestreiten, daß die deutschen Vertriebenen
Ungeheuerliches erlitten haben. (...) Vertreibung kann
als Völkermord bezeichnet werden, wenn es
nachweislich die Absicht des Vertreiberstaates ist, eine
Volksgruppe auch nur teilweise zu vernichten. Dies ist
auch die Rechtsprechung des Internationalen
Strafrechtstribunals für das ehemalige Jugoslawien
und des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag. Wenn
etwa Srebrenica als Völkermord gilt, so könnten
auch größere Massaker während der
Vertreibung der Deutschen als Völkermord eingestuft
werden. Das Völkerrecht gilt gleichermaßen
für alle. (...) Es liegt deshalb auf der Hand,
daß die deutschen Vertriebenen in dieser Stiftung
ohne Einschränkung vertreten werden müssen.
(...) Anders wäre die Stiftung sinnlos."
Abgeschnittene
Köpfe
Maßgeblichen Stimmen im
östlichen Nachbarland ist sie gleichwohl ein Dorn im
Auge, noch ehe der Grundstein gelegt wurde. Dabei ist die
schrille Tonlage verräterisch, aber eben auch nicht
neu. Allen Ernstes verglich der frühere
Ghettokämpfer, spätere polnische
Außenminister und jetzige "Regierungsbeauftragte
für den Internationalen Dialog", Wladyslaw
Bartoszewski, Steinbach vor laufender Kamera mit dem
ebenfalls in die Schußlinie geratenen Pius-Weihbischof
Williamson, der bekanntlich Zweifel an der offiziösen
Holocaust-Darstellung hegt. Eine abgedroschene, allzu
billige
Propagandafigur: Ich schwärze jemanden an, indem ich
ihn in die Nähe des leibhaftigen Bösen rücke.
Genausogut hätte Bartoszewski die BdV-Präsidentin
mit Hitler höchstselbst vergleichen können.
Warum die maßlosen
Anwürfe? Zum einen, weil es der landläufigen
polnischen Diskussionskultur entspricht - man erinnert sich,
daß eine polnische Gazette im Vorfeld der
Fußball-EM letztes Jahr ihren Lesern schon mal die
abgeschnittenen Köpfe des deutschen Nationaltrainers
und seines Mannschaftskapitäns Michael Ballack auf der
Titelseite präsentierte. Nicht viel geschmackvoller die
SS-Breitseite, die ein anderes polnisches Blatt schon
vorher, 2003, gegen die BdV- Präsidentin abfeuerte,
indem es sie in schwarzer Uniform mit Hakenkreuz-Armbinde
vorführte.
Zum anderen aber regt sich
augenscheinlich das schlechte Gewissen. Es drückt die
polnischen Vertreiber 60 Jahre nach dem Verbrechen offenbar
so heftig wie am ersten Tag, und die furiose Empörung
zeigt, daß das Ungeheuerliche der an Deutschen
begangenen Verbrechen zum kollektiven Wissen östlich
der Neiße gehört. Es ist von abgründiger
Symbolik, daß in den letzten Monaten einige besonders
schauerliche Massenverbrechen an Ostdeutschen im
wörtlichen Sinne ans Licht kamen, bei Bauarbeiten, wie
zufällig. Ob in Marienburg oder auf Ahlbeck bei
Swinemünde, wo vor Jahresfrist ebenfalls ein Massengrab
mit Überresten ermordeter Deutscher zum Vorschein
gekommen war - die Gebeine der Massakrierten lagen sechzig
Jahre lang nur wenige Meter unter der Erde; in Marienburg
war nach dem Krieg längst eine Behörde auf der
Schädelstätte errichtet worden. Doch auch in
diesem Fall währte das Schweigen nicht ewig, und zu
Hunderten kamen die Knochen der Ermordeten zutage. Daß
schnell polnische Bagger anrückten, um vor
Archäologen und Kriminologen wegzuräumen, was
ging, half nichts. Das Verbrechen von Marienburg, um das die
polnische Bevölkerung stillschweigend genauso Bescheid
wußte wie deutsche Normalbürger im Dritten Reich
um die Existenz von Konzentrationslagern, ist jetzt wieder
zurück in der öffentlichen Wahrnehmung, als
modriger Beweis der eigenen Schuld.
Es wäre verfehlt, anderen
ausgerechnet die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer
eigenen Vergangenheit als nachahmenswertes Vorbild
vorzuhalten. Denn die bundesdeutsche
"Vergangenheitsbewältigung" ruht weithin auf
einseitigen Schuldvorwürfen, die den Besiegten nach dem
Krieg von alliierten Umerziehungs-Psychologen eingetrichtert
wurden und die seither von allzu willigen
Gesinnungshistorikern à la Knopp, Benz und Co.
kritiklos weitergebetet werden. Aber: Niemand, dem es um die
historische Wahrheit zu tun ist, wird in Abrede stellen,
daß auch in deutschem Namen Untaten begangen wurden,
teils aus Vorsatz (im Osten, wo die befreiten Ukrainer der
Wehrmacht zunächst mit Salz und Brot entgegenkamen, ehe
sie zu Tausenden in den Partisanenkrieg getrieben wurden),
teils, weil sich im Krieg immer Schlimmes ereignet.
Vergangenheit so anzuerkennen, wie sie sich nun einmal
ereignet hat, gehört zu den Grundbedingungen des
aufrechten Gangs durch die Geschichte.
Wenigstens einige Lichtblicke
Er fällt hierzulande den
meisten noch schwer genug. Um so bedeutsamer sind behutsame
Versuche, vor lauter "Tätervolk"-Ideologie endlich auch
die eigene Opferrolle wahrzunehmen. Hierher gehört etwa
Jörg Friedrichs bahnbrechende und vieldiskutierte
Bombenkriegs-Studie "Der Brand". Hierher gehören - zwar
fragwürdige, aber immerhin unternommene - Versuche,
deutsches Leid und Sterben mit Mitteln aufwendiger
TV-Doku-Soaps "aufzuarbeiten", zumindest aber ins
Bewußtsein zurückzubringen - den Untergang der
"Wilhelm Gustloff', den Bombenterror von Dresden, den Exodus
der Vertriebenen aus dem Osten mit Maria Furtwängler in
einer Hauptrolle. Man kann es drehen und wenden, wie man
will, aber das Bewußtsein der Deutschen von ihrer
eigenen Geschichte, von ihrer jüngeren Vergangenheit
ist vielschichtiger geworden. Die allzu vordergründige
Schwarzweiß-Tünche à la "Holocaust" (1979)
oder "Das siebte Kreuz" (1938) weicht subtileren
Farbtönen.
Von Preußen profitiert
Die ehemaligen Vertreiberstaaten tun
sich mit einem differenzierteren Geschichtsbild oft noch
schwer. Was nicht verwundert, denn jahrzehntelang
gehörte die eigene Opferrolle zur - kommunistischen -
Staatsräson. Die Rollen waren klar verteilt: die
Deutschen als Okkupanten und "Faschisten", die Einheimischen
als Opfer oder, noch besser, heldenmütige Partisanen.
In Polen kam dazu noch der seit dem 19. Jahrhundert
gehätschelte Mythos vom "Messias unter den
Völkern", eine nationale Leidens-Ideologie, die mit der
historischen Wahrheit ungefähr so viel zu tun hat wie
die abgeschlagenen Kinderhände im Ersten Weltkrieg:
nichts.
Wenn Polen in den letzten gut
zweihundert Jahren immer wieder Opfer mächtigerer
Nachbarn wurde - den drei Teilungen im 18. Jahrhundert
folgte 1939 die vorerst letzte zwischen Deutschland und
Rußland -, dann waren das Land und seine Bewohner
daran oft genug selbst mitschuldig. Jahrhundertelang war die
"polnische Wirtschaft" überall in Europa ein
gängiges Synonym für Schlamperei und Dauerchaos,
und Franz Kugler merkt in seiner berühmten "Geschichte
Friedrichs des Großen" (1841) über die
Aufbauleistung des Preußenkönigs im neuerworbenen
"Westpreußen" an:
"Was von Polen unter
preußische Hoheit kam, ward rasch aus seiner alten
Barbarei emporgerissen und all denjenigen höheren
Gütern des Lebens teilhaftig gemacht, die in den
übrigen Provinzen des preußischen Staates im
regen Wetteifer der Kräfte gediehen. (...) Wo bisher
nur Verwirrung und Rechtlosigkeit geherrscht hatten, ward
eine geregelte Rechtspflege, welche Sicherheit des Lebens
und Eigentums gab, eingeführt; die Schmach der
Leibeigenschaft und das barbarische Standrecht wurden
aufgehoben; zahlreiche Schulen wurden gestiftet (...).
Endlich ward nichts verabsäumt, um Tätigkeit
und Verkehr zu befördern; Kolonisten wurden in
entvölkerten Landstrecken angesetzt; an der
Posteinrichtung erhielt die Landschaft ein ganz neues
Gut."
Größenwahn und
Unzulänglichkeit
Auch die bislang letzte polnische
Teilung, die von 1939, hat bekanntlich ihre ungute
Vorgeschichte, und die Versuche der Reichsregierung, die
Drangsalierung der seit dem Ersten Weltkrieg unter polnische
Herrschaft geratenen Volksdeutschen zu beenden, währten
bis in die letzten Augusttage. Polen, ermuntert von
Kriegstreibern in London und Washington, entschied sich in
maßloser Selbstüberschätzung für den
Konflikt - und bezahlte teuer.
Man sieht: Größenwahn und
eigene Unzulänglichkeit liegen in Polen von jeher nah
beieinander. Es ist der Stoff, aus dem nationale Legenden
sind, die keine abgestuften Farbtöne vertragen - und
schon gar nicht das Eingeständnis eigener Verbrechen.
Der Historiker Hans Meiser bezeichnete Polen in einer
unlängst erschienenen Monographie denn auch als
"Ärgernis" der jüngeren Geschichte.
Nun also der Ärger um das
Berliner Vertreibungszentrum und im besonderen um
BdV-Präsidentin Steinbach. Er ist außerordentlich
peinlich, weil sich bundesdeutsche Politiker bis hinauf zur
Bundeskanzlerin nicht zu schade sind, den polnischen
Einmischungsphantasien so weit wie möglich
entgegenzukommen, um des gutnachbarschaftlichen Friedens
willen. Dabei lehrt alle historische Erfahrung, daß
dieser mit polnischen Chauvinisten und
Vergangenheitsklitterern schlechterdings nicht möglich
ist.
Immer an der Seite Washingtons
Und das Tragische daran: Polen wird
längst wieder von anderen mißbraucht, um in
bewährter Weise Unfrieden zu stiften. In der Koalition
der Willigen, die sich vom Amerika des George W. Bush in den
törichten, herbeihalluzinierten "Krieg gegen den
Terror" hetzen ließen, war Polen am willigsten.
Schlimmer noch: Die dezente Unterstützung Washingtons
im Rücken, gehörte Polen im letzten Sommer zu
denjenigen Satrapen, die den US-israelischen
Außenposten Georgien am lautesten bejubelten, als
dieser im Kaukasus zündelte. Und natürlich war
Warschau sofort dabei, als Mister Bush Unterstützer
für seine Raketenschild-Provokation brauchte. In der
benachbarten Tschechischen Republik, die davon ebenfalls
betroffen wäre, regte sich zumindest noch
öffentlicher Protest.
Im Streit um das Berliner
Vertreibungszentrum kann deshalb nicht viel herauskommen, so
lange dabei der Konsens mit Warschau
gesucht wird; da wird auch der Steinbach-Rückzug nicht
viel helfen. Schlimmstenfalls werden Zentrum und Stiftung
bis auf eine unverbindliche Hülle entkernt - denn
gerade der deutschen Vertriebenen soll nach polnischen
Vorstellungen ja nicht gedacht werden. Im übrigen ist
es an Peinlichkeit nicht zu überbieten, daß
Deutschland nicht den Mut findet, eine Gedenkstätte zu
Ehren seiner Vertriebenen kurz und bündig ohne die
Einmischung oder Zustimmung der Vertreiberstaaten zu
errichten. Daß die Hinzugebetenen unter solchen
Umständen übermütig werden, darf eigentlich
nicht verwundern.
Tragische Figur
BdV-Präsidentin Steinbach ist
dabei alles in allem eine tragische Figur. Die 1943 in der
Nähe von Danzig geborene und 1945 mit ihrer Mutter nach
Schleswig-Holstein geflohene CDU-Politikerin kämpft in
der entsouveränisierten Merkel-Republik auf verlorenem
Posten. Ob sie sich diese Einsicht nach ihrer jüngsten
Niederlage zueigen macht, bleibt abzuwarten. Die
nächsten Monate werden zeigen, daß in diesem Land
nicht einmal für das harmloseste, unverbindlichste
Gedenken an die eigenen Vertreibungsopfer Platz ist. Es wird
enden wie im Fall des geplanten Ehrenmals für die
gefallenen Bundeswehrsoldaten, das im Innenhof des Berliner
Bendler-Blocks entstehen soll, als transparente
Laubhütten-Konstruktion ohne Aussage. So wird am Ende
auch das Vertriebenen-Denkmal, sollte es denn jemals kommen,
als steingewordene Peinlichkeit das Licht der
Öffentlichkeit erblicken, versehen mit einer politisch
korrekten Inschrift, die die eigenen Vertriebenen zu guter
Letzt noch in bester Weizsäcker-Manier subtil zu
Schuldigen erklärt - wetten, daß? Und: Polnischer
Einmischungsversuche wird es dazu gar nicht bedürfen.
Ihr eigenes Nest haben bundesdeutsche Nationalmasochisten
selbst noch immer am erfolgreichsten beschmutzt.
Im Griff der Verzichtsparteien
Der Hinweis muß erlaubt sein,
daß auch eine Veranstaltung wie der sogenannte "Bund
der Vertriebenen" (BdV) vor dieser Kulisse längst zu
einer reinen Alibiposse geworden ist. Vom Staat alimentiert
und fest im Griff der tonangebenden Verzichtsparteien,
vertritt der BdV alles, nur nicht die Interessen der
Vertriebenen und ihrer Nachkommen. Erika Steinbach wirkte da
schon vor ihrem Rückzieher wie ein weiblicher Don
Quichotte, rührend anzusehen im braven Kostüm,
aber alleingelassen wie die Vertriebenen selbst. Einmal im
Jahr kümmert sich die Politik um sie - auf den biederen
Sudetendeutschen- und Schlesiertreffen -, und selbst da
müssen sie sich noch maßregeln lassen, daß
es im schönen neuen EU-Europa nichts mehr wird mit dem
Recht auf die alte Heimat, geschweige denn mit
Entschädigung und Wiedergutmachung. Im übrigen
handelt es sich um eine aussterbende Klientel, die man
ungestraft links liegen lassen kann.
Was bleibt also vom Streit um das
Berliner Vertriebenen-Zentrum? Eine bundesdeutsche
Realsatire. Auch wenn einem eher zum Heulen ist.
Quelle: Nation &
Europa
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