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20. Juni
2008
Die Leistungen der
Deutschen Wehrmacht,
einschließlich
der Waffen-SS, zur Rettung deutscher Flüchtlinge und
Heimatvertriebener
Von Rolf-Josef Eibicht
Am 19. Oktober 1944 erreichten
sowjetische Verbände in Ostpreußen zum erstenmal
deutsches Reichsgebiet, am 21. Oktober konnten sie mit einem
Angriffskeil das südöstlich von Insterburg
gelegene Nemmersdorf erobern. 48 Stunden später
führte ein Gegenangriff der deutschen 4. Armee unter
General Friedrich Hoßbach zur Einkesselung und
Vernichtung der eingedrungenen feindlichen Kräfte und
zur Befreiung mehrerer Orte im Kreis Gumbinnen. Den
deutschen Soldaten bot sich dabei in Nemmersdorf ein
unvorstellbares Bild. Alle deutschen Zivilisten, die vor dem
Angriff der Sowjets nicht mehr fliehen konnten, waren auf
bestialische Weise ermordet worden, die Frauen vorher
vergewaltigt oder lebend an Scheunentore genagelt, Kinder
erstochen und erschlagen, Flüchtlingstrecks von Panzern
überrollt.
Es zeigte sich auch bald, daß
sich hier nicht die Mordgesinnung einzelner Truppenteile
ausgetobt hatte, sondern daß hier grausame Verbrechen
mit Wissen und Willen der sowjetischen politischen und
militärischen Führung begangen worden waren. Bei
den in den Kämpfen gefallenen sowjetischen Soldaten
fand man blaßbläuliche Handzettel in der
Größe etwa eines Briefumschlags, die einen Aufruf
des kommunistischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg mit
folgendem Text enthielten: "Tötet, tötet! Es gibt
nichts, was an den Deutschen unschuldig ist, die Lebenden
nicht und die Ungeborenen nicht! Folgt der
Weisung des Genossen Stalin und zerstampft für immer
das faschistische Tier in seiner Höhle. Brecht mit
Gewalt den Rassenhochmut der germanischen Frauen. Nehmt sie
als rechtmäßige Beute. Tötet, ihr tapferen,
vorwärtsstürmenden Rotarmisten!"
Damit wurden die Truppen eines
riesigen Landes dazu aufgefordert, sich bei der Besetzung
Deutschlands als eine Bande von Mördern und
Schwerverbrechern zu betätigen. Und es zeigte sich
bald, daß dieser Aufruf nur allzu gut verstanden
worden war. Ehrenburg hatte solche Texte schon seit
Kriegsbeginn im Sommer 1941 ununterbrochen verfaßt;
ihre Gesamtzahl wird auf etwa 3.000 geschätzt, ihr
ständig wiederkehrender Tenor lautete: "Es gibt nichts
Schöneres für uns als deutsche Leichen. Töte
den Deutschen!" Diese Appelle wurden sowjetischen Truppen
häufig vor Angriffen vorgelesen und zeigten ihre
Wirkungen.
1945 erwartete Stalin, daß die
deutsche Bevölkerung vor seinen Truppen entweder floh
oder im Sinne von Ehrenburgs Aufrufen "ausgemordet" wurde,
um einen Ausdruck von Ernst Jünger zu gebrauchen.
Stalin wollte die deutschen Ostgebiete also
planmäßig entvölkern, um sie durch Polen und
Russen neu besiedeln zu lassen.
Dazu kamen Verschleppungen,
sogenannte Deportationen, in die Sowjetunion, wo ebenfalls
Unzählige den Tod durch Hunger und Seuchen fanden.
Überlebende Deutsche wurden dann in die westlich von
Oder und Neiße gelegenen Gebiete vertrieben, ein
Verfahren, dessen Durchführung "in humaner Weise" auch
von den USA, England und Frankreich gebilligt worden war. Im
Sinne dieser Ziele ging man auch innerhalb der Roten Armee
gegen diejenigen vor, die sich Morden und anderen Verbrechen
an Deutschen entgegenstellen wollten. Beispielsweise wurde
deshalb der Major Kopelew zur Zwangsarbeit verurteilt,
Grund: "Mitleid mit dem Feinde".
Nemmersdorf blieb somit kein
Einzelfall. Die dort verübten Morde und
Mißhandlungen wiederholten sich, wo Deutsche von
sowjetischen Verbänden überrollt wurden. Beteiligt
waren daran aber auch Polen, Tschechen und Jugoslawen in den
von der Roten Armee besetzten Gebieten. Zu den sofort
Ermordeten kamen diejenigen Deutschen, deren Tod durch
Unterernährung und Krankheit zielbewußt
herbeigeführt wurde. Der Historiker Heinz Nawratil
faßt als Ergebnis dieses Grauens zusammen: "Als Bilanz
des Geschehens östlich und südöstlich von
Oder, Neiße und Böhmerwald bleibt festzuhalten:
Nach derzeitigem Erkenntnisstand liegen die
Vertreibungsverluste (einschließlich der
Deportationsverluste) der deutschen Zivilbevölkerung im
Osten zwischen 2,8 und 3 Millionen Menschen". Und weiter
schreibt er: "Ungezählt blieben bis heute die
Fälle von Vergewaltigung, schwerer Mißhandlung
und andere Verbrechen, die bleibende körperliche oder
psychische Schädigungen im Gefolge hatten". Aber nicht
nur die deutsche Zivilbevölkerung, auch die von den
Sowjets, Polen, Tschechen und Jugoslawen gefangengenommenen
deutschen Soldaten erwartete ein barbarisches Schicksal. Im
Durchschnitt ist mehr als jeder dritte deutsche Soldat in
sowjetischer Gefangenschaft umgekommen, schätzungsweise
rund zwei Millionen. In Jugoslawien wurde sogar jeder zweite
deutsche Kriegsgefangene planmäßig umgebracht,
etwa 200.000. In Polen und in der Tschechoslowakei waren es
etwa 22.000.
Spätestens seit Nemmersdorf
wußte der deutsche Soldat aber auch, weshalb er im
Osten auch dann noch kämpfte, wenn er den Krieg
verloren gab. Es mußte aus seiner Sicht alles getan
werden, um die Flucht der deutschen Bevölkerung aus den
vom sowjetischen Einmarsch bedrohten Gebieten zu
ermöglichen oder Brückenköpfe an der Ostsee
zu verteidigen, um die dort von einer Landverbindung zum
Westen abgeschnittenen Zivilisten soweit wie möglich
über See zu evakuieren. Das konnte angesichts der
sowjetischen Übermacht trotz aller Tapferkeit nur zum
Teil gelingen, aber der aufopfernde Kampf deutscher Truppen
an der Ostfront hat Unzählige vor einem Schicksal
bewahrt, das die Zurückgebliebenen nicht verschont hat.
Und es mußte ebenso darauf ankommen, möglichst
viele deutsche Soldaten vor sowjetischer Gefangenschaft zu
bewahren. Daß dies nur in geringem Umfang gelang, lag
an den Westmächten, die viele deutsche Kriegsgefangene
an die Sowjets auslieferten und somit ihren Tod oder
jahrelange Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen
verschuldeten.
Am 14. Januar 1945 begann der
Großangriff der Roten Armee gegen Ostpreußen.
Sie drang mit überlegenen Kräften aus ihren
Stellungen am Narew nach Norden vor und besetzte den
südlichen Teil der Provinz, aber als noch
verhängnisvoller erwies sich ihr Vordringen entlang der
Weichsel bis zur Ostsee. Am 23. Januar war Ostpreußen
vom Reichsgebiet getrennt, die Masse seiner Bevölkerung
von einem Landweg für die Flucht abgeschnitten. Ihre
Rettung konnte nur noch über See erfolgen, soweit es
den zahlenmäßig weit unterlegenen deutschen
Truppen gelang, ein weiteres Vordringen der Sowjets
aufzuhalten oder zu verzögern.
In Ostpreußens Hauptstadt
Königsberg hatten sich Zehntausende von
Flüchtlingen in der Hoffnung versammelt, von da aus mit
dem Schiff über den Ostseehafen Pillau evakuiert zu
werden. Am 30. Januar unterbrach die Rote Armee jedoch die
Landverbindung zwischen Königsberg und Pillau; die
geplante Evakuierung konnte erst wieder aufgenommen werden,
als die Strecke am 19. Februar wieder freigekämpft
worden war. Dabei boten sich den deutschen Truppen in dem
westlich von Königsberg gelegenen Metgethen Bilder, die
denen von Nemmersdorf in nichts nachstanden.
Südwestlich von Königsberg
hielt die deutsche 4. Armee um Heiligenbeil bis Ende
März einen Brückenkopf, in dem sich gleichfalls
Zehntausende von Flüchtlingen drängten und
lohnende Ziele für die sowjetische Artillerie und
Luftwaffe abgaben. Sie konnten sich nur retten, wenn sie
über das zugefrorene Frische Haff auf den schmalen
Sandstreifen der Frischen Nehrung wanderten und von da
über die Ostsee abtransportiert wurden. Ende Februar
wurde das Eis jedoch schon brüchig, so daß ein
Verlassen des Festlandes immer schwieriger wurde.
Ein dritter Brückenkopf wurde
im Raum Danzig gehalten. Er wurde Ende März gleichfalls
stark zusammengedrängt, nur ein kleines Gebiet um das
östlich von Danzig gelegene Stutthof blieb bis zur
Kapitulation im Mai in deutscher Hand. Auch hier hatten sich
Flüchtlinge in großer Zahl auf engstem Raum
versammelt und erwarteten ihre Rettung durch die deutsche
Kriegs- und Handelsmarine. Aber diese Rettung war nur
möglich, wenn die Front gegen einen vielfach
überlegenen Gegner von deutschen Verbänden
gehalten wurde, die abgekämpft waren, keinen Ersatz
mehr erhielten und ohne ausreichenden Nachschub an Waffen,
Munition und Verpflegung blieben. Der deutsche Soldat hat
in diesen Kämpfen noch einmal Unvorstellbares
geleistet.
Vom Festland führten sechs
Eisstraßen zur Frischen Nehrung, auf denen Eisspalten
gekennzeichnet und dünne Eisflächen verstärkt
worden waren. Auf der schmalen Nehrung selber aber gab es
nur einen Weg in Richtung Danzig oder Pillau, der die Masse
der Flüchtlinge nicht aufnehmen konnte.
Die 4. Armee ließ deshalb
durch ihre Pioniere eine Eisstraße parallel zur
Nehrung, ungefähr 300 bis 400 Meter parallel zum Ufer,
sichern, auf denen viele Flüchtlinge nach Pillau zogen.
Der Nehrungsweg wurde durch den Einsatz von etwa 15.000
Baupionieren und Männern der Organisation Todt zu einem
Knüppeldamm ausgebaut, auf denen 100 Lastkraftwagen der
Armee gleichfalls zahlreiche Flüchtlinge nach Pillau
brachten, von wo sie über See evakuiert wurden. Die 4.
Armee hielt ihre Stellungen um Heiligenbeil, bis sie ihre
Hauptaufgabe, die Rettung der dort zusammengedrängten
Bevölkerung, erfüllt hatte. Zehn Wochen lang hatte
sie den Sowjets standgehalten, als ihre Reste am 29.
März ebenfalls auf die Nehrung übersetzten.
Im eingeschlossenen Raum Danzig
hatten sich gleichfalls unübersehbare
Flüchtlingsströme angesammelt. Nördlich der
Stadt fanden in den Dünenwäldern an der Küste
Tausende von ihnen den Tod durch russische Tiefflieger. Auch
der Ring um Gotenhafen zog sich immer enger zusammen, die
Lage der hier zusammengedrängten Flüchtlinge und
der Verwundeten wurde immer katastrophaler. In den letzten
Märztagen begann die Räumung dieses Gebiets und
die Evakuierung der Bevölkerung und Truppen auf die
Halbinsel Hela. Am 28. März war die Aktion
abgeschlossen, den Sowjets fiel nur eine leere Stadt in die
Hände. Möglich war dies, weil das VII.
Panzerkorps, darunter die 7. Panzerdivision des
Brillantenträgers General Mauß sowie die 4.
SS-Polizei-Panzer-Grenadier-Division, den Abzug unter
Aufbietung aller Kräfte deckte. Von Danzig, Gotenhafen
und Hela konnten insgesamt 1.347.000 Soldaten und Zivilisten
über See abtransportiert werden.
Die sowjetischen Verbände waren
aus ihren Brückenköpfen an der Weichsel am 12.
Januar auch zum Vormarsch Richtung Oder angetreten und
hatten den Strom am 31. Januar bei Frankfurt und
Küstrin erreicht, wobei sie etwa 600 Kilometer
vorgestoßen waren. Die bereits an der Weichsel schwer
angeschlagenen deutschen Truppen konnten diesen Angriff nur
wenig verzögern. Dementsprechend fielen in diesem
Gebiet besonders viele Deutsche in sowjetische Hand. Somit
war die Zahl der im Warthegau und im östlich der Oder
gelegenen Teil der Mark Brandenburg ermordeten Deutschen
besonders hoch. In Ostbrandenburg wurden 35 Prozent der
Bevölkerung umgebracht.
Der sowjetische Vormarsch endete an
der Oder, weil die Führung der Roten Armee ihre
Kräfte für den Angriff auf Berlin neu gruppieren
und Reserven heranfahren wollte. Aber sie richtete ihre
Operationen von da ab verstärkt nach Norden, wo ganz
Ostpommern zunächst fast völlig unverteidigt war.
Es gelang nur mit großer Mühe, diese
Frontlücke notdürftig zu schließen. Zu einer
der beiden deutschen Armeen, die eine von der Oder bis zur
Weichsel reichende Verteidigungslinie bildeten,
gehörten nur fünf reguläre deutsche
Divisionen. In der Mehrzahl bestand sie aus nichtdeutschen
Freiwilligen-Divisionen der Waffen-SS: Skandinaviern der
Panzer-Grenadier-Division Nordland, Walloniern der
Panzer-Grenadier-Division Wallonie, Holländern der
Panzer-Grenadier-Division-Nederland. Im östlichen Teil
Pommers wurde die französische SS-Freiwilligen-Division
Charlemagne eingesetzt.
Die vielfach überlegenen
sowjetischen Kräfte konnten Pommern jedoch in der
letzten Februar- und der ersten Märzwoche zu einem
großen Teil besetzen, vor allem aber bei Cammin am
östlichen Mündungsarm der Oder die Ostsee
erreichen und so die noch an der ostpommerschen Küste
stehenden deutschen Verbände und dort
zusammengedrängten Flüchtlingsmassen
von der Landverbindung mit dem Westen abschneiden.
Östlich der Oder konnten nur noch die Stadt Kolberg
sowie der östlich von Stettin gelegene Brückenkopf
Altdamm für kurze Zeit gehalten werden. In Kolberg
befanden sich etwa 70.000 Zivilisten. Die Stadt wurde von
polnischen und sowjetischen Verbänden ununterbrochen
angegriffen und ihr Verteidigungsraum immer mehr
zusammengedrängt. Er lag unter unaufhörlichem
Beschuß der feindlichen Artillerie. Aber trotz hoher
Ausfälle verteidigte die schwache deutsche Besatzung
Kolberg, um den Abtransport der Flüchtlinge zu
ermöglichen, für den Schiffsraum zunächst
noch nicht zur Verfügung stand. Erst in der Nacht vom
17. zum 18. März war die Evakuierung über See
möglich. Als die Polen und Sowjets am 18. März in
die Ruinen der Stadt eindrangen, waren alle Zivilisten,
Verwundeten und noch kampffähigen Soldaten, insgesamt
etwa 75.000 Menschen, eingeschifft worden.
Der Brückenkopf Altdamm konnte
sich gegen heftigste sowjetische Angriffe vom 6. bis zum 20
März, gleichfalls gegen vielfache feindliche
Übermacht, halten. Der Sinn dieser Operation bestand
darin, den Hafen Stettin und damit eine wichtige
Seeverbindung für den Verkehr mit den in Ostpommern,
Westpreußen und Ostpreußen noch bestehenden
Brückenköpfen zu halten. Die Sowjets mußten
hohe blutige Verluste hinnehmen, bis ihnen schließlich
die Eroberung von Altdamm gelang. Die deutsche
Bevölkerung sowie die deutschen Verbände konnten
vorher auf das Westufer der Oder zurückgenommen werden.
Der Verlust des Stettiner Hafens bedeutete allerdings eine
erhebliche Erschwerung für die deutschen Seetransporte.
Die in schweren Kämpfen bereits
stark dezimierte französische SS-Freiwilligen-Division
Charlemagne erreichte nach einem langen Marsch durch
Gebiete, die teilweise schon von den Sowjets besetzt waren
und in denen sie auf Schritt und Tritt ermordete Deutsche
vorfand, die Ostsee im Bereich der Dievenow, wo die Sowjets
den Weg nach Westen bereits verlegt hatten. Am 9. März
bezog sie ihre Ausgangsstellungen für den geplanten
Durchbruch, in der Nacht vom 11. zum 12. März griff sie
an. Am Morgen des 12. März erreichte sie nach schweren
Nachtkämpfen deutsche Stellungen auf der Insel Wollin,
mit ihr kamen etwa 10.000 deutsche Flüchtlinge, die
bereits jede Hoffnung aufgegeben hatten.
Bis zur Dievenow-Brücke
zwischen Ostpommern und der Insel Wollin hatte sich auch ein
Infanterie-Bataillon zurückgekämpft, das in
Belgard aus ganz frisch gezogenen Rekruten ohne jede
Ausbildung und Kampferfahrung und kampferfahrenen, jedoch
meist verwundeten Artilleristen gebildet worden war. Dem
Hauptmann, der diese Einheit führte, wurde an der
Dievenow-Brücke mitgeteilt, daß sich hinter den
sowjetischen Linien noch ein Flüchtlingstreck nach
Westen bewege, für den der Weg freigekämpft werden
müsse. Darauf trat die Einheit, die man kaum noch als
Truppe bezeichnen konnte, noch einmal zum Sturm auf das Dorf
Raddack an und stellte die Verbindung zu den
Flüchtlingen her.
Als die Sowjets am 16. April an der
Oder ihre Offensive gegen Berlin begannen und rasch nach
Westen vorstießen, kesselten sie südwestlich von
Frankfurt/Oder die deutsche 9. Armee und mit ihr
Zehntausende von deutschen Flüchtlingen ein. Der
Entsatz dieser Verbände war nur durch die neugebildete
12. Armee des Generals Wenck möglich, die in der Masse
aus neu aufgestellten Divisionen bestand. Die Truppe
verfügte zwar über vielfach bewährte
Offiziere, aber ihr Mannschaftsbestand setzte sich zu einem
erheblichen Teil aus ganz jungen Soldaten zusammen. Die 12.
Armee verteidigte im April den Raum Magdeburg gegen
angreifende amerikanische Verbände, als ihr am 23.
April ein Entsatzangriff auf das bereits fast völlig
eingeschlossene Berlin befohlen wurde. Militärisch war
dieser Befehl nicht sinnlos, da die Westalliierten der Roten
Armee die Eroberung Berlins überlassen wollten und
deshalb im Bereich der 12. Armee nicht weiter nach Osten
verstießen. Zunächst sollte die 12. Armee jedoch
direkt nach Osten vorstoßen, sich dort mit der
eingekesselten 9. Armee vereinigen und dann nach Berlin
abdrehen.
General Wenck bezweifelte, ob
angesichts einer überwältigenden sowjetischen
Übermacht der Entsatz Berlins noch möglich sein
werde. Aber die Befreiung der 9. Armee des Generals Busse
sowie der mit ihr eingeschlossenen Flüchtlinge machte
den Angriff der 12. Armee in seinen Augen unausweichlich. Er
schrieb nach dem Krieg darüber: "Es muß
erwähnt werden, daß sich im Laufe der Kämpfe
Tausende und Abertausende von Flüchtlingen aus den
verlorengegangenen Ostgebieten, aus Schlesien, aus dem Oder-
und Wartheraum, aus Pommern und anderen Gegenden in den
Schutz unserer Armee retteten. Sie wollten das westliche
Deutschland erreichen. Der Soldat, der diese
grauenerregenden Bilder sah, die Schilderungen der
gequälten Menschen vernahm, die nach dem Verlust von
all ihrer Habe, nach den Erlebnissen der ersten russischen
Besetzung geflüchtet waren, der stellte sich noch
einmal in bewundernswürdiger Tapferkeit dem Feind. Auch
wenn die Lage aussichtslos war, kämpfte er, um durch
seinen Einsatz diesen Menschen - in der überwiegenden
Masse Frauen und Kinder - den Weg nach Westen zu
ermöglichen. Darin lag auch der tiefere Sinn des
erschütternden Heldentums der letzten, der
jüngsten Soldaten unseres Vaterlandes in den April- und
Maitagen 1945. Und ihr Einsatz hat sich gelohnt, wenn auch
diese letzte deutsche Armee das Schicksal nicht zu
ändern vermochte."
Die 12. Armee kämpfte sich aus
ihrem Bereitstellungsraum nach Osten durch immer
stärkere Verbände der Sowjets. Am Nachmittag des
28. April befreite sie die mit 3.000 deutschen Verwundeten
belegten Heilstätten von Beelitz südlich Potsdam
und brachte mit ihren Fahrzeugen die nicht
Marschfähigen im Pendelverkehr bis zur Elbe. Die
bereits eingeschlossenen 20.000 Soldaten des
Verteidigungsbereichs Potsdam unternahmen einen Ausbruch und
vereinigten sich mit Verbänden der 12. Armee.
Währenddessen kämpften sich die Reste der 9. Armee
gegen starken sowjetischen Widerstand langsam nach Westen,
der bereits in ihren Flanken heftig angegriffenen 12. Armee
entgegen. Ihre Spitze bildete ein einziger noch
einsatzfähiger Tiger-Panzer. Am Morgen des 1. Mai
gelang die Vereinigung der beiden Armeen. Etwa 30.000
Menschen, darunter mindestens 5.000 Flüchtlinge, wurden
von den Truppen des Generals Wenck aufgenommen und nach
Westen geschafft. Ein Durchbruch nach Berlin war jedoch
nicht mehr möglich.
General Wenck sah seine wichtigste
Aufgabe nun darin, die etwa 100.000 Mann seiner Armee, die
25.000 Mann der 9. Armee, die Soldaten aus dem
Verteidigungsbereich Potsdam sowie unzählige Verwundete
und Flüchtlinge an die Elbe und dort in die
amerikanisch besetzte Zone zu bringen. In Verhandlungen
lehnten es die Amerikaner jedoch ab, Zivilisten über
die Elbe zu lassen. Die nachdrängenden Sowjets
beschossen jedoch von den Amerikanern besetztes Gebiet, die
sich darauf hin nach Westen zurückzogen. Das gab der
12. Armee die Möglichkeit, auch die von ihr
beschützten Flüchtlinge über den Strom zu
bringen. Nachhuten der 12. Armee deckten den Rückmarsch
und verhinderten den sowjetischen Vormarsch, bis alle
Verwundeten, Soldaten und Zivilisten die Elbe überquert
hatten. Entgegen den mit den Amerikanern getroffenen
Vereinbarungen wurden sie dann aber als Kriegsgefangene an
die Sowjets ausgeliefert.
Mit den letzten seiner Soldaten ging
am 7. Mai bei Ferchland General Wenck über die Elbe. Er
wurde dabei schon von Rotarmisten beschossen. Der Stabschef
der deutschen 12. Armee, Oberst i.G. Reichhelm, faßte
nach dem Krieg den Einsatz der Truppe wie folgt zusammen:
"Rückblickend muß festgestellt werden, daß
dieser letzte Kampf in soldatischer Pflichterfüllung
für das deutsche Volk würdig beendet worden ist
und den jungen, vier Wochen vorher noch kampfungewohnten
Soldaten noch einmal der Glaube an Moral und Disziplin
gestärkt wurde".
Insgesamt konnten etwa 100.000
Soldaten zwischen Havelberg und Ferchland sowie Zehntausende
von Zivilisten über die Elbe gebracht werden. Einen Tag
später war der Krieg zu Ende.
40 Jahre später
veröffentlichte der Bundestagsabgeordnete Lorenz Niegel
folgenden Text: "Menschen in Deutschland - diesseits und
jenseits der sogenannten Staats- bzw. Demarkationslinie, die
den 8. Mai 1945 bewußt erlebt haben, werden sich an
die Not und die Schmach erinnern, die sie und ihre
Angehörigen durchgemacht haben: Unnötige
Gefangenschaft, Ausplünderung, Vertreibung,
Vergewaltigung, Hunger und Tod nach dem 8. Mai...
Für Soldaten und Zivilisten, für Frauen und
Kinder, für die überwältigende Mehrheit
unseres Volkes konnte dieser Tag kein Tag der Befreiung
sein. Der 8. Mai 1945 war und ist im Erleben unseres Volkes
einer der traurigsten Tage, ein Tag der tiefen
Demütigung, zumal er dem persönlichen Elend unsere
Ächtung als Nation und die Verweigerung unserer
staatlichen Einheit hinzufügte".
Er antwortete damit dem damaligen
Bundespräsidenten von Weizsäcker, der in einer
Rede am 8. Mai 1985 erklärt hatte: "Der 8. Mai war ein
Tag der Befreiung".
Quelle: Rolf-Josef
Eibicht/Anne Hipp: DER VERTREIBUNGS-HOLOCAUST
(Seite 76-83)
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