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12. Juni 2009

Späte Spurensuche in Slowenien:
Titos Genozid kommt ans Licht

Von Andreas Mölzer, MdEP

Kürzlich hat man in Slowenien die "Huda Jama", die "schlimme Grube", geöffnet, jenes Bergwerk in der Nähe von Lasko, in dem die Tito-Partisanen unmittelbar nach Kriegsende Tausende, wenn nicht gar Zehntausende Menschen bestialisch ermordeten. Der Autor dieser Zeilen hat bereits vor sechs Jahren gemeinsam mit dem unvergessenen Carl Gustaf Ströhm den ersten Teil seiner Filmdokumentation über die Tito-Partisanen gedreht - damals auch vor der "Huda Jama". Und sie haben jenen Lastwagenfahrer interviewt, der bei den Transporten dabei war. Das massenhafte Entsetzen und der öffentliche Aufschrei blieben damals aus. Heute, wo das Massengrab geöffnet wurde und man die mumifizierten Leichen im Schacht und die skelettierten Reste unzähliger Menschen fand, empören sich die Medien weltweit - gottlob.

Jüngst bei einer Club-2-Diskussion im österreichischen Fernsehen (ORF), an der der Autor dieser Zeilen teilnahm, wurde vom ORF-Moderator Köhlmeier in einigen Nebensätzen angemahnt, nicht von "Vernichtungslagern" in Jugoslawien zu sprechen. Vernichtungslager, das seien doch ausschließlich die Nazi-KZ, in denen der Holocaust stattfand. Im Nachkriegsjugoslawien unter den Tito-Partisanen, das sei doch etwas ganz anderes gewesen. Köhlmeier und die anderen politisch korrekten Genossen pflegen zwischen Opfern und Opfern beinhart zu differenzieren. Dem Autor dieser Zeilen ist allerdings jedes Opfer gleich wert: das jüdische Kind, das in Auschwitz zu Tode kam, ebenso wie das volksdeutsche Kind, das in Tüchern oder Rudolfsgnad infolge des Tito-Terrors verhungerte. In Tüchern waren in den Monaten nach Kriegsende Zehntausende Menschen interniert, und die meisten von ihnen wurden mit nächtlichen Lkw-Transporten in jene Grube geführt, die nunmehr geöffnet wurde: slowenische Domobranzen wie jene, die von den Engländern aus dem Viktringer Lager den Partisanen übergeben wurden, Zehntausende jener Kroaten, die auf dem Bleiburger Feld den Partisanen ausgeliefert wurden und natürlich jugoslawiendeutsche Kriegsgefangene und möglicherweise auch verschleppte Kärntner.

Das Recht der Opfer

Wenn die Republik Slowenien heute deren Leid öffentlich macht und aufarbeitet, so ist ihr das hoch anzurechnen. Natürlich steht die Frage im Raum, warum dies mehr als sechs Jahrzehnte lang nicht geschehen ist. Dennoch ist es besser, daß die Dinge spät gesühnt werden als niemals. Jedes dieser Opfer hat das Recht, nach Möglichkeit identifiziert und anständig beigesetzt zu werden. Und jedes einzelne Opfer schreit auch danach, daß seine Mörder beim Namen genannt und vor Gericht gestellt werden - so sie noch leben. Im ehemaligen Jugoslawien gab es ein Kartell des Schweigens, und viele der Verantwortlichen, aber auch der unmittelbar Ausführenden der Tito-Greuel, die bei Kriegsende sehr jung waren, leben noch. Auch hier kann es nicht zweierlei Maß geben: Während man die Täter der NS-Greuel bis ins Greisenalter, ja bis ins Grab hinein mittels DNS-Analysen verfolgt, will man über die stalinistischen und titoistischen Greuel stillschweigend hinweggehen. Auch deren Opfer haben aber das Recht, daß die Verursacher der an ihnen verübten Untaten ausgeforscht, beim Namen genannt und - so sie noch leben - verurteilt werden.

Schier unerträglich ist es allerdings, wenn die vom Stalinismus und vom real existierenden Sozialismus verursachten Untaten des 20. Jahrhunderts kleingeredet werden. Während die Verharmlosung der NS-Verbrechen strafrechtlich geahndet wird, hat die Verniedlichung der stalinistischen Verbrechen in den Medien und in den politisch verantwortlichen Kreisen geradezu System. Alle Jahre wieder müssen wir uns anhören, daß es in Dresden ohnedies "nur" 30 000 Opfer waren, die der anglo-amerikanische Bombenterror unter den Zivilisten der Elb-Metropole verursacht hatte. Ganze Wissenschafter-Kommissionen beschäftigen sich damit, die Opferzahl zu minimieren, daß nur ja nicht irgend welche bösen Rechtsextremisten Recht hätten mit ihrer Aussage, daß es hier ein Völkermord-Verbrechen gegeben hätte. Ähnlich ist es mit den tito-kommunistischen Verbrechen: Die Opfer seien ja "nur" verhungert, sie seien "nur" durch spontane Grausamkeiten wie Erschlagen zu Tode gekommen und keinesfalls systematisch und industriell in Massen ermordet worden. Ganz, als machte das für das Opfer einen Unterschied und als würde das den Täter moralisch entlasten.

Zweierlei Maß

Dem Ganzen liegt ein verräterischer alttestamentarischer Denkmechanismus zugrunde: Da gibt es einerseits auserwählte Opfer, und alles andere ist offenbar Menschenmüll; Auserwählte, die bis ins siebente Glied gerächt werden müssen, und andere, die man getrost vergessen kann; Auserwählte, deren Brandopfer nicht bezweifelt und nicht geschmälert werden darf, und das ist gut so, andere aber, deren Opfer unerheblich sein soll. Gegen eine solche Denkweise kann man nicht laut und entschieden genug protestieren. Alle Menschen sind gleich an Würde und Rechten. Verbrechen an ihnen, ihre Entwürdigung, ihr Quälen oder gar das Morden ist gleichermaßen verbrecherisch. Und deshalb ist es gut, daß sich Slowenien zumindest jetzt entschlossen hat, die Schädelstätten zu erforschen.


Quelle: Nation & Europa

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