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17. Januar
2005
Tragödie des
absoluten Gehorsams
Alfred Jodl -
Hitlers militärischer Berater
Von Bodo
Scheurig
Alfred Jodl - Generaloberst, Chef
des Wehrmachtführungsstabes und 1946 in Nürnberg
durch den Strang hingerichtet - verkörpert den Jammer
oder die Tragödie des absoluten Gehorsams.
Ursprünglich Opponent Hitlers und ein herausragender
Generalstabsoffizier des Reichsheeres, verstrickten ihn
später Amt und eine Gläubigkeit, die sich auch
gegen klare militärische Erkenntnisse behauptete. Wenn
er trotzdem - und zwar als einziger in Hitlers unmittelbarer
Umgebung - einer Auseinandersetzung wert bleibt, so vor
allem deshalb, weil er dem Diktator auch schroff, mit
hochfahrender Schärfe widersprach und die
Aufkündigung der Genfer Konvention zu verhindern
wußte. Sein Charakterbild - geprägt durch
tiefgreifende, unauflösbare Widersprüche - stellt
namentlich den Historiker vor Rätsel.
Jodl war als Chef des
Wehrmachtführungsstabes ersetzbar, vor allem durch
vollkommen Unterwürfige, aber Hitler verweigerte seine
vorgesehene Ablösung, nachdem der präsumtive
Nachfolger Paulus in Stalingrad geblieben war. Hitler hielt
Jodl, auch wenn er diesem Berater hartnäckig grollte,
während der Kaukasus-Krise 1942 nicht zu ihm gehalten
zu haben. Selbst Eisigkeit im Umgang schien dem Diktator
willkommener, als neue, unbekannte Gesichter an seinen
Kartentisch zu ziehen. Und instinktiv ging er, von sich aus,
wohl die richtigen Wege. So kühl und gespannt seit der
Kaukasus-Krise 1942 die meisten seiner Lagebesprechungen
waren, die gewohnte Riege ertrug jede Schroffheit, alle
Stiche. Trotz anhaltenden Grolls durfte er glauben,
daß ihre Loyalität ungebrochen war. Von Torturen
seiner Umgebung erfuhr er nichts. Einsprüche
veranlaßten ihn, wenn überhaupt, nur zu
belanglosen Abstrichen. Wie zuvor entschied und befahl sein
Wille.
Jodl fügte sich, drang auf
keine Ablösung; vorab aus mangelndem Antrieb, der seine
Loyalität bezeugte. Der Preis war bitter, vielleicht
auch Anlaß zu trüben Gedanken: das Kommando
über eine Gebirgsjäger-Armee - Wunsch nicht nur
des Herzens - blieb ihm verwehrt. Um so mehr vergrub er sich
in die "Operative Führung", emsig bemüht, diesen
Bereich gegen "fremde" Sachverhalte abzuschotten. Weniger
denn je wollte er sein Arbeitsfeld ausweiten, sondern
lediglich das militärische Tagewerk tun. Bewußt
mied er, was "unnötig" verstörte. Fast schien es,
als sähe er jenseits seiner gewiß randvollen
Pflichten weg. Politik - Korrelat gerade der operativen
Kriegführung - schob er von sich. Sie, meinte er,
überschaute er nicht, war nie sein Feld. Mochte ihm
Schärfe des Verstandes zeitweise sagen, daß er,
in zu engen Fesseln, Selbsttäuschungen hegte: Politik
sollte und würde Hoffnungen lassen. Schon aus
Schutzgründen vertraute er dem Staatslenker Hitler,
dessen höherer Einsicht oder besserem Wissen.
Es schien ihm unangemessen, Bedenken
oder gar Kleinmut zu zeigen. Ein fester gläubiger
Durchhaltewille stand für ihn über allem.
Möglich, daß er die Ursachen des Zusammenbruchs
von 1918 auch jetzt noch nicht richtig wertete. Im Willen,
intakte Moral zu überschätzen, ja, ihr
höchsten Eigenwert zuzumessen, blieb er HitIer allzu
nahe. Schwankende Siegeszuversicht in Akten und Vorlagen
verleitete ihn zu empörten, einschüchternden
Randbemerkungen. Bis zuletzt nannte er Lauheit selbst bei
höchsten Rängen behende Defaitismus. Warlimont
(General Walter Warlimont, Stellvertretender Chef des
Wehrmachtführungsstabes im OKW) hörte - bei einem
Anlauf zu kritischer Aussprache - Drohungen mit dem
Konzentrationslager.
Jodl wollte gewissenhafte, stets
"funktionierende" Zuarbeiter, keine, die in Versuchung
kamen, Skepsis hinsichtlich der Kriegslage auch nur
anzudeuten. Was zu entscheiden und "ganz oben" zu sagen war,
wünschte er selbst zu entscheiden und "ganz oben" zu
sagen. Jede mögliche Kompetenz seines Bereiches hatte
er Zug um Zug an sich gezogen, ein wirklich vertrauensvolles
Verhältnis oft urteilsfähiger Offiziere zu ihrem
Chef gleichsam unterbunden. Der Wehrmachtführungsstab
war und sollte Jodls eigenes Hilfsbüro sein, das strikt
militärische Tagespflichten erfüllte. Der Stab
schien je länger, desto mehr passend auf ihn
zugeschnitten.
Die vermutlichen Nachteile seines
Unwillens, andere als dienstliche Belange zu erörtern,
bekümmerten ihn kaum oder ertrug er wohl in dem
Glauben, zusätzlicher Erleuchtungen nicht
bedürftig zu sein. Die Masse der Unterlagen auf seinem
Schreibtisch, mochte er meinen, gewährte ihm
hinreichend Überblick. Die Schlüsse seines
Denkens, das nicht aufhörte, gingen niemand etwas an.
Unwahrscheinlich, daß selbst rückhaltlose
Aussprachen unter vier oder mehr Augen seine
äußere Haltung geändert hätten. Er
hatte im Hauptquartier nur einen Vertrauten: Walter Scherff,
den Beauftragten für die Kriegsgeschichtsschreibung,
als ergebener Hitler-Anhänger eher eine
fragwürdige Adresse. Zu Scherff sprach er von Sorgen,
auch über die schändliche Behandlung der
gefangenen Rotarmisten, die sein ursprüngliches
Ehrgefühl beleidigte. Sonst blieb es bei
selbstverordneter, unüberbrückbarer Distanz. Noch
weniger drängte ihn seine Schweigsamkeit zu Ansprachen
vor dem Stab und anderen Gremien, am wenigsten zu Reden
über die instinktiv gemiedene "Politik". Hatte er
freilich zu sprechen, wählte er - nach nüchternen
Analysen - martialische Schlußworte, die namentlich
Sachkenner bestürzen, ja, zu abfälligen Urteilen
verführen mußten. Bedenken oder gar Kleinmut
sollten, durften sich nicht in des Führers
"Gefolgschaft" regen.
Die Opfer des Krieges schmerzten
ihn, er verstand Trauer und wußte einfühlend zu
trösten, aber gerade im Familienkreis beharrte er bei
Klagen auf Unbeugsamkeit, auch wenn er wie sonst den
Verstand kaum zu überzeugen vermochte. Als ihn -
etliche Monate nach Stalingrad - Luise von Benda fragte, ob
nicht der Krieg zu beenden sei, um die Substanz des Reiches
zu erhalten, wies er sie "fast mit Schärfe zurecht".
Noch in einem Brief sprach er von der Notwendigkeit, durch
dick und dünn zu verfechten, daß "wir diesen
Krieg gewinnen". "Helden gibt es nur wenige, nur sie
kämpfen bis zum Tode. . . Die Masse kämpft nur,
solange sie an die Möglichkeit eines Erfolges glaubt.
Sieht sie ihn nicht mehr, sucht sich jeder einen bequemen
Ausweg, mit dem er dann seinen niedergebrochenen Willen oder
seine Feigheit bemäntelt. Wer glaubt, daß man
jetzt Frieden machen muß, der erfindet die Ausrede von
der Erhaltung der Substanz und will damit nicht sehen,
daß er überhaupt alles der Vernichtung
preisgibt." Erst während des Nürnberger Prozesses
schrieb er, daß diese Kontroverse nur deshalb
aufgekommen sei, weil sie in ihm eine schon "wunde Stelle
berührt" habe, "die niemand merken durfte". "Sorge um
den Kriegsausgang" verbarg er, Mitte 1943, sogar
gegenüber seiner Frau; ihren "Idealismus" wollte er
zuallerletzt "zerstören".
Seine Fama im Heer war gefärbt
durch die Reizworte "Oberkommando der Wehrmacht", in dem man
- oft genug - eine frontfremde Befehlsorganisation erblickte
und zu der er offensichtlich unablösbar gehörte.
Er schien geschätzt bei Rommel, Model, Kesselring und
Raeder. Niemand erlag der Versuchung, ihn mit Keitel
gleichzusetzen. Selbst kritisch denkende Frontstäbe
nannten ihn "operativ begabt, einen soliden Könner",
aber zugleich und ebenso häufig "hitlerhörig", ja,
"hitlerverfallen". Mehr als nur einmal erweckte er selbst
solche Eindrücke.
1942, in der "Wolfsschanze",
beantragte der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord,
Generalfeldmarschall von Küchler, die Räumung des
Demjansker Frontbalkons, um endlich wieder Reserven für
seine Heeresgruppe zu gewinnen. Generalleutnant von
Seydlitz-Kurzbach unterstützte ihn, indem er aus
eigener Kenntnis die Geländeschwierigkeiten
verdeutlichte, die weitere Angriffe zwischen Rshew und
Ostaschkow insbesondere mit Panzern unmöglich machten,
allein Hitler war - trotz mahnender Frontaufnahmen - nicht
zu belehren. Beim Verlassen des Bunkers sagte Jodl zu
Seydlitz: "Nach dem, was Sie soeben vorgetragen haben, kann
ich Ihnen nur recht geben." Seydlitz erwiderte: "Wie ist es
dann aber möglich, daß Sie dem Führer nichts
gesagt haben?" Der Chef des Wehrmachtführungsstabes
schwieg.
1943, bei einem Besuch in
Roccosecca, auf dem Gefechtsstand des XIV. Panzer-Korps an
der Nettuno-Front, bat ihn General von Senger und Etterlin,
dringliche Ausweichbewegungen zu genehmigen. Wieder ging es,
hier unter übermächtigem Feinddruck, um
"Aussparung fehlender Reserven": für den Korpsstab eine
Notwendigkeit, die "kaum noch zu erörtern" war, zumal
die neue Stellung weite Geländeüberblicke bot.
Jodl äußerte zu von Senger und Etterlin: "Herr
General, Sie haben vollkommen recht, aber der Führer
hat es anders befohlen." Derartige Vorfälle hoben
schwerlich sein Ansehen, sondern schürten eher Groll,
ja, Verachtung. Jeden, auch nur einen Verstoß gegen
bessere Einsicht hatte die Truppe mit Blut zu bezahlen.
Um so erwähnenswerter das
Urteil des Oberkommandierenden der Lappland-Armee, Eduard
Dietl. Nach einem Auffrischungskursus der Universität
Königsberg für Offiziere sprach er
ungewöhnlich bissig von erlebter Feigheit unter
Hochschullehrern. Einer der Professoren - ins Privatquartier
Rovaniemi eingeladen - konterte freimütig, daß
zur Zeit die Feigheit unter Offizieren weit auffälliger
und vor allem viel gefährlicher sei. Er meine,
ergänzte der Gelehrte, nicht Feigheit vor dem Feind.
"Keine Rede. Aber Feigheit vor dem Führer. Privatim
hört man von den Generälen, daß sie
militärische Befehle des Führers für hellen
Wahnsinn halten. Aber welcher General steht dazu und
sagt dies dem Führer, offen heraus, in persona,
dienstlich - statt nur hinter seinem Rücken?" Darauf
Dietl, ohne Feindseligkeit, beinahe beschwörend: "Sie
kennen wahrscheinlich den Führer nicht. Sie können
nicht wissen, wie wahnsinnig schwierig es ist, ihm zu
widersprechen, mit Erfolg ihm Widerstand zu leisten.
Das könnten Sie von unserem Jodl erfahren. Es gibt zwei
Jodl, den sogenannten großen und den sogenannten
kleinen Jodl. Der kleine Jodl sitzt bei mir, der sogenannte
große Jodl sitzt beim Führer. Ich kann Ihnen nur
sagen: mein Jodl weiß, daß sein
Bruder kein Feigling ist. Wie Sie es eben gemeint haben: der
ist tapfer, Tag für Tag, aber ich sag Ihnen: es ist ein
Martyrium. 'Sagt's ihm!' Das ist leicht gesagt. Es
handelt sich um mehr als Tapferkeit. Stemmkraft,
Klugheit, kann ich Ihnen sagen, unausgesetzte,
unerhörte Stemmkraft."
Mehr denn je hatte 1945 der
Siebenjährige Krieg - erinnern wir uns - als
anspornende Parallele herzuhalten. Wie die NS-Propaganda
redete Deutschlands Führer davon, daß Friedrich
den Großen selbst Aussichtslosigkeit nicht entmutigt
hatte, und wie der König mobilisierte er
Willenskräfte, deren Fanatismus menschliche
Gefühle verleugnete. Durfte man 1762 - konnte sicher
auch Hitler fragen - noch für Preußen hoffen?
Unbeugsamkeit verriet eher Herostratentum als
aristokratisches Ethos. Doch diesmal half kein Tod einer
Zarin, sondern war eine übermächtige
Feindkoalition ohne Halbheiten zusammengeschmiedet. Diesmal
zählten Arsenale und das Ziel der Gegner, einen
Aggressor niederzuwerfen und schließlich auszutilgen.
Der Fanatismus des Diktators, Rest einer eingebildeten
"Mission", zielte ganz ins Leere.
Jodl neigte für sich nicht zu
Verstiegenheiten, aber Produkt des Hauptquartiers, verfiel
er - bewundernd - weiterhin Hitlers Willenskraft. Die
Felonie seines Obersten Befehlshabers erschloß sich
ihm selbst in der Endphase nicht. Plagten ihn je Zweifel,
versperrte er sie rigoros: Im Diktator sah er Deutschlands
legitimen Herrn, Deutschlands Schicksal. Seine
nüchterne militärische Einsicht sagte ihm,
daß operativ nichts mehr zu bestellen, geschweige denn
zu wenden war. Eine Führung, die hätte führen
können, hatte ausgespielt. Doch so bitter, ja,
quälend diese Einsicht, kein Rückschlag tilgte
gerade in ihm, was seit langem Strategien aufzuwiegen hatte:
politische Wundergläubigkeit. Sie wurde wie zuvor zur
Rechtfertigung, zur Sinngebung auch des vollends Sinnlosen.
Noch immer erhoffte er den Zerfall
des feindlichen Bündnisses. Bei jedem Anzeichen, das
auch nur eine Entzweiung andeutete, horchte er auf.
Teilnehmer der Lagebesprechungen registrierten, wie sich
hier seine sonstige "Maskenhaftigkeit" belebte. Dieser
Hoffnungsfaden reichte bis zum Zusammentreffen der Gegner im
Herzen Deutschlands, für ihn der Zeitpunkt, zu dem die
widernatürliche alliierte Kriegskoalition
spätestens zerbrechen mußte.
Jodls und anderer Hoffnung
schürte namentlich Hitler, doch der Diktator selbst
teilte sie schon vor der Ardennen-Offensive nicht, und offen
hatte er inzwischen Illusionslosigkeit geäußert.
Sogar die Nation konnte es dokumentarisch nachlesen. In
seinem Aufruf an die Deutsche Wehrmacht vom 1. Januar 1945
hob er hervor, daß der unbarmherzige Kampf "um Sein
oder Nichtsein" ginge. "Denn das Ziel der uns
gegenüberstehenden jüdisch-internationalen
Weltverschwörung ist die Ausrottung unseres Volkes."
Heute, so weiter, könne "an der Absicht unserer Gegner
niemand mehr zweifeln". Sie würde belegt durch
Erklärungen der feindlichen Staatsmänner. Was also
war - angesichts der eigenen militärischen Lage - noch
zu erwarten, wenn nicht die sichere Katastrophe? Jodl
hoffte, was er hoffen wollte: auch im Rückblick ein
Faktor, der ihn salvieren könnte, aber die
durchschaubare Wirklichkeit stempelte seine Haltung zu
schierem Irrationalismus. Er hatte - nicht allein aus
Kommuniqués - von der Teheraner und Jalta-Konferenz
erfahren, Konferenzen, die eine ergrimmte Entschlossenheit
bekundeten. Auf seinem Tisch lag "Eclipse", jener Plan, der
Deutschlands Aufteilung in drei Zonen ankündigte und
die russische Zonengrenze längs der Elbe verlaufen
ließ. Konnte er, als Militär, ernstlich glauben,
daß den Alliierten der Sieg zu entwinden sei - nun, da
sie auf dem Sprung standen, mit erdrückender
Übermacht ins Reich einzufallen? Es blieb kein
Strohhalm, nur die Rettung aller noch Lebenden oder die
Barbarei des letzten Gotenkampfes, die er - in Nürnberg
- als "Unmöglichkeit für ein 80-Millionen-Volk"
selbst verurteilte.
Der Gang des Krieges, Geschehen des
Vordergrundes, gebar zudem eigene "Sinngebungen": Sie,
schien es, brauchte sich Jodl nicht einmal einzureden. Er
teilte die tiefe Furcht vor dem herandrängenden
Bolschewismus und wußte: Wie der Frontsoldat wollte
die Zivilbevölkerung im Osten nie in die Hände der
Sowjets fallen. So unsinnig indes auch hier Hitlers Taktik,
die imstande gewesen wäre, Deutschland durch die
Westmächte besetzen zu lassen, Taktik, die freilich
sein eigenes Ende beschleunigt hätte: Jodl deckte sie
bis zu der Starrheit, die in West und Ost jede noch
anwendbare Vernunft verhöhnte. Bei einem Erfolg der
Ardennen-Offensive, hörte seine zweite Frau Anfang
1945, "hätten wir verhindern können, was sich
jetzt in Ostpreußen abspielt".
Derartige Worte nahmen sich
angesichts schon zurückliegender Tatsachen - noch
gespenstischer aus. Hitler hatte seit langem aufgehört,
Adressat eines Friedensschlusses zu sein. Bereits Anfang
1942 (!) äußerte er zu Jodl, daß der Krieg
nicht mehr zu gewinnen sei. Nimmt man ihn beim Wort,
hätte er unverzüglich abtreten müssen, um
eine politische Lösung freizugeben. Die Wehrmacht
konnte, Ziel der Blitzfeldzüge, das Nacheinander ihrer
Gegner nicht wiederherstellen; sie stand vor einer
ungeschlagenen, nie bezwingbaren Feindkoalition. Das Reich
vermochte nur noch zu den besten Bedingungen Frieden zu
schließen, Bedingungen, mit denen - so oder so -
Hitlers Eroberungen ausgelöscht worden wären. Doch
der Diktator weigerte sich, klarer Einsicht zu gehorchen und
abzutreten. Staatsmännische Vernunft wich
missionarischem Glauben, Politik einem Fanatismus, der
selbst die Barbarei des letzten Gotenkampfes erzwingen
wollte. Was immer zuletzt Hitler glaubte oder glauben
machte, blieb durch sein Bekenntnis von 1942 widerlegt,
entwertet.
Die Wehrmachtführung vernahm,
daß der Krieg zu liquidieren sei, wenn der Kaukasus,
das Donezbecken, die rumänischen Ölfelder und
Oberschlesien verlorengingen. Sie setzte auf
Ermattungsstrategie im Osten und Westen, die freilich ebenso
rasch politisches Handeln verlangte. Begriff sie auch nur
ihr eigenes Handwerk, mußte sie den baldigen Abbruch
des Krieges ertrotzen. Nichts rechtfertigte sonst weitere
Blutopfer an den Fronten. Aber der Diktator verhöhnte,
bis zum Kampf um die Reichskanzlei, all seine Kriterien: so,
als ob er nie von ihnen gesprochen hätte. Seine
Verteidigung jeden Meter Bodens - Strategie der
entschlossenen Dummheit - tilgte den Rest der Trümpfe,
die Deutschland militärisch nicht verspielen durfte.
Der Zusammenbruch - Tragödie des Reiches - nahte mit
Riesenschritten. Nach Stauffenbergs Attentat blieb unter dem
Diktator: dahinsiechendes Operieren, Schwärze, das
Nichts.
Mochte die Wehrmachtführung in
der Agonie Gründe finden, um weiterhin auszuharren und
Pflichten zu tun: Hitler erniedrigte die
Spitzengeneralität zu Robotern. Kampf ohne Glück
wurde zum Ausweis der Unfähigkeit und
Charakterschwäche. Mehr noch als die Zivilisten hatten
die Soldaten des Widerstandes Mühe, den totalen Verrat
gültiger Maximen und Ordnungen vorauszusetzen. Was
Erziehung, Denk- und Entschlußkraft geboten,
mußte um der Nation willen geschehen. Wenn nach 1945
entsetzt, ja, fassungslos auch die Wehrmachtführung
gegeißelt wurde, so ist solchen Anwürfen mehr
denn je recht zu geben.
Der Bruch erprobter Gesetze raubte
dem Frontsoldaten Sicherheit und Geborgenheit. Schutzlos war
er sinnlosen Befehlen ausgesetzt, die ihn wie sein Wesen
zerrieben und auf die er - 1944/45 - mit Kampf bis zum
vorletzten Augenblick zu antworten begann. Das Regime, purer
Selbstmagie erlegen, wütete ungehemmt. Es hängte
und erschoß schon Laue oder Zögernde;
Mannschaften richteten schließlich Offiziere. Terror
forderte jenen "Heroismus", den auch sieglose Zukunft nicht
schreckte. Der Ausgang ließ die Nation verwüstet
und ein Volk zurück, das am Soldatentum zweifeln
mußte.
Als Hitler am 22. April 1945 den
Krieg selbst für verloren hielt, schien endlich die
fürchterlichste Sperre gegen jede Vernunft zu fallen.
Der Besessene gab freie Hand, das massenmörderische
Ringen einzustellen, aber gleich Keitel richtete Jodl den
Diktator nochmals auf. Die Szene - oft bezeugt - blieb die
schlimmste innerhalb der Geschichte des deutschen
Offizierkorps. Viele, die hätten überleben
können, waren zu weiteren Opfern bestimmt. Keitel eilte
zu Wenck, dem Oberbefehlshaber der 12. Armee, um ihn zum
Angriff nach Osten anzutreiben. Gemeinsam mit der Armee
General Busses, die sich von der Oder absetzte, sollte er
Berlin entsetzen und den Führer befreien. Ähnlich
Jodls Auftrag für den Norden. Schroff verlangte er von
Generaloberst Heinrici, daß dessen Heeresgruppe
Weichsel, statt nach Mecklenburg auszuweichen, mit allen
verfügbaren Kräften die Reichshauptstadt
anzugreifen habe. Heinrici zweifelte an der
Zurechnungsfähigkeit Jodls.
Die Debatten der beiden
Generalobersten verstiegen sich bis zur Verletzung jeder
Form, für Heinrici das "unerträglichste Ereignis"
seiner Offizierslaufbahn. Die Rote Armee - hier wie dort
übermächtig und nicht mehr zu bremsen - machte den
Streit gegenstandslos.
War es Jodls Ziel, die alliierten
Fronten in Deutschland aufeinander zurücken zu lassen
und Hunderttausende vor dem Bolschewismus zu retten: keine
abwegigere Strategie hätte er verfechten können.
Dieses Ziel - noch sinnvoll, wenn von Sinn überhaupt
die Rede sein durfte - verlangte den flüssigen
Rückzug und mit ihm den rechtzeitigen Abschub der
Zivilbevölkerung. Nichts hinderte die
Wehrmachtführung, das Gebotene, ohne ideologische
Scheuklappen organisiert zu
tun. Unsinnige, weil aussichtslose Offensivunternehmen
verhöhnten, was noch als einleuchtendes Konzept taugen
konnte. Wie die Ardennenoffensive bürgte ein Angriff
auf Berlin dafür, daß die alliierten Fronten
nicht aufeinander zurückten und die Rote Armee erst
recht Deutschland überschwemmte: Einsichten, die
bereits damals nüchtern Denkende beherrschten, von den
Männern des Widerstandes zuvor ganz zu schweigen. Jodls
Haltung könnte - allenfalls - krankhaft gewordene
Loyalität gegenüber Hitler erklären,
Loyalität gegenüber einem schon erloschenen
Diktator, der selbst aufgegeben hatte. Mit Kriterien
militärischer Führung ist sie nicht zu messen. Sie
half nur, die Katastrophe ins Abnorme zu steigern.
In Reims unterzeichnete er, eine
Woche nach Hitlers Selbstmord, die bedingungslose
Kapitulation aller deutschen Streitkräfte. Jetzt
mühte er sich, eigene Fehler ungeschehen zu machen,
doch Eisenhower gestand - unwillig, ja, gereizt - lediglich
einen Aufschub von 48 Stunden zu. Dönitz gab sein
Einverständnis, in diese Galgenfrist für die
Armeen und Zivilisten im Osten einzuwilligen. Tausende
konnten den Sowjets noch entkommen. Der Großadmiral,
laut Testament neues Staatsoberhaupt, berief Männer
seines Vertrauens, Fachleute ohne allzu verstörende
braune Färbung; die Kommandoverhältnisse in
Flensburg, der letzten Enklave, wurden gestrafft,
konzentriert. Hitlers Nachfolger löschte dessen "divide
et impera". Wehrmachtführungsstab und Generalstab
hörten auf, gegeneinander zu bestehen:
überfälliges und nun gespenstisches Ende einer
Jammergeschichte, die auch beste Führungsspitzen
elendig gemacht hätte.
Jodl übernahm - nach dem
Abtransport Keitels - die Geschäfte des OKW.
Lagebesprechungen vermittelten seine Richtlinien oder das,
was der Stab denken sollte. Er wünschte, in allem
Dönitz "als Obersten Befehlshaber der Wehrmacht und
nicht als Staatsoberhaupt herauszustellen". Wichtige
Absprachen mit den Alliierten wollte er den "interessierten
Stellen zur Kenntnis gebracht" wissen, "um Unstimmigkeiten
zu unterbinden". Haltung und Auftritte, so seine strikteste
Weisung, hatten sich an der gegebenen Zwangslage zu
orientieren, mehr aber noch den soldatischen Ehrenkodex zu
bekräftigen: Bei unwürdigen Handlungen der
Delegationen Eisenhowers und Montgomerys war sofort zu
protestieren. Überzeugt insbesondere von der
amerikanischen Ahnungslosigkeit gegenüber deutschen
Problemen, forderte er eigene Eingaben und Vorschläge
zu den "großen Organisationsfragen", schon damit sich
an ihnen die Sieger ihre Zähne ausbissen. "Wir haben
bedingungslos kapituliert, da wir den Krieg bis zur letzten
Phase und Konsequenz geführt haben, wo uns nichts
anderes übrig blieb. Reminiszenzen an 1918 haben zu
unterbleiben. Aus eigener Kraft können wir uns nicht
helfen, nur mit Hilfe von anderen; d. h. das Schwergewicht
unseres Handelns muß auf dem politischen Sektor
liegen. Die Rolle Deutschlands als Volk inmitten Europas ist
noch nicht ausgespielt. Ohne uns können die Probleme
nicht gelöst werden. Dieses ferne Ziel immer im Auge
behalten."
Er selbst fühlte sich berufen,
alle Aufgaben zu meistern - Reflex offenbar des
verschwundenen Drucks, der ihn jahrelang gequält,
gegängelt hatte, doch wie seit je erwartete er festen
Zusammenhalt, besonders unter seinen Offizieren. Jeden, der
sich nicht als anständig und treu erwies, ja, Befehlen
auch nur unbewußt zuwiderhandelte, wollte er einem
englischen Gefangenenlager übergeben. Und hier folgte
am 13. Mai 1945 - jenes fürchterliche Bekenntnis, mit
dem er sich gleichsam selbst richtete, das die Tragik nicht
der obersten Führung, sondern die des einfachen
hingeopferten Mannes widerspiegelte: "Ich habe fünf
Jahre geschwiegen und nur gehorcht und nichts für mich
beansprucht, sondern nur gearbeitet. Ich bin gehorsamer
Soldat gewesen und habe darin meine Ehre erblickt, den
Gehorsam, den ich gelobt habe, zu halten. Ich habe in diesen
fünf Jahren gearbeitet und geschwiegen, obwohl ich
manchmal völlig anderer Meinung war und mir der Unsinn,
der befohlen wurde, oft unmöglich erschien."
Einwände aus Betroffenheit wurden nicht vernehmbar.
Empörung hätte er auch und gerade jetzt
hochfahrend zurückgewiesen. Die Stunde sprach für
anerzogene Disziplin und nun, da nicht mehr der Diktator
schaltete, sogar für Disziplin ohne innere Vorbehalte.
Man muß nachlesen, was Jodl unvermittelt entfuhr.
Doch noch während seines
letzten Jahres - 1946 - lag hinsichtlich des
persönlichen Lebens "alles klar, sauber und
folgerichtig" vor Jodl. Daß er auch ohne die
Schuldvorwürfe des Nürnberger Gerichtsstatus
versagt haben könnte, ließ sein Gehorsams- und
Treuebegriff nicht zu. Dafür "kreiselte der
Kompaß seiner Gefühle" bei Gedanken über den
Mann, an dessen Seite er "lange Jahre ein so dornen- und
entsagungsvolles Dasein" führte. Er leugnete nicht,
daß sich dessen "Bild, in dem man einmal ein Kunstwerk
zu sehen hoffte", nun in "teuflischer Entartung" zeigte,
erdrückende Beweise sprachen unwiderleglich und beredt,
aber hatte er, als Nur-Militär im
Führerhauptquartier, je diesen ganzen Hitler
gekannt und erlebt? Noch immer fühlte er sich
außerstande zu sagen, was der Diktator wirklich
"gedacht, gewollt und gewußt" hatte, allenfalls was er
selbst "darüber dachte und vermutete". Gerade jetzt
schien ihm, als habe Hitler - offenbar bestrebt, stets zu
täuschen - auch seinen "Idealismus" mißbraucht,
benützt zu verborgen gehaltenen Zwecken. War der
Diktator teuflisch entartet von Anfang an oder erst
später, "parallel mit den Geschehnissen", so vielleicht
für künftige Historiker, nicht in Jodls eigener
Geschichte. "Manchmal", schrieb er jedoch, "falle ich wieder
in den Fehler, der Herkunft die Schuld zu geben, um mich
dann wieder daran zu erinnern, wieviel Bauernsöhnen die
Geschichte den Namen 'der Große' gegeben hat. Das
ethische Fundament, das ist das Entscheidende, nicht der
Wille und nicht der Geist."
So vernichtend solch ein Werturteil
- auch für ihn, da es schon frühere Erkenntnisse
widerspiegelte: Nichts vermochte seine Einschätzung der
jüngsten Geschichte wesentlich zu ändern. Wie
zuvor hielt er daran fest, daß es in Deutschland 1918
"viele und gute Ansätze zu einer ganz anderen
Entwicklung" gab. Loyal, durfte er sich sagen, wäre
gerade er ihr gefolgt, hätte sie sich überzeugend
und segensreich entfalten können. "Zunichte gemacht"
hatte sie der Versailler Vertrag, dem er
uneingeschränkt die Hauptschuld beimaß. "Wenn das
deutsche Volk nach einem fast zehnjährigen auf- und
abwogenden Welt- und Meinungskampf zuletzt doch Adolf Hitler
als seinen Führer erwählte, so letzten Endes, weil
es keinen anderen Ausweg sah, aber doch mit jenem
zweifelnden Vorbehalt und jenem instinktiven Urwissen,
daß glänzende Meteore meistens ein Zeichen
kommenden Unheils sind." Er selbst hatte, als Offizier der
Reichswehr, keinen Anteil an dieser Wahl, nur am Gespür
für kommendes Unheil, das er zumindest 1933 zeigte. Die
Gründe seines inneren Wandels, die ihn zum Bewunderer
Hitlers machten, verhehlte und widerrief er nicht, am
wenigsten in Niederschriften ohne Blick auf seine
Ankläger im Nürnberger Prozeß. Vielleicht
bereute er jetzt - angesichts bestürzender Dokumente -
manchen Satz im privaten Tagebuch. Überschwenglichkeit
und flammende Worte muteten nun verstiegen an. Aber
daß er 1939 den Krieg gewollt habe oder gar für
ihn verantwortlich sei, empfand er als infamsten Vorwurf,
den er zu Recht weiter bestritt.
Im Krieg selbst erblickte er
rückschauend eine Folge von Operationen, in die ihn
höhere, Hitlers Entschlüsse, hineingezogen hatten.
Was vorab zu tun war, diktierte der Zwang heraufbeschworener
Lagen - Lagen mit eigener Logik. Er hätte, bei seiner
"unglücklichen Liebe zu den Franzosen", gern den
Westfeldzug vermieden, möglicherweise sogar den
siegreichen, wenn hier nicht "Zwang von Englands Erbitterung
und Unbeugsamkeit" ausgegangen wäre, doch kein Schatten
trübte seine Überzeugung, daß der Kampf
gegen die Sowjetunion sinnvoll gewesen sei. Wann immer
Hitlers Aggression verbrecherisch oder nur mutwillig genannt
wurde, zog er das "Argument" des bedrohlichen russischen
Aufmarsches im Frühjahr 1941 heran, der die deutsche
Führung zum Praevenire genötigt habe. Gegen den
wahren, fürchterlichen Charakter dieses Krieges sperrte
er sich: einsichtslos, eisig. Bolschewismus blieb ihm
wesenhafter Feind, Adolf Hitler nicht dessen Ableger,
sondern Verteidiger des Abendlandes. Auch noch aus der
Gefängniszelle sah er "Deutschlands Kampf - in seiner
idealisierten, historischen Linie - genau so an wie einst
den Kampf des Prinzen Louis Ferdinand mit seiner Vorhut bei
Saalfeld. Er fiel und seine Truppen wurden geschlagen, aber
wie damals: die Hauptkämpfe stehen erst bevor, und ob
sie ein Jena und Auerstedt werden oder eine
Völkerschlacht von Leipzig - für diejenigen
nämlich, die humanistische Kultur zu verteidigen haben
-, das liegt unwägbar im Schoße der Zukunft
begraben".
Abebbende Prozeßarbeit gab ihm
die Zeit zu einer längeren strategischen Studie, ihr
Titel: "Ein Krieg zwischen den Westmächten und der
Sowjetunion." Er schrieb sie nicht, weil er diesen,
Deutschland "endgültig zerstörenden" Krieg
ersehnte. Er fürchtete ihn als kommendes Duell zwischen
zwei Systemen, erbitterten, unversöhnlichen Todfeinden
- spätestens für den Augenblick, in dem Moskau
Siegeschancen zu sehen glaubte. Er war sich sicher,
daß, wenn den Armeen Sowjetrußlands befohlen
würde, "den Vormarsch nach Westen zwischen Ostsee und
Alpen anzutreten, sie es mit einer dreifachen oder noch
größeren Überlegenheit zu Lande tun werden.
Mindestens 25 000 hochwertige Panzerkampfwagen und ein
fanatischer, siegeszuversichtlicher Kampfwille wird (sic!)
die Stoßkraft dieser Überzahl von Divisionen noch
beträchtlich erhöhen". Ihnen ist, so seine
Überzeugung, durch die Westmächte nichts
annähernd Gleichwertiges gegenüberzustellen. Wenn
Rußland einstweilen zögere, so allein wegen der
erdrückenden angelsächsischen Luft-Vorherrschaft
und der amerikanischen Atombombe. Diese Lage freilich werde
sich von Jahr zu Jahr - und zwar für alle drei
Wehrmachtteile - zugunsten der Sowjetunion ändern.
"Rußland wird alle Anstrengungen machen, seine
Unterlegenheit zur Luft zu beseitigen. Es wird deutsche
Flieger und Ingenieure dazu heranziehen und nicht ruhen und
rasten, bis es das Geheimnis der Atombombe gelöst oder
sich sonst verschafft hat." Rüstungswettläufe
blieben vorgezeichnet.
Jodl rätselte nicht über
Rußlands "wahrscheinliche" Kriegsoperationen. Er sah -
längs der Demarkationslinie - die Rote Armee
mobilisiert in drei Heeresgruppen: ohne Reserven wenigstens
fünf Millionen Mann; die Hauptmacht bei der
Mittelfront, zunächst zum schnellen Stoß vom
Thüringer Wald auf Mainz bestimmt. "In der Tiefe
gestaffelt, werden starke Kräfte hinter diesem
vordersten Stoßkeil folgen, um dann, nach Norden und
Süden eindrehend, den englischen und amerikanischen
Divisionen den Rückzug nach dem Rhein zu verlegen. Die
Nordfront wird die Nordseehäfen in Besitz nehmen, im
übrigen aber mit ihrer Masse über Münster auf
das Ruhrgebiet angesetzt werden. Die Südfront hat in
Bayern und Württemberg größere
Geländeschwierigkeiten und den weitesten Raum zu
überwinden. Sie kommt daher in eine starke
Rückwärtsstaffelung zur Mittelfront, was aber
gerade dazu verhelfen kann, einen zu zäh vor dieser
Front kämpfenden Gegner von Norden her im Rücken
zu fassen und zu vernichten." Rettung bot für Jodl
allenfalls sofortiger Rückzug hinter den Rhein, doch
auch dieser Rückzug nur dann, wenn schließlich
130 bis 150 Divisionen das Westufer des Stroms verteidigten.
Er warnte Engländer wie Amerikaner vor der Illusion,
inmitten Deutschlands eine Entscheidungsschlacht schlagen zu
können. Sie ende, lange bevor Luftwaffeneinsätze
wirksam würden, "mit der Vernichtung der englischen und
amerikanischen Besatzungsdivisionen östlich des
Rheins". Die Rote Armee sei durch Landoperationen nicht mehr
zu besiegen.
Einzig die angelsächsische
Luftwaffe konnte, in seinen Augen, "vielleicht" die
Versorgungsstränge und Kräftequellen des Feindes
zerstören und so Rußland zwingen, den Kampf
aufzugeben. Dazu bedurfte es indes nicht nur aller
Fernbomber, die zuletzt gegen Deutschland und Japan
eingesetzt waren, sondern ebenso vorgeschobener und
insbesondere gut abgedeckter Basen, um die lebenswichtigen
Schlüsselpunkte der UdSSR zu erreichen. Hier dachte der
Autor an Schweden und die Türkei, für die
Demokratien gewiß "das schwerste"
politisch-militärische Problem, schon weil es - neben
diplomatischer Kunst - höchstmögliche Stärke
auch bei den westalliierten Heeren verlangte. "Am
leichtesten", schloß die Studie, "ist die Aufgabe der
englischen und amerikanischen Kriegsmarine, sie ist (sic!)
aber nicht in der Lage, ihre unbestrittene Seeherrschaft
kriegsentscheidend zur Geltung zu bringen." Jodl wußte
und räumte ein, daß die Generalstäbe der
Westmächte über eigene und sicher bessere
Unterlagen verfügten. Dadurch mochten etliche
Einzelheiten in einem anderen Licht erscheinen. Was er
niederschrieb, kam aus dem Gedächtnis und einer
Gefängniszelle. Zudem wünschte er nur zu sehr ein
Übereinkommen zwischen den Demokratien und der
Sowjetunion, das dem deutschen Volk erlaubte, "dazwischen
notdürftig ein kümmerliches Dasein zu fristen".
Solch ein Übereinkommen schien ihm sinnvoller als neuer
Waffenlärm, doch die strategischen Grundlagen, meinte
er, ließen sich "nicht viel anders betrachten".
Auch in Briefen erklärte er,
daß er nirgendwo prophezeien wolle. Würde seine
Studie gegenstandslos, wäre er selbst am
glücklichsten. Hoffnung freilich konnte seinen
untergründigen Pessimismus allenfalls dämpfen. Wie
vorher glaubte er kaum an ein wirkliches Übereinkommen
zwischen den "Todfeinden", noch weniger an die Bereitschaft
der Westmächte zu äußerster
Kraftanstrengung. Deutschland, so das innerlich
unwiderrufene Resümee, war nicht zu halten. Eher als
Verteidigungswillen sah er Amerikas Abkehr von einem ewigen
Zankapfel-Kontinent und die Herrschaft Rußlands
über Europa, den Frieden eines Friedhofes. "Wenn dann
das letzte Schiff mit amerikanischen und englischen Truppen
die französische Küste verlassen hat, dann wird
vielleicht noch einmal die Erinnerung wach werden an den
Zweck dieses zweiten Weltkrieges, Deutschland und den
Nationalsozialismus als Störer des Weltfriedens zu
beseitigen und Polen zu schützen." Aber auch im Frieden
eines Friedhofes, meditierte er, "blühen Blumen und
singen die Vögel, und solange es noch Friedhöfe
gibt, geht auch das Leben weiter seinen Gang".
Möglich, daß Jodls Studie
Adressen vorlag, an die er vor allem dachte, ungewiß
jedoch, ob sie bei ihnen überhaupt Aufmerksamkeit
erweckte. Ihren Gang weiter gingen die Gefängnistage,
die sich gerade jetzt - zwischen dem Schlußwort und
Urteilsspruch - quälend dehnten. Auch in dieser Phase
beim Häftling lediglich angedeutete
Gemütsbewegungen, sonst Gelassenheit oder stoische
Selbstdisziplin. Das Urteil vom 1. Oktober 1946 - Tod durch
den Strang - traf vor allem sein Ehrgefühl. Nur um
seiner Frau willen ließ er sich zu einem -
vergeblichen - Gnadengesuch bewegen. Seine letzten Briefe
aus der Zelle sind, in ihrer Gefaßtheit und Sorge um
die ihm Nahestehenden, erschütternde menschliche
Zeugnisse. Sie zeigen einen tiefempfindenden, sensiblen
Mann, der das, was ihn wahrhaft erfüllte, hinter
äußerer Kühle verborgen hatte. Zählten
nur diese Zeugnisse, müßte man einen ganz anderen
Jodl zeichnen als den einer schrecklichen Kriegsgeschichte.
Er war sich bewußt, einem
politischen Prozeß erlegen zu sein. Mit der Anklage
"Verschwörung gegen den Frieden" wußte er, der am
Kriegsbeginn unbeteiligt war, bis zum Ende nichts
anzufangen. Der Vorwurf, daß er für die
Erschießung gefangener alliierter Fliegeroffiziere
verantwortlich sei, wurde fallengelassen. Den
Kommissar-Befehl hatte er nach Kräften
abgeschwächt, den Kommando-Befehl als Vergeltung
feindlicher Übergriffe aufgefaßt. Wenn er beide
Befehle weitergab, so auf ausdrücklichen Befehl und im
Auftrag Hitlers. Ein Jahr später, nach dem sogenannten
Südost-Prozeß, wäre Befehlsnotstand auch bei
ihm anerkannt worden. Einer seiner Richter, der Franzose
Donnedieu de Fabre, sprach bald von Justizmord. Liddell
Hart, der britische Militärhistoriker, erklärte,
daß Jodl zu Unrecht gehängt worden sei. Der
Nürnberger Prozeß - fragwürdig in vielen
Voraussetzungen - offenbarte hier eher Rache als Maß.
Dennoch ist auch im Falle Jodls nicht nur von Rache zu
sprechen.
Wie nahezu jeden sog ihn der
"Weltanschauungs"-Kampf an, mit dem Hitler seinem Krieg den
Stempel aufdrückte. Jodl wünschte weder diesen
Kampf noch Deutschlands Weltherrschaft, aber ungefestigt,
mehr noch: anfällig geriet er in Verstrickung und
Schuld. So mutig seine Einsprüche und Versuche, die
ärgsten Übel abzudämmen, am Lagetisch und im
Ringen um die Genfer Konvention: Handlangerdienste bei
völkerrechtswidrigen Befehlen machten ihn zum Komplizen
der "infernalischen Größe", wie er zuletzt Hitler
nannte. Auch rückblickend hat er das Wort
"Größe" nicht widerrufen.
Er glaubte, Vernunft und Tradition
verteidigt zu haben, wenn er sich - immer wieder - Hitler
entgegenstemmte. Die Logik des Nürnberger Gerichts, das
Verbrechen der Alliierten nicht kennen wollte, stimmte ihn
vollends bitter. Im Krieg sah er einen Akt der Gewalt, der
Härten verlangte, ja, rechtfertigte, im Partisanenkampf
eine Regelwidrigkeit, die überkommene Normen sprengte.
Was ihm das Tribunal vorhielt, waren
dennoch Makel. Wie nahezu jeder, der zum engsten Kreis des
Diktators zählte, befleckte er Ritterlichkeit und Ehre.
Dieses Verhalten, das unsere Nation und deren Armee
schändete, hätte ebenso ein neues
souveränes Deutschland moralisch verurteilen
müssen. Daß Alfred Jodl mit dem Tod am Strang zu
büßen hatte, gilt zu recht als Fehlurteil und
verbietet, ihn noch anzuklagen. Sein vielleicht
größtes Versagen lag indes jenseits juristischer
Kategorien und hieß: Führung gegen Erziehung und
Erkenntnis. Es nutzt wenig, darüber zu spekulieren, ob
ihn das Kadettenkorps - prägende Instanz seiner Jugend
- von vornherein in engste Korsette einschnürte,
deformierte. Auffällig ist, daß keiner der
führenden Militärs im deutschen Widerstand
Kadettenanstalten durchlaufen hatte, während sich
umgekehrt jene, die einmal Kadetten gewesen waren, nicht
für den Widerstand gewinnen ließen. Schlimmer
blieb, daß bei Jodl Wunschdenken über
zugängliche Analysen triumphierte oder diese Analysen
bis zuletzt verdrängte. Strategie konnte hier
ausfallen, wie immer sie wollte: politische Illusionen
tilgten jedes entscheidende Aufbegehren, das vom
Sachverstand her längst geboten war.
Jodls Gehorsamsbegriff ließ
ihn glauben, Opfer der Tragik zu sein, und wer ihn billigte,
müßte seine Empfindungen teilen. Was Soldaten
leitete und er unbeirrt bejahte, war vergeblich, ja, um
nichts erbracht. Ein Führer ohne Schutzethos hatte
anerzogenen Gehorsam aufs schändlichste,
niederträchtig mißbraucht. Tragik aber kann, wenn
überhaupt, nur unentrinnbares Geschick bedeuten; nie
zählt sie für die Führungsspitzen, die zu
handeln vermögen, handeln sollen und müssen. Das
Wort Tragik täuschte, bei ihr, über Abdankung von
Verstand und Moral. Mochte sich Jodl auf die operative
Führung "zurück"stufen: Er stand an der Spitze,
ohne militärische Illusionen, die den zweiten und
dritten Rang beschwichtigen konnten. Die wirkliche Tragik
Untenstehender war ihm versagt.
Jodl starb reuelos, ohne erkennbare
Schuldgefühle. Die Jahrzehnte seit seinem Tod
hätten ihn kaum umgestimmt. Pflichten gegenüber
der Menschheit, die er für eine bessere Zukunft
beschwor, werden weiter mißachtet, mit
Füßen getreten. Die Nationen sind heilig, Vehikel
blutiger Narreteien geblieben. Ungestraft begehen sie, und
zwar in Dutzenden von Kriegen, neue schaudererregende
Verbrechen. Niemand wagt es oder besitzt die Macht, ihre
Ideologen nochmals vor Tribunale zu ziehen, obschon bereits
deren Aggressionen anklagewürdig und abzuurteilen
wären. Der Nürnberger Prozeß 1945/ 46,
rechtlich problematisch, aber auch moralisches Wendezeichen,
wurde zum nachträglich verhöhnten einmaligen
Exempel. Eitel die Vorstellung, daß Herrschende dem
politischen General gestatteten, ihnen in den Arm zu fallen:
Kondottiere-Rolle, zu der sich Jodl zuletzt geradezu
aufbegehrend bekannte. Die Armee soll - strikter denn je -
der Staatsführung dienen. Anderer Ehrgeiz gilt als
Militarismus.
Doch so ehern derartige
Grundsätze, Konsequenz aus der Heeresgeschichte des
Reiches, so eindeutig die Maximen für den Soldaten in
Spitzenstellungen. Fiele er ab von Vernunft und
Mitverantwortlichkeit, mehr noch: schreckte er zurück
vor notwendigem Ungehorsam, würde wieder unser aller
Urteil gesprochen. Hier zählt kein Umbruch, keine
revolutionäre Waffentechnik. Ethos bleibt allein ohne
Abstrich Ethos. Möglich, daß dieses Ethos zur
Vergangenheit gehört, versunken in ferne Epochen und
Episoden. Was heute droht, sind Selbstmord-Kriege, Kriege
mit unlösbaren, ja, von vornherein verhängten
Führungskonflikten. Dann wäre, radikal gedacht,
die soldatische Existenz vollends unannehmbar, gälten
erst recht Pflichten gegenüber der Menschheit.
Geschichtsschreibung kann - angesichts solcher Probleme -
nur Andeutungen geben; ihr Feld umgrenzt das Gewesene. Aber
wie auch immer: Noch ist sie imstande, unseren Blick zu
schärfen. Gerade der Gegenwart böte Jodl allemal
Lehren.
LITERATURHINWEISE
1. Jodl, Luise: Jenseits des Endes. Leben und Sterben des
Generaloberst Alfred Jodl. Wien/München/Zürich
1976
2. Loßberg, Bernhard v.: Im
Wehrmachtführungsstab. Hamburg 1949.
3. Kriegstagebuch des OKW (1-6) 1940-1945. Frankfurt am Main
1963 ff.
Dr. Bodo
Scheurig, geboren 1928 in Berlin, Studium der
Neueren Geschichte und Philosophie an der Freien
Universität Berlin und der Columbia University New
York. Von seinen zahlreichen Publikationen seien
auswahlweise genannt: "Freies Deutschland - Das
Nationalkomitee und der Bund Deutscher Offiziere in der
Sowjetunion 1943 -1945" (1960, 1984 Neuausgabe); "Um West
und Ost - Zeitgeschichtliche Betrachtungen"
(1969).
Quelle: DAMALS - Das
Geschichtsmagazin
Oktober 1986
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