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15. Januar
2010
Erwin von
Witzleben
Geehrt - entlassen - gehenkt
Von Heinrich
Bücheler
Höchste Ehrung und tiefste
Erniedrigung lagen in diesem Soldatenleben zeitlich nahe
beisammen. Am 19. Juli 1940 - nach dem
Überraschungssieg über Frankreich, der sich bald
als Pyrrhussieg herausstellte - verkündete der Diktator
in pompöser Reichstagssitzung die Beförderung zum
höchsten Rang, den das deutsche Heer zu vergeben hatte,
zum Generalfeldmarschall. Vier Jahre und einen Tag
später trugen die Fernschreiben der
Verschwörerzentrale im Berliner Bendlerblock, welche
den Tod des Diktators verkündeten, seine Unterschrift.
Am 14. August 1940 hatte er in der Reichskanzlei, zusammen
mit elf anderen Generalobersten, den Marschallstab erhalten
- einst Sinnbild der vom Marschall ausgeübten
höchsten Gerichtsbarkeit. Vier Jahre später war er
selbst den schimpflichsten Tod gestorben, den die
Strafjustiz kennt, den Tod am Strang. Statt eines
Staatsbegräbnisses, wie es seinem militärischen
Rang zugestanden hätte, war die Leiche mit grober
Unfeierlichkeit verbrannt, die Asche verstreut worden. Der
vorausgegangene Prozeß aber war der unwürdigste,
der jemals vor einem deutschen Gericht stattgefunden hat.
Job Wilhelm Georg Erwin v. Witzleben
kam am 4. Dezember 1881 in Breslau als Sohn des Hauptmanns
Georg Erdmann v. Witzleben und seiner aus Chemnitz
stammenden Frau Therese, geborene Brandenburg, zur Welt. Die
Witzlebens waren kein preußisches, sondern ein
thüringisches Uradelsgeschlecht, das bei Stadtilm ein
gleichnamiges Stammhaus hatte und bis 1183 nachweisbar ist.
Durch Generationen waren sie Offiziere. Dies war auch der
Grund, weshalb der Vater den jungen Erwin ins
preußische Kadettenkorps schickte: in die
Hauptkadettenanstalt Groß-Lichterfelde. Über ein
halbes Säkulum später, im Juli 1944, war dann der
Generalfeldmarschall v. Witzleben unter den
Verschwörern gegen Hitler einer der wenigen ehemaligen
Kadetten; fast alle hatten ihre Schulbildung im
humanistischen Gymnasium erhalten.
Länger als neun Jahre, vom
Frühjahr 1901 bis Sommer 1910, verbrachte Leutnant
Erwin v. Witzleben im Grenadierregiment König Wilhelm
I. im niederschlesischen Liegnitz. Am 21. Mai 1907
verheiratete er sich mit Else Kleeberg aus Chemnitz. Als
Oberleutnant wurde er dann zum Bezirkskommando Hirschberg
kommandiert, von wo er im August 1914 mit der
Infanteriebrigade 19 in den Weltkrieg zog. Schon in den
ersten Kriegstagen entschloß sich Witzleben, "wenn
möglich fortlaufend ein Tagebuch zu führen", was
ihm trotz aller Schwierigkeiten dann auch gelungen ist. Es
gibt dem Leser gute Einblicke in das taktisch wie operativ
klare Denkvermögen, aber auch in die menschliche
Wesensart des nun 32jährigen Offiziers und - seit
1908/09 - Familienvaters. An der Front in Lothringen
notierte er im September 1914, "daß der Kronprinz zu
weit vorgeprellt und ein Loch entstanden ist zwischen der 5.
und 4. Armee . . . Man macht sich so seine Gedanken, die ich
dem Papier lieber nicht anvertrauen will." Schon am 12.
September 1914 wurde Witzleben, inzwischen zum Hauptmann
befördert, mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse
ausgezeichnet. Zahlreich sind seine Eintragungen über
Gottesdienstbesuche. Am 18. November 1914 ". . . erinnerten
wir uns am Abend plötzlich, daß heute
Bußtag war . . . Der Herrgott wird wohl mit uns nicht
so streng ins Gericht gehen, da man im Felde doch mehr als
einen Bußtag erlebt." Die Eintragung vom 1. März
1915 ist lakonisch knapp: "Sieben Monate Krieg! Wie lange
noch? . . ."
Am 19. März 1915 wurde
Witzleben Kompanieführer der 14. Kompanie des
Reserveregiments 6 und erhielt 197 Mann aus den drei
Hansestädten anvertraut - "fixe Kerle", wie er bald
feststellte. Führer und Geführte wuchsen schnell
zu einer hervorragenden Kampfgemeinschaft zusammen. Die
Bewährungsprobe für die Kompanie brachte vor allem
das Jahr 1916. Am 21. Februar begann die "große
Schlacht im Maas-Gebiet", wie der Heeresbericht stereotyp
das monatelange blutige Ringen um Verdun nannte. Die 19.
Infanteriebrigade, der Witzlebens Kompanie angehörte,
kam in einem Schwerpunkt der Kämpfe ostwärts der
Maas, im Waldgelände Hardoumont zwischen Fort Douaumont
und Dorf und Fort Vaux zum Einsatz.
Den Sommer 1916 verbrachte Witzleben
an der Champagnefront, wo er mehrfach vertretungsweise ein
Bataillon führte. Am 1. August 1916 vermerkte er im
Tagebuch: "Zwei volle Jahre Krieg! Wer hätte das von
einem modernen Kriege gedacht!" Nachdenklichkeit spricht
auch aus der Eintragung vom 3. November 1916: "Gestern Abend
ist uns die Aufgabe von Fort Vaux etwas in die Glieder
gefahren . . . Schade ist es um meine braven Kerle, die nun
zwecklos ihren Mut gebüßt haben."
Am 15. April 1917 wurde Witzleben
Kommandeur des II. Bataillons des
Reserve-Infanterieregiments 6, mit dem er an der
Frühjahrsschlacht um Arras teilnahm. Mitte Mai erhielt
er das Hamburgische Hanseatenkreuz: "Darüber freue ich
mich ganz besonders, da es eine liebe Erinnerung an meine
alten braven Jungens von der 14. Kompanie ist." In der
zweiten Julihälfte 1917 wurde er wegen einer
Magenschwäche bodenständiger Generalstabsoffizier
der 4. bayerischen Division in Lille, wo ihm sein
Vorgesetzter, Generalmajor Prinz Franz von Bayern, am 28.
Juli den Hohenzollern-Orden überreichte.
Vom 23. November bis 21. Dezember
1917 nahm Witzleben am Generalstabskurs in Sedan teil, was
dann im Januar 1918 seine Versetzung zum Generalkommando XI.
Armeekorps in Longwy zur Folge hatte, wo er als Gehilfe des
Ersten Generalstabsoffiziers Verwendung fand. Am 17. Januar
1918 wurde ihm dort der Bayerische
Militär-Verdienstorden mit Schwertern verliehen.
Zum Frühlingsbeginn 1918, am
21. März, eröffnete die Oberste Heeresleitung mit
dem "Michael-Angriff" an der Somme die "große Schlacht
in Frankreich". Hindenburg und Ludendorff, die
Schlachtenlenker der Obersten Heeresleitung, wollten in
Offensiv-Stößen die Franzosen und Engländer
trennen und niederwerfen, bevor das Gewicht der Amerikaner
an der Westfront sich richtig auswirken konnte. Wie
sorgenvoll und kritisch der Generalstabsoffizier v.
Witzleben schon früh die überdrehte Führung
der Operationen sowohl der Obersten Heeresleitung wie der
unmittelbar vorgesetzten 2. Armee beurteilt hat, geht aus
zahlreichen Tagebuch-Eintragungen hervor. "29. März
1918. Karfreitag. Es ist die richtige trübe
Karfreitagsstimmung und alles scheint nach dem, was so
durchgesickert ist, in andere Bahnen gelenkt zu werden. Wir
müssen die Entschlüsse der höchsten
Führung eben abwarten." - "30. März 18. Alles
strebt nun nach der Avre und nach Amiens, was wir
hoffentlich auch noch bekommen werden. Sonst liegt tiefes
Dunkel über den Entschlüssen der OHL . . . " - "7.
April 18. Am Nachmittag traf der Oberbefehlshaber General v.
d. Marwitz plötzlich bei uns ein und hatte alle
möglichen Ideen wegen Fortsetzung des Angriffes usw.
Daß wir zu diesem Zwecke eine neue, vollkommen frische
Division brauchen, schien er nicht zu verstehen . . .
Überhaupt hat man leider den Eindruck, daß dieses
Oberkommando diesen Zeiten nicht gewachsen ist." - "27.
April 18: Die OHL verlangt jetzt andauernd Berichte
über die sogenannten Rückschläge bei uns und
sucht anscheinend nach Schuldigen."
Witzlebens Wunsch, von der 2. Armee
wegzukommen, ging am 3. August 1918 in Erfüllung. An
diesem Tag wurde er Erster Generalstabsoffizier der 108.
Infanteriedivision; als Ordonnanzoffizier bekam er "einen
Hauptmann Keitel". Die Division bewährte sich besonders
am 8. August 1918, dem "schwarzen Freitag des deutschen
Heeres" (Ludendorff), in der Tank- und Nebelschlacht bei
Amiens; sie wurde dabei aber so stark dezimiert, daß
sie aufgelöst werden mußte. Witzleben kam in
gleicher Verwendung zur 7. Infanteriedivision, die von
General v. d. Esch geführt wurde. Am 17. Oktober 1918
notierte er mit Genugtuung, "daß der General den Pour
le merite erhalten hat. Es freut mich ganz kolossal für
die Division und ist doch auch eine Anerkennung für
meine Tätigkeit."
Einen Monat später war der
Erste Weltkrieg zu Ende, Deutschland besiegt, die Herrschaft
der Hohenzollern beseitigt, das Kaiserreich mußte der
Republik weichen. Am 1. Januar 1919, auf dem Rückmarsch
in Attendorn, machte Witzleben eine der letzten Eintragungen
ins Kriegstagebuch: "Alles, was man von seiner Zukunft
erhoffte, ist vernichtet. Man muß sein gesamtes Leben
neu aufbauen. Gebe Gott, daß es besser gelingt!"
Erwin v. Witzleben sei, wie
Zeitzeugen feststellten, ein sehr bescheidener Mann gewesen.
Diese Bescheidenheit hat ihn vor Standesdünkel bewahrt
und ihm wohl den Übergang aus dem Dienst der Monarchie
in den der Republik erleichtert, mit dem viele der adeligen
Offizierskameraden sich nie recht abfinden konnten.
Daß seine Mutter, ebenso wie seine Frau, aus dem
sächsischen Industriebürgertum stammten, mag dabei
auch eine Rolle gespielt haben. Schon 1919/20 wurde
Hauptmann v. Witzleben in die Streitkräfte der jungen
Republik übernommen und gegen Aufständische im
Rheinland eingesetzt. In der Reichswehr fand er dann
verschiedene Stabs- und Truppenverwendungen, von denen hier
nur die wichtigsten, wegen ihrer Bedeutung für
später, genannt werden können. Von 1923 bis 1925
war Witzleben Generalstabsoffizier der 4. Division in
Dresden. Der spätere Generalfeldmarschall Erich von
Manstein wurde damals mit Witzleben bekannt und erinnerte
sich später: "Militärisch gut veranlagt, gewann er
die Menschen durch sein warmherziges und
liebenswürdiges Wesen. Großzügig, das
Wesentliche schnell erfassend, besaß er die Gabe,
nicht alles selbst machen zu wollen."
Über ein Jahrzehnt später
wurde die Residenzstadt der sächsischen Könige
eine Keimzelle des militärischen Widerstands gegen
Hitler: auch Ludwig Beck, C. H. v. Stülpnagel, Erich
Fellgiebel, Friedrich Olbricht, Hans Oster und Georg Thomas
kamen auf ihrem Berufsweg über Dresden.
Nur kurz war Witzlebens
Tätigkeit beim Infanterieführer III in Potsdam.
Sie gab ihm Gelegenheit, die militärischen
Gegebenheiten der Reichshauptstadt und ihrer Umgebung
kennenzulernen und sich auch als Lehrer in der
"Führergehilfenausbildung" zu betätigen.
Im Jahre 1928 wurde Major v.
Witzleben Bataillonskommandeur im Infanterieregiment 6 in
Lübeck. Diese Verwendung kam seiner alten Verbundenheit
mit den "Hanseaten" entgegen. Witzlebens Bataillonsadjutant
war der ostpreußische Pfarrersohn Helmuth Groscurth.
Trotz der Unterschiede ihres Alters und Herkommens
müssen Kommandeur und Adjutant schon bald ihre
Übereinstimmung in allen wesentlichen Fragen des
Soldatenberufs wie der Weltanschauung festgestellt haben.
Oberstleutnant Erwin v. Witzleben - er war am 1. Januar 1929
zu diesem Dienstgrad befördert worden - und der
damalige Oberleutnant Helmuth Groscurth waren jedenfalls im
Lübecker Infanterieregiment 6 ein ideales
Führungsgespann - und zehn Jahre später ein
wichtiger Aktivposten in den Staatsstreichplänen gegen
Hitler.
Von Lübeck wechselte Witzleben
1930 nach Münster in Westfalen, wo er als Chef des
Generalstabs der 6. Division in enge dienstliche
Berührung kam mit dem späteren Nachfolger Becks
als Chef des Generalstabs, dem Bayern Franz Halder. Dann
wurde Witzleben für zwei Jahre Kommandeur des 8.
(Preuß.) Infanterieregiments in Frankfurt/Oder.
Am 1. Februar 1934 wurde Erwin v.
Witzleben, unter gleichzeitiger Beförderung zum
Generalmajor, Kommandeur der 3. Division in Berlin. Damit
verbunden war die Funktion als Befehlshaber im Wehrbereich
III, dem Groß-Berlin angehörte. Am gleichen Tage,
dem 1. Februar 1934, war der bisherige Chef der
Heeresleitung, General der Infanterie Frhr. von
Hammerstein-Equord, durch den General der Artillerie Frhr.
von Fritsch ersetzt worden. Es lag viel Ironie des
Schicksals darin, daß gerade Witzleben als
ranghöchster Truppenführer der
Reichshauptstadt bei den vielen offiziellen Anlässen
die Meldung erstatten mußte. Witzleben war ja einer
der ganz wenigen hohen Reichswehroffiziere, die der
suggestiven Kraft Hitlers nie erlagen und dem Diktator auch
in den Jahren seiner großen Erfolge stets mit innerer
Skepsis gegenübertraten. War er unter Gleichgesinnten,
sprach Witzleben schon damals nie vom "Führer", sondern
von "Adolf". Später, als die Staatsstreichpläne
heranreiften, war "Emil" das Deckwort der
Militäropposition für den "Obersten Befehlshaber
der Wehrmacht".
Das Mißtrauen der wenigen
gegenüber dem neuen Staat und seinem "Führer"
erhielt Nahrung durch die Mordaktionen der SS nach dem
sogenannten "Röhm-Putsch", zumal unter den Ermordeten
sich auch die Generale v. Bredow und v. Schleicher befanden.
"Der Chef des Generalstabes des Wehrkreises III, v.
Manstein, bat daraufhin Generalmajor v. Witzleben, beim Chef
der Heeresleitung gegen die Ermordung der beiden Generale zu
protestieren. Der Chef der Heeresleitung, Generaloberst
Frhr. v. Fritsch, wurde bei Hitler . . . damit
vertröstet, daß die ermordeten Generale mit einer
fremden Macht zusammengearbeitet hätten. Auch Witzleben
mußte sich mit dieser Erklärung abfinden, zumal
Reichskriegsminister v. Blomberg versprochen hatte, die
Beweismittel vorzulegen. Sie sind nie erbracht worden." (O.
E. Moll). Es lag sicher nicht an Witzleben, wenn die
deutsche Generalität im Frühsommer 1934 die Morde
in ihren Reihen tatenlos hinnahm und das Leitseil des
Diktators sich überwerfen ließ, welches sie dann
fast elf Jahre lang, bis zum Ende des Deutschen Reiches,
nicht mehr abwerfen konnte. "Witzleben war der erste und
blieb der am festesten entschlossene General, der die
Beseitigung Hitlers als notwendig erkannte und dieses Ziel
entschlossen anpackte", schrieb der damalige
Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht,
zurückblickend auf die zwölf Jahre.
Am 1. Oktober 1935 wurde Witzleben
Kommandierender General des III. Armeekorps in Berlin und
ein Jahr später zum General der Infanterie
befördert. Er gehörte jedoch nicht zu den vielen,
welche für die verbesserten Karrieremöglichkeiten
durch die Heeresvermehrung sich dem Regime mit Leib und
Seele verschrieben. Er war in seiner Aktivität
allerdings häufig beeinträchtigt durch das
Magenleiden, welches ihn schon 1914/18 im Felde geplagt
hatte. Auch Ludwig Beck, inzwischen Chef des Generalstabs
des Heeres, litt daran. Sicher ist die Weltgeschichte in
allen Epochen durch Krankheiten der Entscheidungs- und
Handlungsträger beeinflußt worden. Für die
Militäropposition gegen Hitler war es aber besonders
verhängnisvoll, daß ihr Kopf wie ihr Arm in der
Vitalität herabgesetzt waren.
Auch während der Krisen um die
Entlassung des Reichskriegsministers v. Blomberg und des
Heeresoberbefehlshabers Frhr. v. Fritsch war Witzleben
gesundheitlich geschwächt und weilte in einem Dresdener
Sanatorium. Als er nach Berlin zurückkehrte, waren die
Wogen schon geglättet; untergründig allerdings
hatte die üble Behandlung des Generalobersten Frhr. v.
Fritsch die Nachdenklichen endgültig gegen das Regime
in Stellung gebracht. Im Spätsommer 1938 jedenfalls,
während der sogenannten Sudetenkrise, gab es bereits
eine Militäropposition - und sie war auf die
Kriegsverhütung durch rechtzeitige Beseitigung des
Regimes gut vorbereitet. Zentrale Gestalt in diesem ersten
Staatsstreichplan, der oft auch "Aktionsplan
Halder-Witzleben-Oster" genannt wird, war der Befehlshaber
des Wehrkreises. Die Planungsarbeit des Generals Franz
Halder, der inzwischen Ludwig Beck als Chef des
Generalstabes nachgefolgt war, sowie seines wichtigsten
Gehilfen, des Oberstleutnants Hans Oster von der Abwehr,
konnte nur durch den Kommandierenden General v. Witzleben in
"Aktion" umgesetzt werden, der in der Reichshauptstadt und
ihrer Umgebung über die erforderliche Befehlsgewalt
verfügte. Schon ein Jahr zuvor hatte Witzleben bei
militärischen Persönlichkeiten seines
Befehlsbereiches, die auch seinem Denken nahestanden, mit
vorsichtigen Sondierungen bezüglich der Einstellung
ihrer Truppen zum NS-Regime begonnen. So vor allem beim
Kommandeur der 23. Infanteriedivision in Potsdam,
Generalmajor Graf v. Brockdorff-Ahlefeld, sowie bei
Generalmajor Paul v. Hase, dem Kommandeur des
Infanterieregiments 50 in Landsberg an der Warthe. Um
notfalls in der Reichshauptstadt auch stärkeren
Widerstand brechen zu können, hatte Witzleben sich der
Unterstützung des ihm schon lange verbundenen damaligen
Generalleutnants Erich Hoepner versichert, der die 1.
Leichte Division in Wuppertal befehligte. Wie Generaloberst
Halder sich nach dem Krieg erinnerte, wurde die über
Panzer verfügende Division Hoepners im Thüringer
Wald bereitgehalten, nicht - wie bis heute oft
fälschlich geschrieben wird - um den aus München
erwarteten Anmarsch der "SS-Leibstandarte" abzufangen,
sondern um in Berlin die Bollwerke des Regimes
niederzukämpfen. Der Berliner Polizeipräsident
Graf v. Helldorf und sein Stellvertreter, Graf v. d.
Schulenburg, wollten dafür sorgen, daß die
Polizei der Reichshauptstadt während des Staatsstreichs
neutral blieb. Hitler selbst sollte durch
Offizier-Stoßtrupps unter Witzlebens persönlicher
Führung in der Reichskanzlei festgenommen und vor ein
ordentliches Gericht gestellt werden.
Nur in den Tagen der Röhm-Morde
wären die Voraussetzungen für die Entmachtung
Hitlers günstiger gewesen als im September 1938. Das
Reich befand sich noch nicht im Kriege, vor dem das deutsche
Volk eine tiefe Furcht hatte. Der Staatsstreich wäre
ausschließlich eine Sache der deutschen Innenpolitik
gewesen. Nie wieder konnten die Vorbereitungen
gründlicher getroffen werden. "Der deutsche Widerstand
gegen Hitler hatte im August und September 1938 seine
höchste Dichtigkeit erreicht", urteilte später
Golo Mann.
Rückblickend erscheint es als
ein weltgeschichtliches Verhängnis, daß die
Westmächte auf die Vermittlung Mussolinis eingingen,
daß sie Hitler im Münchener Abkommen zu einer
Superrolle als Weltfriedensstifter verhalfen und so den
deutschen frondierenden Generalen die Grundlagen für
seine rechtzeitige Beseitigung entzogen.
Nach 1945 ist kritisiert worden,
daß die Führer der Militäropposition im
August 1939 nicht einen ähnlichen "Aktionsplan" hatten
wie im Jahr zuvor, um dem Diktator rechtzeitig vor der
Entfesselung eines neuen Krieges in die Arme zu fallen. Aber
eine jede geschichtliche Konstellation ist mit ihren
jeweiligen Gegebenheiten einmalig und kehrt so niemals
wieder . Vor allem aber: Niemand in Deutschland konnte nach
München und der Besetzung Prags genau wissen, wie lange
die Geduld der Westmächte noch dauern würde.
Seit November 1938 war Witzleben
Oberbefehlshaber des Gruppenkommandos 2 in Frankfurt am
Main. Am kulturellen Leben der Mainmetropole nahm er regen
Anteil, blieb aber auch in diesem Zeitraum mit seinen
Gesinnungsfreunden in Berlin in steter Verbindung.
Allerdings hatte die Militäropposition im Sommer 1939
ihre Zentrale nicht mehr im Oberkommando des Heeres, sondern
in der Abteilung "Abwehr" des Oberkommandos der Wehrmacht,
wo Hans Oster nach wie vor Witzlebens wichtigster
Ansprechpartner war. Als dann am 31. August 1939
endgültig der Befehl zum Angriff auf Polen erging,
muß Witzleben wie der Chef der Abwehr, Admiral
Canaris, gedacht haben: "Das ist das Ende Deutschlands!"
Im Unterschied zum Ersten Weltkrieg
hat Witzleben ab 1939 offenbar kein persönliches
Kriegstagebuch geführt, oder aber es ist
verlorengegangen. Zum Glück sind wir von anderen
engagierten Persönlichkeiten des Widerstands über
seine Rolle in den Planungen orientiert, so vor allem aus
dem Tagebuch eines Jahrgangskameraden, des Diplomaten Ulrich
v. Hassell und dem seines früheren Adjutanten,
Oberstleutnant i. G. Groscurth. Witzleben hatte mit
Kriegsbeginn, am 1. September 1939, den Oberbefehl über
die 1. Armee übernommen, die das Saargebiet gegen die
Franzosen zu decken hatte; das Armeehauptquartier lag in Bad
Kreuznach. Am 1. November 1939 war er zum Generaloberst
befördert worden. Sein Vorgesetzter, der
Oberbefehlshaber der Heeresgruppe C, war der aus dem
bayerischen Generalstab hervorgegangene Generaloberst Ritter
v. Leeb, ein treuer Katholik mit innerer Distanz zum
NS-Regime. Alle Oppositionellen waren der Ansicht, daß
die von Hitler noch für den Herbst 1939 vorgesehene
Westoffensive endgültig den Zweiten Weltkrieg
entfesseln würde und man ihr durch eine "Aktion"
zuvorkommen müsse. Daß die politischen
Führer der Opposition dabei besonders an Witzleben
dachten, wird aus mehreren Tagebucheintragungen Ulrich v.
Hassells im Oktober und November 1939 über
Gespräche mit Goerdeler deutlich. Im Oktober 1939
verzeichnete v. Hassell: "Wir waren einig darüber,
daß alles geschehen sollte, vorher eine Wendung
herbeizuführen. Ich riet dringend, keine großen
Hoffnungen auf Brauchitsch zu setzen. Er (Goerdeler) meinte,
von den Armeeführern im Westen seien Witzleben und
Hammerstein gut." Im November 1939: "Frühstück im
Deutschen Club am sogenannten Mitropa-Tisch. Unterhielt mich
nachher mit . . . allein, der sich recht gut unterrichtet
zeigte. Er meinte, der General, dem man am ehesten ein
Handeln zutrauen könnte, sei Witzleben, der aber in
Kreuznach sitze. Er plante, zu ihm hinzufahren."
Den ganzen Herbst und Winter 1939/40
über war Witzlebens Kreuznacher Hauptquartier Reiseziel
der engagierten Staatsstreichplaner in Uniform und Zivil.
Von militärischer Seite in Berlin waren es vor allem
Oberst Oster und der Oberquartiermeister I im Oberkommando
des Heeres, General Carl-Heinrich v. Stülpnagel, die im
Armeeoberbefehlshaber v. Witzleben den wichtigsten
Hoffnungsträger für eine "Aktion" sahen. Wir
wissen es aus der Tagebucheintragung Groscurths vom 6.
November 1939: "Oberst O(ster) bei Stü(lpnagel) und
Oberst W(agner) . . . O(ster) fährt zu Witzleben, der
nach Gießen kommen soll zur Aussprache mit H(alder).
Sonst sind alle Mittel erschöpft." Oster,
Stülpnagel, Wagner und Witzleben versuchten, über
Generaloberst Ritter v. Leeb ein gemeinsames Vorgehen der
drei Heeresgruppen-Oberbefehlshaber zu erreichen. Dabei
wurden sie auch durch den Stabschef Leebs, Generalmajor v.
Sodenstern, sowie durch den Ersten Generalstabsoffizier,
Oberst Vincenz Müller, unterstützt. Es war aber
alles umsonst: Leeb konnte die Generalobersten v. Bock und
v. Rundstedt nicht dafür gewinnen. "Eine geschlossene
Front der höchsten Generalität des Heeres gegen
Hitler kam nicht zustande" (H. A. Jacobsen). Im Dezember
1939 war dann, Ulrich v. Hassell zufolge, der Gedanke der,
einige Divisionen "auf dem Wege vom Westen nach Osten" in
Berlin haltmachen zu lassen. "Dann sollte Witzleben in
Berlin auftreten und die SS ausheben." Aber die großen
Truppenbewegungen gingen im Winter 1939/40 von Osten nach
Westen und nicht in umgekehrter Richtung. Mit seinem
untrüglichen Wirklichkeitssinn wußte zudem
Witzleben wie auch andere oppositionelle Truppenführer,
daß in seinen Divisionen die erforderliche
Einsatzbereitschaft gegen das NS-Regime nicht vorhanden war.
In den Monaten des drôle de
guerre war Witzleben als "Schützer der Saarpfalz"
gefeiert worden. Auch in anderer Hinsicht war er als
"Schützer" hervorgetreten. In seinem Befehlsbereich
befand sich die 214. Infanteriedivision. Ihr Kommandeur,
Generalmajor Groppe, hatte als glaubensstarker Katholik
gegen die Judenausschreitungen und die "Lebensborn"-Erlasse
Himmlers Stellung genommen. Es wäre für Groppe
gefährlich geworden, hätte nicht Witzleben sich
mit seinem hohen Dienstgrad und Ansehen vor diesen mutigen
Untergebenen gestellt.
In den Morgenstunden des 10. Mai
1940 begann mit dem Westfeldzug der eigentliche Zweite
Weltkrieg. Es liegt viel tragische Ironie darin, daß
es der deutschen oppositionellen Generalität gelungen
war, diesen Feldzug um ein halbes Jahr zu verzögern,
sie aber gerade dadurch die entscheidenden Voraussetzungen
für den Überraschungssieg schuf, durch welchen
Hitler sich zum "größten Feldherrn aller Zeiten"
stilisieren und die Generalität weiter entmachten
konnte. In der ersten Feldzugphase hatte die 1. Armee
möglichst starke französische Kräfte im
Saarabschnitt der Maginotlinie durch
Täuschungsmaßnahmen zu binden. In der zweiten
Phase, der sogenannten "Schlacht um Frankreich", durchbrach
sie zwischen St. Avold und Saarbrücken die Maginotlinie
und trug wesentlich zum Zusammenbruch der französischen
Front in Lothringen bei. Diese schwierige, nur mit
Infanterie durchzuführende Operation gelang unter
geringen eigenen Verlusten. Obwohl er instinktiv Witzlebens
Gegnerschaft gespürt haben muß, konnte ihn Hitler
bei der Ritterkreuzverleihung und dem großen
Beförderungsschub zu Generalfeldmarschällen nicht
übergehen. (Die Anzahl der von Hitler 1940 bis 1945
ernannten Generalfeldmarschälle ist übrigens
nahezu identisch mit jener der 1804 bis 1815 von Napoleon I.
ernannten "Marschälle des Kaiserreichs".)
Erwin v. Witzleben stand jetzt im
Zenit seiner militärischen Laufbahn. Am 26. Oktober
1940 wurde er Oberbefehlshaber der Heeresgruppe D in
Frankreich. Wenige Monate später, Frühlingsanfang
21./22. März 1941, konnte er im Schlosse
Vaux-le-Vicomte bei Melun sein 40jähriges
Dienstjubiläum begehen. Die schriftlichen Unterlagen
sind erhalten. Daraus ist ersichtlich, was beim Platzkonzert
im Schloßhof, wohl auf Wunsch des Jubilars, gespielt
wurde: Edvard Grieg, Richard Wagner (Holländer), Bizet
(Carmen), R. Strauss (Rosenkavalier-Walzer). Am
Frühstück mit dem Generalfeldmarschall nahmen vom
Stab nicht nur Offiziere teil, sondern auch "1
Hauptfeldwebel, 1 Feldwebel, 1 Unteroffizier, 1
Obergefreiter, 1 Gefreiter". In der Erwiderung auf die
Ansprache seines Stabschefs, Generalleutnant Hilpert, sagte
Witzleben u. a.: "Eins habe ich immer gehabt, das ist das
Vertrauen meiner Untergebenen. Das beglückt mich auch
jetzt von Herzen." Glückwünsche kamen auch von
Hitler, Himmler und Keitel. Während die beiden
letzteren ihre Fernschreiben mit "Heil Hitler" schlossen,
verzichteten der Generaloberst Hoepner und der Admiral
Canaris auf diesen "deutschen Gruß" und schlossen "in
alter Treue". Der inzwischen entlassene Generalleutnant
Groppe gedachte der "ritterlichen Unterstützung", die
ihm der Feldmarschall seinerzeit "in kritischen Tagen zuteil
werden ließ". Oberstleutnant i. G. Groscurth,
inzwischen Ia der 295. Infanteriedivision, übermittelte
aufrichtigste Wünsche für die Zukunft, ebenso sein
Vater, der Pastor Dr. theol. Groscurth. Auch die
Städtischen Bühnen von Frankfurt am Main, der
Oberbürgermeister der Geburtsstadt Breslau und der
Katholische Feldbischof der Wehrmacht, Rawkowski, waren
unter den Gratulanten. Mit der Versetzung des
Generalfeldmarschalls v. Rundstedt in den Osten, zum 1. Mai
1942, wurde Witzleben Oberbefehlshaber West. Obwohl die
Opposition gegen Hitler seit dem Westfeldzug auf einem
Tiefpunkt angelangt war, gab es in seinem Stab doch noch
diesbezügliche Aktivitäten. Zwei dem Feldmarschall
nahestehende Offiziere, Major i. G. Alexander v. Voss und
Hauptmann Graf Schwerin v. Schwanenfeld, planten ein
Attentat bei einer vorgesehenen Parade vor Hitler auf den
Champs Elysees. Aber Hitler war jetzt ganz dem Osten
zugewandt und kam erst 1944 wieder nach Frankreich. Im Bunde
mit v. Voss und Schwerin v. Schwanenfeld war der in der
Ic-Abteilung diensttuende Major der Reserve Dr. Brink. Im
Zivilberuf war Dr. Brink Rechtsanwalt in Frankfurt am Main;
vermutlich hat er Witzleben schon in dessen Frankfurter Zeit
gekannt. Nach der Entlassung des Generalfeldmarschalls v.
Brauchitsch im Dezember 1941 und Übernahme des
Heeresoberbefehls durch Hitler selbst ging Major Dr. Brink
zu Witzleben und sagte: "Herr Generalfeldmarschall, es ist
jetzt Zeit! Aller Augen sind auf Sie gerichtet!" Wie Dr.
Brink sich erinnerte, habe Witzleben wörtlich
geantwortet: "Wenn Sie mir eine einzige Division bringen,
die alle Befehle ausführt, will ich es tun!"
Bald darauf, am 15. Januar 42,
erschien Ulrich v. Hassell bei Witzleben und fand ihn "noch
gealterter, als nötig war. Im übrigen doch sehr
guter Eindruck, klarer Wille und gute Erkenntnis". Da er
über die wirkliche Lage im Osten kaum unterrichtet
wurde, entschloß sich Witzleben, einen Offizier seines
Stabes ins Oberkommando des Heeres zu entsenden. Dieser
erschien dort am 25. Januar 1942, wie in Halders
Kriegstagebuch (Bd. III, S. 390) vermerkt ist: "Major v.
Voss vom OB West holt im Auftrag seines OB Unterrichtungen
über die Lage im allgemeinen an der Ostfront ein." Zur
Auswertung kam es indes nicht mehr. Im Februar erkrankte
Witzleben und wurde Mitte März 1942 als
Oberbefehlshaber West von Generalfeldmarschall v. Rundstedt
abgelöst.
Schlimmer als die Enthebung vom
Kommando aber war in den Iden des März 1942 für
ihn der Tod seiner Ehefrau, so daß Witzleben den
Ruhestand als Witwer antreten mußte. Er zog auf das
Gut seines Adjutanten, Major Graf v. Lynar, bei Seese im
Spreewald. Über die Staatsstreich-Vorbereitungen der
Verschwörer wurde er laufend unterrichtet, die
entsprechenden Befehle trugen bereits seinen Namen als
Oberbefehlshaber der Wehrmacht. In Erkenntnis der Tatsache,
daß Hitler auch 1943/44 noch immer große
suggestive Macht auf die meisten
Deutschen ausübte, sah Witzleben in der Beseitigung des
Diktators, entweder durch ein Attentat oder durch
Gefangensetzung, die Grundvoraussetzung für das
Gelingen des Staatsstreichs. Von Mitte Juni bis zum 11. Juli
1944 weilte er zur Kur in Bad Kissingen. Dem
gesellschaftlichen Leben hielt er sich fern. Er muß
geahnt haben, daß er auch hier überwacht wurde.
Ein Spitzel der Gestapo wohnte im gleichen Kurhotel.
Der Ablauf des 20. Juli 1944 ist
allgemein bekannt. Witzleben orientierte sich, auf dem Weg
ins Reichskriegsministerium im Bendlerblock am
Landwehrkanal, schon im Ausweichquartier Zossen des OKH bei
dem Generalquartiermeister Wagner über die Lage. Dabei
erfuhr er, daß Hitler das Attentat nur leicht verletzt
überlebt hatte. Die wichtigste Voraussetzung für
das Gelingen des Staatsstreichs war somit nicht
erfüllt. Auf der Fahrt durch Berlin mußte er
zudem erkennen, daß die Führungszentren der
Reichshauptstadt keineswegs in der Hand der Verschwörer
waren. Beim Eintreffen im Bendlerblock, gegen 20.00 Uhr,
hielt Witzleben das Unternehmen für bereits
gescheitert. Generaloberst Beck und Oberst Graf Stauffenberg
machte er heftige Vorwürfe und schlug dabei, wie
berichtet wird, "mehrmals mit der Faust auf den Tisch".
Gegen 20.45 Uhr verließ er den Bendlerblock und fuhr
über Zossen zum Gut des Grafen Lynar zurück. Dort
wurde er schon am 21. Juli 1944 zusammen mit seinem
Adjutanten verhaftet und ins Gestapo-Hauptquartier in der
Prinz-Albrecht-Straße verbracht.
Über die Vernehmungen und den
Prozeß sind wir durch die sogenannten
"Kaltenbrunner-Berichte", die Protokolle des Internationalen
Militärgerichtshofes (IMT) und den Film, der unter
Regie des Volksgerichtshof-Präsidenten Roland Freisler
während der Hauptverhandlung am 7. und 8. August 1944
gedreht wurde, hinlänglich unterrichtet. Wie die
meisten anderen Offiziere, die den Selbstmord ablehnten und
sich stellten, hat wohl auch Witzleben nicht mit dem
gerechnet, was ihn erwartete. Er war, wie Eberhard Zeller
treffend bemerkte, ein ehrenhafter, schlichter Soldat "aus
der Umgebung Kaiser Wilhelms des Ersten". Daß zwei
anpassungseifrige deutsche Generalfeldmarschälle ihn in
einem "Ehrenhof" aus der Wehrmacht ausstoßen und der
"Volksjustiz" Freislers überliefern würden, konnte
er sich nicht vorstellen. Aber der raffinierten
Vernehmungstechnik Freislers, dem es darauf ankam, vor allem
die älteren Angeklagten - neben Witzleben noch v. Hase,
Hoepner und Stieff - als "verruchte Ehrgeizlinge"
verächtlich zu machen, begegnete er mehrfach furchtlos
und schlagfertig. Glaubhaft überliefert, wenn auch
nicht durch die Akten, sind diese Worte an die Richter: "Sie
können uns dem Henker überantworten. In drei
Monaten zieht das empörte und gequälte Volk Sie
zur Rechenschaft."
Die Art der Hinrichtung durch
Erhängen "wie Schlachtvieh" - deren schauerliche
Einzelheiten zu schildern die Feder sich sträubt - war
ursprünglich wohl weniger der Rachgier Hitlers als
derjenigen von Goebbels entsprungen. Die sadistische Neigung
brach dann aber auch bei Hitler voll durch. Der entsetzliche
Vorgang in Plötzensee wurde gefilmt und der Streifen
sofort ins Führerhauptquartier "Wolfsschanze" geflogen,
wo ihn Hitler sich in derselben Nacht ansah. Der Film ist
heute - gottlob - verschollen. Fotos der Leichen wurden, wie
General Walter Warlimont sich später erinnerte, im
Führerhauptquartier "während der Lagebesprechungen
herumgereicht". Dem britischen Historiker Trevor Roper, der
außer den Vorgängen um den Tod Hitlers auch
diejenigen um den 20. Juli aufzuklären hatte,
berichtete am 16. Juli 1945 ein Hauptwachtmeister des
Zuchthauses Plötzensee: "Die Haltung der acht
Offiziere, bei deren Hinrichtung ich zugegen war, war eine
absolut gefaßte, soldatische. Nicht bei einem einzigen
konnte ich eine Anwandlung von Reue feststellen."
LITERATURHINWEISE:
Bussmann,
Walter: Die innere Entwicklung des deutschen Widerstandes
gegen Hitler. Bonn 1964.
Hoffmann, Peter: Widerstand. Staatsstreich. Attentat. Der
Kampf der Opposition gegen Hitler. Frankfurt, M./Berlin
1970.
Ders.: Widerstand gegen Hitler. Probleme des Umsturzes.
München 1979.
Moll, Otto E.: Die deutschen Generalfeldmarschälle
1935-1945. Bearb. von Wolfgang W. Marek. Rastatt 1961.
Plessen, Reinhard von: Opfertod für Deutschland. Erwin
von Witzleben wäre 100 Jahre alt. In: "Das Parlament",
Nr. 49, 1971, S.13.
Pommerin, Reiner: Erwin von Witzleben. In: 20. Juli.
Portraits des Widerstands. Hrsg. v. Rudolf Lill/Heinrich
Oberreuter. Düsseldorf/Wien 1984, S. 349-361.
Scheurig, Bodo (Hrsg.): Deutscher Widerstand 1938-1944.
Fortschritt oder Reaktion? München 1969.
Nachlaß N 228 "Witzleben", Bundesarchiv -
Militärarchiv Freiburg.
Heinrich
Bücheler, Jahrgang 1928, Studium der
Neuphilologie in Freiburg/Breisgau und Frankfurt/Main,
diente als Offizier in der Bundeswehr, u. a. als
Kompaniechef und wissenschaftlicher
Fachdokumentar-Stabsoffizier im Dokumentationszentrum der
Bundeswehr. Neben militärgeschichtlichen Aufsätzen
veröffentlichte er 1980 die Biographie "Hoepner - Ein
deutsches Soldatenschicksal des 20. Jahrhunderts"
.
Quelle: DAMALS - Das
Geschichtsmagazin
Juli 1987
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