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9. Juli
2004
Mut zur
Naivität
Von Hansgeorg Maier
Wer naiv ist, erntet heute weit eher
Tadel als Lob. Wer noch naiv empfindet, wagt kaum, es zu
zeigen. Wir leben in einer Zeit, in der - wie Kierkegaard es
ausdrückte - die "Blumen des Herzens zu Eisblumen"
werden.
Die Enttäuschten und
Blasierten, die Unsicheren und Haltlosen behaupten, das sei
unabänderlich. Der Mensch von heute könne es sich
einfach nicht mehr "leisten", naiv zu sein. Wer dem
widerspricht, wird unbedacht und unvernünftig genannt,
unbedarft und einfältig. Wer sich "naiv gibt", weil er
wirklich noch naiv ist, erntet den Vorwurf, er "spiele" den
Naiven ...
Aber hat nicht gerade der Mensch,
der in wegwerfendem Ton einen Mitmenschen wegen seiner
Naivität schilt, etwas eingebüßt, was noch
ein Theodor Fontane das Beste und Vornehmste nannte, was der
Mensch haben könne: die Natürlichkeit? Niemals
wäre Fontane in den Irrtum verfallen, wer naiv sei, sei
auch zwangsläufig und unverbesserlich kindisch, dumm,
primitiv oder "obenhin". Noch immer pflegen wir zwischen
"kindisch" und "kindlich" wohlweislich zu unterscheiden.
Derselbe Unterschied besteht zwischen der falschen, der
angemaßten, der vorgetäuschten Naivität auf
der einen Seite - und der echten und wahren und
unverkrampften Naivität auf der anderen!
Ein weltberühmter Geiger litt
unter seinen ungeschickten Verbeugungen auf dem
Konzertpodium. Sie fielen hölzern aus, und das
beleidigte nicht nur seine Eitelkeit, sondern gab ihm auch
die Empfindung, er sei gegen das Publikum, das ihn mit
Beifall überschüttete, nicht hinreichend
höflich. Nach jedem Konzert erkundigte er sich darum
freimütig, ob er nun bessere Verbeugungen gemacht habe.
Daß er sich bei dieser Frage auf einer Naivität
"ertappen" ließ, kümmerte den Meistergeiger
nicht. Er zeigte "Kindlichkeit dort, wo sie nicht mehr
erwartet" wurde. Eine Kindlichkeit, die gerade diejenigen,
die sie schadenfroh belächelten, beschämte und
bloßstellte.
Fast genau mit den zuletzt zitierten
Worten haben Kant und Schiller das Wesen der Naivität
umschrieben. Schiller zog dabei einen bedeutsamen
Trennstrich. Wer sich ungeschlacht und unfreiwillig der
rohen "Aufrichtigkeit der Natur" ergebe, meinte Schiller,
dem gereiche das "zur Schande". Nur wer in der
"Freiwilligkeit der Gesinnung" der "gesunden Natur" den
Vorzug gebe, erwerbe sich Ehre. Anders gesagt: "Wenn ein
Mensch ohne Weltkenntnis, sonst aber von gutem Verstand,
einem anderen, der ihn betrügt, sich aber geschickt zu
verstellen weiß, seine Geheimnisse beichtet und durch
seine Aufrichtigkeit selbst die Mittel leiht, ihm zu
schaden: so finden wir das naiv. Wir lachen ihn aus, aber
wir können uns doch nicht erwehren, ihn deswegen
hochzuschätzen. Denn sein Vertrauen auf den andern
quillt aus der Redlichkeit seiner eigenen Gesinnung;
wenigstens ist er nur insofern naiv, als dies der Fall ist.
Das Naive der Denkart kann niemals eine Eigenschaft
verdorbener Menschen sein."
So sagte es (in seiner Sprache)
Schiller - und sollte sich wirklich im Ernst bestreiten
lassen, daß er auch heute noch recht hat?
Ähnliches meinte ein französischer
Enzyklopädist, der uns den Ausspruch hinterließ:
"Nicht alles, was echt ist, ist naiv; aber alles, was naiv
ist, ist echt." Hinter diesem Satz steht eine einfache
Einsicht. Wer von seinen Mitmenschen, vom Leben, vom
Schicksal eine aufrichtige Antwort will, muß selber
aufrichtig sein. Wer andere belügt, betrügt vor
allem sich selber.
Nur wer sich nicht selbst bespiegelt
und sich nicht selbst fortgesetzt über die Schulter
blickt, nur wer sich nicht pathetisch nimmt, nur wer
Menschlichkeit höher achtet als Lebensart - nur der
kann begreifen, warum ein großer deutscher Philosoph
die Naivität das "Vorrecht überlegener Geister"
genannt hat. Nur wer sich "gibt", wie er in Wahrheit ist,
braucht nicht unaufhörlich zu schauspielern. Nur ihm
gefrieren die "Blumen des Herzens" nicht zu Eisblumen. In
den Spöttern aber, die sich über ihn mokieren, in
den Zynikern, die ihn mit Ironie überschütten - in
ihnen erkennt er betrogene Opfer einer in unserer Zeit sehr
verbreiteten seelischen Erkrankung. Sie entstammt der
Überreizung und Übersteigerung unseres
Bewußtseins von uns selbst. Sie führt zu dem
Wahn, man müsse sich unausgesetzt beobachten und
kommandieren ...
Sollten wir, unbekümmert um
das, was gerade im Kurs steht, der Bewußtheit, die
unser Empfinden und Fühlen bedroht und aushöhlt,
nicht das Wagnis entgegensetzen, wieder ursprünglich
mehr wir selbst zu sein? Sollten wir nicht Mut fassen - zur
Naivität? Sollten wir uns nicht freuen, wenn sich dort,
wo wir sie gar nicht mehr erwarten, wieder eine
unbewußte Kindlichkeit in uns regt? Jene Kindlichkeit,
die den boshaften und hämischen Kobold der
Spötterei, der ebenfalls in uns steckt, verstummen
läßt?
Quelle:
Heimatschutznetzwerk Sachsen
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