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22. Februar
2007
Antifaschistischer
Schildbürgerstreich
Delmenhorster
ließen sich überteuertes Hotel andrehen
Von Martin Lüders
Über 400 Jahre ist es her,
daß ein Buch über die köstlichen Dummheiten
und törichten Streiche erschien, die sich die
Bürger einer - fiktiven - Stadt leisteten und damit zum
Symbol beschränkten Spießbürgertums wurden:
die Schildbürger. In Schilda glaubte man alles, was
einem erzählt wurde. Als die Schildbürger beim Bau
ihres Rathauses die Fenster vergessen hatten, riet ihnen ein
Schalk, mit Säcken das Sonnenlicht einzufangen und ins
finstere Gebäude zu tragen. Flugs taten sie's, und
seitdem lacht man über die Schildbürger.
Ausgestorben sind sie noch
längst nicht. Wer heutige Exemplare sucht, wird in der
schönen niedersächsischen Stadt Delmenhorst rasch
fündig. Dort steht seit langem das "Hotel am Stadtpark"
leer. Der Eigentümer wollte es zu einem angemessenen
Betrag verkaufen, fand aber zunächst keinen
Interessenten. Da tauchte der von Linken als "rechtsradikal"
eingestufte Anwalt Jürgen Rieger aus Hamburg auf und
ließ durchblicken, er könne sich den Kauf des
Anwesens vorstellen.
Diese Ankündigung ließ in
Delmenhorst alle vorhandenen Glocken "Alarm" läuten.
Sollte das Hotel künftig etwa Gästen zur
Verfügung stehen, die nicht den Vorschriften der
politischen Korrektheit entsprechen? Die Delmenhorster
kannten keine
Parteien mehr, sondern nur noch Kämpfer gegen Rechts.
Ob CDU-Oberbürgermeister oder Kirchenführer,
Gewerkschaftsfunktionäre oder linke
Pseudokünstler, ob antifaschistische Kampfbünde
oder die Frauenvereinigungen der "bürgerlichen"
Parteien - sie alle gebärdeten sich, als wollte der
Gottseibeiuns Quartier in der Stadt nehmen. Dabei hatten sie
doch bis dahin stets ihr Interesse an einer politischen
Auseinandersetzung mit den ebenso bösen wie
einfältigen Rechten bekundet, um diese in aller
Öffentlichkeit zu "entlarven". Aber die Chance wurde
vertan. Statt dessen zogen Hunderte durch die Straßen
der biederen Stadt, vor Zivilcourage platzend, Transparente
vor sich her tragend: "Keine Nazis in Delmenhorst!"
Damit aber war der Verkauf an den
Rechtsanwalt Rieger noch keineswegs verhindert. Angeblich
wollte er 3,5 Millionen Euro für das Hotel springen
lassen, das nach offizieller Begutachtung nur 1,3 Millionen
wert ist. Die Oberen der hochverschuldeten Stadt riefen ihre
Bürger zu Spenden auf, um Rieger das Hotel vor der Nase
wegzuschnappen. Tatsächlich kamen fast eine Million
Euro zusammen. Außerdem nahmen Stadt und
städtische Wohnungsgenossenschaft zwei Millionen Euro
Kredit auf (jährliche Zinsen: 83 000 Euro). Daraufhin
konnte das Hotel für stolze drei Millionen Euro ins
Eigentum der Stadt übergehen. Der bisherige Besitzer
freut sich - und Rechtsanwalt Rieger, der sich schon
öfter als Eulenspiegel betätigt hat, nicht minder.
Bei der Stadt aber hat der
Katzenjammer bereits begonnen. Was soll sie mit einem
leerstehenden, erste Verfallserscheinungen aufweisenden
Hotel anfangen? Schon die monatlichen Unterhaltskosten sind
immens. Ein gewaltiger Reparaturstau ist aufgelaufen.
Für den völlig überhöhten Preis wird
sich auch kein Weiterverkauf bewerkstelligen lassen. Die
Stadt ist ebenso pleite wie ratlos. Nun läßt sie
20 000 Postkarten verteilen, auf denen die Bürger
Vorschläge für die künftige Nutzung
einreichen sollen. Altenheim? Verwaltungsbau? Kulturzentrum?
Wie auch immer: Die in jedem Fall notwendigen Umbaukosten
gehen nochmals in die Hunderttausende.
Politisch hat man nichts erreicht.
So wenig sich Licht mit Säcken einfangen
läßt, so wenig lassen sich unerwünschte
Meinungen dadurch aus der Welt schaffen, daß sich
Städte leere Hotels zu überhöhten Preisen
anschaffen. Wo soll das enden? Überall in dieser
Republik stehen Häuser, Herbergen, Hallen zum Verkauf.
Genügt es, einen "rechten" Interessenten vorzuschieben,
um den Preis in schwindelerregende Höhen zu treiben?
Machen dabei vielleicht der jeweilige Verkäufer und
sein angeblicher Kaufinteressent gemeinsame Sache? Zu
verdenken wäre es ihnen nicht. Denn schon im
"Narrenschiff" - einer ebenfalls mittelalterlichen Groteske
à la Schilda - heißt es auf lateinisch: Mundus
vult decipi, ergo decipiatur. Zu deutsch: Die Welt will
betrogen sein, also wird sie betrogen. Und sei es auch nur
durch Kommunalpolitiker, die aus ideologischem Wahn die
Stadtkasse ruinieren.
Quelle: Nation &
Europa
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