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Antifaschistischer
Schildbürgerstreich Von Martin Lüders Über 400 Jahre ist es her, daß ein Buch über die köstlichen Dummheiten und törichten Streiche erschien, die sich die Bürger einer - fiktiven - Stadt leisteten und damit zum Symbol beschränkten Spießbürgertums wurden: die Schildbürger. In Schilda glaubte man alles, was einem erzählt wurde. Als die Schildbürger beim Bau ihres Rathauses die Fenster vergessen hatten, riet ihnen ein Schalk, mit Säcken das Sonnenlicht einzufangen und ins finstere Gebäude zu tragen. Flugs taten sie's, und seitdem lacht man über die Schildbürger. Ausgestorben sind sie noch längst nicht. Wer heutige Exemplare sucht, wird in der schönen niedersächsischen Stadt Delmenhorst rasch fündig. Dort steht seit langem das "Hotel am Stadtpark" leer. Der Eigentümer wollte es zu einem angemessenen Betrag verkaufen, fand aber zunächst keinen Interessenten. Da tauchte der von Linken als "rechtsradikal" eingestufte Anwalt Jürgen Rieger aus Hamburg auf und ließ durchblicken, er könne sich den Kauf des Anwesens vorstellen. Diese Ankündigung ließ in
Delmenhorst alle vorhandenen Glocken "Alarm" läuten.
Sollte das Hotel künftig etwa Gästen zur
Verfügung stehen, die nicht den Vorschriften der
politischen Korrektheit entsprechen? Die Delmenhorster
kannten Damit aber war der Verkauf an den Rechtsanwalt Rieger noch keineswegs verhindert. Angeblich wollte er 3,5 Millionen Euro für das Hotel springen lassen, das nach offizieller Begutachtung nur 1,3 Millionen wert ist. Die Oberen der hochverschuldeten Stadt riefen ihre Bürger zu Spenden auf, um Rieger das Hotel vor der Nase wegzuschnappen. Tatsächlich kamen fast eine Million Euro zusammen. Außerdem nahmen Stadt und städtische Wohnungsgenossenschaft zwei Millionen Euro Kredit auf (jährliche Zinsen: 83 000 Euro). Daraufhin konnte das Hotel für stolze drei Millionen Euro ins Eigentum der Stadt übergehen. Der bisherige Besitzer freut sich - und Rechtsanwalt Rieger, der sich schon öfter als Eulenspiegel betätigt hat, nicht minder. Bei der Stadt aber hat der Katzenjammer bereits begonnen. Was soll sie mit einem leerstehenden, erste Verfallserscheinungen aufweisenden Hotel anfangen? Schon die monatlichen Unterhaltskosten sind immens. Ein gewaltiger Reparaturstau ist aufgelaufen. Für den völlig überhöhten Preis wird sich auch kein Weiterverkauf bewerkstelligen lassen. Die Stadt ist ebenso pleite wie ratlos. Nun läßt sie 20 000 Postkarten verteilen, auf denen die Bürger Vorschläge für die künftige Nutzung einreichen sollen. Altenheim? Verwaltungsbau? Kulturzentrum? Wie auch immer: Die in jedem Fall notwendigen Umbaukosten gehen nochmals in die Hunderttausende. Politisch hat man nichts erreicht. So wenig sich Licht mit Säcken einfangen läßt, so wenig lassen sich unerwünschte Meinungen dadurch aus der Welt schaffen, daß sich Städte leere Hotels zu überhöhten Preisen anschaffen. Wo soll das enden? Überall in dieser Republik stehen Häuser, Herbergen, Hallen zum Verkauf. Genügt es, einen "rechten" Interessenten vorzuschieben, um den Preis in schwindelerregende Höhen zu treiben? Machen dabei vielleicht der jeweilige Verkäufer und sein angeblicher Kaufinteressent gemeinsame Sache? Zu verdenken wäre es ihnen nicht. Denn schon im "Narrenschiff" - einer ebenfalls mittelalterlichen Groteske à la Schilda - heißt es auf lateinisch: Mundus vult decipi, ergo decipiatur. Zu deutsch: Die Welt will betrogen sein, also wird sie betrogen. Und sei es auch nur durch Kommunalpolitiker, die aus ideologischem Wahn die Stadtkasse ruinieren.
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