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Erlebnisbericht einer Ostpreussin:
1945 bis 1948 in russischer Gefangenschaft
von Ilse Brodersen, USA

Ich heiße Ilse und möchte nachstehend über drei Jahre meiner Jugend in Ostpreussen berichten, die eine unvergessliche, schmerzliche Erinnerung in mir nach so vielen Jahren immer noch wachrufen, und die mein Leben für immer ändern sollten.

Wir wohnten in Königsberg in der Samitter Allee. Mein Vater, Bruno Breyer, war mit uns, weil er an einer Verwundung vom Ersten Weltkrieg litt und somit nicht zum Militär musste. Meine Mutter, Charlotte Breyer, geb. Reimer, meine Schwester Christa, 15 Jahre, mein Bruder Ulrich, 10 Jahre, und ich 17 Jahre alt, wohnten alle zusammen. Mein Vater war auf dem Landesfinanzamt beschäftigt. Seit April 1945, als die Russen ihn mitschleppten, wissen wir nicht, was aus ihm geworden ist. Ich ging auf die Bismarck Oberschule; Christa war auf der Tragheimer Mädchen Mittelschule und Ulrich ging noch zur Volksschule.

Es war der 27. Januar 1945. Den letzten Zug aus Königsberg hatten wir verpasst. So hieß es, wir sollten nach Norden zur Samland Küste mitfahren. Dort wäre die Möglichkeit auf einem Schiff mitgenommen zu werden. So ging es von Ort zu Ort, aber kein Schiff kam. Der Weg aus Ostpreussen war für uns gesperrt. Die Russen wurden noch einmal zurückgeschlagen; und so hofften wir, eventuell doch noch raus zu kommen. Doch vergebens. Wo die Russen gehaust hatten war alles abgebrannt und zerstört. Es war eisig kalt, als wir wanderten. An den Strassenseiten sah man tote Menschen liegen, die bereits von den Russen erschossen worden waren.

Am 16. April 1945 kamen die Russen auch zu uns. Wir hatten uns in den Kellern versteckt. Es war so still, bis auf einem Mal die Tür aufgerissen wurde und da standen die Russen. Sie wollten zuerst nur "Uri, Uri" unsere Uhren und anderen Schmuck haben. Einzelne Männer wurden geschlagen und rausgeführt. Dann kamen die jungen Frauen und Mädchen dran. Meine Schwester Christa, 15 Jahre alt, musste mit meinem Vater und den russischen Soldaten mitgehen. Mein Vater musste dabei stehen, als seine Tochter mehrere male vergewaltigt wurde.

Am nächsten Tag gebärdeten sich die Russen wie verrückt. Sie plünderten und schossen, setzten Häuser in Brand. Sie fanden wohl Lebensmittel auf dem Militärflugplatz und warfen alles raus. Wir holten uns etwas. Doch als die Russen sahen, dass wir alles assen, wurde uns der Rest wieder fortgenommen.

Nun sollten wir wieder nach Königsberg gehen, wurde uns gesagt. Wir waren 9 Personen. Meine Eltern, Schwester, Bruder Ulrich, und ich sowie drei Schwestern und die Mutter unseres Vaters.

Im nächsten Dorf wurden wir wieder festgehalten. In einer Stube waren schon andere Deutsche. Niemand wusste, was weiter kommen wird. Am 20. April mussten alle Männer raus und antreten. Unser Vater sollte helfen, Vieh forttreiben. Wir sahen ihn von Weitem, denn wir durften nicht zu den Männern ran. Das war das letzte mal, dass ich meinen Vater gesehen habe.

Die Russen kamen und nahmen, was sie wollten. Sie schütteten unsere Habe aus und gingen. Wir suchten dann wieder zusammen, was uns gehörte. Wir machten uns dann wieder auf, um nach Königsberg zu kommen. Wurden jedoch wieder aufgehalten. Wir waren in einer Kirche in Gross Kuhren untergebracht. Einen Morgen mussten wir alle antreten. Die jungen Frauen und Mädchen mussten mit.

Ulrich, 10 Jahre alt, wollte zu uns rankommen, doch ein Russe versetzte ihm einen Fusstritt, dass der Junge hinfiel. Man sperrte uns in einem Haus an der Landstrasse ein. Wie wir von anderen Frauen erfuhren, wartete man auf Lastautos, um uns abzu holen. Kein Essen, kein Trinken -- so warteten wir , was nun kommen sollte. Nichts kam und so wurden wir wieder in diese Kirche zurückgeschickt.

Jeden Tag mussten wir antreten zur Arbeit. Was wir machen mussten, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls bekamen wir eine Scheibe Brot am Abend. Wir fanden dann wieder einen Platz, wo wir schlafen konnten. Abends wurden die Türen verrammelt, um den Russen den Eintritt zu verwehren. Wir arbeiteten dann auf den Feldern als eines Tages ein grosses Feuerwerk von den Russen veranstaltet wurde.

Der Krieg war zu Ende.

Wieder wurde versucht, nach Königsberg zu kommen. Nachts schliefen wir im Wald. Die Russen fanden uns da auch und nahmen noch von dem Wenigen, was wir hatten. Endlich landeten wir doch in Königsberg. Unsere Wohnungen waren zerstört. Wir schrieben an die Ruinen unsere Namen, falls unser Vater uns suchen sollte. Fanden dann eine Bleibe in einem Haus, das auch fast zerstört war.

Die Tanten und unsere Oma hatten ein Zimmer und wir 4 teilten ein anderes. Arbeiten mussten wir gehen. Wir bekamen eine Scheibe Brot am Abend. Was wir sonst noch an Wertsachen hatten wurde bei den Russen gegen Essen eingetauscht. Meine Schwester und ich mussten Tote zuschütten. Alles in einen Bombentrichter -- Menschen, Tiere und was sonst noch rumlag. Es war ein Chaos. Die Menschen fielen auf den Strassen um und starben. Unsere Oma, 80 Jahre alt, war dann die Nächste, die starb.

Wir fanden einen grossen Holzkasten, in dem wir sie auf einem Schubkarren zum Friedhof brachten. Wir schaufelten das Grab und senkten den Kasten in die Erde.

Im Juli mussten meine Schwester und ich mit. Man brachte uns auf ein Gut, und wir mussten bei der Ernte helfen. Jedenfalls bekamen wir etwas zu essen. Nach einer Zeit brachten brachte man uns wieder nach Königsberg. Meine Mutter hatte meinen Bruder ins Krankenhaus bringen müssen. Er war am Verhungern. Im Oktober starb er. Wieder mussten wir etwas finden, um ihn reinzutun. Er wurde dann in eine Decke gepackt und zum Friedhof gebracht. Wieder schaufelten wir ein Grab. Mit Laub und Tannen bedeckt wurde der Junge vergraben.

Der Winter 1945-46 war sehr streng. Viele, viele Menschen fanden den Tod in den Strassen. Die Russen warfen sie einfach in die Trümmer.

Nach dem Tode meines Bruders starb dann noch eine meiner Tanten. Hungertod. Wieder mussten wir ein Mitglied unserer Familie begraben. Im Frühjahr 1946 wurden wir dann wieder mal verladen. Auf grossen Lastwagen ging es gen Norden. Abends waren wir in der Tilsiter Gegend. Hier wurden wir auf einem Gut einquartiert. Wir mussten nun wieder auf den Feldern arbeiten. Bekamen etwas zu essen, doch war es recht wenig. In den Wäldern fanden wir Pilze und Beeren. Auf verlassenen Bauernhöfen und Gärten fanden wir sogar etwas Gemüse.

Wenn wir nicht zur Arbeit antreten wollten, wurden wir von den Russen rausgeholt. Als dann im Herbst die Ernte vorbei war, schickte man uns wieder fort. Nun waren wir in Tilsit. Hier mussten wir Strassen fegen und später in einer Zellstoffabrik arbeiten. Etwas bezahlt bekamen wir, aber zu kaufen gab es leider nichts. Nur am Markttag, wenn die Litauer kamen, konnten wir uns ab und zu Kartoffeln oder Gemüse leisten.

Im Winter 1946-47 war es sehr schwer. Wir fuhren mit einem Zug nach Litauen. Sprangen auf den Zug ohne Fahrkarte. Stiegen dann irgendwo aus und gingen von Hof zu Hof betteln. Die Litauer gaben uns von dem wenigen, was sie hatten noch was ab. Diesen Menschen werden wir immer dankbar sein. Sie haben uns das Leben gerettet.

Wir arbeiteten immer noch in der Zellstoff Fabrik. Meistens nachts. Unsere Behausung war voll Wanzen. Wenn wir nachts zur Arbeit gingen, mussten wir die Klamotten erst gut schütteln, dass wir die Wanzen nicht zur Arbeit mitnahmen. Zwei, manchmal drei Familien waren in einer Stube untergebracht, was keine Seltenheit war. Abends wurde alles dicht gemacht, denn die Russen kamen immer noch und holten die Mädchen und Frauen raus. In der Zellstoffabrik fanden wir lange Gurte aus Baumwolle. Wir nahmen die mit, knüpften sie auf und strickten uns Strümpfe. Unsere Schuhe flickte ein Mann mit Holzsohlen, damit wir gehen konnten. Kleidung gab es nicht zu kaufen.

1947-48 wurde es etwas besser. Wir erhielten sogar Post aus Deutschland. Was für eine Sensation! Wir bekamen paar Rubel mehr die Woche und kauften uns dann Brot und Margarine. Was für eine Delikatesse! So machten wir das beste aus schweren Zeiten. Immer auf der Wacht, um nicht von den Russen überfallen zu werden.

Im September 1948 wurden wir auf die russische Kommandantur beordnet. Man gab uns einen Schein, alles in russisch geschrieben -- es sollte unsere Ausreisegenehmigung sein. Wann es sein sollte, war ungewiss. Eines Tages lief alles zum Bahnhof, denn es hiess, wir werden verschickt. Wohin wurde uns nicht gesagt. Unser erster Gedanke war, jetzt geht's nach Russland! Doch es war nicht der Fall. Es war ein Güterzug, mit Stroh in den Waggons, welcher uns nach Königsberg brachte. Dort angekommen, wurden wir dann in Personenzüge verladen. Es ging weiter südlich. In Allenstein wurde gehalten. Wir waren nun schon eine ganze Woche unterwegs. Dann ging es weiter westlich, bis wir eines Nachts über die Oderbrücke nach Deutschland reinfuhren. Gebete und "Nun danket alle Gott" klangen zum Himmel.

Nach der Gefangenschaft verbrachten wir eine zweiwöchige Quarantäne in einem Auffangslager in Heiligenstadt in Thüringen. Danach wurden wir alle verteilt. Meine Mutter, Schwester Christa und ich kamen auf einen Bauernhof in der Nähe von Greiz in Thüringen. Als der Bürgermeister uns dahin führte, wollte die Bauersfrau uns nicht die Tür aufmachen. Ihr Sohn wäre nicht daheim und sie dürfte niemand reinlassen, war ihre etwas schnippische Antwort. So blieb uns nichts anderes übrig, als durch ein Fenster ins Haus einzusteigen.

Unsere Mutter war gar nicht einverstanden, dass wir auf dem Bauernhof arbeiten mussten, schwere Landarbeit verrichteten, und dadurch nicht die Schule fertig machen konnten.

Konnten wir nun schon nicht weiter zur Schule gehen, so mussten wir beide Mädchen doch einen Beruf erlernen. Meiner Mutter lag viel daran. Sie hatte nun irgendwo gelesen, dass junge Mädchen im Krankenhaus in Greiz als Schwesternschülerinnen ausgebildet werden. So mussten wir dahin. Mir fiel das Lernen ziemlich leicht, meine Schwester konnte sich nicht so schnell damit abfinden und lief öfters zur Mutter zurück. Doch auch das ging vorbei und wir beide sind froh, dass unsere Mutter damals so weitsichtig dachte und wir beide einen Beruf ausüben konnten, der uns viel Freude und Zufriedenheit brachte.

Eines schönen Tages war unsere Mutter fort. Sie wusste uns beide gut aufgehoben und war illegal über die Grenze nach West-Deutschland gegangen. Meine Schwester und ich blieben dann noch ein Jahr und folgten ihr dann nach - auch schwarz über die Grenze.

Ich war 1945 noch in der Schule und hätte nach einem Jahr das Abitur gemacht. Mit Studieren war es leider vorbei. Wir wussten nicht, was aus unserem Vater geworden war. Wir hatten kein Geld. Ich fing dann noch einmal mit der Schwesternschule in Marburg an. Nach dem Examen 1954 kam ich dann nach U.S.A., und zwar zu meiner Tante, Eva Reimer, der jüngsten Schwester meiner Mutter. Hier begann ein neues Leben für mich. Musste noch einmal zur Schwesternschule gehen. Aber nach drei Monaten war ich fertig; schrieb das Staatsexamen und arbeitete im Krankenhaus hier.

Meine Schwester war viele Jahre in Marburg als Krankenschwester tätig. Nach der schweren Russenzeit hatten weder meine Schwester noch ich Lust zum Heiraten.

Doch alles kam anders.

Meine Schwester heiratete als sie schon älter war und lebt jetzt in Karlsruhe. Meine Mutter wohnte auch dort bis sie uns mit 93 Jahren für immer verliess.

Ich heiratete Hermann Bunk, den ich hier in Independence, im Staate Missouri, kennenlernte. Er hatte auch seine Heimat in Schlesien verloren. Wir bauten uns hier ein neues Leben auf. Er starb nach 28 Jahren. Nach fünf Jahren heiratete ich Hans Brodersen. Er stammt aus Nord Friesland und war auch Witwer.

Wir führen ein ruhiges Leben im Ruhestand mit unseren Kindern und Enkelkindern. Wir sind dankbar, dass wir hier in den Staaten leben dürfen; doch unsere Heimat und Vergangenheit wird stets in unseren Herzen bleiben.

Nach meiner Heimat Ostpreussen zieht es mich immer wieder. Wenn die Möglichkeit besteht, möchte ich noch einmal dort hin.

Alles, was wir damals mitmachten, kommt mir fast wie eine Geschichte vor. Aber es ist die Wahrheit, die viele Jahre verschwiegen wurde und jetzt endlich auch mal rauskommt.

Würde mich freuen, von Königsbergern zu hören.
Bitte schreibt mir!

 

Ilse Brodersen
Independence, Missouri, USA
eMail:
omib27@aol.com