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5. August
2005
Hamburg, Juli 1943
Der Tod kam vom
Himmel
Aus der Sicht
eines Kindes
Von Margit Alm
Melbourne, Australien
Es war ein besonders warmer,
sonniger Julitag gewesen, wie man ihn in Hamburg nicht oft
erlebt. Wie so oft hatten wir, in unsere Ausgehkleider
gehüllt, die beruhigende Wasser- und Gartenlandschaft
der Binnen- und Außenalster auf einem langen
Spaziergang genossen.
Wir wohnten in Hamburgs Innenstadt
(Heuberg) in einem großen Wohnblock, der aus
Geschäfts- und Privatwohnungen bestand, ungefähr
300m entfernt vom Jungfernstieg und der
Binnenalster.
Jetzt lagen wir - meine
ältere Schwester, mein zweijähriger Bruder und ich
- sicher und müde im Bett. Eine ältere Dame aus
der Nachbarwohnung wachte über uns, während meine
Mutter sich auf dem Weg zum Hauptbahnhof machte, um meinen
Vater abzuholen, der als Wehrmachtssoldat in Norddeutschland
stationiert war. Eine in der Ukraine zugezogene
Kriegsverletzung wurde dort ausgeheilt. Zu unserer
größten Freude durfte er seine freien Tage in
Hamburg verbringen.
Meine Eltern waren soeben wieder in
der Wohnung angekommen, meine Mutter hatte den Wasserkessel
für eine abendliche Tasse Kaffee aufgesetzt und den
frisch gebackenen Kuchen angeschnitten, als die Sirenen auf
Vollalarm heulten und gleichzeitig das brummende
Geräusch der Bomber in unsere Ohren drang. In aller
Eile wurden wir aus den Betten gerissen und in die noch vom
Nachmittag bereitliegenden Kleider gesteckt. Meine Mutter
griff nach ihrer stets bereit liegenden Handtasche, in
welcher Papiere und Fotos aufbewahrt wurden; dann sausten
wir in Windeseile von der vierten Etage die Treppen hinunter
in den Keller. Zwischen der dritten und vierten Etage befand
sich ein Fenster. Neugierig guckte ich hinaus und sah mit
Schrecken in die den Himmel erleuchtenden
"Weihnachtsbäume" und in die in Massen fallenden
Bomben.
Bei früheren Angriffen hatte
ich immer eine stoische Ruhe bewahrt und hasste es, aus dem
Schlaf gerissen zu werden. Ich vertrat mit der Weisheit
einer Sechsjährigen den Standpunkt, dass ich den Bomben
nichts tue, dann tun sie mir auch nichts. Was ich in einer
Sekunde durch das Fenster sah, machte diesem Standpunkt
für immer ein Ende.
Wir hockten, zusammen mit den
anderen Hausbewohnern, im Keller. Jeder war mit seinen
eigenen Gedanken und seiner eigenen Angst beschäftigt.
Meinen Vater hielt es nicht im Keller. Er raste die vier
Stockwerke bis zur Dachkammer hinauf und löschte
Brandstellen, wo er sie fand, insgesamt achtzehn. Aber er
allein kam nicht gegen die Gewalt einer
Tausend-Bomben-Ladung an, die aufs Nachbarhaus gefallen war
und sich blitzschnell auf unseren Block
ausdehnte.
Als er in den Keller zurückkam,
nahm er meine weinende Mutter in den Arm, sagte ihr, dass
alles verloren sei und alle schnellstens den Keller
verlassen müssten, da Erstickungsgefahr vom Rauch
bestand. Schon fing der als bombensicher geltende Keller an,
sich mit Rauch zu füllen. Mit nassen
Taschentüchern vorm Gesicht eilten wir ins Foyer des
Gebäudes, wo der einzige Ausgang ins Freie lichterloh
brannte. Mein Vater ergriff einen einsam dastehenden Stuhl
und schlug das neben dem Ausgang befindliche Fenster ein,
durch das wir dann alle entflohen.
Entwarnung war noch nicht gegeben
wurden. Unsere Gruppe musste eine sofortige neue Bleibe
finden. 50m straßabwärts, an der Ecke Grosse
Bleichen/Bleichenbrücke, stand das noch ziemlich
unbeschädigte Kaufmannshaus (es sollte den Krieg
überdauern), wohin wir, geführt von meinem Vater,
vorübergehend hinflüchteten, während er
weiterlief und einen Bunker in den Grossen Bleichen
auskundschaftete, der uns dann für den Rest der Nacht
beherbergte.
Als wir aus dem Kaufmannshaus
heraustraten, stahl ich einen Blick auf unseren Wohnblock,
wo ich so viele unbeschwerte, fröhliche und
behütete Jahre verbracht hatte. Es stand da, als eine
stumme und dunkle Silhouette in den feuererleuchteten Himmel
hinausragend. Oben aus dem Dach loderten die Flammen; sie
verschlangen das Haus von innen und mit ihnen die
Träume meiner Kindheit.
Auf der gegenüberliegenden
Seite, keine 5m von uns entfernt, fiel krachend und
knisternd ein lichterloh brennendes Gebäude in sich
zusammen und schickte einen Schwall von Phosphorregen in
unsere Richtung. Ein Funke muss mich im Gesicht getroffen
haben. Ich zog mir eine Verletzung zu, und meine Mutter
befürchtete, dass ich erblinden könnte. Zum
Glück war dem nicht so.
Ich kann mich nicht mehr erinnern,
ob ich Angst hatte. Es war auch keine Zeit da, Angst zu
haben. Man lief um sein Leben. Dieser Bombenangriff war eine
total neue Erfahrung nicht nur für mich, sondern
für uns alle. Ich vertraute voll und ganz auf meinen
Vater, dass er uns sicher aus dieser Hölle
rausführen würde.
Wir hatten frühere Angriffe
über Hamburg durchgestanden, die im Verhältnis
wenig Schaden hinterließen. Ja, wir Kinder hatten
unsere Freude daran, am Tage nach dem Angriff durch die
Strassen der Innenstadt zu strolchen und uns den Schaden
anzusehen. Diese Angriffe dienten in erster Linie der
Zerstörung von Infrastruktur, wie z. B. der Hafen. Zum
erstenmal wurde mehr als Infrastruktur zerstört.
Trotzdem glaube ich nicht, dass dieser Angriff auf die
Zivilbevölkerung gezielt war, denn es wohnten in der
Innenstadt verhältnismäßig wenige
Zivilpersonen. Vielleicht war es ein Übungsangriff
für das, was noch kommen sollte.
Sobald die ersten Morgenstrahlen den
Tag ankündigten, machte mein Vater sich auf dem Weg zu
der ungefähr 4 oder 5 km entfernt liegenden Wohnung
meiner Tanten, auf der anderen Seite der Innenstadt, am
äußersten Rande von St. Georg. Hier befanden sich
ausschließlich Wohnhäuser, die in dieser Nacht
dem Bombenangriff entgangen waren. Mühselig arbeiteten
wir unseren Weg durch die Strassen, wo uns im hellen
Tageslicht die Zerstörung der Nacht so richtig grafisch
vor Augen geführt wurde.
Die Wohnung meiner beiden Tanten war
ein sicherer Hafen - so glaubten wir. Doch hatten wir kaum
Zeit, uns etwas einzuleben und von dem Schrecken des
Angriffes zu erholen, als bei Dunkelheit wiederum Vollalarm
gegeben wurde. Wiederum eilten wir hastig in den Keller; ich
trug nur einen viel zu großen Pyjama meiner etwas
klein-gewachsenen Tante. Es blieb keine Zeit,
zusätzliche Kleidung anzuziehen. Wiederum hockten wir
stumm auf den Stühlen und Bänken und warteten auf
die Dinge, die da kommen sollten. Nur war die
Kellerbevölkerung dieses Mal wesentlich
größer, da fünf Stockwerke von Zivilpersonen
bewohnt wurden. Wiederum übernahm mein Vater, der nun
Sonderurlaub bekommen hatte, um seine Familie in Sicherheit
zu bringen, die Aufgaben des Luftschutzwartes and
patrouillierte im Eilschritt das Treppenhaus. Und wiederum
mussten wir schnellstens das Haus verlassen, nicht weil
Rauch in den Keller drang, das war noch nicht der Fall,
sondern weil mein Vater im Schacht des Hauses einen
Zeitzünder entdeckte, der jeden Augenblick explodieren
und das Haus zerreißen konnte.
Aber wohin sollten wir uns wenden?
Auch hier hatte mein Vater herausgefunden, dass in nicht
allzu weiter Entfernung der Luftschutzdienst mit Hilfe von
Dynamit einen Mauerdurchbruch zur U-Bahn geschaffen hatte.
Das sollte unsere Rettung werden. Mein Vater führte die
Gruppe, meinen Bruder auf dem Arm tragend, dann folgte meine
Mutter, die mich an der Hand führte, darauf meine Tante
mit meiner Schwester, gefolgt von allen anderen. Als ich aus
dem Türeingang heraustrat, blieb ich starr vor
Schrecken auf der obersten Stufe stehen, riss mich von der
Hand meiner Mutter los und schrie: "dadurch laufe ich
nicht". Meine Mutter, von ihrem eigenen Momentum
angetrieben, lief hinter meinen Vater hinterher und
jammerte: "Ich habe Margit verloren". (Ich habe mich
später im Leben oft gefragt und nie meine Eltern zu
fragen gewagt, was mein Vater in dem Augenblick von meiner
Mutter dachte.) Ich erblickte ein unvorstellbares Inferno.
Jedes Haus brannte lichterloh, angefacht von den starken
Winden. Der Phosphorregen prasselte und wirbelte vom Himmel
herunter und die Strasse schien wie glühende Kohlen zu
sein. Zu meiner Linken sah ich die Leute ein nach dem
anderen an mir wie Schatten vorbeihuschen; sie ignorierten
mich; jeder war mit sich selbst und seiner Rettung
beschäftigt. Plötzlich fühlte ich mich von
starken Armen in die Luft gehoben und sah vor mir eine
breite Männerbrust, in die ich mich verkroch, um nicht
mehr in die Hölle gucken zu müssen. Ich merkte,
wie meine Pyjamahose beim Laufen von mir
runterrutschte.
Nach einigen Minuten, die mir wie
eine Ewigkeit düngten, fühlte ich wieder Boden
unter den Füssen, spähte in einen dunklen Gang
hinein und sah über mir das Gesicht meines Vaters und
das meines Retters. Mein Retter war ein junger
Holländer, der in dem Wohnblock lebte und meine Tanten
sowie uns Kinder gut kannte. Mein Vater, nachdem er den Rest
seiner Familie in Sicherheit wusste, hatte auf der Stelle
kehrt gemacht und war auf dem Weg zurück zum Wohnblock,
um mich zu holen. Er wäre zu spät gekommen, denn
der Zeitzünder explodierte ganz kurz nachdem alle
Bewohner das Gebäude verlassen hatten. Nur Trümmer
blieben übrig. Das nennt man Glück im Unglück
haben.
Durch den langen Gang und diesmal an
der Hand meines Vaters erreichten wir den U-Bahn-Tunnel, wo
wir den Rest der Nacht auf den Schienen hockend verbrachten,
zusammen mit einer großen Menge von Passanten. Am
nächsten Morgen besah sich mein Vater den Schaden der
vorhergehenden Nacht bei Tageslicht. Sein Bericht war
erschreckend: die Leichen lagen stapelweise
aufeinandergehäuft am Straßenrand. Um uns, vor
allem uns Kindern, diesen Anblick zu ersparen, liefen wir
über eine längere Strecke entlang den Schienen,
bis wir an einen U-Bahn-Ausgang kamen, der von dem
Feuersturm der Nacht nicht betroffen wurde.
Ein Bus brachte uns in ein
großes Auffanglager in Neumünster zur weiteren
Verteilung über Norddeutschland. Eine neue Episode, die
der Evakuierten, begann. Wir sollten Hamburg für mehr
als vier Jahre nicht wiedersehen.
Mein Vater ist als Soldat mit
mehreren Kriegsorden ausgezeichnet worden, die er am Ende
des Krieges allesamt in einen Bach warf, da sie seiner
Flucht aus der russischen Gefangenschaft gehindert
hätten. Für mich aber war er der Held, der seine
Familie und alle anderen Hausbewohner vor dem sicheren Tod
bewahrte. Dafür hat er keine Medaille bekommen. Die
meisten Kellerinsassen waren Frauen und Kinder. Aber ich
erinnere mich an vereinzelte Männer. Niemand,
außer dem Holländer, zeigte Initiative. Alle
folgten willig dem Wehrmachtssoldaten.
Nachwort
Man mag sich fragen, warum ich, nach
so langer Zeit, bereit bin, diese Erinnerungen zu Papier zu
bringen. Dafür gibt es mehrere Gründe:
Es ist wohl über keinen Krieg
mehr geschrieben und gefilmt worden, als über den
Zweiten Weltkrieg. Das Ende haben wir noch lange nicht
gesehen. Vieles was berichtet wird, wird verzerrt
dargestellt oder zu einseitig.
Die jüdische Gemeinde hat aus
ihrem Leiden eine Kunst/Religion/Industrie entwickelt. Einem
Menschen von Mars könnte verziehen werden, wenn er
dächte, dass nur diese Gruppe gelitten hat. Es haben
alle gelitten: der Schuldige wie das Opfer. Und wer ist der
Schuldige und wer ist das Opfer? Es muss etwas Gleichgewicht
in diese Kriegsberichte gebracht werden.
Ich habe Jörg Friedrichs
"Der Brand" gelesen und bin erschüttert. Meine
Erlebnisse verblassen gegenüber denen in dem Buch. "Der
Brand" ist technisch und statistisch sehr detailliert, aber
er befasst sich nur in Kurzform (ich möchte es fast
Punktform nennen) mit den persönlichen Ängsten und
Nöten der Betroffenen. Welche Gedanken sind durch die
Gehirne der Leute geflogen, wie haben sie gelitten, waren
sie Helden oder Feiglinge usw. usf. Wenn man auch nicht ein
umfassendes Werk wie Steven Spielbergs "Shoah" auf die Beine
stellen kann, vielleicht werden einige Leser, wenn sie
diesen Bericht lesen, dazu veranlasst, ihre jahrzehntelang
aufbewahrten Geheimnisse mit der restlichen Welt zu teilen.
Ich hoffe nur, dass "Der Brand" in andere Sprachen, vor
allem ins Englische, übersetzt wird.
Die jungen Generationen sind an der
Vergangenheit interessiert. In Australien wird am 25. April
jeden Jahres ANZAC gefeiert, ein Heldengedenktag,
vornehmlich für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen
(inzwischen leben keine Soldaten vom Ersten Weltkrieg mehr),
aber inzwischen auf alle Kriege seit der Zeit ausgedehnt.
Die Enkel und Urenkel der WK1-Generation beginnen
großes Interesse zu zeigen. Sie arbeiten sich durch
Familiendokumente, tragen die Auszeichnungen der Groß-
und Urgroßväter und reisen zu den in anderen
Ländern befindlichen
Soldatenfriedhöfen.
Unser hier in Australien geborener
und aufgewachsener Sohn, jetzt 30 Jahre alt, ist sehr daran
interessiert, dass seine Eltern ihre Kriegserlebnisse
aufzeichnen (Englisch natürlich, da es mit dem
Deutschen bei ihm etwas holperig ist.) Ich bin davon
überzeugt, dass, sollte er mal Kinder/Enkelkinder
haben, dieses Interesse wachsen wird.
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