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 25. April 2005

In amerikanischer Kriegsgefangenschaft

Von Prof. Dr. Alfred Zängl

Mit welchen Erwartungen durfte ich der unvermeidlichen Gefangennahme entgegen sehen, als gegen Mitte April 1945 die Front unrettbar zusammenbrach und sich meine Division, die vorwiegend von Österreichern gebildete 9. Panzerdivision, selbst auflöste?

Tausende, ja Zehntausende von deutschen Landsern ergaben sich beim Zusammenbruch der eigenen militärischen Führung der anglo-amerikanischen Armee, nachdem ihnen durch massenhaft abgeworfene, von General Eisenhower unterzeichnete Flugblätter versichert worden war, daß sie nach den Bestimmungen des Völkerrechtes behandelt würden, daß sie nach Beendigung der Kampfhandlungen so schnell wie möglich ihren Familien zurückgegeben würden und daß sie verpflegt würden nach den Verpflegungsgrundsätzen der bestverpflegten Armee der Welt, nämlich der US-Armee.

Im Vertrauen auf die Vertragstreue der kriegsführenden zivilisierten Staaten sah ich daher meiner bevorstehenden Gefangennahme verhältnismäßig gelassen entgegen, als sich am 12. April 1945 ein Trupp amerikanischer Soldaten meinem Regimentsverbandsplatz näherte.

"Ihr weiße - wir schwarze Sklaven"

Dieser befand sich, durch Flaggen mit dem Roten Kreuz auch wegen der pausenlos angreifenden Jagdbomber weithin kenntlich gemacht, auf einer Anhöhe in einem Bauernhaus. Die US-Soldaten betraten die Diele, in welcher sich mit mir etwa ein Dutzend Sanitätsdienstgrade aufhielt, keineswegs stürmisch. Der verbale Kontakt in deren Muttersprache war sofort hergestellt, gefolgt von einer körperlichen Durchsuchung nach Waffen. Mit einer Handbewegung wurde mir sodann befohlen, als Erster ins Freie zu treten. Aus der anknüpfenden Bewußtlosigkeit weckte mich mein Sanitätsfeldwebel - Medizinstudent von Beruf. Eine Beule an meinem Hinterkopf ließ zweifelsfrei erkennen, daß mich ein harter Gegenstand getroffen haben mußte. Man stellte mich auf die wackeligen Beine und sodann, gemeinsam mit meinem Sanitätspersonal, vor eine inzwischen eingetroffene Panzerspitze. Offenbar sollten wir als Kugelfang gegen vermutete Reste deutscher Truppen in Marsch gesetzt werden. Heftig protestierend verlangte ich den Commanding Officer zu sprechen, der schließlich aus dem rückwärtigsten Panzer hervorlugte. Ich erklärte ihm dezidiert, mich eher erschießen denn als Kugelfang mißbrauchen zu lassen. Mehrere Telefonate mit höheren Dienststellen führten schließlich zum Befehl an uns, gegen die Richtung und entlang der vorrückenden Kolonne ohne Bewachung mit unbekanntem Ziele abzumarschieren. Nach wenigen Kilometern nahm uns eine aus Farbigen bestehende Einheit eher freundlich grinsend mit dem Zuruf in Empfang: "Mach snell Superman." Einer kam auf mich zu, montierte vorsichtig mein EK I ab und reichte mir ein Zigarettenpaket mit den Worten: "I take this as a souvenir." Er wollte mich ganz eindeutig weder demütigen noch kränken.

Vorwegnehmend sei festgehalten, daß sich farbige US-Soldaten, entgegen meinen Erwartungen, mir gegenüber niemals Übergriffe erlaubten, so sie nüchtern waren. Oft riefen sie uns vom Wachturm aus zu: "Ihr weiße - wir schwarze Sklaven."

Die Aufnahme in das erste provisorische Sammellager erfolgte bemerkenswert rüde. Es handelte sich um eine nasse Wiese ohne Stacheldrahtumzäunung mit einer zentralen Grube als Sanitäranlage. Keine Wachtürme, keine Zelte, keine Gebäude, keine Kochstellen, kein Wasser, keine Latrinen, keine Lebensmittel! Zur neuerlichen Kontrolle hatten wir unsere Besitztümer vorzuweisen. Mein Rucksack mit Wäsche und Mitteln zur Körperpflege war sofort geplündert, meine Armbanduhr und ein Siegelring wechselten blitzartig den Besitzer. Meine anfängliche Verblüffung ging jedoch in Entsetzen über, als sich ein trauriger Held über meine Sanitätsoffizierstasche hermachte. Völlig sinnlos wurde deren Inhalt - chirurgische Instrumente, Medikamente, Verbandstoffe, sowie Privates wie Dokumente, Briefe, Photos, etc. - entleert und in den lehmigen Boden gestampft. Dazu der absurde Kommentar: "Du bekommst alles besser von der US-Army." Diese gewaltsame Wegnahme und Zerstörung meiner Ausrüstung reduzierte meine ärztliche Tätigkeit für einige Wochen auf primitivstes Niveau. Abszesse, Furunkel und Phlegmonen mußten, selbstverständlich ohne Betäubung, mit der Rasierklinge eröffnet werden.

Unter freiem Himmel

Die erste Nacht der Gefangenschaft verbrachten wir im Regen stehend. Sehr schmerzlich empfand ich den Zwangsabschied von meiner bewährten Sanitätsstaffel: Offiziere wurden von den Mannschaften getrennt. Der nächste Tag brachte den Transport auf Lastwagen in ein riesiges Lager in der Nähe von Andernach und damit den Beginn der dunkelsten Episode meiner Gefangenschaft. Nach der Ardennenoffensive gerieten 250.000 Soldaten, nach der Zerschlagung des Ruhrkessels, in dem ich mich befand, 350.000 Wehrmachtsangehörige in amerikanische Gefangenschaft; im Mai 1945 waren es dann 3,4 Millionen.

Es gab kein Obdach, nicht einmal Zelte. Die Verpflegung bestand aus einem Schöpflöffel Suppe und einer Scheibe Weißbrot, die sanitären Verhältnisse waren katastrophal, ärztliche Versorgung nicht existent. Junge und kräftige Individuen gruben mit bloßen Händen oder Behelfswerkzeugen Gräben in den Sandboden, um Schutz vor Wetterunbill zu finden. Ältere Semester erkrankten rasch an Infektionen der Atemwege, des Magen-Darmtraktes mit profusen Durchfällen, ohne Reinigungsmöglichkeit, sowie an Entzündungen der Nieren und der ableitenden Harnwege. Sie starben in großer Zahl meist still und ohne Todeskampf an rasch einsetzender Erschöpfung. Ob ihr Tod administrativ erfaßt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Als besonders grausam wurde der Mangel an Trinkwasser empfunden, war doch der Rhein in nächster Nähe.

Reguläre, durch den Kriegsdienst abgehärtete Soldaten kamen mit diesen unbeschreiblichen Bedingungen irgendwie zurecht. Bei einem erheblichen Teil der Gefangenen handelte es sich indes um ältere, als letztes Aufgebot einberufene Volkssturmangehörige, um gesundheitlich angeschlagene Rekonvaleszente, um Kriegsversehrte und um Uniformträger, die mit der Wehrmacht gar nichts zu tun hatten, wie Polizisten, Förster, Eisenbahner usw.

Erst viele Jahre nach Kriegsende erlangte ein kanadischer Autor Einblick in statistische Erhebungen der militärischen Führungsspitze der USA. Die spezielle Rubrik "other losses" berichtet über Hunderttausende entschwundener deutscher Kriegsgefangener ohne nähere Angaben über deren Schicksal. Da es Massenflucht aus der Gefangenschaft nicht gab, darf vermutet werden, daß es sich bei diesen unter "andere Verluste" rubrizierten Ziffern um Sterbezahlen handelt. In mancherlei Hinsicht waren wir schlechter behandelt als Häftlinge in den berüchtigten Konzentrationslagern des Dritten Reiches. Die Kriegsgefangenen-Lager hatten nämlich keine Registratur! Während meines Aufenthaltes auf deutschem Boden sah ich mich um eines der vornehmsten Rechte des Gefangenen betrogen, eine Nummer zu haben. Man nahm von uns als menschlichen Wesen kaum Notiz.

Der rasche Zustrom großer Gefangenenzahlen in der zweiten Aprilhälfte 1945 führte zur Verlegung größerer Kontingente in amerikanische Lager auf französischem Boden - ein Glücksfall für mich, da ich als Begleitarzt einem Transport zugeteilt wurde und ich so dem Horrorlager bei Andernach entkam.

Mit Fäkalien gegen Gefangene

Die Eisenbahnreise durch Frankreich in offenen Waggons unter zahlreichen Brücken hindurch gab der Bevölkerung die willkommene Gelegenheit, die "sales boches" mit Steinen und dem Inhalt von Nachttöpfen etc. zu markieren. Am Bahnhof von Chalons sur Marne angelangt, formierten wir uns in Kolonne zum Marsch in eine nahe gelegene Kaserne. Doch nicht auf direktem Wege, sondern im Slalom durch die Stadt, um der Bevölkerung die Möglichkeit einzuräumen, ihren feindseligen Gefühlen verbalen und tätlichen Ausdruck zu verleihen. Es gab zahlreiche Verletzte, aber keinerlei Schutz durch die Bewacher!

In dieser Kaserne, dem letzten steinernen Bauwerk für weitere acht Monate, erfolgte erstmals meine administrative Erfassung. Ein Personalakt wurde angelegt und an diesen ein Kuvert mit meinem Bargeld (etwa 15.000 Reichsmark erspartes Offizierssalär) angeheftet. Beleg hierfür gab es keinen. Mein Soldbuch durfte ich behalten, ich besitze es noch heute.

Die nächste Etappe war ein Zeltlager auf einem ehemaligen Militärflugplatz östlich von Paris. Es bestand aus mehreren Abteilungen, sogenannten Cages. Meines war das Hospital Cage, ein in Zelten untergebrachtes Notspital. Die medizinische Ausstattung war zufriedenstellend, es gab Liegen für die Patienten, nicht jedoch für die Ärzte, das Sanitätspersonal und die Pfarrer. Diese hatten mit der blanken Wiese vorlieb zu nehmen. Unterlagen aus Karton gewährten notdürftigen Schutz gegen Kälte und Feuchtigkeit.

Der amerikanische Chefarzt, ein Emigrant aus Frankfurt am Main, war freundlich und kollegial. Er ignorierte demonstrativ das Fraternisierungsverbot, bot uns Zigaretten, Schokolade und einen gelegentlichen Drink an und informierte uns über die Weltlage. Die Nachricht von der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands nahmen wir mit ambivalenten Gefühlen zur Kenntnis, knüpften jedoch daran die Hoffnung auf baldige Entlassung und Heimkehr, wie sie doch General Eisenhower versprochen hatte. Erstmals entnahm ich aus einer Armeezeitung Berichte über Vorfälle in Konzentrationslagern, die ich jedoch für propagandistisch übertrieben hielt. Die Verpflegung reichte zum Überleben, es gab eine behelfsmäßige Kaltwasserdusche im Freien, das Bewachungspersonal behandelte uns korrekt. In der Abteilung für Waffen-SS-Angehörige und NS-Funktionäre waren die Wachsoldaten allerdings mit metallbeschlagenen Lederpeitschen ausgestattet. Mehrfach wurde ich in dieses Cage zu Fällen von Selbsttötung gerufen.

Einmal pro Monat erhielten wir ein Briefformular für die vertraglich akkordierte Kontaktnahme mit Angehörigen. Bis Jänner 1946 erfuhren meine Angehörigen nicht, ob ich noch am Leben war et vice versa - eine besonders schwere psychische Belastung! Offenbar verhinderte man damit, daß unerwünschte Situationsberichte aus Gefangenenlagern die internationale Öffentlichkeit erreichen und alarmieren könnten.

Zu keinem Zeitpunkt bekam ich einen inspizierenden Vertreter des IKRK (Rotes Kreuz) zu Gesicht, um mit ihm, wie vertraglich vereinbart, im Vieraugen-Gespräch relevante Sachverhalte zu erörtern.

Ich konnte und wollte nicht verstehen, daß sich Siegerwillkür so brutal-zynisch über international festgeschriebenes Recht hinwegzusetzen wagte, ohne den öffentlichen Protest unserer Schutzmacht, der Schweiz, befürchten zu müssen!

Vogelfrei!

Erst Jahre später wurde es offenkundig, daß wir durch ein singuläres administratives Schurkenstück recht- und schutzlos gestellt waren. Mit Ende der Kampfhandlungen wurde nämlich den deutschen Kriegsgefangenen auf höchsten Befehl der Status des POW (Prisoner of War - Kriegsgefangener) aberkannt und dieser durch DEF (Disarmed Enemy Forces - entwaffnete feindliche Kräfte) ersetzt. Wenige Tage später wurde dem Schweizer Botschafter mitgeteilt, daß Deutschland staatsrechtlich nicht mehr existent und somit die Schutzmachtfunktion der Schweiz gegenstandslos geworden sei. Dadurch sah sich das Millionenheer deutscher Kriegsgefangener nach Eintritt des Waffenstillstandes, also schon im Frieden, rechtlich vogelfrei gestellt!

Nur so konnte man uns, ohne wirksamen Protest befürchten zu müssen, jene Behandlung angedeihen lassen, von der sich Eisenhower, allerdings vergeblich, erhoffte, bei den Deutschen "a personal sense of guilt" (ein persönliches Gefühl der Schuld) hervorzurufen.

Zu dieser, offenbar von Morgenthau, Kaufmann und anderen Haßaposteln inspirierten inhumanen Haltung zählt auch das Verbot, Millionen von Lebensmittelpaketen, die in den Depots des IKRK lagerten, an die Kriegsgefangenen zur Bekämpfung des ärgsten Hungers auszugeben. Die Mangelversorgung der Lager war kein logistisches Problem, sondern umerzieherisch so gewollt. Kein Geringerer als der nachmals bei der Berlinblockade zu Berühmtheit gelangte General Lucius D. Clay hat dies am 29. Juni 1945 mit wünschenswerter Deutlichkeit so präzisiert: "Ich habe das Gefühl, daß die Deutschen Hunger und Kälte erleiden sollten, da ich glaube, daß derartiges Leiden notwendig ist, um sie die Konsequenzen eines Krieges, den sie herbeigeführt haben, erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sollte diese Art des Leidens nicht jenen Punkt erreichen, wo es zu Massenhungersucht und Krankheit führt."

Die vorletzte Etappe meiner Gefangenschaft begann Ende Dezember 1945, als Soldaten österreichischer Herkunft im Lager Stenay zusammengeführt wurden. Groß war die Freude über das Wiedersehen mit Studienkollegen, verbunden mit der Hoffnung auf Heimkehr zu Weihnachten. Am Abend vor Reiseantritt wurden wir über Lautsprecher ins Verwaltungsbüro gerufen, wo wir die seinerzeit abgenommenen Geldbeträge rückerstattet erhielten. Da ich nicht aufgerufen wurde, erkundigte ich mich, um zu erfahren, daß mein Kuvert mit dem Geldbetrag vom Personalakt abgerissen war. Mein Protest führte zu einer längeren Unterhaltung mit einem Stabsoffizier, der mir volle Schadensgutmachung zusicherte. Der Gedanke, ein kriegsgefangener Arzt, dem Protected Personal angehörend, könnte von der Gewahrsamsmacht bestohlen worden sein, war ihm offenbar so unerträglich, daß er mit der sofortigen strengen Untersuchung beginnen wollte. Fairerweise teilte er mir allerdings mit, daß ich bis zum Abschluß des Verfahrens in Gefangenschaft zu verbleiben habe. Das Ende des Gesprächs war abrupt, 12 Stunden später sah ich mich mit etwa 600 österreichischen Wehrmachtoffizieren im Viehwagentransport in Richtung Salzburg unterwegs. Unsere Hoffnung auf sofortige Weiterreise stellte sich jedoch als trügerisch heraus, da, wie ich in Erfahrung bringen konnte, die Russen die Ennsbrücke für Militärtransporte gesperrt hatten. Nach stundenlangem Warten setzte sich der Transport neuerlich, diesmal in südlicher Richtung, mit unbekanntem Ziel in Bewegung. Vorbei der Traum von Weihnachten zu Hause, für mich mit der bangen Frage verbunden, ob es ein zu Hause überhaupt noch gab.

Erfüllte Hoffnung

Doch schon nach kurzer Fahrt hielt unser Transport auf offenem Feld in der Nähe des Bahnhofes Hallein. Ein solides Barackenlager des ehemaligen Reichsarbeitsdienstes erwartete uns. Der Empfang durch den deutschen Lagerleiter in makellos-eleganter Uniform der Waffen-SS war kameradschaftlich herzlich. Da Bedarf an einem Arzt bestand, geleitete mich der Kommandant persönlich zu meinem Quartier: Zentralheizung, frisch überzogenes Bett, heißes Wasser und Dusche! Für ärztliche Dienstleistung zur Nachtzeit gab es zusätzliche hochkalorische Rationen. Wir waren als Zwischenaufenthalt in einem Lager für Soldaten der Waffen-SS gelandet, dessen amerikanischer Kommandeur ganz offensichtlich Respekt und Sympathie für diese seiner Meinung nach elitäre Truppe hegte. Es gab eine Jazzband und kulturelle Veranstaltungen, die der Kommandant mit seiner Frau zu besuchen pflegte. Sonntags zelebrierte der Halleiner Pfarrer eine Messe und wurde für mich zur Schlüsselfigur. Hochwürden schmuggelte nämlich in seiner Soutane einen Brief an meine Eltern aus dem Lager und brachte mir nach einer Woche die Frohbotschaft, daß sie Luftangriffe und den Russensturm überlebt hatten. Die folgenden Wochen nützte ich zur körperlichen und mentalen Regeneration.

Die letzte Etappe unserer Heimkehr verlief bis zum Schluß spannungsreich. Als Reiseziel wurde Wiener Neustadt genannt, wohin wir überhaupt nicht wollten. Hieß es doch gerüchteweise, daß am Zielort nur die Lokomotiven gewechselt würden, um die "Nazi-Offiziere" nach Rußland zu verfrachten. Nach einer Nachtfahrt in Viehwaggons erreichten wir im Morgengrauen des 16. Februar 1946 den ruinenhaften, menschenleeren Wiener Westbahnhof. Als Arzt durfte ich den Waggon verlassen, um notfalls beruflich agieren zu können. Dieses Privileg nützend, erkundigte ich mich bei einem Eisenbahner nach der Weiterfahrt unseres Transportes in Richtung Wiener Neustadt. Die verblüffende Antwort: Infolge Kohlemangels steht keine Lokomotive unter Dampf. Einem etwas später auftauchenden Polizisten schilderte ich unsere prekäre Situation und unsere Sorgen. Er erwiderte, daß innerhalb der nächsten Stunde Kanzler Figl voraussichtlich am Westbahnhof vorbeifahren würde. Er könne versuchen, diesen anzuhalten, um ihm Bericht zu erstatten. Wie versprochen - so gehalten!

Als Kanzler Figl in Begleitung von Staatssekretär Graf tatsächlich nach einiger Zeit eintraf, sprang ich vom Waggon, um die letzte Meldung meiner militärischen Laufbahn zu erstatten: "Herr Bundeskanzler! Ich melde Ihnen die Heimkehr von etwa 600 Offizieren der ehemaligen Deutschen Wehrmacht aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft."

Kanzler Figl zeigte volles Verständnis für unsere Sorgen und Bedenken, rief noch vom Westbahnhof den amerikanischen Oberkommandierenden, General Mark Clark, an und erreichte unsere sofortige Freilassung. Die angebotene Stärkung und einen kleinen Geldbetrag vermochte ich nicht abzuwarten. Mit einem Dankgebet eilte ich im Laufschritt nach Hause.

Letzte Erkenntnis: Was bleibt, ist der Mensch und erfahrenes Leid darf stets nur persönlichkeitsbezogen gesehen und gewertet werden! Es duldet keinerlei Kollektivierung, wie dies mein verewigter Lebensfreund Viktor Frankl wiederholt mit Nachdruck betonte!

Die uns am Herzen liegende Gerechtigkeit betreffend, hat es Marie von Ebner-Eschenbach so gesagt: "In der Jugend meinen wir, das Geringste, das die Menschen uns gewähren können, sei Gerechtigkeit. Im Alter erfahren wir, daß es das Höchste ist." Diese einzufordern, sollte uns daher ein lebenslanges Anliegen bleiben!

Der 1918 gefallene junge deutsche Dichter Walter Flex leitete ein Gedicht mit den Worten ein: "Ich stand vor einem Soldatengrab und sprach in die Erde tief hinab."

Kraft meines Ranges und meines Auftrages als Sanitätsoffizier war es mir nur zu oft auferlegt, ähnliche Gedanken und Empfindungen nachvollziehen zu müssen. Ich erachte es daher als meine Gewissenspflicht, auch noch in der Abenddämmerung meiner Lebensreise dafür einzutreten, daß man den Millionen im guten Glauben Gefallenen und den wenigen noch Lebenden die Ehre unangetastet beläßt und sie davor bewahrt, zu früh vom Efeu des raschen Vergessenseins bedeckt zu werden. Denn:

Kameraden sterben nicht -
sie sind bei uns, wenn sie gegangen,sie halten fester uns umfangen,
vertrauter wird uns ihr Gesicht.
Kameraden sterben nicht!

Kameraden sterben nicht!
Was sie uns in ihrem Leben
an Kraft und Freude je gegeben,
strahlt weiter uns als stilles Licht.
Kameraden sterben nicht.

Kameraden sterben nicht!
Sie gehen nur einen Schritt voran,
wie sie's im Leben oft getan,
und weisen uns die wahre Sicht -
Kameraden sterben nicht!

 

Quelle: DIE AULA - Das freiheitliche Magazin

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