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Völkermord an den
Deutschen in Jugoslawien 1945 - 1948 Von Andreas Pfuhl Als wir noch "daheim" waren in unserem schönen Schwabendorf an der Mittleren Donau in der Batschka, gehörten wir so sehr zusammen, dass es uns eigentlich nie richtig bewusst geworden ist. Der Jahresablauf ab der Kindheit innerhalb der Familien- und Dorfgemeinschaft war eine heile Kinderwelt. Durch den Verlauf des zweiten Weltkrieges wurden auch unsere Siedlungsgebiete in die Kriegsereignisse einbezogen. Die Vertreter des Nationalsozialismus in Deutschland hatten ab 1936/1937 versucht, auch alle Donauschwaben für ihre Ziele einzuspannen. Gegen diese Bestrebungen wandten sich vehement über viele Jahre Dr. Stefan Kraft und seine Mitstreiter, weil diese die notwendige Toleranz gegenüber dem jeweiligen Staat wahrten (nach 1918 Jugoslawien, Rumänien, Ungarn). Die nach den Verträgen von Trianon dreigeteilten Donauschwaben waren daher uneinig, welche Entscheidungen vor der heranrückenden Front im Sommer 1944 zu treffen wären. Außerdem wurde von der damaligen Reichsregierung ein Evakuierungsverbot für alle Donauschwaben verhängt. Entgegen diesem Verbot flüchtete ein Teil der Bevölkerung, während die überwiegenden Bewohner der Batschka, des Banats in der Heimat verblieben sind. Dieser Entschluss sollte später für alle Donauschwaben im Machtbereich der Russen und Titos Partisanen zu einer Katastrophe werden. Da auch meine Familie nicht geflohen war, bekamen wir sofort nach dem Einmarsch der Kommunisten die radikalen Methoden und Vernichtungsmaßnahmen auch an der Zivilbevölkerung zu spüren. Niemand hatte es für möglich gehalten, dass alleine die Zugehörigkeit zur deutschen Volksgruppe als Verbrechen gewertet wird und die völlige Vernichtung dieser unschuldigen Menschen in grausamer Weise betrieben wird. Gerade der Bevölkerungsteil, welcher in der Heimat geblieben ist, hatte sich gegen die Umklammerung und den Missbrauch durch die Reichsdeutschen Stellen gewehrt. Durch die Unterdrückung, Ermordung, Folterung, Verschleppung in die Sklaverei und in Todeslager wurden völlig Unbeteiligte an dem ganzen Kriegsgeschehen kollektiv zu Volksfeinden erklärt. Die nachfolgenden Schilderungen über die Monate April bis November 1945 sind ein Versuch, einige Ereignisse aus dieser schrecklichen Zeit zu übermitteln. Alleine die Worte unserer Umgangssprache vermögen es nicht, die erlebten Gräuel während meiner dortigen Internierungen zu schildern. Bilder wären ein Hilfsmittel, die gibt es aber leider nicht. Persönliche Nachforschungen beim Internationalen Roten Kreuz in Genf über diese Zeit haben keine Bilder, jedoch eine hohe Zahl an Hilferufen für die eingesperrten Donauschwaben hervorgebracht. Leider hat die gesamte freie Welt weggeschaut und die Eingesperrten ihrem Schicksal überlassen. Im Dokumentationsband "Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien" wurde dokumentiert, dass in Jarek während der Zeit von Dezember 1944 bis April 1946 ca. 7.000 Personen dort umgekommen sind, davon sehr viele Kinder, deren Zahl ca. 1.200 sein dürfte. Als Zeitzeuge und Insasse im Lager Jarek während der Sommermonate 1945 möchte ich einige Begebenheiten aus dieser Zeit schildern. Der Ablauf unserer Vertreibung wurde eingehend auf den Seiten 252 - 253 in dem Heimatbuch von Pfarrer Benedikt Helmlinger beschrieben. Mit mehrfachen Versuchen war es mir gelungen, während der Trennung von Familienmitgliedern in Gajdobra von dem Sammelplatz der Kinder und arbeitsunfähigen Personen unseres Dorfes zu dem kleineren Haufen der Arbeitsfähigen zu gelangen. Unsere Peiniger - Partisanen und deren Helfer aus der Bevölkerung - trieben uns in das errichtete Arbeitslager am Westrand des Dorfes. Dies war durch bewaffnete Posten und Stacheldraht gesichert. Die Räume in den kleinen Häusern waren überfüllt mit Internierten. Bisher von uns gewohnte menschliche Verhältnisse waren vorbei. Zusammen mit Landsleuten aus Neudorf/Novoselo, sowie aus Gajdobra lagen wir in Massenquartieren auf Stroh. Die Enge war unerträglich und konnte nur mit großer gegenseitiger Rücksicht ertragen werden. Weil aber alle im gleichen Elend waren, konnte diese Toleranz unter den eingesperrten Leuten bestehen. Wir alle waren Verlierer, waren ohne eigenes Verschulden zu Verurteilten geworden. Gedemütigt, beraubt und geschlagen, von unseren Familienmitgliedern getrennt, lagern wir nun in einem KZ der Tito-Partisanen. Unsere Zukunft, ja nicht einmal der nächste Tag war gewiss. Nach einigen Wochen schwerer Zwangsarbeit mit Jugendlichen auf der Frühjahrsflur, sowie mit Pickelarbeiten an der Bahnlinie, wurde auch ich für den Abtransport nach Jarek bestimmt. Meine Hoffnung auf Verschonung hatte sich nicht erfüllt. Vor dem Abtransport in das Vernichtungslager Jarek war ich bereits mit anderen "Abzuschiebenden" gesondert eingesperrt. Am Morgen des letzten Tages gelang es meiner Mutter, bis zu mir zu kommen, bevor sie wieder zur Zwangsarbeit getrieben wurde. Es war ein schlimmer, ein schrecklicher Abschied. Als junge Mutter mußte sie ihr letztes Kind hergeben. Als 11-jähriger war ich künftig, ohne Eltern undGeschwister, mitten in dieser feindlichen Welt auf mich selbst gestellt. Da die Umstände der Zwangslager eine Hoffnung auf ein Wiedersehen fast ausschlossen, übermittelte mir meine Mutter an diesem schweren Tag ihres jungen Lebens einige Sätze und Wünsche, mit denen ich mein Leben in eigener Verantwortung lenken und leiten sollte. Während des bald darauf begonnenen Bahntransportes in einem offenen Viehwaggon, mit einer Dauer von 2 Tagen, konnte ich die Worte meiner armen und traurigen Mutter tief einprägen. Mit diesem Vermächtnis hat meine Mutter, obwohl schon nach einigen Monaten an Gram und Hunger gestorben, mein junges Leben geprägt und geformt. Nach der Ankunft in Jarek kam ich zunächst zur Registrierung und wurde sogleich in ein Kinderheim eingewiesen. Es waren überwiegend Kinder unter 10 Jahren dort untergebracht, vereinzelt aber auch Kinder zwischen 11 und 13 Jahren. Es gelang mir dann bald, meine Großeltern zu finden, so daß ich unabgemeldet und heimlich aus diesem Kinderheim davongelaufen bin. Die überwiegenden Insassen im Kinderheim waren schon ab dem Herbst 1944 dort eingesperrt. Die meisten waren sehr stark abgemagert und vom Tode gezeichnet. Die Räume waren übervoll, das Stroh alt. Alles war abstoßend. Meine Pfuhl-Großeltern waren in einem kleineren Haus in der südlichsten Gasse eingesperrt. Auf die Straße durfte und konnte keiner gehen, da nach dieser Häuserreihe die Bebauung des Ortes zu Ende war. Wegen Fluchtgefahr wurde jeder, der trotz dieses Verbotes hinausging, erschossen. Von dem Dachgiebel konnten wir auf die Fluren in Richtung Süden sehen. Da es bereits Ende Mai 1945 war, sah man auch die heranreifende Ernte, weil in verschiedenen Teilen der Flur die bisherigen Ortsbewohner teilweise die Herbstsaat noch ausgebracht hatten. Aber von einem normalen Alltag war bei uns nichts zu spüren. Die angetroffenen Kinder in diesem Haus, viele aus meiner "Mittelgasse" erklärten mir die Regeln und Abläufe in diesem Lager. Die Suppen sind ungesalzen und mit wurmigen Erbsen dünn bestückt. An vielen Tagen fällt sie ganz aus. Als Hauptgericht wurde Maisbrei (Kukuruzbrei), ebenfalls ungewürzt, ausgegeben. Oft gab es gar nichts. Ein Brot wie früher hatte sie seit der Ankunft im Lager nicht mehr gegessen. An dem Aussehen der Lagerinsassen, die schon seit dem Dezember 1944 hier eingesperrt waren, waren die Folgen des Hungers ersichtlich. Auch meine Großeltern bestätigten die geschilderten Missstände, die zwangsläufig zu Mangelerscheinungen und zum Tod bei vielen führten. Mit einer Hilfe von außen, eventuell durch das Internationale Rote Kreuz, konnte keiner rechnen. Trotz unserer Kindheit war uns allen das schlimme Ausmaß unserer Lage bewusst. Durch Sammeln von Brennnesselblättern, Eiern von Tauben und Vögeln, versuchten wir, uns eine zusätzliche Nahrung zu schaffen. Da jedoch viele Kinder und Personen mit dem gleichen Ziel auf der Suche waren, wurde die Ausbeute immer spärlicher. Gekocht wurde mitgetrocknetem Unkraut. Außerdem war Holz in keiner Weise mehr vorhanden. Wie sollten wir ohne Brennmaterial den kommenden Winter überleben? Unsere Massenquartiere hatten auch keinen Ofen. Die "guten Räume" waren von den ersten Ankömmlingen des Lagers schon fest belegt worden und in sicherer Hand. Für lang angelegte Überlebenspläne hatten wir auch wenig Zeit, weil jeder Tag seine eigene Schreckensnachrichten hatte. Ende Juli 1945 rannte ich mit anderen Kindern durch die Gartenparzellen, weil wir zu einer Zwangsarbeit getrieben wurden. Plötzlich rief eine mir unbekannte Stimme meinen Namen. Aber ich reagierte nicht, weil ich annahm, nicht gemeint zu sein. Ich war aber noch in Hörweite, um den gleichen Rufer nochmals zu vernehmen. Dieser rief verzweifelt und lauter "Lorenza-Andres, bleib stehen!" Nun war kein Zweifel mehr in mir: damit konnte nur ich gemeint sein. Die Stimme kam von dem gebrochenen Mann, der vom Tode gezeichnet, auf einem Baumstumpf saß. Das Aussehen hat mich erschauern lassen. In dem Gesicht erblickte ich all die Qualen und Leiden, Hunger und Entbehrungen, die er und unsere Mitmenschen seit der Vertreibung erleiden mussten. "Ja kennst du mich denn nicht?" Ich überlegte lange, da ich doch fast alle Menschen aus Bukin kannte. Es gelang mir nicht, den Mann zu einem Namen zuzuordnen. Auch er erkannte meine Verzweiflung und erwiderte: "Ich bin doch der Haags-Toni-Vetter, Dein Nachbar!" Erst dann erkannte ich seine Gesichtszüge wieder, denn sein Gesundheitszustand war sehr schlimm. Als ich ihn nach 3 Tagen in dem von ihm genannten Haus besuchen wollte, war er leider schon verstorben. Dass das KZ Jarek einen Sonderstatus hatte, war unseren Landsleuten durch die täglichen Schreckensereignisse bewusst. Dieses Internierungslager wurde im allgemeinen auch Hungerlager, Todeslager oder Vernichtungslager genannt. Den Erwachsenen war bewusst, dass die Überlebenschancen sehr gering waren. Für Kleinkinder keine Hoffnung, für ältere Leute ebenso wenig - alles ohne Zukunft! Geringe Aussichten hatte noch rüstige Großeltern, die zur Arbeit über den "Sklavenmarkt" gelangen konnten. Jeden Morgen standen noch arbeitsfähige Leute 1 - 2 Stunden auf der Kirchengasse in Reihe und Glied ("U stroj" - auf serbisch). Andersnationale Zivilpersonen konnten gegen Bezahlung Arbeitskräfte "kaufen"! Für viele Lagerinsassen war die Sklavenarbeit eine Hilfe, wenn der "Herr" eine menschliche Einstellung hatte. Im nachhinein ist bekannt, daß vor allem von Ungarn aus dem umliegenden Dörfern eine gezielte Unterstützung gewährt wurde. Es entstanden sogar engere Kontakte, die bis zur Unterbringung von Kindern in deren Familien führten. Mütter und Kinder sind dadurch dem sicheren Tod entkommen. Es gibt heute noch bleibende enge Freundschaften in der 2. Generation, die mir persönlich bekannt sind. Welch eine Zivilcourage dieser Mitbewohner in der Batschka! Leider kamen auch "Sklavenaufkäufer" nach Jarek, die keine gute Absicht hatten. Diese wollten die "neue und siegreiche Zeit" durch Gemeinheit und Sadismus an ihren "Deutschen", den Schwaben austoben. Diese Demütigungen waren besonders schlimm für diese armen Leidensgefährten, da sich doch eventuell für einen Tag der andauernden Hölle im KZ entkommen wollten. In den Berichten von Überlebenden aus dieser Zeit ist Schlimmes enthalten. Das Sklavengeld hat die Lagerkommandantur für eigene Orgien verbraucht. Während meiner Internierungszeit in Jarek war eine Frau als Kommandantin dort. Öfters war sie auf einem Pferd unterwegs, damit sie die schon halb verhungerten Lagerinsassen noch mehr ängstigen und quälen konnte. Bei der Rückkehr einer großen "Kinderarbeitsbrigade" von einem Zwiebelacker musste ich davon rennen, um nicht zusammengeritten zu werden. Am Vortag wurden wir nach dem Arbeitsende - wir waren Unkraut zupfen auf dem Zwiebelfeld - in der Dorfmitte von Jarek ohne Durchsuchung in die Elendsquartiere entlassen. Nur wenige hatten an diesem Tag eine "Beute" in der Kleidung verstaut. Auch ich war von den Großeltern um ein "Mitbringsel" gebeten worden, aber nur, wenn dies möglich ist. Die sehr schlechte Kost wäre mit einer Zwiebelsuppe, gemischt mit Unkräutern die erhoffte Abwechslung und Labung gewesen. Aber meine Angst wegen dauernden Drohungen durch die Wachen war zu groß. Am zweiten Tag meines Einsatzes auf dem Zwiebelfeld aßen wir, etwas mutiger geworden, junge Zwiebeln mitsamt den Schoten. Dazu gab es Brunnenwasser, das zum Glück gut war und keine Verunreinigung hatte. Als die Zeit sich dem Arbeitsende näherte, sah ich meine Nebenleute an, die in unbewachten Augenblicken Zwiebeln und Unkraut in die Kleidung steckten. Nach dem Verlauf des Vortages entschloss auch ich mich zu dieser Einsammlung. Als einzige Hose hatte ich nur meine Winterhose gerettet, die natürlich im warmen Hochsommer geradezu unerträglich war. Aber es gab ja keine Zweithosen mehr. Diese wurden mir bei den vielen Beraubungen weggenommen. An diesem heißen Augusttag war ich jedoch froh über meine Bridges-Hose (als Kinder nannten wir diese auch "Pumphose", weil man diese mit Schnallen unter dem Knie festmachen konnte. Mein Vorrat für einen erfolgreichen "Heimgang" konnte ich gut verstauen und vermeintlich auch unerkannt transportieren. Doch die Wachen hatten uns durch geringere Schikanen in Sicherheit gewiegt. In strenger Formation mussten wir alle in Richtung Kommandantur marschieren. Die ganze Straßenmitte war nun übersät von dem Inhalt unserer Taschen und Kleider, weil nun eine Leibesvisitation bevorstand. Als Höhepunkt der Tyrannei und Schikane kam die Kommandantin auf dem Pferd daher. Wir Kinder flohen in alle Richtungen, um nochmals zu entkommen. Die Angst und Enttäuschung war auch an diesem Tag riesengroß. Der geschilderte Verlauf dieser zwei Tage kann nur einen Teilauszug über die Schreckenszeit in Jarek sein. Öfter kam es vor, dass Partisanen zusammen mit Zivilisten zu Plünderungen und Raub zu den Lagerinsassen kamen. Unter Bedrohung von Leib und Leben raubten sie alles, was ihnen gefiel - hatten doch viele Leute noch gute Kleidung und Schuhe vorher retten können. Diese grenzenlose Erniedrigung war für alle sehr schlimm! Durch die bestehenden Verbote, Wege und Straßen während des Tages zu benutzen, waren wir alle wie in einem Gefängnis eingesperrt. Das Begehen der Straßen war nur zum Abholen des schäbigen Essens möglich und erlaubt. Der Kontakt zu Nachbarn und Verwandten war riskant und endete oft mit dem Tode. Ein Bewohner in "unserem Haus", Herr Johann Gauder aus Gajdobra, wagte es, während der Sperrzeit auf die Straße zu gehen, weil er seinen Nachbarn besuchen wollte. Die brutalen Wachen haben ihn aufgegriffen, geschlagen und ca. 4 Tage ohne Verpflegung eingesperrt. Nach dieser Zeit wurde er durch den "Blockwart", ein Mann aus Schowe, wieder zu uns und seiner Frau gebracht. Er hat keinen mehr erkannt, starrte nur noch in eine leere Ferne. Der arme Mann war schon halb tot und auch wahnsinnig. Nach zwei Tagen starb er in den Armen seiner Frau und war erlöst. Einige Tage nach dem schrecklichen Ableben von Herrn Gauder, ist meine Pfuhl-Großmutter durch Unterernährung und Entkräftigung neben mir im Massenquartier verstorben. Es war der Morgen des 2. August 1945, als mich der Pfuhl-Großvater weckte: "Andres wach auf, die Großmutter ist heute nacht verstorben". Erschrocken drehte ich mich auf die rechte Seite, um nach ihr zu sehen, denn am Abend vorher gegen ca. 22 Uhr gingen wir gemeinsam schlafen. Nach dem regelmäßigen Nachtgebet, das alle in der Zimmergemeinschaft laut beteten, habe ich ununterbrochen geschlafen. Es war ein schlimmer Schock für mich, dass die gütigen Augen der Großmutter für immer geschlossen waren. Auch auf Ihre Hilfe und Fürsorge konnte ich nicht mehr bauen. Seit meiner Geburt war ich täglich bei ihr, da mein Vater sein Elternhaus erhielt, in dem drei Generationen zusammen wohnten. Der plötzliche Tod meiner Großmutter machte die Verzweiflung von uns Eingesperrten, zum Tode verurteilten (ohne dass man uns ein "Schuldurteil" gab!) noch größer und schlimmer. Für die anderen Mitbewohner im Hause und mich, sowie für Großvater wusste sie auch in dieser traurigen Zeit passenden Trost. Dieser half uns für einige Tage wieder Hoffnung auf Besserung, ja an eine baldige Heimkehr zu denken. Dieser unerwartete Tod der Großmutter machte alle Gedanken an eine gute Lösung unseres Schicksals zunichte. Das zu ertragen und zu bewältigen, erschien für Großvater und mich unmöglich, vor allem aber die Abholung ihrer Leiche und der notwendige Abschied war herzzerreißend. Die folgenden Trauertage in unserer Lagergemeinschaft waren für uns bedrückend. Hatten wir doch in wenigen Tagen liebe Angehörige und einen liebgewonnenen Mitbewohner verloren. Aber die Ereignisse erlaubten keinen Stillstand und ein Verharren in Trauer und Mitleid. Es wurden "neue Gedanken und Strategien" erörtert. Die Eltern meiner Mutter waren auch in der Nähe einquartiert und versuchten mit ihrem Rat und Hilfe, diese Zeit besser zu ertragen. Mein Schmidt-Großvater (Streits Hans) bewarb sich daher um Erntearbeiten in der Umgebung mit der Hilfe eines Bekannten aus Novoselo. Dieses Vorhaben ist ihm auch gelungen, wie die spätere Schilderung zeigen wird. Durch dieses Verhalten unseres Großvaters konnte er zwei seiner Enkel das Leben erhalten, denn die Zeit außerhalb von Jarek gewährte einen Abstand von Hunger und Krankheiten. Eine essbare Ernährung würde auch die Gesundheit wieder stärken. Unserem Schmidt-Großvater dauerte der anhaltende Terror schon viel zulange. Dass diese kommunistische Partisanenbewegung die entgültige Macht über uns behalten wird, konnte er wie auch die anderen Lagerinsassen, nicht glauben. Als Soldat des I. Weltkrieges war ihm die Haager Landkriegsordnung bekannt. Auf diese vertraute er und betonte diese Sachverhalte auch immer in Gesprächen mit anderen Leuten in Jarek. In dieser 1907 erlassenen Verordnung ist ausdrücklich die Enteignung von Privatvermögen verboten. Es darf auch keine Strafe in Geld oder anderer Art über eine ganze Bevölkerung verhängt werden, wenn diese an Kriegshandlungen unschuldig ist. Doch dieses Internationale Recht hatte für uns keine Gültigkeit mehr, weil Titos Helfer und Kommunisten durch ihren illegalen Beschluss von Jajce im Jahre 1943 uns für schutz- und rechtlos erklärt hatten. Die entschädigungslose Enteignung unseres gesamten Vermögens sowie der Verlust der staatsbürgerlichen Rechte, waren gegen das geltende Völkerrecht dort beschlossen worden. Auf dieser Tagung des "Antifaschistischen Rates für die Befreiung Jugoslawiens" (AVNOJ), erklärten uns diese in einem außergerichtlichen Verfahren, kollektiv zu Volksfeinden. Wir waren Verurteilte ohne Urteil, nur weil wir Deutsche sind. Mord, Terror, Deportierungen, Vertreibungen, Folterungen verübten die Partisanen mit ihrem Pöbel im ganzen Machtbereich, zur Tages- und Nachtzeit. Nur weil wir keine Nachrichten bekommen konnten, auch seit dem Einmarsch der Partisanen der Ausnahmezustand verhängt war, blieben uns die landesweiten Ereignisse unbekannt. Die in unserem Gesichtskreis erlebten Verbrechen waren schon schlimm genug, da die Brutalität der Russen, Partisanen, Zigeunern und deren Helfern aus allen Schichten des Pöbels grausam waren. Die Familien waren schon in fast allen Fällen auseinander gerissen, der überwiegende Teil unserer Väter und Mütter zur Zwangsarbeit verschleppt. Die Generation der älteren Menschen mit den Enkeln befand sich seit der Vertreibung von Bukin in einem Todeslager. Alle Stationen des ablaufenden Völkermordes an den Donauschwaben kannten wir nicht, hätten dies auch damals nicht für möglich gehalten und erfassen können. Das Elend in Jarek war im Sommer 1945 unbeschreiblich gewesen, denn mit Worten unserer zivilisierten Sprache ist eine Schilderung der täglichen Abläufe nicht möglich. Hier zeigte sich beständig, zu welchen Verbrechen charakterlose Menschen fähig sind, wenn sie im blinden Haß an unschuldigen Opfern sich vergehen können. Durch die in großem Umfange vorhandene Unterernährung starben täglich immer mehr Menschen. Die Großeltern zweigten in vielen Fällen Teile der eigenen Essenportionen ab, um den Enkeln eine Überlebensmöglichkeit zu bieten. Dadurch starben sie noch schneller, die Enkel blieben allein und wurden in die Kinderheime eingewiesen. Unheil reihte sich an Unheil, die Schwierigkeiten nahmen weiter zu. In den ersten Augusttagen kam mit einem Fußtransport Herr Michael Helmlinger, damals 69 Jahre alt, in Jarek an. Zusammen mit anderen Leidensgefährten war er in Syrmien, seit dem November 44 zur Zwangsarbeit eingesetzt. Bei seiner Ankunft sind wir alle erschrocken, weil er voller Wunden am Körper war. Durch die Abmagerung erkannten wir ihn nicht mehr. Während dieses Überführungsmarsches begegnete er seinem Sohn Jakob, der damals als Kutscher bei den Partisanen sein musste, auf der Landstraße zwischen Neusatz und Jarek. Erst im Vorbeigehen erkannten sich Vater und Sohn im letzten Augenblick und wollten sich begrüßen und umarmen. Die Partisanen und Bewacher stürzten sich auf den kranken Vater und schlugen mit Gewehrkolben auf ihn ein. Daher waren die schlimmen Wunden und blauen Flecken im Gesicht unseres Nachbarn vorhanden. Diese Begebenheit macht deutlich, welche Qualen und Schandtaten die Donauschwaben in dieser Zeit erleiden mussten. Der Michl-Vetter hatte nur mehr wenig Überlebenschancen. Trotz des schweren Hungermarsches aus Syrmien bis Jarek hatte er zäh durchgehalten, damit er noch bis zu seinen Enkelkindern, der Schwägerin und dem Schwager kommen konnte. Die Verweigerung einer Begrüßung mit seinem einzigen Sohn auf der Straße war auch ihm ein Beweis dafür, daß für uns kein Platz in Ruhe und Frieden mehr vorhanden ist. Die Sterbestunde von Herrn Michael Helmlinger ist mir bis heute tief eingeprägt geblieben. Die Trostworte von seiner Schwägerin Magdalena Koch erleichterten seinen Todeskampf. In ihren Armen bäumte er sich nochmals auf, bevor er starb, während alle Umstehenden beteten. Dieses Erlebnis beim Tode von Herrn Helmlinger hat mich mit meinen 11 Jahren in äußerste Spannung versetzt. Die Erkenntnis über unsere Ausweglosigkeit führte bei vielen Lagerinsassen zu einer Verzweiflungstat. Die Selbsttötungen nahmen nochmals zu, weil die eingesperrten Leute keine Hoffnung auf ein normales Leben in Freiheit hatten. Dem andauernden Terror, den Folterungen, sowie gegen Hunger und Typhus konnten sie keinen Widerstand mehr bieten. Sehr schlimm waren auch Begegnungen zwischen Großeltern, wenn diese sich bei heimlichen Besuchen über unsere Lagersituation unterhielten. In vielen Fällen waren sie schon zu schwach, um uns Kindern die Teilnahme an den ernsten Gesprächen zu verweigern. Viele Unterredungen endeten mit einer Verabschiedung, weil sie den Tod unausweichlich kommen sahen. Die Leute gingen unter Tränen auseinander, weil ihnen in vielen Fällen die Worte versagt blieben. Eine solche traurige Begebenheit war auch die Verabschiedung zwischen meinem Pfuhl-Großvater, damals erst 70 Jahre geworden, seinem Bruder Benedikt und dessen Frau Marianne. Bei diesen waren vier Enkelkinder der Söhne Andreas und Nikolaus Pfuhl, im Alter von 2 bis 7 Jahren. Einzig Überlebende aus dieser Familie ist Anna Pfuhl, die damals 6 Jahre alt war und viele Jahre später von ihrem Vater Nikolaus endlich in einem Waisenhaus Jugoslawiens gefunden wurde. Diese Erinnerung an die Ereignisse in Jarek blieben bei den Zeitzeugen von damals für immer im Gedächtnis. Der Tod konnte nicht auslöschen, was an Liebe über den Heimgang hinaus uns mit diesen verstorbenen Angehörigen verbindet. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, hatte sich unser Schmidt-Großvater um den Einsatz bei Erntearbeiten beworben, damit ein Entkommen aus diesem Todeslager möglich wird. Außer mir waren noch die Enkelkinder Anna, 3 Jahre, der Enkelsohn Andreas, 7 Jahre alt - vom jüngsten Sohn Hans - bei den Großeltern. Es war Ende August 1945 als 6 Fuhrwerke in der Dorfmitte standen, mit denen die gemeldeten Lagerinsassen zur Erntearbeit nach Despot-St. Iwan gebracht werden sollten. Nach der Registrierung durch Wachposten, wurden wir zu den wartenden Fahrzeugen getrieben und mussten Platz nehmen. Jeder Teilnehmer hatte seine ganze Habe dabei, denn wir besaßen nur noch die Kleidung, die wir am Leibe trugen und teilweise Essgeschirr. Außerdem hofften alle Abfahrenden, niemals wieder hierher zurückzukommen. Die Anspannung bei allen Leuten war sehr groß, aber es kam kein Kommando zur Abfahrt. Die von der Herfahrt müde gewordenen Pferde wurden durch die lange Wartezeit unruhig. Drei Gespanne bestanden aus Mauleseln, die sogar richtig renitent wurden, denn die Hitze des späten Vormittages setzte den Tieren sehr zu. Ein frisches Wasser und eine Fütterung wäre für die Tiere notwendig gewesen. Dafür war jedoch niemand zuständig, denn die Bewacher zechten mit den Kutschern der Fuhrwerke in der Kommandozentrale. Hatten doch die letzteren ausreichend Schnaps mitgebracht. Wahrscheinlich auch einen Teil des Sklavenlohnes für unsere vorgesehene Arbeit als Anzahlung dabei, denn die Sauferei nahm kein Ende. Die Mittagsstunde war schon länger vorüber, als wir mit einer Verspätung von über 3 Stunden abgefahren sind. Welche Beklemmung unsere gesamte Gruppe erfasst hatte, ist verständlich, nach der langen Wartezeit in der Hitze, ohne Wasser und Nahrung. Die Sorge der Leute war deutlich zu erkennen, denn welchen Verlauf und Ausgang würde die Fahrt mit den betrunkenen Kutschern bringen? Wie werden sich die betrunkenen Wachen verhalten? Sind wir gar vom Regen in die Traufe geraten? Unvergesslich bleiben mir die Missfallensäußerungen meines Großvaters während der schlechten Fahrt von Jarek bis Despot-St. Iwan. Seine empfundene Demütigung muss sehr groß gewesen sein, denn er ließ kein gutes Wort über unsere Bewacher verlauten. Erst nach öfteren Ermahnungen der Großmutter fügte er sich in dieses Schicksal. Wenn nur ein kleiner Teil der Verwünschungen, die Großvater gegen unsere Peiniger aussprach, eintraf, ist es allen danach sicher sehr schlecht gegangen. Keine Sitzgelegenheiten, ja nicht einmal Stroh, war auf den Wägen vorhanden. Wir saßen auf den blanken Brettern der Leiterwägen, während die Maulesel hinter den anderen Fuhrwerken dahin rannten. Jede größere Unebenheit warf den Wagen in die Höhe. Wir mussten uns festhalten, um nicht herunter zu fallen. Der Kutscher war unfähig, die ungehorsamen Zugtiere zu bändigen. Unsere Lage war äußerst schlecht, weil durch die späte Abfahrt die ganze Reiseroute bei größter Sommerhitze, begleitet von Staubwolken der Sommerwege, verlaufen ist. Das Ziel aber noch immer in weiter Ferne schien. Eigentlich erwarteten wir schon länger ein unangenehmes Ereignis, in Anbetracht der Ausnahmesituation, in der wir uns befanden. Als das vor uns fahrende Gespann plötzlich ausscherte und zu dem Brunnen eines nahen Einödhofes rannte, war auch unser Kutscher machtlos, weil die Tiere das gleiche Ziel ansteuerten. Der Instinkt der Tiere, so wie deren Durst ermöglichte auch der völlig erschöpften Lagergruppe, endlich Wasser trinken zu können. Die Maulesel an zwei Wägen weigerten sich zur Weiterfahrt, obwohl diese die Schläge ihrer Kutscher erhielten. Die Tierquälerei war schlimm. Erst nach einer Fütterung von ca. 1 Stunde wurde die Weiterfahrt fortgesetzt. Welche Erleichterung die 50 Personen umfassende Gruppe empfand, als wir endlich nach Einbruch der Dunkelheit ankamen, ist verständlich. Die Beschwerden auf den Fuhrwerken und die bereits erwähnten Verzögerungen, waren eine harte Prüfung. Auch viele andere Teilnehmer waren voller Zweifel, ob der schwere Weg auch zu einem guten Ergebnis führen wird. Sogleich nach dem Absteigen wurden wir von einem dortigen Verwalter begrüßt, der uns für die Erntearbeit angefordert hatte. Es war ein Serbe aus der Gegend, der auch in der übrigen Zeit unserer Anwesenheit uns tolerant behandelte. Er war an dem Abend sogar bei der Ausgabe des Essens behilflich gewesen, nach dem er den schlechten Gesundheitszustand der Angekommenen gesehen hatte. Als Schlafgelegenheit wurde uns allen ein leer geräumtes Magazin mit frischem Stroh zugewiesen. Dies war für unsere damaligen Verhältnisse ein erfreulicher Zustand und die ersehnte Nachtruhe brachte die gewünschte Erholung. Am nächsten Morgen wurden alle für die Arbeiten auf dem Feld eingeteilt. Auch wir Kinder wurden für leichte Arbeiten, entsprechend dem Alter, vorgesehen. Schon nach einigen Tagen erfasste alle Leute eine Genugtuung, dass nun für die Tage der Erntearbeiten auf dieser "Kolchose" eine erträgliche Periode sein wird. Die unterschiedlichen Arbeitseinsätze auf den Feldern und in den Hallen der ebenfalls vorhandenen Hanffabrik, verdrängte bei uns auch die Gedanken an das Lager in Jarek, ebenso die Rückkehr dorthin. In manchen Gesprächen hörten wir Kinder auch von Fluchtvorhaben einzelner Lagerinsassen, die schon länger hier arbeiteten. Ihre Versuche waren aber gescheitert und harte Strafen waren die Folge. Ein Untertauchen bzw. ein Entkommen war äußerst riskant. Unsere Großeltern hatten sich trotz der vielen Tagesarbeit wieder etwas erholt, was auch uns drei Kindern möglich war. Über die Einzelheiten ihrer internen Vorhaben und Gespräche erfuhren wir nur sehr wenig, da wir alle drei noch zu klein waren. An einem Abend um den 20. Oktober 1945 holte mich Großvater in den Hof vor dem Quartier. Er berichtete mir von der bevorstehenden Rückfahrt in das Lager Jarek. Diese würde unausweichlich bevorstehen. Die Großmutter (59 Jahre) und er (64Jahre) könnten nun mit den beiden kleineren Enkelkindern nicht mehr hier bleiben, ebenso wenig alle anderen Personen, die mit uns hergekommen waren. Durch die hier erhaltene Verpflegung müssten wir nun alle so weit gestärkt sein, bis die baldige Auflösung aller Internierungslager für die Donauschwaben geschieht. Durch Gerüchte und Berichte wäre dieser Sachverhalt bekannt geworden. Für mich hätte er einen Vorschlag, der nach seiner Ansicht durchführbar wäre. Zur Vermeidung des Rücktransportes in das Lager Jarek müsste ich mich am nächsten Tage verstecken, bis der Abtransport vorüber wäre. Anschließend sollte ich durch eine alleinige Flucht über mehrere Dörfer in Richtung zu dem Arbeitslager nach Gajdobra gehen, wo meine Mutter sein könnte. Es würde ihm eine große Erleichterung sein, wenn mir dieses Vorhaben gelingen würde und ich wieder in der Obhut meiner Mutter sein könnte. Während des Gespräches hatte sich Großvater umgedreht, damit ich die Tränen in seinen Augen nicht sehen konnte. Es war ihm also doch nicht das nahe Ende unserer Internierung bekannt, dachte ich bei mir, sonst hätte er mir nicht diesen Vorschlag unterbreitet. Auch durfte ich der Großmutter keine Andeutung davon machen, was er mir als dringend erforderliches Vorhaben empfohlen hatte. Ich hätte ja bis zum Morgengrauen für diese Entscheidung noch genügend Zeit um Ja oder Nein zu sagen. Der nächste Morgen war für alle Betroffenen eine bittere Zeit, weil die Rückfahrt begann. In diesem Durcheinander drängte mich mein Großvater zur Antwort, weil auch er meine Verzweiflung sah, ebenso die Angst bei mir erkannte. Er übergab mir ein vorbereitetes Bündel und zeigte mir ein Versteck, weil Eile notwendig war. Ohne Verabschiedung war ich nun alleine und konnte durch Bretterspalten meine Großeltern mit Kusine und Cousin (Geschwisterkindskindern) abfahren sehen. In welcher Ausnahmesituation ich mich damals befunden habe, wird jedem verständlich sein. In meinem Versteck innerhalb eines Heuschuppens kamen die Zweifel über die vorgenommene Trennung, denn der Ausgang war ungewiss. Für die Mittagszeit hatte mir Großvater einen ebenfalls internierten Mann, der in der Hanffabrik arbeitete, angekündigt. Dieser kam dann auch und zeigte sein Erstaunen, weil ich tatsächlich anwesend war. Da er in den ganzen Plan eingeweiht war, brauchte ich nur auf seine Ratschläge hören, damit dieses Vorhaben auch endgültig gelingen kann. In seiner Arbeitsgruppe wären ebenfalls zwei Kinder die in die gleiche Richtung wie ich gehen möchten, um zu ihren Familienangehörigen gelangen zu können. Es fehlt ihnen nur noch der notwendige Mut für die Durchführung. Er würde uns zusammen bringen und weiterhelfen, was dann auch in den Abendstunden möglich war. Nach einigen Tagen schlichen wir uns von unserer Schlafstelle nacheinander in den Hof hinaus, damit wir uns "absetzen" konnten. Da wir uns nicht entkleidet hatten, bemerkte auch unser Bewacher im Nebenraum keine Geräusche und die erste Schwierigkeit war überwunden. Hans Flock war 12, Willi Wolf damals 13 Jahre alt, sie stammten aus Neu-Gajdobra und wollten wieder in die Nähe ihres Geburtsortes, um ebenfalls ihre Mütter zu finden. Tatsächlich sind wir dort nach zwei Tagen und Nächten angekommen. Die Schilderung dieses Marsches von uns drei Kindern würde alleine schon einen umfangreichen Bericht ergeben, waren wir doch voller Angst vor Entdeckung am Tage in Verstecken geblieben, des nachts aber unsicher über die richtige Richtung, da uns alles fremd war bei unserem ersten Fluchtweg vor den Schergen. Am ersehnten Ziel kamen wir am Abend des zweiten Tages an und konnten im Schutz der Dunkelheit in die Nähe des Arbeitslagers in Gajdobra gelangen. Mit unseren kleinen Körpern schlüpften wir durch die Absperrungen, die mit Stacheldraht gesichert waren hindurch. Meine Begleiter hatten sofort Erfolg, weil von Hans eine Großmutter dort angetroffen wurde und Willi eine Tante fand. Diese wusste auch den Aufenthaltsort seiner Mutter. Aber leider war meine Mutter nicht mehr dort, denn sie befand sich bereits ab ca. Ende Juli 1945 in dem Arbeitslager in Neusatz (Novisad). Mein hoffnungsvolles Vorhaben war somit gescheitert und ich wusste nicht wie es weitergehen sollte. In diesem Lager wollte ich auch ein Wiedersehen mit meinem engen Schulfreund Paul Brand erreichen. Seit unseren Kindertagen waren wir zusammen gewesen, weil sein Pfeffer-Großvater ein Geschäftspartner meines Vaters war. Auf meine Frage, wo ich ihn finden könnte antwortete man mir, der Paul ist leider schon tot, er starb bereits einige Wochen vorher. Diese zusätzliche Schreckensmeldung war ein weiterer Keulenschlag in meiner Notlage. In vielen Tagen hatte ich mir die Wiederbegegnung mit meiner Mutter und mit Paul Brand in Gedanken zusammengestellt. Meine Vorfreude ließ mich auch die Gefahren der Flucht vergessen. Meine beiden Begleiter und deren Angehörige hatten viel Mühe aufwenden müssen, um mich von meinen Tränen wieder zu befreien. Mit dem Ende der Oktobertage 1945 befanden wir uns schon über 365 Tage in der Fängen diese unmenschlichen Partisanen. Die zurückliegende Leidenszeit von mehr als einem Jahr unter dem Terror von Titos Schergen hatte ich persönlich überlebt, aber was würde noch auf mich zu kommen ? Die Handlungsweise meines Großvaters hat mich vor der Rückkehr in das Todeslager Jarek bewahrt. Er selbst kam dort schon nach kurzer Zeit durch eine Typhusepidemie zu Tode. Die Großmutter verstarb an Hunger am 29.12.1945 und hat die Todesregister Nr. 5 425 erhalten. Ein Beleg dafür, dass im selben Jahr dort 5 425 katholische Lagerinsassen umgekommen sind. Auch meine Cousine Anna verhungerte dort am 14.02.1946 im Alter von 3 1Ú2 Jahren (ihre Mutter kam bei der Verschleppung ein Jahr vorher mit 25 Jahren in Russland, der Vater mit 27 Jahren in Gefangenschaft, ums Leben). Einziger Überlebender aus diesem Hause mit sechs gesunden Personen, mein Cousin Andreas, der durch den vorhergehenden Außenaufenthalt nochmals Kräfte sammeln konnte. Durch die Hilfe und Barmherzigkeit einer serbischen Bäuerin von dem Neusatzer-Hotter (Feldflur), wurde er wenige Tage nach dem Tode seiner kleinen Schwester als Hirtenbub herausgeholt. Durch die aufopferungsvolle Handlungsweise unserer Großeltern haben wir beide eine kurze Unterbrechung der Lagernot in Jarek erfahren. Vor allem unserem Großvater sind wir für seinen außerordentlichen Einsatz zu Dank verpflichtet, weil er für unser Überleben wichtige Auswege gefunden hatte. Leider erfüllten sich seine Hoffnungen auf eine Befreiung nicht, eine Chance für ein späteres Leben in Freiheit war nur ganz wenigen möglich, wie die Zahlen der nachfolgenden Jahre ergaben. Zusammen mit den anderen ca. 7 000 Todesopfern, die durch den Völkermord in Jarek umgekommen sind, liegt auch er in einem Massengrab, dem bis heute jede Gedenkstätte versagt geblieben ist. Die Differenz zwischen seiner Register Nr. mit der Zahl 4265 von Anfang November 1945 und der von unserer Großmutter ergibt 1160 Tote alleine für die Monate November und Dezember 1945 für die Katholiken in Jarek. In vielen Familien unseres Heimatortes war die Todesrate außerordentlich hoch, das oben beschriebene Beispiel über das Elternhaus meiner Mutter, ist kein Einzelfall. Bei der Überprüfung der Listen über die Gesamtverluste von Bukin, werden solche Haushalte in größerer Zahl gefunden (z.B. Hs. Nr. 164, 218 und 468 ). Auch in meinem Elternhaus starben die Großeltern mit 64 und 70 Jahren in Jarek, ebenso unsere liebe Mutter im Alter von 36 Jahren in Kruschevlje. Somit ist bereits innerhalb weniger Monate auch bei uns die Hälfte der Familienmitglieder durch den Völkermord an den Donauschwaben in Jugoslawien umgekommen. Mit großer Genugtuung haben sich Serben, Kroaten, Bosnien- und Kosovomuslime mit deren übersteigerten nationalistischen Kreisen, an diesen Massenverbrechen beteiligt. Die Gier nach dem Hab und Gut der Donauschwaben machte sie blind. Diese übergroße Beute sollte anscheinend das ewige Verbindungsglied zwischen den verfeindeten Volksgruppen sein. Dieser Wahn ging schon bald vorüber, nachdem der gestohlene Besitz der Donauschwaben aufgebraucht war. Es fehlen nach dem Tode Titos auch die vorher reichlich geflossen "Geldtransfusionen" aus dem Westen. Die letzten 10 Jahre zeigten der gesamten Welt das echte Gesicht der Machthaber in dieser Region, sowie der dort noch vorhanden Fanatiker. Auch wir Donauschwaben erwarten eine Rehabilitierung und ein Schuldeingeständnis seitens der Staatsführung der Vertreiberländer. Das internationale Rechtsempfinden hat sich in den letzten Jahren gewandelt und muss auch für unsere Volksgruppe gelten. Wir haben die Charta der Heimatvertrieben in vollem Umfang unterstützt, auf Rache und Vergeltung verzichtet. Es ist mir bis heute kein einziger Vorfall bekannt, mit dem eine Vergeltung des erlittenen Unrechts in Jarek oder anderswo, vorgenommen wurde. Welche Not den Volksgruppen im ehemaligen Jugoslawien durch die gegenseitigen Anfeindungen und vergangenen Kriege entstanden ist, konnte im Fernsehen betrachtet werden. Am eigenen Leibe erfuhren viele, welche Folgen brutale Gewalt, Mord und Totschlag und totale Vertreibung, für die vielen Opfer bedeuten. "Kriegsflüchtlinge" kamen zu Tausenden nach Deutschland, um bei den Deutschen Schutz und Hilfe zu erlangen. Welche Behandlung würden wir von diesen Volksgruppen erhalten, wenn wir ihnen das gesamte Unrecht zugefügt hätten, das sie uns in den Jahren von 1944 bis 1948 zugefügt haben??? Die noch vorhandene Generation der Zeitzeugen ist aufgefordert, die umfangreichen Bücher über die Dokumentation der Verbrechen an den Donauschwaben von 1944 bis 1948 in die breite Öffentlichkeit zu bringen. Es geht um eine geschichtliche Wahrheit, dass auch die damalige Vertreibung ein großes Unrecht war!
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