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1. Mai
2005
Völkermord an den
Deutschen in Jugoslawien 1945 - 1948
Das zentrale
Internierungslager in Jarek im Jahre 1945
Von Andreas
Pfuhl
Als wir noch "daheim" waren in
unserem schönen Schwabendorf an der Mittleren Donau in
der Batschka, gehörten wir so sehr zusammen, dass es
uns eigentlich nie richtig bewusst geworden ist. Der
Jahresablauf ab der Kindheit innerhalb der Familien- und
Dorfgemeinschaft war eine heile Kinderwelt. Durch den
Verlauf des zweiten Weltkrieges wurden auch unsere
Siedlungsgebiete in die Kriegsereignisse einbezogen. Die
Vertreter des Nationalsozialismus in Deutschland hatten ab
1936/1937 versucht, auch alle Donauschwaben für ihre
Ziele einzuspannen.
Gegen diese Bestrebungen wandten
sich vehement über viele Jahre Dr. Stefan Kraft und
seine Mitstreiter, weil diese die notwendige Toleranz
gegenüber dem jeweiligen Staat wahrten (nach 1918
Jugoslawien, Rumänien, Ungarn). Die nach den
Verträgen von Trianon dreigeteilten Donauschwaben waren
daher uneinig, welche Entscheidungen vor der
heranrückenden Front im Sommer 1944 zu treffen
wären. Außerdem wurde von der damaligen
Reichsregierung ein Evakuierungsverbot für alle
Donauschwaben verhängt. Entgegen diesem Verbot
flüchtete ein Teil der Bevölkerung, während
die überwiegenden Bewohner der Batschka, des Banats in
der Heimat verblieben sind.
Dieser Entschluss sollte später
für alle Donauschwaben im Machtbereich der Russen und
Titos Partisanen zu einer Katastrophe werden. Da auch meine
Familie nicht geflohen war, bekamen wir sofort nach dem
Einmarsch der Kommunisten die radikalen Methoden und
Vernichtungsmaßnahmen auch an der
Zivilbevölkerung zu spüren. Niemand hatte es
für möglich gehalten, dass alleine die
Zugehörigkeit zur deutschen Volksgruppe als Verbrechen
gewertet wird und die völlige Vernichtung dieser
unschuldigen Menschen in grausamer Weise betrieben wird.
Gerade der Bevölkerungsteil, welcher in der Heimat
geblieben ist, hatte sich gegen die Umklammerung und den
Missbrauch durch die Reichsdeutschen Stellen gewehrt. Durch
die Unterdrückung, Ermordung, Folterung, Verschleppung
in die Sklaverei und in Todeslager wurden völlig
Unbeteiligte an dem ganzen Kriegsgeschehen kollektiv zu
Volksfeinden erklärt.
Die nachfolgenden Schilderungen
über die Monate April bis November 1945 sind ein
Versuch, einige Ereignisse aus dieser schrecklichen Zeit zu
übermitteln. Alleine die Worte unserer Umgangssprache
vermögen es nicht, die erlebten Gräuel
während meiner dortigen Internierungen zu schildern.
Bilder wären ein Hilfsmittel, die gibt es aber leider
nicht. Persönliche Nachforschungen beim Internationalen
Roten Kreuz in Genf über diese Zeit haben keine Bilder,
jedoch eine hohe Zahl an Hilferufen für die
eingesperrten Donauschwaben hervorgebracht. Leider hat die
gesamte freie Welt weggeschaut und die Eingesperrten ihrem
Schicksal überlassen.
Im Dokumentationsband "Leidensweg
der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien" wurde
dokumentiert, dass in Jarek während der Zeit von
Dezember 1944 bis April 1946 ca. 7.000 Personen dort
umgekommen sind, davon sehr viele Kinder, deren Zahl ca.
1.200 sein dürfte.
Als Zeitzeuge und Insasse im Lager
Jarek während der Sommermonate 1945 möchte ich
einige Begebenheiten aus dieser Zeit schildern. Der Ablauf
unserer Vertreibung wurde eingehend auf den Seiten 252 - 253
in dem Heimatbuch von Pfarrer Benedikt Helmlinger
beschrieben. Mit mehrfachen Versuchen war es mir gelungen,
während der Trennung von Familienmitgliedern in
Gajdobra von dem Sammelplatz der Kinder und
arbeitsunfähigen Personen unseres Dorfes zu dem
kleineren Haufen der Arbeitsfähigen zu
gelangen.
Unsere Peiniger - Partisanen und
deren Helfer aus der Bevölkerung - trieben uns in das
errichtete Arbeitslager am Westrand des Dorfes. Dies war
durch bewaffnete Posten und Stacheldraht gesichert. Die
Räume in den kleinen Häusern waren
überfüllt mit Internierten. Bisher von uns
gewohnte menschliche Verhältnisse waren vorbei.
Zusammen mit Landsleuten aus Neudorf/Novoselo, sowie aus
Gajdobra lagen wir in Massenquartieren auf Stroh. Die Enge
war unerträglich und konnte nur mit großer
gegenseitiger Rücksicht ertragen werden. Weil aber alle
im gleichen Elend waren, konnte diese Toleranz unter den
eingesperrten Leuten bestehen.
Wir alle waren Verlierer, waren ohne
eigenes Verschulden zu Verurteilten geworden.
Gedemütigt, beraubt und geschlagen, von unseren
Familienmitgliedern getrennt, lagern wir nun in einem KZ der
Tito-Partisanen. Unsere Zukunft, ja nicht einmal der
nächste Tag war gewiss. Nach einigen Wochen schwerer
Zwangsarbeit mit Jugendlichen auf der Frühjahrsflur,
sowie mit Pickelarbeiten an der Bahnlinie, wurde auch ich
für den Abtransport nach Jarek bestimmt. Meine Hoffnung
auf Verschonung hatte sich nicht erfüllt. Vor dem
Abtransport in das Vernichtungslager Jarek war ich bereits
mit anderen "Abzuschiebenden" gesondert eingesperrt. Am
Morgen des letzten Tages gelang es meiner Mutter, bis zu mir
zu kommen, bevor sie wieder zur Zwangsarbeit getrieben
wurde.
Es war ein schlimmer, ein
schrecklicher Abschied. Als junge Mutter mußte sie ihr
letztes Kind hergeben. Als 11-jähriger war ich
künftig, ohne Eltern undGeschwister, mitten in dieser
feindlichen Welt auf mich selbst gestellt. Da die
Umstände der Zwangslager eine Hoffnung auf ein
Wiedersehen fast ausschlossen, übermittelte mir meine
Mutter an diesem schweren Tag ihres jungen Lebens einige
Sätze und Wünsche, mit denen ich mein Leben in
eigener Verantwortung lenken und leiten sollte. Während
des bald darauf begonnenen Bahntransportes in einem offenen
Viehwaggon, mit einer Dauer von 2 Tagen, konnte ich die
Worte meiner armen und traurigen Mutter tief einprägen.
Mit diesem Vermächtnis hat meine Mutter, obwohl schon
nach einigen Monaten an Gram und Hunger gestorben, mein
junges Leben geprägt und geformt.
Nach der Ankunft in Jarek kam ich
zunächst zur Registrierung und wurde sogleich in ein
Kinderheim eingewiesen. Es waren überwiegend Kinder
unter 10 Jahren dort untergebracht, vereinzelt aber auch
Kinder zwischen 11 und 13 Jahren. Es gelang mir dann bald,
meine Großeltern zu finden, so daß ich
unabgemeldet und heimlich aus diesem Kinderheim
davongelaufen bin. Die überwiegenden Insassen im
Kinderheim waren schon ab dem Herbst 1944 dort eingesperrt.
Die meisten waren sehr stark abgemagert und vom Tode
gezeichnet. Die Räume waren übervoll, das Stroh
alt. Alles war abstoßend.
Meine Pfuhl-Großeltern waren
in einem kleineren Haus in der südlichsten Gasse
eingesperrt. Auf die Straße durfte und konnte keiner
gehen, da nach dieser Häuserreihe die Bebauung des
Ortes zu Ende war. Wegen Fluchtgefahr wurde jeder, der trotz
dieses Verbotes hinausging, erschossen. Von dem Dachgiebel
konnten wir auf die Fluren in Richtung Süden sehen. Da
es bereits Ende Mai 1945 war, sah man auch die heranreifende
Ernte, weil in verschiedenen Teilen der Flur die bisherigen
Ortsbewohner teilweise die Herbstsaat noch ausgebracht
hatten.
Aber von einem normalen Alltag war
bei uns nichts zu spüren. Die angetroffenen Kinder in
diesem Haus, viele aus meiner "Mittelgasse" erklärten
mir die Regeln und Abläufe in diesem Lager. Die Suppen
sind ungesalzen und mit wurmigen Erbsen dünn
bestückt. An vielen Tagen fällt sie ganz aus. Als
Hauptgericht wurde Maisbrei (Kukuruzbrei), ebenfalls
ungewürzt, ausgegeben. Oft gab es gar nichts. Ein Brot
wie früher hatte sie seit der Ankunft im Lager nicht
mehr gegessen. An dem Aussehen der Lagerinsassen, die schon
seit dem Dezember 1944 hier eingesperrt waren, waren die
Folgen des Hungers ersichtlich. Auch meine Großeltern
bestätigten die geschilderten Missstände, die
zwangsläufig zu Mangelerscheinungen und zum Tod bei
vielen führten.
Mit einer Hilfe von außen,
eventuell durch das Internationale Rote Kreuz, konnte keiner
rechnen. Trotz unserer Kindheit war uns allen das schlimme
Ausmaß unserer Lage bewusst. Durch Sammeln von
Brennnesselblättern, Eiern von Tauben und Vögeln,
versuchten wir, uns eine zusätzliche Nahrung zu
schaffen. Da jedoch viele Kinder und Personen mit dem
gleichen Ziel auf der Suche waren, wurde die Ausbeute immer
spärlicher. Gekocht wurde mitgetrocknetem Unkraut.
Außerdem war Holz in keiner Weise mehr vorhanden. Wie
sollten wir ohne Brennmaterial den kommenden Winter
überleben? Unsere Massenquartiere hatten auch keinen
Ofen. Die "guten Räume" waren von den ersten
Ankömmlingen des Lagers schon fest belegt worden und in
sicherer Hand.
Für lang angelegte
Überlebenspläne hatten wir auch wenig Zeit, weil
jeder Tag seine eigene Schreckensnachrichten hatte. Ende
Juli 1945 rannte ich mit anderen Kindern durch die
Gartenparzellen, weil wir zu einer Zwangsarbeit getrieben
wurden. Plötzlich rief eine mir unbekannte Stimme
meinen Namen. Aber ich reagierte nicht, weil ich annahm,
nicht gemeint zu sein. Ich war aber noch in Hörweite,
um den gleichen Rufer nochmals zu vernehmen. Dieser rief
verzweifelt und lauter "Lorenza-Andres, bleib stehen!" Nun
war kein Zweifel mehr in mir: damit konnte nur ich gemeint
sein. Die Stimme kam von dem gebrochenen Mann, der vom Tode
gezeichnet, auf einem Baumstumpf saß. Das Aussehen hat
mich erschauern lassen. In dem Gesicht erblickte ich all die
Qualen und Leiden, Hunger und Entbehrungen, die er und
unsere Mitmenschen seit der Vertreibung erleiden mussten.
"Ja kennst du mich denn nicht?" Ich überlegte lange, da
ich doch fast alle Menschen aus Bukin kannte. Es gelang mir
nicht, den Mann zu einem Namen zuzuordnen. Auch er erkannte
meine Verzweiflung und erwiderte: "Ich bin doch der
Haags-Toni-Vetter, Dein Nachbar!" Erst dann erkannte ich
seine Gesichtszüge wieder, denn sein Gesundheitszustand
war sehr schlimm. Als ich ihn nach 3 Tagen in dem von ihm
genannten Haus besuchen wollte, war er leider schon
verstorben.
Dass das KZ Jarek einen Sonderstatus
hatte, war unseren Landsleuten durch die täglichen
Schreckensereignisse bewusst. Dieses Internierungslager
wurde im allgemeinen auch Hungerlager, Todeslager oder
Vernichtungslager genannt. Den Erwachsenen war bewusst, dass
die Überlebenschancen sehr gering waren. Für
Kleinkinder keine Hoffnung, für ältere Leute
ebenso wenig - alles ohne Zukunft!
Geringe Aussichten hatte noch
rüstige Großeltern, die zur Arbeit über den
"Sklavenmarkt" gelangen konnten. Jeden Morgen standen noch
arbeitsfähige Leute 1 - 2 Stunden auf der Kirchengasse
in Reihe und Glied ("U stroj" - auf serbisch).
Andersnationale Zivilpersonen konnten gegen Bezahlung
Arbeitskräfte "kaufen"! Für viele Lagerinsassen
war die Sklavenarbeit eine Hilfe, wenn der "Herr" eine
menschliche Einstellung hatte. Im nachhinein ist bekannt,
daß vor allem von Ungarn aus dem umliegenden
Dörfern eine gezielte Unterstützung gewährt
wurde. Es entstanden sogar engere Kontakte, die bis zur
Unterbringung von Kindern in deren Familien führten.
Mütter und Kinder sind dadurch dem sicheren Tod
entkommen. Es gibt heute noch bleibende enge Freundschaften
in der 2. Generation, die mir persönlich bekannt sind.
Welch eine Zivilcourage dieser Mitbewohner in der
Batschka!
Leider kamen auch
"Sklavenaufkäufer" nach Jarek, die keine gute Absicht
hatten. Diese wollten die "neue und siegreiche Zeit" durch
Gemeinheit und Sadismus an ihren "Deutschen", den Schwaben
austoben. Diese Demütigungen waren besonders schlimm
für diese armen Leidensgefährten, da sich doch
eventuell für einen Tag der andauernden Hölle im
KZ entkommen wollten. In den Berichten von Überlebenden
aus dieser Zeit ist Schlimmes enthalten. Das Sklavengeld hat
die Lagerkommandantur für eigene Orgien
verbraucht.
Während meiner
Internierungszeit in Jarek war eine Frau als Kommandantin
dort. Öfters war sie auf einem Pferd unterwegs, damit
sie die schon halb verhungerten Lagerinsassen noch mehr
ängstigen und quälen konnte. Bei der Rückkehr
einer großen "Kinderarbeitsbrigade" von einem
Zwiebelacker musste ich davon rennen, um nicht
zusammengeritten zu werden.
Am Vortag wurden wir nach dem
Arbeitsende - wir waren Unkraut zupfen auf dem Zwiebelfeld -
in der Dorfmitte von Jarek ohne Durchsuchung in die
Elendsquartiere entlassen. Nur wenige hatten an diesem Tag
eine "Beute" in der Kleidung verstaut. Auch ich war von den
Großeltern um ein "Mitbringsel" gebeten worden, aber
nur, wenn dies möglich ist. Die sehr schlechte Kost
wäre mit einer Zwiebelsuppe, gemischt mit
Unkräutern die erhoffte Abwechslung und Labung gewesen.
Aber meine Angst wegen dauernden Drohungen durch die Wachen
war zu groß.
Am zweiten Tag meines Einsatzes auf
dem Zwiebelfeld aßen wir, etwas mutiger geworden,
junge Zwiebeln mitsamt den Schoten. Dazu gab es
Brunnenwasser, das zum Glück gut war und keine
Verunreinigung hatte. Als die Zeit sich dem Arbeitsende
näherte, sah ich meine Nebenleute an, die in
unbewachten Augenblicken Zwiebeln und Unkraut in die
Kleidung steckten. Nach dem Verlauf des Vortages entschloss
auch ich mich zu dieser Einsammlung.
Als einzige Hose hatte ich nur meine
Winterhose gerettet, die natürlich im warmen Hochsommer
geradezu unerträglich war. Aber es gab ja keine
Zweithosen mehr. Diese wurden mir bei den vielen Beraubungen
weggenommen. An diesem heißen Augusttag war ich jedoch
froh über meine Bridges-Hose (als Kinder nannten wir
diese auch "Pumphose", weil man diese mit Schnallen unter
dem Knie festmachen konnte. Mein Vorrat für einen
erfolgreichen "Heimgang" konnte ich gut verstauen und
vermeintlich auch unerkannt transportieren.
Doch die Wachen hatten uns durch
geringere Schikanen in Sicherheit gewiegt. In strenger
Formation mussten wir alle in Richtung Kommandantur
marschieren. Die ganze Straßenmitte war nun
übersät von dem Inhalt unserer Taschen und
Kleider, weil nun eine Leibesvisitation bevorstand. Als
Höhepunkt der Tyrannei und Schikane kam die
Kommandantin auf dem Pferd daher. Wir Kinder flohen in alle
Richtungen, um nochmals zu entkommen. Die Angst und
Enttäuschung war auch an diesem Tag riesengroß.
Der geschilderte Verlauf dieser zwei Tage kann nur einen
Teilauszug über die Schreckenszeit in Jarek
sein.
Öfter kam es vor, dass
Partisanen zusammen mit Zivilisten zu Plünderungen und
Raub zu den Lagerinsassen kamen. Unter Bedrohung von Leib
und Leben raubten sie alles, was ihnen gefiel - hatten doch
viele Leute noch gute Kleidung und Schuhe vorher retten
können. Diese grenzenlose Erniedrigung war für
alle sehr schlimm! Durch die bestehenden Verbote, Wege und
Straßen während des Tages zu benutzen, waren wir
alle wie in einem Gefängnis eingesperrt. Das Begehen
der Straßen war nur zum Abholen des schäbigen
Essens möglich und erlaubt. Der Kontakt zu Nachbarn und
Verwandten war riskant und endete oft mit dem
Tode.
Ein Bewohner in "unserem Haus", Herr
Johann Gauder aus Gajdobra, wagte es, während der
Sperrzeit auf die Straße zu gehen, weil er seinen
Nachbarn besuchen wollte. Die brutalen Wachen haben ihn
aufgegriffen, geschlagen und ca. 4 Tage ohne Verpflegung
eingesperrt. Nach dieser Zeit wurde er durch den
"Blockwart", ein Mann aus Schowe, wieder zu uns und seiner
Frau gebracht. Er hat keinen mehr erkannt, starrte nur noch
in eine leere Ferne. Der arme Mann war schon halb tot und
auch wahnsinnig. Nach zwei Tagen starb er in den Armen
seiner Frau und war erlöst.
Einige Tage nach dem schrecklichen
Ableben von Herrn Gauder, ist meine Pfuhl-Großmutter
durch Unterernährung und Entkräftigung neben mir
im Massenquartier verstorben. Es war der Morgen des 2.
August 1945, als mich der Pfuhl-Großvater weckte:
"Andres wach auf, die Großmutter ist heute nacht
verstorben". Erschrocken drehte ich mich auf die rechte
Seite, um nach ihr zu sehen, denn am Abend vorher gegen ca.
22 Uhr gingen wir gemeinsam schlafen. Nach dem
regelmäßigen Nachtgebet, das alle in der
Zimmergemeinschaft laut beteten, habe ich ununterbrochen
geschlafen. Es war ein schlimmer Schock für mich, dass
die gütigen Augen der Großmutter für immer
geschlossen waren. Auch auf Ihre Hilfe und Fürsorge
konnte ich nicht mehr bauen. Seit meiner Geburt war ich
täglich bei ihr, da mein Vater sein Elternhaus erhielt,
in dem drei Generationen zusammen wohnten. Der
plötzliche Tod meiner Großmutter machte die
Verzweiflung von uns Eingesperrten, zum Tode verurteilten
(ohne dass man uns ein "Schuldurteil" gab!) noch
größer und schlimmer.
Für die anderen Mitbewohner im
Hause und mich, sowie für Großvater wusste sie
auch in dieser traurigen Zeit passenden Trost. Dieser half
uns für einige Tage wieder Hoffnung auf Besserung, ja
an eine baldige Heimkehr zu denken. Dieser unerwartete Tod
der Großmutter machte alle Gedanken an eine gute
Lösung unseres Schicksals zunichte. Das zu ertragen und
zu bewältigen, erschien für Großvater und
mich unmöglich, vor allem aber die Abholung ihrer
Leiche und der notwendige Abschied war herzzerreißend.
Die folgenden Trauertage in unserer Lagergemeinschaft waren
für uns bedrückend. Hatten wir doch in wenigen
Tagen liebe Angehörige und einen liebgewonnenen
Mitbewohner verloren.
Aber die Ereignisse erlaubten keinen
Stillstand und ein Verharren in Trauer und Mitleid. Es
wurden "neue Gedanken und Strategien" erörtert. Die
Eltern meiner Mutter waren auch in der Nähe
einquartiert und versuchten mit ihrem Rat und Hilfe, diese
Zeit besser zu ertragen. Mein Schmidt-Großvater
(Streits Hans) bewarb sich daher um Erntearbeiten in der
Umgebung mit der Hilfe eines Bekannten aus Novoselo. Dieses
Vorhaben ist ihm auch gelungen, wie die spätere
Schilderung zeigen wird. Durch dieses Verhalten unseres
Großvaters konnte er zwei seiner Enkel das Leben
erhalten, denn die Zeit außerhalb von Jarek
gewährte einen Abstand von Hunger und Krankheiten. Eine
essbare Ernährung würde auch die Gesundheit wieder
stärken.
Unserem Schmidt-Großvater
dauerte der anhaltende Terror schon viel zulange. Dass diese
kommunistische Partisanenbewegung die entgültige Macht
über uns behalten wird, konnte er wie auch die anderen
Lagerinsassen, nicht glauben. Als Soldat des I. Weltkrieges
war ihm die Haager Landkriegsordnung bekannt. Auf diese
vertraute er und betonte diese Sachverhalte auch immer in
Gesprächen mit anderen Leuten in Jarek.
In dieser 1907 erlassenen Verordnung
ist ausdrücklich die Enteignung von Privatvermögen
verboten. Es darf auch keine Strafe in Geld oder anderer Art
über eine ganze Bevölkerung verhängt werden,
wenn diese an Kriegshandlungen unschuldig ist. Doch dieses
Internationale Recht hatte für uns keine
Gültigkeit mehr, weil Titos Helfer und Kommunisten
durch ihren illegalen Beschluss von Jajce im Jahre 1943 uns
für schutz- und rechtlos erklärt hatten. Die
entschädigungslose Enteignung unseres gesamten
Vermögens sowie der Verlust der staatsbürgerlichen
Rechte, waren gegen das geltende Völkerrecht dort
beschlossen worden. Auf dieser Tagung des
"Antifaschistischen Rates für die Befreiung
Jugoslawiens" (AVNOJ), erklärten uns diese in einem
außergerichtlichen Verfahren, kollektiv zu
Volksfeinden. Wir waren Verurteilte ohne Urteil, nur weil
wir Deutsche sind.
Mord, Terror, Deportierungen,
Vertreibungen, Folterungen verübten die Partisanen mit
ihrem Pöbel im ganzen Machtbereich, zur Tages- und
Nachtzeit. Nur weil wir keine Nachrichten bekommen konnten,
auch seit dem Einmarsch der Partisanen der Ausnahmezustand
verhängt war, blieben uns die landesweiten Ereignisse
unbekannt. Die in unserem Gesichtskreis erlebten Verbrechen
waren schon schlimm genug, da die Brutalität der
Russen, Partisanen, Zigeunern und deren Helfern aus allen
Schichten des Pöbels grausam waren. Die Familien waren
schon in fast allen Fällen auseinander gerissen, der
überwiegende Teil unserer Väter und Mütter
zur Zwangsarbeit verschleppt. Die Generation der
älteren Menschen mit den Enkeln befand sich seit der
Vertreibung von Bukin in einem Todeslager. Alle Stationen
des ablaufenden Völkermordes an den Donauschwaben
kannten wir nicht, hätten dies auch damals nicht
für möglich gehalten und erfassen
können.
Das Elend in Jarek war im Sommer
1945 unbeschreiblich gewesen, denn mit Worten unserer
zivilisierten Sprache ist eine Schilderung der
täglichen Abläufe nicht möglich. Hier zeigte
sich beständig, zu welchen Verbrechen charakterlose
Menschen fähig sind, wenn sie im blinden Haß an
unschuldigen Opfern sich vergehen können. Durch die in
großem Umfange vorhandene Unterernährung starben
täglich immer mehr Menschen. Die Großeltern
zweigten in vielen Fällen Teile der eigenen
Essenportionen ab, um den Enkeln eine
Überlebensmöglichkeit zu bieten. Dadurch starben
sie noch schneller, die Enkel blieben allein und wurden in
die Kinderheime eingewiesen.
Unheil reihte sich an Unheil, die
Schwierigkeiten nahmen weiter zu. In den ersten Augusttagen
kam mit einem Fußtransport Herr Michael Helmlinger,
damals 69 Jahre alt, in Jarek an. Zusammen mit anderen
Leidensgefährten war er in Syrmien, seit dem November
44 zur Zwangsarbeit eingesetzt. Bei seiner Ankunft sind wir
alle erschrocken, weil er voller Wunden am Körper war.
Durch die Abmagerung erkannten wir ihn nicht
mehr.
Während dieses
Überführungsmarsches begegnete er seinem Sohn
Jakob, der damals als Kutscher bei den Partisanen sein
musste, auf der Landstraße zwischen Neusatz und Jarek.
Erst im Vorbeigehen erkannten sich Vater und Sohn im letzten
Augenblick und wollten sich begrüßen und umarmen.
Die Partisanen und Bewacher stürzten sich auf den
kranken Vater und schlugen mit Gewehrkolben auf ihn ein.
Daher waren die schlimmen Wunden und blauen Flecken im
Gesicht unseres Nachbarn vorhanden.
Diese Begebenheit macht deutlich,
welche Qualen und Schandtaten die Donauschwaben in dieser
Zeit erleiden mussten. Der Michl-Vetter hatte nur mehr wenig
Überlebenschancen. Trotz des schweren Hungermarsches
aus Syrmien bis Jarek hatte er zäh durchgehalten, damit
er noch bis zu seinen Enkelkindern, der Schwägerin und
dem Schwager kommen konnte. Die Verweigerung einer
Begrüßung mit seinem einzigen Sohn auf der
Straße war auch ihm ein Beweis dafür, daß
für uns kein Platz in Ruhe und Frieden mehr vorhanden
ist.
Die Sterbestunde von Herrn Michael
Helmlinger ist mir bis heute tief eingeprägt geblieben.
Die Trostworte von seiner Schwägerin Magdalena Koch
erleichterten seinen Todeskampf. In ihren Armen bäumte
er sich nochmals auf, bevor er starb, während alle
Umstehenden beteten. Dieses Erlebnis beim Tode von Herrn
Helmlinger hat mich mit meinen 11 Jahren in
äußerste Spannung versetzt. Die Erkenntnis
über unsere Ausweglosigkeit führte bei vielen
Lagerinsassen zu einer Verzweiflungstat. Die
Selbsttötungen nahmen nochmals zu, weil die
eingesperrten Leute keine Hoffnung auf ein normales Leben in
Freiheit hatten.
Dem andauernden Terror, den
Folterungen, sowie gegen Hunger und Typhus konnten sie
keinen Widerstand mehr bieten. Sehr schlimm waren auch
Begegnungen zwischen Großeltern, wenn diese sich bei
heimlichen Besuchen über unsere Lagersituation
unterhielten. In vielen Fällen waren sie schon zu
schwach, um uns Kindern die Teilnahme an den ernsten
Gesprächen zu verweigern. Viele Unterredungen endeten
mit einer Verabschiedung, weil sie den Tod unausweichlich
kommen sahen. Die Leute gingen unter Tränen
auseinander, weil ihnen in vielen Fällen die Worte
versagt blieben. Eine solche traurige Begebenheit war auch
die Verabschiedung zwischen meinem Pfuhl-Großvater,
damals erst 70 Jahre geworden, seinem Bruder Benedikt und
dessen Frau Marianne. Bei diesen waren vier Enkelkinder der
Söhne Andreas und Nikolaus Pfuhl, im Alter von 2 bis 7
Jahren. Einzig Überlebende aus dieser Familie ist Anna
Pfuhl, die damals 6 Jahre alt war und viele Jahre
später von ihrem Vater Nikolaus endlich in einem
Waisenhaus Jugoslawiens gefunden wurde.
Diese Erinnerung an die Ereignisse
in Jarek blieben bei den Zeitzeugen von damals für
immer im Gedächtnis. Der Tod konnte nicht
auslöschen, was an Liebe über den Heimgang hinaus
uns mit diesen verstorbenen Angehörigen
verbindet.
Wie bereits an anderer Stelle
erwähnt, hatte sich unser Schmidt-Großvater um
den Einsatz bei Erntearbeiten beworben, damit ein Entkommen
aus diesem Todeslager möglich wird. Außer mir
waren noch die Enkelkinder Anna, 3 Jahre, der Enkelsohn
Andreas, 7 Jahre alt - vom jüngsten Sohn Hans - bei den
Großeltern.
Es war Ende August 1945 als 6
Fuhrwerke in der Dorfmitte standen, mit denen die gemeldeten
Lagerinsassen zur Erntearbeit nach Despot-St. Iwan gebracht
werden sollten. Nach der Registrierung durch Wachposten,
wurden wir zu den wartenden Fahrzeugen getrieben und mussten
Platz nehmen. Jeder Teilnehmer hatte seine ganze Habe dabei,
denn wir besaßen nur noch die Kleidung, die wir am
Leibe trugen und teilweise Essgeschirr. Außerdem
hofften alle Abfahrenden, niemals wieder hierher
zurückzukommen.
Die Anspannung bei allen Leuten war
sehr groß, aber es kam kein Kommando zur Abfahrt. Die
von der Herfahrt müde gewordenen Pferde wurden durch
die lange Wartezeit unruhig. Drei Gespanne bestanden aus
Mauleseln, die sogar richtig renitent wurden, denn die Hitze
des späten Vormittages setzte den Tieren sehr zu. Ein
frisches Wasser und eine Fütterung wäre für
die Tiere notwendig gewesen. Dafür war jedoch niemand
zuständig, denn die Bewacher zechten mit den Kutschern
der Fuhrwerke in der Kommandozentrale. Hatten doch die
letzteren ausreichend Schnaps mitgebracht. Wahrscheinlich
auch einen Teil des Sklavenlohnes für unsere
vorgesehene Arbeit als Anzahlung dabei, denn die Sauferei
nahm kein Ende. Die Mittagsstunde war schon länger
vorüber, als wir mit einer Verspätung von
über 3 Stunden abgefahren sind. Welche Beklemmung
unsere gesamte Gruppe erfasst hatte, ist verständlich,
nach der langen Wartezeit in der Hitze, ohne Wasser und
Nahrung.
Die Sorge der Leute war deutlich zu
erkennen, denn welchen Verlauf und Ausgang würde die
Fahrt mit den betrunkenen Kutschern bringen? Wie werden sich
die betrunkenen Wachen verhalten? Sind wir gar vom Regen in
die Traufe geraten?
Unvergesslich bleiben mir die
Missfallensäußerungen meines Großvaters
während der schlechten Fahrt von Jarek bis Despot-St.
Iwan. Seine empfundene Demütigung muss sehr groß
gewesen sein, denn er ließ kein gutes Wort über
unsere Bewacher verlauten. Erst nach öfteren
Ermahnungen der Großmutter fügte er sich in
dieses Schicksal. Wenn nur ein kleiner Teil der
Verwünschungen, die Großvater gegen unsere
Peiniger aussprach, eintraf, ist es allen danach sicher sehr
schlecht gegangen.
Keine Sitzgelegenheiten, ja nicht
einmal Stroh, war auf den Wägen vorhanden. Wir
saßen auf den blanken Brettern der Leiterwägen,
während die Maulesel hinter den anderen Fuhrwerken
dahin rannten. Jede größere Unebenheit warf den
Wagen in die Höhe. Wir mussten uns festhalten, um nicht
herunter zu fallen. Der Kutscher war unfähig, die
ungehorsamen Zugtiere zu bändigen. Unsere Lage war
äußerst schlecht, weil durch die späte
Abfahrt die ganze Reiseroute bei größter
Sommerhitze, begleitet von Staubwolken der Sommerwege,
verlaufen ist. Das Ziel aber noch immer in weiter Ferne
schien.
Eigentlich erwarteten wir schon
länger ein unangenehmes Ereignis, in Anbetracht der
Ausnahmesituation, in der wir uns befanden. Als das vor uns
fahrende Gespann plötzlich ausscherte und zu dem
Brunnen eines nahen Einödhofes rannte, war auch unser
Kutscher machtlos, weil die Tiere das gleiche Ziel
ansteuerten. Der Instinkt der Tiere, so wie deren Durst
ermöglichte auch der völlig erschöpften
Lagergruppe, endlich Wasser trinken zu können. Die
Maulesel an zwei Wägen weigerten sich zur Weiterfahrt,
obwohl diese die Schläge ihrer Kutscher erhielten. Die
Tierquälerei war schlimm. Erst nach einer
Fütterung von ca. 1 Stunde wurde die Weiterfahrt
fortgesetzt.
Welche Erleichterung die 50 Personen
umfassende Gruppe empfand, als wir endlich nach Einbruch der
Dunkelheit ankamen, ist verständlich. Die Beschwerden
auf den Fuhrwerken und die bereits erwähnten
Verzögerungen, waren eine harte Prüfung. Auch
viele andere Teilnehmer waren voller Zweifel, ob der schwere
Weg auch zu einem guten Ergebnis führen
wird.
Sogleich nach dem Absteigen wurden
wir von einem dortigen Verwalter begrüßt, der uns
für die Erntearbeit angefordert hatte. Es war ein Serbe
aus der Gegend, der auch in der übrigen Zeit unserer
Anwesenheit uns tolerant behandelte. Er war an dem Abend
sogar bei der Ausgabe des Essens behilflich gewesen, nach
dem er den schlechten Gesundheitszustand der Angekommenen
gesehen hatte. Als Schlafgelegenheit wurde uns allen ein
leer geräumtes Magazin mit frischem Stroh zugewiesen.
Dies war für unsere damaligen Verhältnisse ein
erfreulicher Zustand und die ersehnte Nachtruhe brachte die
gewünschte Erholung. Am nächsten Morgen wurden
alle für die Arbeiten auf dem Feld eingeteilt. Auch wir
Kinder wurden für leichte Arbeiten, entsprechend dem
Alter, vorgesehen. Schon nach einigen Tagen erfasste alle
Leute eine Genugtuung, dass nun für die Tage der
Erntearbeiten auf dieser "Kolchose" eine erträgliche
Periode sein wird.
Die unterschiedlichen
Arbeitseinsätze auf den Feldern und in den Hallen der
ebenfalls vorhandenen Hanffabrik, verdrängte bei uns
auch die Gedanken an das Lager in Jarek, ebenso die
Rückkehr dorthin. In manchen Gesprächen
hörten wir Kinder auch von Fluchtvorhaben einzelner
Lagerinsassen, die schon länger hier arbeiteten. Ihre
Versuche waren aber gescheitert und harte Strafen waren die
Folge. Ein Untertauchen bzw. ein Entkommen war
äußerst riskant.
Unsere Großeltern hatten sich
trotz der vielen Tagesarbeit wieder etwas erholt, was auch
uns drei Kindern möglich war. Über die
Einzelheiten ihrer internen Vorhaben und Gespräche
erfuhren wir nur sehr wenig, da wir alle drei noch zu klein
waren. An einem Abend um den 20. Oktober 1945 holte mich
Großvater in den Hof vor dem Quartier. Er berichtete
mir von der bevorstehenden Rückfahrt in das Lager
Jarek. Diese würde unausweichlich bevorstehen. Die
Großmutter (59 Jahre) und er (64Jahre) könnten
nun mit den beiden kleineren Enkelkindern nicht mehr hier
bleiben, ebenso wenig alle anderen Personen, die mit uns
hergekommen waren. Durch die hier erhaltene Verpflegung
müssten wir nun alle so weit gestärkt sein, bis
die baldige Auflösung aller Internierungslager für
die Donauschwaben geschieht. Durch Gerüchte und
Berichte wäre dieser Sachverhalt bekannt
geworden.
Für mich hätte er einen
Vorschlag, der nach seiner Ansicht durchführbar
wäre. Zur Vermeidung des Rücktransportes in das
Lager Jarek müsste ich mich am nächsten Tage
verstecken, bis der Abtransport vorüber wäre.
Anschließend sollte ich durch eine alleinige Flucht
über mehrere Dörfer in Richtung zu dem
Arbeitslager nach Gajdobra gehen, wo meine Mutter sein
könnte. Es würde ihm eine große
Erleichterung sein, wenn mir dieses Vorhaben gelingen
würde und ich wieder in der Obhut meiner Mutter sein
könnte. Während des Gespräches hatte sich
Großvater umgedreht, damit ich die Tränen in
seinen Augen nicht sehen konnte. Es war ihm also doch nicht
das nahe Ende unserer Internierung bekannt, dachte ich bei
mir, sonst hätte er mir nicht diesen Vorschlag
unterbreitet. Auch durfte ich der Großmutter keine
Andeutung davon machen, was er mir als dringend
erforderliches Vorhaben empfohlen hatte. Ich hätte ja
bis zum Morgengrauen für diese Entscheidung noch
genügend Zeit um Ja oder Nein zu sagen.
Der nächste Morgen war für
alle Betroffenen eine bittere Zeit, weil die Rückfahrt
begann. In diesem Durcheinander drängte mich mein
Großvater zur Antwort, weil auch er meine Verzweiflung
sah, ebenso die Angst bei mir erkannte. Er übergab mir
ein vorbereitetes Bündel und zeigte mir ein Versteck,
weil Eile notwendig war. Ohne Verabschiedung war ich nun
alleine und konnte durch Bretterspalten meine
Großeltern mit Kusine und Cousin
(Geschwisterkindskindern) abfahren sehen. In welcher
Ausnahmesituation ich mich damals befunden habe, wird jedem
verständlich sein. In meinem Versteck innerhalb eines
Heuschuppens kamen die Zweifel über die vorgenommene
Trennung, denn der Ausgang war ungewiss. Für die
Mittagszeit hatte mir Großvater einen ebenfalls
internierten Mann, der in der Hanffabrik arbeitete,
angekündigt. Dieser kam dann auch und zeigte sein
Erstaunen, weil ich tatsächlich anwesend
war.
Da er in den ganzen Plan eingeweiht
war, brauchte ich nur auf seine Ratschläge hören,
damit dieses Vorhaben auch endgültig gelingen kann. In
seiner Arbeitsgruppe wären ebenfalls zwei Kinder die in
die gleiche Richtung wie ich gehen möchten, um zu ihren
Familienangehörigen gelangen zu können. Es fehlt
ihnen nur noch der notwendige Mut für die
Durchführung. Er würde uns zusammen bringen und
weiterhelfen, was dann auch in den Abendstunden möglich
war. Nach einigen Tagen schlichen wir uns von unserer
Schlafstelle nacheinander in den Hof hinaus, damit wir uns
"absetzen" konnten. Da wir uns nicht entkleidet hatten,
bemerkte auch unser Bewacher im Nebenraum keine
Geräusche und die erste Schwierigkeit war
überwunden.
Hans Flock war 12, Willi Wolf damals
13 Jahre alt, sie stammten aus Neu-Gajdobra und wollten
wieder in die Nähe ihres Geburtsortes, um ebenfalls
ihre Mütter zu finden. Tatsächlich sind wir dort
nach zwei Tagen und Nächten angekommen. Die Schilderung
dieses Marsches von uns drei Kindern würde alleine
schon einen umfangreichen Bericht ergeben, waren wir doch
voller Angst vor Entdeckung am Tage in Verstecken geblieben,
des nachts aber unsicher über die richtige Richtung, da
uns alles fremd war bei unserem ersten Fluchtweg vor den
Schergen.
Am ersehnten Ziel kamen wir am Abend
des zweiten Tages an und konnten im Schutz der Dunkelheit in
die Nähe des Arbeitslagers in Gajdobra gelangen. Mit
unseren kleinen Körpern schlüpften wir durch die
Absperrungen, die mit Stacheldraht gesichert waren hindurch.
Meine Begleiter hatten sofort Erfolg, weil von Hans eine
Großmutter dort angetroffen wurde und Willi eine Tante
fand. Diese wusste auch den Aufenthaltsort seiner Mutter.
Aber leider war meine Mutter nicht mehr dort, denn sie
befand sich bereits ab ca. Ende Juli 1945 in dem
Arbeitslager in Neusatz (Novisad). Mein hoffnungsvolles
Vorhaben war somit gescheitert und ich wusste nicht wie es
weitergehen sollte.
In diesem Lager wollte ich auch ein
Wiedersehen mit meinem engen Schulfreund Paul Brand
erreichen. Seit unseren Kindertagen waren wir zusammen
gewesen, weil sein Pfeffer-Großvater ein
Geschäftspartner meines Vaters war. Auf meine Frage, wo
ich ihn finden könnte antwortete man mir, der Paul ist
leider schon tot, er starb bereits einige Wochen vorher.
Diese zusätzliche Schreckensmeldung war ein weiterer
Keulenschlag in meiner Notlage. In vielen Tagen hatte ich
mir die Wiederbegegnung mit meiner Mutter und mit Paul Brand
in Gedanken zusammengestellt. Meine Vorfreude ließ
mich auch die Gefahren der Flucht vergessen. Meine beiden
Begleiter und deren Angehörige hatten viel Mühe
aufwenden müssen, um mich von meinen Tränen wieder
zu befreien.
Mit dem Ende der Oktobertage 1945
befanden wir uns schon über 365 Tage in der Fängen
diese unmenschlichen Partisanen. Die zurückliegende
Leidenszeit von mehr als einem Jahr unter dem Terror von
Titos Schergen hatte ich persönlich überlebt, aber
was würde noch auf mich zu kommen ? Die Handlungsweise
meines Großvaters hat mich vor der Rückkehr in
das Todeslager Jarek bewahrt. Er selbst kam dort schon nach
kurzer Zeit durch eine Typhusepidemie zu Tode. Die
Großmutter verstarb an Hunger am 29.12.1945 und hat
die Todesregister Nr. 5 425 erhalten. Ein Beleg dafür,
dass im selben Jahr dort 5 425 katholische Lagerinsassen
umgekommen sind. Auch meine Cousine Anna verhungerte dort am
14.02.1946 im Alter von 3 1Ú2 Jahren (ihre Mutter kam bei
der Verschleppung ein Jahr vorher mit 25 Jahren in Russland,
der Vater mit 27 Jahren in Gefangenschaft, ums Leben).
Einziger Überlebender aus diesem Hause mit sechs
gesunden Personen, mein Cousin Andreas, der durch den
vorhergehenden Außenaufenthalt nochmals Kräfte
sammeln konnte. Durch die Hilfe und Barmherzigkeit einer
serbischen Bäuerin von dem Neusatzer-Hotter (Feldflur),
wurde er wenige Tage nach dem Tode seiner kleinen Schwester
als Hirtenbub herausgeholt.
Durch die aufopferungsvolle
Handlungsweise unserer Großeltern haben wir beide eine
kurze Unterbrechung der Lagernot in Jarek erfahren. Vor
allem unserem Großvater sind wir für seinen
außerordentlichen Einsatz zu Dank verpflichtet, weil
er für unser Überleben wichtige Auswege gefunden
hatte. Leider erfüllten sich seine Hoffnungen auf eine
Befreiung nicht, eine Chance für ein späteres
Leben in Freiheit war nur ganz wenigen möglich, wie die
Zahlen der nachfolgenden Jahre ergaben. Zusammen mit den
anderen ca. 7 000 Todesopfern, die durch den Völkermord
in Jarek umgekommen sind, liegt auch er in einem Massengrab,
dem bis heute jede Gedenkstätte versagt geblieben ist.
Die Differenz zwischen seiner Register Nr. mit der Zahl 4265
von Anfang November 1945 und der von unserer
Großmutter ergibt 1160 Tote alleine für die
Monate November und Dezember 1945 für die Katholiken in
Jarek.
In vielen Familien unseres
Heimatortes war die Todesrate außerordentlich hoch,
das oben beschriebene Beispiel über das Elternhaus
meiner Mutter, ist kein Einzelfall. Bei der
Überprüfung der Listen über die
Gesamtverluste von Bukin, werden solche Haushalte in
größerer Zahl gefunden (z.B. Hs. Nr. 164, 218 und
468 ). Auch in meinem Elternhaus starben die
Großeltern mit 64 und 70 Jahren in Jarek, ebenso
unsere liebe Mutter im Alter von 36 Jahren in Kruschevlje.
Somit ist bereits innerhalb weniger Monate auch bei uns die
Hälfte der Familienmitglieder durch den Völkermord
an den Donauschwaben in Jugoslawien umgekommen. Mit
großer Genugtuung haben sich Serben, Kroaten, Bosnien-
und Kosovomuslime mit deren übersteigerten
nationalistischen Kreisen, an diesen Massenverbrechen
beteiligt. Die Gier nach dem Hab und Gut der Donauschwaben
machte sie blind. Diese übergroße Beute sollte
anscheinend das ewige Verbindungsglied zwischen den
verfeindeten Volksgruppen sein.
Dieser Wahn ging schon bald
vorüber, nachdem der gestohlene Besitz der
Donauschwaben aufgebraucht war. Es fehlen nach dem Tode
Titos auch die vorher reichlich geflossen
"Geldtransfusionen" aus dem Westen. Die letzten 10 Jahre
zeigten der gesamten Welt das echte Gesicht der Machthaber
in dieser Region, sowie der dort noch vorhanden
Fanatiker.
Auch wir Donauschwaben erwarten eine
Rehabilitierung und ein Schuldeingeständnis seitens der
Staatsführung der Vertreiberländer. Das
internationale Rechtsempfinden hat sich in den letzten
Jahren gewandelt und muss auch für unsere Volksgruppe
gelten. Wir haben die Charta der Heimatvertrieben in vollem
Umfang unterstützt, auf Rache und Vergeltung
verzichtet. Es ist mir bis heute kein einziger Vorfall
bekannt, mit dem eine Vergeltung des erlittenen Unrechts in
Jarek oder anderswo, vorgenommen wurde.
Welche Not den Volksgruppen im
ehemaligen Jugoslawien durch die gegenseitigen Anfeindungen
und vergangenen Kriege entstanden ist, konnte im Fernsehen
betrachtet werden. Am eigenen Leibe erfuhren viele, welche
Folgen brutale Gewalt, Mord und Totschlag und totale
Vertreibung, für die vielen Opfer bedeuten.
"Kriegsflüchtlinge" kamen zu Tausenden nach
Deutschland, um bei den Deutschen Schutz und Hilfe zu
erlangen. Welche Behandlung würden wir von diesen
Volksgruppen erhalten, wenn wir ihnen das gesamte Unrecht
zugefügt hätten, das sie uns in den Jahren von
1944 bis 1948 zugefügt haben???
Die noch vorhandene Generation der
Zeitzeugen ist aufgefordert, die umfangreichen Bücher
über die Dokumentation der Verbrechen an den
Donauschwaben von 1944 bis 1948 in die breite
Öffentlichkeit zu bringen. Es geht um eine
geschichtliche Wahrheit, dass auch die damalige Vertreibung
ein großes Unrecht war!
Quelle: Bukiner
Heimatglocken
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