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 25. April 2005

Als Kind in Jugo-Todeslager

Von Thomas J. Bohn

Meine Kindheit wurde naturgemäß weitgehend von meiner Familie und den Bedingungen in meiner Heimat geprägt. Meine Heimat ist die deutsche Gemeinde Stefansfeld, mitten im Banat. In meinem Elternhause lebten meine Eltern, die Eltern meines Vaters, meine beiden Brüder und ich. Darüberhinaus gab es noch Knechte und Mägde. Die relativ große Mühle, die unserer Familie gehörte, war nahe dem Elternhaus. Sie brummte Tag und Nacht. An dieses Brummen war ich gewöhnt, insbesondere auch an das Geräusch des großen Antriebsmotors. Vor dem Antriebsmotor gab es eine noch größere Dampfmaschine, die 1940 abgebaut wurde.

Die ersten zehn Jahre verbrachte ich in meiner Heimatgemeinde Stefansfeld. In rund 600 Häusern wohnten etwa 3000 Menschen. Es war eine rein deutsche Gemeinde. Das Dorf war reich und die Häuser dem Wohlstand entsprechend gepflegt. Es war ein typisches donauschwäbisches Kolonistendorf. Am Reißbrett in Wien geplant. Es gab große Hausplätze und breite Gassen mit Gehsteigen und Wassergräben. Nach einem stärkeren Regen schwammen Gänse in den Gräben.

Kriegsbeginn

Mit dem Krieg änderte sich im Dorf vieles. Jugoslawien hatte ja zunächst einen Nichtangriffspakt mit Deutschland. Dieser wurde gekündigt und prompt hatte Deutschland Jugoslawien den Krieg erklärt und das Land in wenigen Wochen besetzt. Das deutsche Heer zog wie ein Wind durch das Land. Es gab nicht viel Widerstand. Insbesondere haben die Kroaten die deutsche Besetzung begrüßt...

Stefansfeld begann sich zu verändern. Sehr bald waren die meisten unserer jungen Männer auch Soldaten. Viele wurden in die "Prinz Eugen Division" einberufen. Eine Division, die ausschließlich zur Partisanenbekämpfung im Verein mit dem kroatischen Heer eingesetzt wurde.

Nun waren auch die Schulen umgestellt worden auf eine eher militärische Erziehung...

Die älteren Gymnasiasten kamen in paramilitärische Lager und wurden an der Waffe ausgebildet. Dies auch vor dem Hintergrund, daß Partisanen nachts für Stunden in deutsche Dörfer eindrangen und Menschen töteten. Sie konnten das tun, denn die meisten Männer waren beim Heer und nicht mehr zu Hause. So mußten schon auch die jüngeren Gymnasiasten Wachdienst machen.

Partisanen

Nach außen hatten wir Knaben uns bemüht, mehr Vaterlandsliebe als Angst zu zeigen. In Wirklichkeit war es oft umgekehrt. Nachts war es sehr schlimm.

Die kalten Winter 1942/43 und 1943/44 verursachten den Soldaten große Probleme. Sachspenden und Gelder wurden vom Winterhilfswerk gesammelt. Die Berichte von Stalingrad waren zwar geschönt. Die Erwachsenen konnten sich aber ihren Reim dazu machen. Wir schlachteten im Herbst 1943 unsere Schafherde und spendeten die Felle. Alles, was nur möglich war, wurde gespendet. Tausende Wollsocken und Tausende Pullover wurden gestrickt.

Die großen Erfolgsmeldungen an den verschiedenen Fronten blieben aus. Immer öfter wurde in den Nachrichten von "planmäßigem Rückzug" gesprochen. Auch immer öfter gab es in Stefansfeld Trauerfeiern für die Gefallenen. Die jungen Männer des Dorfes wurden dezimiert. Der Kampf gegen die Titopartisanen wurde immer grausamer und verlustreicher. Inzwischen hatten die Alliierten die Lufthoheit. Die Partisanen bekamen die modernsten Waffen aus englischen Beständen.

Die Situation wurde immer kritischer. Keiner wollte das wahrhaben. Als sich die russische Front im Sommer 1944 rasch näherte, verflog auch der letzte Optimismus. Man begann, sich auf die Flucht vorzubereiten.

Inzwischen war mein älterer Bruder natürlich auch schon beim Heer. Wir machten uns Sorgen, weil wir nichts von ihm hörten. Der Sommer 1944 war von Ängsten geprägt. Die letzten Kräfte wurden mobilisiert. Kinder und alte Männer! Notdürftig an der Waffe ausgebildet. Sie sollten das anrollende russische Heer aufhalten. In den letzten beiden Septembertagen konnte man die herannahende Front hören. Dauernder Artillerielärm zeigte uns an, was wir in den nächsten Tagen erwarten müßten.

Die Nacht in Stefansfeld zum 1. Oktober 1944 war die Nacht der Schüsse, der Granatexplosionen und die Nacht der Schreie vergewaltigter Frauen. Als der Ort schon halb besetzt war, haben Vater, Mutter, mein Bruder Niklos und ich im Garten in einem provisorischen Luftschutzraum vor dem Granatfeuer Schutz gesucht. Ich merkte, daß mein Vater seine Pistole schußfertig machte und uns umarmte. Die Mutter schrie: "Nein, nein, tu es nicht!" Offensichtlich wollte er uns alle töten...

Totschläger-Kommandos

Dann aber ging die wahre Hölle los. Serbische Partisanen besetzten das Dorf. Wir wurden nach und nach in einzelne Bereiche des Dorfes zusammengetrieben. Die Männer, es waren meistens ältere über 50 Jahre, wurden selektiert. Sie wurden von sogenannten Totschläger-Kommandos geschlagen und oft bis zu Tode gequält. Die am Rande der Gemeinden ansässigen Zigeuner leisteten dabei Hilfsdienste. Diese Tötungen waren in den ersten Oktobertagen das Werk kleinerer Partisanengruppen. Später dann wurde die Vernichtung der Deutschen organisiert und in größerem Umfang fortgesetzt. Ende Oktober sind 112 Männer in ein Nachbardorf abgeführt worden, nach Zerne, wo sie bestialisch zu Tode gequält wurden. Zwei Tage nachher sind alle Häuser geplündert und die Menschen in einen kleineren Teil des Dorfes zusammengetrieben worden. Sie mußten unter Bewachung die Ernte einbringen (Mais, Sonnenblumen) und mit den noch vorhandenen Lebensmitteln die Partisanen ernähren.

Im Ort wurde es immer schlimmer. Die Plünderungen wurden fortgesetzt, oft begleitet von Prügel. Die Menschen mußten sich nackt ausziehen, damit auch die letzten versteckten Wertgegenstände gefunden werden konnten.

Rußland-Deportation und Vogelfrei-Erklärung

148 junge Frauen und Mädchen wurden ausselektiert und weggebracht. Sie wurden dann mit noch lebenden Männern nach Rußland verschickt. Auch mein Vater war bei diesem Transport dabei. Er war dann fünf Jahre in Rußland in verschiedenen Arbeitslagern. Tausende Donauschwaben wurden so als Geschenk Jugoslawiens den russischen Befreiern übergeben.

Die Deutschen in Jugoslawien wurden offiziell aller Menschenrechte beraubt. Die Staatsbürgerschaft ist ihnen entzogen worden, sie wurden vermögenslos erklärt und waren praktisch vogelfrei ...

Im April wurden 80 Männer, die noch arbeitsfähig waren, nach Pantschowa, nördlich von Belgrad, in ein Arbeitslager gebracht. Weinend nahmen ihre Frauen von den meist älteren Männern Abschied. Die meisten arbeitsunfähigen Dorfeinwohner sind dann in die Vernichtungslager Molydorf oder Rudolfsgnad gebracht worden. Nach Molydorf kam auch mein jüngerer Bruder Nikolaus, wo er dann auch, wie so viele Kinder, starb. Meine Großmutter kam nach Rudolfsgnad. Meine Mutter wurde in ein Dorf nördlich von Stefansfeld (Itabe) in ein Arbeitslager gebracht. Stefansfeld wurde für neue Siedler, die aus der Krajna kamen, freigemacht. Sie kamen zu Tausenden mit ihrer armseligen Habe.

Lagerleben

Auch ich wurde mit den letzten Einwohnern, die noch in Stefansfeld waren, in ein Lager, der Ort hieß St. Georg, weggebracht. Wir mußten zeitweise bis zur Erschöpfung arbeiten, z.B. tagelang schwere Getreidesäcke in ein Schiff tragen. Ich war zwar für mein Alter außergewöhnlich kräftig. Aber die 14-jährigen Knochen wurden einer Grenzbelastung ausgesetzt. Wir waren in den Wirtschaftsräumen eines Gutshofs untergebracht. Ich schlief in einem ehemaligen großen Rinderstall...

Später kamen etwa 50 von uns in ein Lager nach Groß-Betschkerek. Ein Sammellager, von wo ich dann mit einigen hundert in Viehwaggons verladen wurde. Wir wußten nicht, wohin es gehen sollte. Die strengen Bewacher gaben keine Auskunft. Wir fuhren nachts los. Am nächsten Tag waren wir der Sonne ausgesetzt und ein quälender Durst plagte uns. Wir bekamen aber nichts zu trinken. Halb betäubt kamen wir am nächsten Tag in Sremski Mitrowitza, eine Stadt an der Save, an. Wir wurden dann, elend wie es uns ging, in einem Marsch durch lange Gassen in ein Lager gebracht. Wir bettelten um Wasser. Einige Frauen am Straßenrand versuchten, uns Wasser zu geben. Das wurde aber von der Wache verhindert. Natürlich kamen wir nicht alle lebend im Lager an.

Wieder ein Lager. Ich sah sofort, es ist schlimmer als bisher. Es war ein ehemaliges Fabriksgelände. Viele junge Mädchen waren in diesem Lager. Manche von ihnen hatten Furchtbares hinter sich und wollten nicht mehr leben. Ein verschmutzter Schöpfbrunnen war die einzige Wasserquelle. Undefinierbare Magen- und Darmerkrankungen rafften viele hin. Sie starben bei der Latrine am Lagerzaun, wo sie ihre Notdurft verrichteten. Es war ein langes und stilles Sterben. Keiner hatte noch die Kraft, gegen den Tod anzukämpfen.

Interessanterweise hing man an diesem elenden Leben und tat alles, um zu überleben. Das Essen war so wenig und es war halb verdorben. Man konnte sich ausrechnen, wann man sterben mußte. Wir wußten, daß die Chance, in ein Arbeitslager zu kommen, auch die Chance des Überlebens war. Ab und zu wurden Leute für solche Arbeitslager gesucht. Wir hatten aufgepaßt und wurden auch ausgezählt und stiegen auf einen alten LKW. Keiner wußte, wohin es ging. Alle waren glücklich, dem Lager entronnen zu sein. Ganz gleich wohin. Schlimmer konnte es nicht kommen. Die Fahrt ging in die "Fruschka Gora", die frische Höhe. Ein kleiner Gebirgszug in Srem (Syrmien, ein Landesteil zwischen Save und Donau). Während der Fahrt wußten wir das nicht. Wir kamen in einem kleinen Ort an, der Svilosch hieß. Wir wurden im Hausbau eingesetzt. Die Verpflegung war verhältnismäßig gut, die Unterbringung auch.

Etwa hundert Kriegsgefangene waren auch in Svilosch und wurden zur gleichen Arbeit eingeteilt. Es war ein großes Erlebnis, mit denen zu reden. Sie wußten über vieles Bescheid, z.B. auch, welches Datum wir hatten, und sie wußten aus Briefen von ihren Angehörigen aus Deutschland und Österreich ein kleines bißchen vom Weltgeschehen. So erfuhr ich zum ersten Mal, daß Österreich wieder ein selbständiger Staat ist und daß Deutschland in vier Zonen aufgeteilt ist...

Flucht eines 14-jährigen

Mich beschäftigte immer stärker der Gedanke, aus dem Lager zu fliehen. Ich dachte Tag und Nacht daran. Die Präsenz der Wachen und der Wachgang wurden von mir genau beobachtet. Ich vertraute mich meinem Landsmann Franz Hermann an. Er riet mir dringend ab. Aber etwa um Mitternacht, als ich mich von ihm verabschiedete, gab er mir Brot mit, das er für mich gesammelt hatte. Das werde ich nie vergessen.

Die Flucht gelang. Ich sprang von der Mauer, die das Gut umschloß, in ein Gestrüpp. Einige Schüsse knallten, aber ich wurde nicht getroffen. Ich lief und lief, wie nie zuvor in meinem Leben. Irgendwann an einem kleinen Bachlauf bin ich total erschöpft zusammengebrochen. Ich erschrak, denn ich war überall blutig. Die Dornen hatten mich am ganzen Körper zerkratzt.

Das ist ein eigenes Gefühl, frei zu sein. Ich lag lange Zeit am Rücken, sah mir die Sterne an und erkannte den Polarstern. Wenn ich jetzt, so dachte ich, immer nach Nordwesten ginge, dann müßte ich, nach mehreren hundert Kilometern nach Österreich kommen. Die Erregung legte sich und ich schlief, in einem Gebüsch gut versteckt, nach langer Zeit wieder in Freiheit.

Meine Hoffnung war, bis Weihnachten in Österreich zu sein. Nur nachts wollte ich gehen, damit man mich nicht erwischt. Nachts gehen und tagsüber in einem Versteck schlafen. Ich war vom Erfolg meiner Flucht überzeugt. Illusionen eines Vierzehnjährigen.

Hunger, Regen, Kälte

Der Hunger ist ein Regulativ. Er ernüchtert und holt den Menschen unsanft in die Gegenwart zurück. Das immer wieder und spätestens nach einem halben Tag. Das Wetter war nicht immer so schön wie an diesem Tag im Frühherbst. Hunger, Regen und Kälte und ein zeitweiliges Orientierungsproblem bestimmten die Tage dieser Flucht. Die nächsten Wochen und Monate.

Zur Ernährung ist folgendes zu berichten: Ich schlich mich bei Dunkelheit an die Dorfränder. Da konnte man in den Gärten Gemüse und Obst stehlen. Manchmal gab es auch etwas vom Haus entfernte Scheunen, in denen Getreide war. Aber ein wichtiges Ziel waren die Hühnerställe. Man mußte leise, sehr leise in den Stall oder in das Hühnerschlafgehege schleichen. Es gab nur eine einzige Chance. Ein Huhn am Hals erwischen und fest zupressen. Es zappelte zwar wild. Aber da war ich schon weg. Das anschließende Geschrei der Hühner weckte manchmal den Hofhund. Da war ich schon weg. Das Huhn wurde ausgenommen und mit den Federn in Lehm eingepackt. Auf einem Feuer im Versteck wurde es dann auf die Glut gelegt. Nach einer Stunde war es gedünstet und schmeckte auch ohne Salz ausgezeichnet. Die Federn gingen mit dem hart gewordenen Lehm ab...

Schon nach zwei Tagen war ich in Vukovar und weiter ging es. Ich ging zunächst parallel zur Donau und dann zur Drau. Immer Nordwest und brav zunächst nur nachts. Das Wetter war in den ersten Tagen sehr schön. Die Sterne zeigten mir den Weg.

Dann kam der Regen. Es wurde kühler und ich fror. Meine Kleider waren zerschlissen. Es war absehbar, daß sie mich nicht mehr lange einhüllen würden...

Der erste Schnee fiel. Wie weit ist es noch? Überall hinterläßt man Spuren im Schnee. Eine trockene Schlafstelle zu finden, war immer schwieriger. Nach einer Zeit, vielleicht einer Woche, erkannte ich, daß ich in Slowenien war, dem nördlichsten Bundesstaat Jugoslawiens. Hoffnung trieb mich voran. Es wurde immer kälter und ich hatte Angst, nicht mehr durchhalten zu können. Der Hunger marschierte mit und beherrschte mein Denken.

Flucht mißlungen

Sicher nicht mehr weit von Österreich kam dann ein jähes Ende. Ich ging zu einem einsam stehenden Bahnwärterhaus und bat um Brot. Der Bahnwärter gab mir einen Ranken Brot und sah mich immer nur eigenartig an. Als ich dann hinausging und sah, daß er die Telefonkurbel drehte, wußte ich: Er rief die Miliz.

Es war schwerer, nasser Schnee, der meinen Lauf bremste. Der Wald war noch weit. Ich wußte instinktiv, wenn ich ihn nicht rechtzeitig erreiche, ist alles aus. Und ich erreichte den Wald nicht, bevor zwei berittene Milizen mich in die Mitte nahmen. Eine junge Frau und ein Mann. Sie wußten gleich Bescheid. Die Frau sprach deutsch mit mir. Sie wollte wissen, woher ich käme und aus welchem Lager.

Im Dorf angekommen, wurde ich in einen kleinen Raum eingesperrt und peinlich verhört. Ich wollte nicht sagen, woher ich komme. Öfters habe ich erlebt, daß Geflüchtete, die in das Lager zurückgebracht wurden, aus dem sie geflohen waren, vor den Lagerinsassen erschossen wurden. Es sollte eine Abschreckung sein für alle, die an Flucht dachten. Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich flüchtige Kroaten gesehen hätte. Sie nannten diese Flüchtigen Krischari. Ich wußte davon nichts, auch nicht, nachdem sie mich prügelten. Der große Traum war aus. Die Flucht war mißlungen. Ich konnte aber dann die ganze Nacht schlafen und wurde erst am nächsten Tag zur Bahnstation gebracht. Dort waren schon einige gefesselte Männer.

Der Zug brachte uns unter strenger Bewachung nach Esseg (Osiak)...

Nach einigen Tagen wurde ich einem Bautrupp zugeordnet. Die tägliche Angst, liquidiert zu werden, war weg. Wir bauten an einer zerstörten Draubrücke. Dabei gelang mir in einem weniger gut bewachten Augenblick die Flucht. Ich schwamm in der eiskalten Drau ans andere Ufer, wo ich mich gleich in Ruinen verstecken konnte. Ewig lang mußte ich schwimmen und war halb erfroren.

Ich war jetzt in der Baranja, im Grenzgebiet zu Ungarn. Von da wollte ich nach Ungarn. Eine ungarische Familie in der Baranja hatte mich sehr liebevoll aufgenommen und gepflegt. Ich war eine Woche lang wieder in einem Bett gelegen und bekam reichlich zu essen. Sie pflegten meine Wunden mit Salben. Aber sie rieten mir ab, über die Grenze nach Ungarn zu gehen. Diese Grenze wäre sehr bewacht und es gäbe dort ständig Schießereien. Andererseits wollte ich die guten Leute nicht länger einer Gefahr aussetzen. Wenn man mich dort gefunden hätte, wäre das für sie schlimm gewesen.

Zur Großmutter

Nicht weit war ein Arbeitslager, in dem etwa 50 Donauschwaben waren. Von der ungarischen Familie erfuhr ich, daß sie dort relativ gut behandelt wurden. In dieses Arbeitslager ging ich und wurde ohne Probleme von der Wache aufgenommen.

Es ging mir nicht schlecht dort. Eine Familie war vorher im Lager Rudolfsgnad und kannte meine Großmutter, von der sie mir erzählten. Ich bekam Sehnsucht nach ihr. Ich wollte zu ihr. Alle aber rieten mir davon ab, in dieses Vernichtungslager zu gehen. Die Menschen starben dort zu Tausenden. Hier, so meinten alle, ginge es mir doch gut.

In den ersten Januartagen 1947 machte ich mich dann auf den Weg nach Rudolfsgnad. Bald überquerte ich nachts eine Notbrücke über die Donau. Vor mir lagen etwa 60 km durch die Batschka. Dann mußte ich noch bei Titel über die Theiß. In einer Woche stand ich vor dem Lagertor. Ich bekam die üblichen Prügel und verschwieg, von wo ich kam. Lange mußte ich im Schnee vor einem Wachgebäude stehen. Dann aber fand ich bald meine Großmutter. Sie drückte mich und weinte.

Natürlich nahm sie mich sehr liebevoll auf. Mein Cousin Jakob war auch bei ihr und noch viele andere meines Alters. Großmutter hatte meinen Entschluß, in dieses Lager zu kommen, nicht gebilligt. Ich konnte auch sehen warum. Jeden Morgen lagen die Leichen der nachts Verstorbenen vor den Häusern. Steif gefroren wurden sie auf Handkarren aufgeladen und zu einem Massengrab gebracht. Die meisten waren verhungert, manche erfroren. Sie sind in den dichtbelegten Räumen lautlos gestorben. Auch die Großeltern meiner Frau Herta sind in diesem Vernichtungslager Rudolfsgnad getötet worden...

Aber dann nach weiteren Wochen bestand Großmutter darauf, daß ich in ein anderes Lager fliehen sollte, nach Molydorf. Dort war mein jüngerer Bruder Nikolaus hingebracht worden. Ihm sollte ich helfen, sagte die Großmutter, und versuchen, sein Leben zu retten. Sie drängte immer mehr zur Flucht aus dem Lager. Dieses aber war bewacht und man mußte sich etwas ausdenken, wenn man aus dem Lager kommen wollte.

Unter Pferdemist

Ich fuhr letztlich in einem Pferdewagen aus dem Lager, der Pferdemist geladen hatte. Die Partisanenwache hatte Pferde und ein mir aus dem Gymnasium bekannter Bursche, namens Franz Rischar, hatte mich im Mistwagen versteckt und aus dem Lager gebracht. Diese abenteuerliche Flucht war gelungen. Im nächsten Ort, Perles, bekam ich von rumänischen Leuten Essen und ich konnte auch dort übernachten...

Nach weiteren zwei Tagen war ich schon im Lager Molydorf. Die Prügel und das Verhör waren mir schon bekannt. Im Lager sah ich viele erschreckend unterernährte Kinder. Sie suchten das frische Gras und stopften alles, was nach Essen aussah, in den Mund. Sie wurden von meist älteren Frauen betreut, wenn sie Glück hatten, von ihren Großmüttern.

Bald schon fand ich meine Tante mit ihren fünf Enkeln, ein sechstes Kind, die kleine Herta, war schon gestorben. Als sie mich erkannte, weinte sie. Sie sagte mir, daß mein Bruder schon ein Monat tot sei. Er starb einen langen elendigen Tod. Er hätte aber bis zuletzt gehofft, daß ich kommen und ihm helfen würde. Eine Stunde später traf ich meine Mutter. Sie war seit zwei Wochen in Molydorf. Ein trauriges Wiedersehen. Sie war sehr verstört. Ich glaube, sie hat nicht recht verstanden, daß ich bei ihr bin. Wir haben viele Tage geweint.

Bald wurde ich zur Feldarbeit befohlen. Ich war dann in einem nahe gelegenen Gutshof untergebracht. Auch mein Cousin Sepp Bohn war dort. Wir arbeiteten, wenn es möglich war, Seite an Seite. Ich weiß nicht, was mich damals mehr bewegte, mein Haß auf das Titoregime oder meine Trauer.

Flucht nach Österreich

Jedenfalls dachte ich daran, mit meiner Mutter nach Rumänien zu flüchten und dann weiter über Ungarn nach Österreich. Sie aber hatte Angst davor und war schwer dazu zu überreden.

Dann aber, wir waren beide in einer Brigade zum Unkrautjäten eingeteilt, war es soweit. Wir taten so, als müßten wir austreten und verschwanden beide im hohen Korn. Es war irgendwann im Mai.

Nachts ging es weiter. Mutter war sehr ängstlich und wurde bei Gefahr laut. Ich mußte sie oft mit strengen Worten zur Disziplin zwingen. Trotzdem gelang der Grenzübertritt ohne besondere Vorkommnisse. In Rumänien wurden die Deutschen, die Donauschwaben, nicht annähernd so verfolgt wie in Jugoslawien von den Serben. Die meisten wohnten noch in ihren Häusern. Wohl waren die Felder schon enteignet und das Vermögen verstaatlicht. Tausende wurden auch 1944/45 nach Rußland verschenkt. Das geschah analog wie im jugoslawischen Banat. Ebenfalls ausgesuchte, gesunde junge Menschen. Unsere Landsleute im rumänischen Teil des Banates hatten es aber lange nicht so schwer wie ihre Landsleute in Jugoslawien...

Jetzt ging es nach Norden weiter. Richtung ungarische Grenze. Sie war etwa 40 km entfernt.

Irgendwann, Anfang Juni gingen wir durch ein morastiges Gebiet und kamen nach Ungarn. Die Bevölkerung war meistens hilfsbereit und gab uns Brot und andere Nahrungsmittel. Wir waren aber vorsichtig und mieden es, in die Dörfer oder Städtchen zu gehen.

Sorgen machte mir meine Mutter. Sie wußte nicht, was geschah. Sie war apathisch und weinte immer vor sich hin. Weit kamen wir nicht. Wir wurden von einer Miliz aufgegriffen. Sie brachten uns nach Budapest in ein sogenanntes Verschiebegefängnis. Gerade in dieser Zeit spitzte sich der Putsch der Kommunisten zu und der Umgang mit den Deutschen, auch mit den Ungarndeutschen wurde rauher. Mutter kam in den Frauentrakt und ich zu den Männern. Wer da alles eingesperrt war! Wohlhabende Ungarn, viele Bürgerliche, denen man eine bessere Vergangenheit ansah. Kriminelle aller Art und Deutsche, die auf der Flucht nach Österreich aufgegriffen wurden. Mutter kam zu einer Gruppe von Frauen, die Uniformen nähten.

Das Entsetzlichste in diesem Gefängnis waren die Wanzen. Sie zerbissen die Haut, die sich dann entzündete. Wegen falschen Einreihens beim Zählen wurde ich verprügelt. Ich wurde in diesen Jahren sehr oft verprügelt. Dann konnte ich in der Küche helfen. Eine sehr begehrte Arbeit. Ich konnte auch mit Mutter Kontakt aufnehmen und ihr von meinen Fluchtplänen erzählen. Sie wollte aber nicht mehr.

Trotzdem gelang es, aus dem Gefängnis Tolonshas zu fliehen. Dann ging es reibungslos immer weiter nach Westen, bis zur österreichischen Grenze. Wir sind übrigens einen großen Teil des Weges mit einem Güterzug gefahren.

Bei Hegyeshalom überschritten wir am 19. September 1947 die Grenze nach Österreich. Es war abenteuerlich, durch die Minensperren zu kommen. Ich war aber, was die Flucht betraf, kein Anfänger. Alles ging gut. Wir kamen zum Fluß Leitha, damals wußte ich nicht, wie der Fluß hieß, und übernachteten unter Weidenbäumen. Zum ersten Mal auf der westlichen Seite des Eisernen Vorhanges. Ich badete im Fluß. Mir kam es wie eine Reinigung von dem Unrat der Unfreiheit vor.

Wir waren in Österreich. Dem Ziel vieler Versuche, dem Ziel meiner Sehnsucht. Ich umarmte Mutter wiederholt und sprach zu ihr. Allmählich erhellte sich auch ihr von Leid geprägtes Gesicht.


Quelle: DIE AULA - Das freiheitliche Magazin

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