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Einzupacken gab es
nicht mehr viel Von Liselotte Querfurt Es geschah am 26. Oktober des Jahres 1945, gut ein halbes Jahr, nachdem die Rote Armee die Ostgebiete und Teile Mitteldeutschlands überrannt hatte. Vor den anrückenden Russen waren wir damals aus Prettin, Kreis Torgau, über die Elbe in die Dübener Heide geflüchtet, um dem Schlimmsten zu entgehen. Etwa drei Wochen später kehrten wir in unsere geplünderten Häuser zurück - es war noch genug zum Wohnen übriggeblieben. Das Leben hatte sich dann im Laufe des Sommers einigermaßen normalisiert. Mein Vater arbeitete bei BMW im Staßfurter Flugmotorenbau, und ich ging, zwölfjährig, wieder in die Schule. Unsere Hoffnung, einer Zeit entgehen zu können, die den Namen Frieden nicht verdient, wurde indes jählings zerstört, als an jenem für mich unvergeßlichen 26. Oktober mein Vater in Begleitung russischer Soldaten nach Hause kam. Er war zusammen mit Kollegen an seiner Arbeitsstätte verhaftet worden. Ein Offizier eröffnete uns, daß wir zum Dienst in Rußland verpflichtet seien. Wir, das heißt meine Mutter, ich und mein vier Jahre jüngerer Bruder dürften ihn begleiten. Es war dies nach dem Schreck das erste Aufatmen, denn so blieben wir immerhin zusammen. Das Zugeständnis, die Familien nicht zu zerreißen, hatte natürlich keinen humanitären Grund, sondern entstand aus der Überlegung, daß die Leistungen der Facharbeiter höher eingeschätzt wurden, wenn sie ihre Angehörigen bei sich wüßten. Inzwischen waren zwei russische Lastkraftwagen vorgefahren. Wir durften nicht nur Kleidung und Sachen des täglichen Bedarfs, sondern auch Möbel mitnehmen - alles also, was wir selbst in die LKW laden konnten. Dies ging mit nachbarschaftlicher Hilfe schnell vonstatten. Die Behandlung durch die Russen war korrekt. Doch ließen sie uns nicht aus den Augen, auch nicht auf dem Weg zur Toilette. Kurz darauf ging die Fahrt zum Staßfurter Bahnhof, wo schon eine große Zahl anderer Verschleppter mit ihrem Gepäck wartete. Wie wir später erfuhren, waren es insgesamt 800 Familien, Beschäftigte des BMW-Werkes und der Junkers-Flugzeugwerke Dessau. Man hatte auch einige nicht in der Industrie Beschäftigte aufgegriffen - vermutlich, um die vorgeschriebene Soll-Zahl zu erfüllen. Noch am Abend ging die Fahrt nach Osten, wohin, wußte niemand von uns. Leider war nur einer der beiden russischen LKW mit unserer Habe zum Bahnhof gekommen; der andere blieb spurlos verschwunden. Das war bitter, zumal wir später in Rußland auf den Verkauf von Gegenständen angewiesen waren. Die Reise verlief den Umständen nach in geordneten Verhältnissen. Die Verpflegung, offensichtlich aus deutschen Wehrmachtsbeständen stammend, war ausreichend. Bei den verschiedenen Zwischenaufenthalten in Polen beschützten russische Soldaten den Zug vor Plünderern. An der Grenze zu Rußland wurde alles auf breitspurige russische Waggons umgeladen. Die Reise führte uns dann an Moskau vorbei in Richtung Ural. Der Ort Uprawlenschewskij an der Wolga war unser Ziel, ein kleines Industriestädtchen, etwa 30 Kilometer von der Stadt Samara entfernt. Wir wurden in eine vom Ort gesonderte Siedlung eingewiesen; sie bestand überwiegend aus neuen Holzhäusern, die finnische Zwangsarbeiter gebaut hatten. Jeder Familie wurde ein größerer Raum zugeteilt. Die Küche stand mehreren Familien zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung, ebenso die Toilette, die, worauf die Russen mit besonderem Stolz hinwiesen, mit Wasserspülung versehen war. Schon am Tage nach der Ankunft mußten die Männer in einer neu errichteten Fabrik für Flugzeugteile die Arbeit aufnehmen. Wie alle Arbeiter war auch mein Vater normaler Lohnempfänger. Der Lohn war niedrig, reichte kaum zum Überleben. Einkaufen konnten wir mit völlig unzureichenden Lebensmittelmarken oder auf dem Markt, wo man das Notwendige zusätzlich 'schwarz' erstehen mußte. Milch, Brot und Kartoffeln blieben über Jahre knapp; Fleisch war eine Seltenheit. Das Material für die Heizung, die von der Küche aus betrieben wurde, mußte, auf welchem Wege auch immer, 'organisiert' werden. In den bitterkalten Wintermonaten hatten wir es daher nicht immer warm. Ein halbes Jahr nach unserer Ankunft erkrankte mein Vater. Kälte, Unterernährung und Schwäche sowie der Mangel an Medikamenten führten zu seinem Tode. Unter Mithilfe anderer Gefangener haben wir ihm auf einem Sonderfriedhof das Grab bereitet. Es begann nun für unsere vaterlose Familie eine noch härtere Zeit. Die Hoffnung, daß uns die Russen in die Heimat zurückkehren lassen würden, zerschlug sich - derartige Sondergenehmigungen gab es nicht. Es gab auch keine Hinterbliebenenrente. Wir waren auf das Mitleid der armen Mitverschleppten angewiesen. Gott sei Dank herrschte bei ihnen eine opferbereite Kameradschaft. Sie gründeten einen Sozialfonds, der aus freiwilligen Spenden gespeist wurde. Mein Vater war nicht der einzige, der in der Fremde starb, und so wurden aus dem Fonds auch andere Witwen und Waisen unterstützt. Um die Knappheit an Lebensmitteln erträglicher zu gestalten, unterhielten die Familien kleine Gärten für Kartoffeln und Gemüse; es wurden auch Ziegen angeschafft. Durch das Hüten der Tiere konnte ich einige Kopeken verdienen, um unsere Kost etwas aufzubessern. Das Verhältnis zu den Russen war nicht schlecht. Doch kam es nie zu Verbrüderungen. Die Russen waren so arm wie wir, manche noch ärmer. Bei den Verschleppten entstand kein Interesse, Russisch zu lernen. Über die notwendigen Worte, die man in der Fabrik oder auf dem Markt gebrauchte, ging man nicht hinaus. Nur ein jüngerer Mitgefangener betrieb fleißig Sprachübungen - er bereitete seine Flucht vor, die ihm auch gelang. Doch kam er nicht bis in die Heimat. Er wurde in Polen aufgegriffen und nach Rußland zurückgeschickt. Für die Älteren war das Leben gewiß eintönig. Wir Jüngeren kamen leichter über die Gefangenschaft hinweg, die übrigens nicht streng gehandhabt wurde. Für Familien war eine Flucht undenkbar. So konnten wir uns im Umkreis der Stadt frei bewegen. Um nach Samara zu kommen, benötigte man eine Sondergenehmigung. Nur selten haben wir davon Gebrauch gemacht, mit dem Wolgaschiff die Millionenstadt zu besuchen. Sie bot keinen Anreiz. Schön aber war die Landschaft an der Wolga. Sie war von sanften bewaldeten Hügeln durchzogen. Beim Umherstreifen stießen wir Jüngeren auf ein verfallenes Gräberfeld, wo in der Gefangenschaft umgekommene deutsche Soldaten begraben lagen. Wir haben mit unseren bescheidenen Kräften und Mitteln dem Friedhof wieder ein würdiges Aussehen gegeben, mit einem großen Kreuz aus Birkenholz in der Mitte. In all den Jahren hat uns das Heimweh nie verlassen. Wir spürten es besonders in den langen Wintermonaten und am meisten zu Weihnachten. Einen Tannenbaum mit Kerzen und Geschenken darunter gab es nicht. Nur einmal wurde mir eine kleine Holzkette geschenkt - für mich eine der schönsten Weihnachtsgaben meines Lebens. Wir Jüngeren hatten auch Schulunterricht. Lehrer und Schulbücher gab es nicht; den Unterricht gestalteten freiwillige Fachkräfte aus dem Motorenwerk - es ging wie alles andere recht und schlecht. Niemals wurde uns gesagt, wie lange wir noch in Uprawlenschewskij bleiben sollten und ob und wann wir die Heimat wiedersehen dürften. Dann aber, nach fünf Jahren des Hoffens, war es plötzlich soweit: Die Russen brauchten uns nicht mehr, und so ging es endlich in Richtung Deutschland. Einzupacken gab es nicht mehr viel, denn alle besseren Gegenstände waren längst in Lebensmittel verwandelt worden. Der Handel im Ort und in der Umgebung befand sich ausschließlich in jüdischen Händen. Es ging also in die Heimat nach Mitteldeutschland, wo uns eine neue schwere Zeit erwartete. Unsere Wohnung befand sich in fremden Händen, Mobiliar hatten wir nicht und meine ungenügenden Schulkenntnisse erschwerten die Suche nach einer Berufsausbildung. Vom Staat, der sogenannten DDR, bekamen wir keine Unterstützung, keine Rente oder Entschädigung. Unser Einsatz in Rußland galt als notwendiger Akt der Wiedergutmachung. Aber wir waren wieder in der Heimat, und das war nach all dem Erlebten Glück genug.
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