März 2004

Vor 60 Jahren wurde Berlin zerstört
"Luftschlacht" gegen Zivilisten

In der Nacht zum 16. Februar 1944 erlebte Berlin den bis dahin schwersten Luftangriff des Zweiten Weltkriegs. 800 britische Bomber waren beteiligt. Die Rauchsäulen türmten sich bis zu zehn Kilometern hoch. Hauptsächlich Wohnviertel wurden zerstört. Auch in der Nacht zum 25. März 1944 steuerten wieder alliierte Flugzeuge die deutsche Reichshauptstadt an und warfen 2300 Tonnen Bomben ab. Seit 1943 gab es im Rahmen einer anglo-amerikanischen Luftoffensive 16 Großangriffe auf Berlin.

Doch die deutschen Abwehrerfolge machten den Angreifern schwer zu schaffen. Mehr als 500 englische Bomber wurden abgeschossen, dazu noch 140 US-Maschinen. Ende März 1944 unterbrachen die Alliierten die "Luftschlacht um Berlin". Nicht nur die hohen eigenen Verluste ließen sie innehalten, auch die Widerstandskraft der Berliner Bevölkerung überraschte die Luftkriegsstrategen in London und Washington. Sie hatten gehofft, die Menschen in der Reichshauptstadt völlig demoralisieren zu können. Statt dessen breitete sich bei den Terrorisierten ein geradezu fanatischer Durchhaltewille aus.

Obwohl die Alliierten mit ihren völkerrechtswidrigen Flächenbombardements ("area bombing") am Ende rund 60 000 Menschen allein in Berlin töteten und dort 1,5 Millionen Bürger obdachlos machten, ging die Arbeit in der zerstörten Stadt weiter. Erstmals meldete sich im Frühjahr 1944 in London auch eine prominente Stimme der Humanität zu Wort. George Bell, der Bischof von Chichester, löste im britischen Oberhaus am 9. Februar einen Tumult aus, als er erklärte:

"Im fünften Jahr des Krieges müßte es doch jedermann klar sein, wie weit die Zerstörung der europäischen Kultur schon fortgeschritten ist. Wir sollten uns überlegen, ob wir auch noch den Rest zerstören wollen. Noch immer kann etwas von den Gütern gerettet werden, wenn die Verantwortlichen erkennen, daß die Fabriken in der Regel außerhalb der alten deutschen Stadtkerne mit ihren historischen Denkmälern liegen."

Doch kein Geringerer als der britische Kriegspremier Winston Churchill befürwortete die schonungslose Zerstörung deutschen Lebens und deutscher Kultur. Deshalb blieb die Stimme des anglikanischen Bischofs ohne Wirkung. Die Terrorbombardements gingen noch ein ganzes Jahr weiter, um im Februar 1945 in der Pulverisierung Dresdens zu kulminieren.

Es gibt deutsche Historiker, die im Unterschied zum Bischof von Chichester den kriminellen Charakter des "area bombing" noch heute verharmlosen. Kürzlich hielt Professor Hans-Ulrich Wehler in der Frankenberger Kirche zu Goslar einen Vortrag, in dem er den (nicht anwesenden) Luftkriegshistoriker Jörg Friedrich heftig attackierte, weil dieser in seinen Büchern die Zerstörung deutscher Städte eindrucksvoll beschreibt. Friedrich habe mit seinem "Opferkult" das Klima der Vergangenheitsbewältigung "vergiftet". Ein Zuhörer wollte es in der Diskussion genau wissen. Er fragte Wehler: "War der Bombenkrieg nun ein Verbrechen oder nicht?" Wehlers Antwort laut "Goslarer Zeitung" vom 21.1. 2004: "Ein Krieg besteht aus einer Aneinanderreihung von Verbrechen, aber mit einer solchen Qualifizierung ist wenig gewonnen."

Leider konnte Wehler nach dieser Äußerung nicht mehr gefragt werden, weshalb er die Ausstellung über "Verbrechen der Wehrmacht" dennoch für einen Gewinn hält.

 

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