März 2004

Der Fall "Laconia"

Am 12. 09. 1942 im Südatlantik entdeckte das deutsche U-Boot 156 vom Typ IX C einen Frachtdampfer von etwa 7000 bis 8000 BRT.
Das U-Boot näherte sich unerkannt und kam um 22.07 Uhr zum Schuß.
Der Dampfer wurde getroffen und begann auf der 600-m-Welle zu funken: "SSS, SSS, 0434 S 1125 W, LACONIA TORPEDOED" (SSS war der alliierte Notruf bei U-Boot-Angriffen).

Die "Laconia", die tatsächlich 19 695 BRT groß war, sank, und U 156 näherte sich, um Schiffbrüchige zu retten. Von diesen erfuhr der Kommandant des U-Bootes, Kapitänleutnant Werner Hartenstein, daß sich neben 463 Mann Besatzung und 351 Passagieren auch 1800 italienische Kriegsgefangene von der El-Alamein-Front an Bord befunden hatten. Ebenfalls erfuhr Hartenstein, daß die polnische Wachmannschaft die Gefangenenräume im Unterschiff nicht öffnete und auf die Italiener schoß, die versuchten, durch die Bullaugen zu entkommen. Bald schwammen rund um den sinkenden Dampfer 22 Rettungsboote und mehrere hundert Schiffbrüchige, 90 von ihnen hatte U 156 an Bord genommen. Hartenstein ließ an den Befehlshaber der U-Boote, Dönitz, funken:
"Versenkt von Hartenstein Brite Laconia, Quadrat 7721, leider mit 1500 italienischen Kriegsgefangenen. Bisher 90 gefischt. Erbitte Befehle".

Nur wenige Minuten später sandte Dönitz Funksprüche an alle in der Nähe befindlichen deutschen U-Boote los, von denen sechs große Boote ihre Operationen abbrachen und zu Hilfe eilten.
Das war eine absolut einmalige Entscheidung in der Seekriegsgeschichte.

Nachdem U 156 soviele Schiffbrüchige wie nur möglich an Bord genommen hatte, ließ der Kommandant auf der internationalen Welle einen Funkspruch in englischer Sprache absetzen: "Falls ein Schiff der schiffbrüchigen Laconia-Mannschaft helfen will, werde ich es nicht angreifen, vorausgesetzt, wir werden nicht angegriffen von Schiffen oder Flugzeugen. Ich habe 193 Mann aufgenommen, 0452 S 1126 W, deutsches U-Boot." Danach blieb U 156 bis zum 15.09.1942 mit weiteren Rettungsaktionen beschäftigt.

Dönitz unterrichtete inzwischen die französische Vichy-Regierung, die den Kreuzer "Gloire", den Aviso "Dumont D´Urville" und den Minensucher "Annamite" in Marsch setzte.
Das Führerhauptquartier schaltete sich ein, dirigierte zwei auf dem Marsch befindliche deutsche U-Boote zur "Laconia", die anderen vier wurden in neue Operationsgebiete beordert.

So waren am 16.09.1942 neben U 156 auch die Boote U 506 und U 507 mit der Rettungsaktion beschäftigt, als um 11.25 Uhr ein britischer B 24 "Liberator" Bomber in Sicht kam.
Hartenstein ließ eine Rot-Kreuz-Flagge über der Kanone seines U-Bootes ausbreiten und mit Handscheinwerfer morsen: "Deutsches U-Boot mit Schiffbrüchigen an Bord. Haben Sie Schiff in der Nähe gesehen?"
Als keine Reaktion erfolgte, morste einer der geretteten britischen Offiziere mit Handscheinwerfer:
"RAF-Offizier vom deutschen U-Boot. Überlebende der Laconia an Bord".

Der Bomber drehte eine Runde und griff Minuten später mit Bomben an.
Zwei weitere Angriffe folgten, bei denen die Bomben mitten zwischen den Rettungsbooten explodierten und Dutzende von Schiffbrüchigen töteten und verwundeten.
Weitere Flugzeuge griffen die anderen deutschen U-Boote an und beschädigten U 506.
Als Dönitz in der Nacht von diesem Vorfall erfuhr, erließ er den sogenannten "Laconia-Befehl" am Morgen des 17.09.1942:
"Jegliche Rettungsversuche von Angehörigen versenkter Schiffe, also auch Auffischen von Schwimmenden und Anbordgabe auf Rettungsboote, Aufrichten gekenterter Rettungsboote, Abgabe von Nahrungsmitteln und Wasser haben zu unterbleiben. Rettung widerspricht den primitivsten Forderungen der Kriegsführung nach Vernichtung feindlicher Schiffe und Besatzungen".

Noch am selben Tag konnten die ausgelaufenen französischen Kriegsschiffe 1041 Schiffbrüchige an Bord nehmen und nach Casablanca bringen. Dies blieb eine in Kriegzeiten einmalige Rettungsaktion.

Im völligen Gegensatz zur deutschen Hilfsbereitschaft stand die Haltung der Alliierten.
Zwei Jahrzehnte später erklärte US-General Robert C. Richardson, mittlerweile Brigadier im NATO-Hauptquartier in Paris:
"Ich gab den Befehl, die Überlebenden der "Laconia" zu bombardieren. Wir wußten nicht, daß Briten sich unter ihnen befanden. Aber selbst wenn wir es gewußt hätten, würde es keinen Unterschied gemacht haben. Ich würde den Befehl auf jeden Fall gegeben haben… Es war Krieg, und das U-Boot mußte vernichtet werden."


Quelle: Jugend-Wacht

 

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