Februar
2004
Nicht Deutschland
begann den Luftkrieg gegen Zivilisten
Der
hochausgezeichnete Oberst Hajo Herrmann über den
anglo-amerikanischen Bombenterror und die deutsche
Abwehr
DS: Herr Herrmann, wir
dürfen annehmen, daß Sie als Kampf- und
Jagdflieger sowie als Mitarbeiter in der Führungsebene
uns erklären können, wie es von den
anfänglichen glänzenden Siegen der Luftwaffe
schließlich zum Versagen der Luftwaffe kam. Dem
deutschen Zivilisten in der Heimat war unbegreiflich,
daß die Amerikaner bei Tag kaum bekämpft wie zur
Parade nach Deutschland einflogen. Ebenso fragen heute nicht
nur die historisch Interessierten, wie es zu diesem Verlauf
kam?
Herrmann: Die Anfangserfolge
sicherte im Zusammenwirken mit dem Heer und der Marine eine
starke Kampfluftwaffe, also die Bomber. Die Jagdwaffe war
bedeutend schwächer. Das Verhältnis war
ungefähr 8:1. Das war nicht verkehrt, denn die
Jagdwaffe war stark genug, die englischen Tagangriffe im
Jahre 1939 abzuwehren, so daß sie eingestellt wurden.
Im übrigen kann man offenlassen, ob dieses
Verhältnis wohlbedacht war, denn man hatte Polen als
Gegner vor Augen. Nicht auch noch England und Frankreich,
die Deutschland unerwartet den Krieg erklärten.
Die Bomber wurden ebenfalls zur Luftverteidigung
herangezogen, indem sie die feindliche Luftwaffe am Boden
zerstören sollten, wie ab 1. September 1939 in Polen,
Holland, Frankreich und England geschehen. Insoweit deutete
sich kein Mangel an.
DS: Wann, wo, wie kam es zum
Niedergang? Vielfach wird behauptet, Deutschland hätte
sich die Zerstörung seiner Städte selbst
eingehandelt, ohne die Gegenwehr organisiert zu haben. Zu
denken ist an Warschau und Rotterdam.
Herrmann: Die Behauptung,
Deutschland hätte mit diesen beiden Operationen den
Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung eröffnet, ist
eine Propagandalüge. Wir haben nicht die Städte
bombardiert, sondern die feindlichen Truppen, die sich am
Rande von Warschau und Rotterdam verschanzt hatten und die
deutschen Truppen beschossen. Die feindlichen Befehlshaber
wurden zur Übergabe aufgefordert, die sie verweigerten
oder zögerlich behandelten.
DS: Aber es wurden
Wohnhäuser zerstört. Das Eigentum und Leben der
Privatpersonen ist jedoch zu schonen, wie es die Haager
Landkriegsordnung befiehlt.
Herrmann: Aber nicht, wenn
der Gegner die Stadt zur Festung macht. Im Falle Warschau
werden die Propagandisten eindeutig widerlegt durch den
französischen Militärattaché General
Armengaud, der in Warschau den deutschen Angriff miterlebt
hat: Nach ihm handelten die Deutschen - nach mehrfacher
Aufforderung zur Übergabe - in Übereinstimmung mit
dem Kriegsrecht.
Im Falle Rotterdam wurden den Holländern Fristen zur
Übergabe gesetzt, die sie in letzter Sekunde nach
Androhung von Bombenabwürfen unter langwieriger
Entschlußfassung, die reine Verzögerungstaktik
war, erfüllten. Eine Gruppe meines Geschwaders KG 4
"General Wever" konnte per Funk zurückgerufen werden, -
Landung mit Bomben - , während der Funkspruch die 2.
Gruppe leider einige Sekunden zu spät erreichte.
Geworfen wurden nur Sprengbomben, keine Brandbomben. Ein
zusätzliches Unglück war, daß die
Explosionen die alten Bauwerke entflammten und der Wind das
Feuer ausbreitete.
DS: Also ein klarer Fall, das
Kampfgeschwader Nr. 4 "General Wever" handelte
rechtmäßig.
Herrmann: So ist es. Eine
Verletzung der HLO - ein Kriegsverbrechen - wäre nur
dann festzustellen gewesen, wenn die 2. Gruppe
vorsätzlich nur auf die Zivilbevölkerung gezielt
hätte und diese treffen wollte. Militärische
Notwendigkeit verlangte die Bekämpfung des Gegners und
den Schutz der deutschen vorgedrungenen Spitzen. Zivile
Schäden waren dabei unvermeidlich. Sie werden
neuerdings von den USA sehr weit gefaßt als
Kollateralschäden bezeichnet.
DS: Wie denken Sie als
ehemaliger Flugzeugführer des KG 4 darüber,
daß man Ihnen den Bombenterror in die Schuhe
schob?
Herrmann: Den Terror machten
die Briten, indem sie nach gründlichen
wissenschaftlichen Versuchen die Bombenfracht von
Wohnblockknackern, sonstigen Spreng- und Brandbomben so
vortrefflich zu mischen herausfanden, daß in den
deutschen Städten die Hölle ausbrach.
DS: Wenn die englische
Version ins Blaue hinein behauptete, die Deutschen
hätten in Warschau und Rotterdam rechtswidrig
gehandelt, was sollte das für einen Sinn gehabt
haben?
Herrmann: Den Briten und der
Weltöffentlichkeit - einschließlich der deutschen
- vorzutäuschen, es sei nun gerechtfertigt, offene
deutsche Städte zu bombardieren, also vorgeblich
Vergeltung zu üben. Ablenkung und Begründungsnot.
Sogleich im Mai 1940 unter Churchill fingen sie an. Zur
Nachtzeit einfliegende Bomber bombardierten deutsche
Städte, wobei bestimmte, militärisch bedeutsame
Ziele, soweit überhaupt gewollt, nicht ausgemacht
wurden. Die Zahl getöteter Zivilpersonen wurde im
Rundfunk ständig bekanntgegeben.
DS: Wenn die Briten sich
dennoch - verwunderlich, da selbst nicht betroffen - auf
Vergeltung beriefen, hat sich dann sogleich die deutsche
Führung mit besserem Recht auf Vergeltung berufen,
indem sie Städte in England bombardieren
ließ?
Herrmann: Keineswegs. Bis
Mitte Juni habe ich nur Ziele zwischen Dünkirchen und
Brest angegriffen, gezielt im Sturzflug auf die Verladungen
in den Häfen. Erst ab dem 18. Juni 1940 flog ich
über die englische Küste. Das war aber keine
Reaktion auf das Bombardieren deutscher Städte, sondern
strategische Planung, da England entschlossen war, den Krieg
fortzusetzen.
DS: Konnte das der objektive
Beobachter als Beginn der Terrorbomberei gegen England
ansehen?
Herrmann: Auf keinen Fall. Es
war etwas anderes. Wir haben ja nicht Gleiches mit Gleichem
vergelten wollen, sondern sollten kriegswichtige Ziele
angreifen zur Vorbereitung der Invasion. So waren meine
Ziele: Öldepots von Thameshaven, chemische Werke von
Billingham, Waffenfabriken in Newcastle oder die Lagerhallen
im Hafen von Hull. Diese Ziele lagen an der Küste oder
knapp dahinter. Angegriffen haben wir im Sturzflug bei Tage
oder bei Vollmond oder im Horizontalflug. Ich sah alle diese
Ziele deutlich wie auf dem Luftbild und auf dem
stereoskopischen Bild einprägsam ersichtlich und durch
Nachzeichnen eingeprägt.
Wir hatten Befehl, mit den Bomben zurückzukehren, wenn
das militärisch wichtige Ziel nicht klar auszumachen
war und die Gefahr bestand, daß Wohnplätze
getroffen wurden. Das Abwerfen von Minen in Hafeneinfahrten
war bedenkenlos möglich.
DS: Wie wurde das
kontrolliert?
Herrmann: Die Engländer
machten im Rundfunk großes Getöse, wenn auch nur
ein einziges Wohnhaus beschädigt worden war, wie
möglicherweise beim Angriff auf die
Vickers-Armstrong-Werke in Newcastle geschehen
Kaum
war ich mit meiner Staffel in Zwischenahn
zurückgelandet, da stand schon der Kriegsrichter
bereit, die Besatzungen zu vernehmen.
DS: Doch Sie schreiben in
einem Buch, daß Sie im September 1940 London, die
Stadt und Stadtbevölkerung, bombardiert hätten.
Das hatte doch eindeutig eine andere Qualität? Wie
sahen Sie das damals und wie sehen Sie das heute?
Herrmann: Diese neue
Qualität hieß Vergeltung. Das sah ich damals so
und sehe es heute noch so. Denn die Tatsachen stehen fest
und werden nicht ernstlich bestritten. Lange hatte die
Führung damit gewartet. Aber als die Engländer
während der Luftkämpfe über dem Kanal und
Südengland Ende August mehrere Nachtangriffe auf Berlin
durchgeführt hatten und trotz Warnungen fortsetzten,
gaben wir die entsprechende Antwort.
Die Luftwaffenführung versuchte, mit dieser Repressalie
die britische Führung zur Aufgabe ihrer
völkerrechtswidrigen Kriegsführung zu bewegen und
sie in den Rahmen zulässiger Kampfführung, das
heißt zu höchstmöglicher Schonung der
Zivilbevölkerung, zu zwingen. Diese Botschaft konnten
die deutschen und britischen Hörer, auf Kurzwelle auch
die ganze Welt hören. Ebenso, daß dann die
deutschen Bombardierungen aufhören
würden.
DS: Sie sagen damit nicht
weniger als daß die Trümmerhaufen in Deutschlands
Städten, der Verlust unschätzbarer
Kulturgüter und die Hunderttausende qualvoll
Umgebrachter das völkerrechtswidrige Werk der
Engländer und Amerikaner waren, auf deren Konto auch
die befohlene Massenjagd auf Fußgänger und
sonstige bewegliche "Ziele" ging.
Herrmann: Diese Verantwortung
hat die britische Regierung durch die Schrift des J. M.
Spaight, Mitglied im Kriegskabinett, in der offensichtlich
nur für Eingeweihte gedachten Schrift "Bombing
vindicated" ("Bomberei gerechtfertigt") eindeutig
übernommen. "Es waren wir, die begannen." So
wörtlich. Es sei britischer Mut gewesen, sich der
Gefahr deutscher Vergeltung auszusetzen. Deckungsgleich
damit haben es Engländer und Amerikaner für
untunlich gehalten, in Nürnberg diese Art von
Luftangriffen in die Anklage wegen Kriegsverbrechen
aufzunehmen.
DS: Kürzlich war in der
Sendung "Gomorrha" - Wiederholung der 80er Jahre - zu
erfahren, daß wir mit dieser Art der Bomberei
angefangen haben sollen und am Trümmerhaufen und an dem
Massensterben selbst schuld seien.
Herrmann: Schon während
der Produktion der Sendung "Gomorrha" habe ich in einer
langen Unterredung mit der Leitung darauf hingewiesen,
daß die geplante Darstellung der Siegerversion falsch
ist. Man wollte nicht hören. Bei neueren Anfragen
versuchte ich, mich auf die Forschungen des
Militärgeschichtlichen Amtes zu stützen, die zu
dieser Frage von den Medien anscheinend nicht genutzt
werden.
DS: Das erläutert, wie
es zu dieser von deutscher Seite nicht beabsichtigten
Entwicklung kam. Aber warum konnte dem auf Dauer nicht
entgegengetreten werden. Lag es an der
zahlenmäßigen Unterlegenheit ?
Herrmann: Nicht allein. Sehen
Sie sich die Nachtjagd an. Die britische Jahresproduktion an
Bombern lag 1942 bei rund 15.000, die der deutschen
Nachtjagd bei 1.700 Stück. In diesem Verhältnis
standen sich auch annähernd die Frontverbände
gegenüber. Die Verteidigung war, infanteristisch
gesprochen, als Hauptkampflinie entlang den Küsten
aufgezogen, durchaus abwehrkräftig gegenüber einem
auf breiter Front einfliegenden Bomberverband. Diese
Maginotlinie, die an jeder Stelle, aus technischen
Gründen pro Abschnitt (Breite ca. 60 km) von 2 bis 4
Jägern verteidigt wurde, schien zunächst
ausreichend, solange die Angriffe breit vorgetragen
wurden.
Der große Bestand von ca. 250 Jägern blieb
ungenutzt oder auf ruhige Abschnitte untätig verwiesen,
als die britischen Bomber klugerweise nur in einem Abschnitt
durchbrachen. Also 800 Bomber hatten zu tun mit vier
Jägern, während die einsatzbereiten 250
Jägerbesatzungen müßig bleiben mußten.
Das war der Zwang der Technik.
DS: Das ist
einigermaßen verblüffend. Um so erstaunlicher,
daß wir aus der Literatur von großartigen
Luftsiegen einer Reihe Einzelner erfahren, mit 100 und mehr
Abschüssen.
Herrmann: Es waren wenige,
die sich so hervortaten und hervortun konnten. Daher ergab
sich lediglich eine Erfolgs- und Abschußquote - auf
Einflug und Rückflug - von durchschnittlich fünf
Prozent. Das sind also 40 Bomber von 800 Angreifern. Das war
der übliche Verlauf.
DS: Das ist imponierend in
diesem schwierigen Geschäft. Aber 760 oder ein paar
mehr haben Bomben geworfen, Häuser zerstört und
Menschen getötet. Was sagen Sie zu diesem Verlauf
?
Herrmann: Er war
unbefriedigend. Aber das System Maginot gab nicht mehr her.
In der Gruppe IT des Führungsstabes, in der ich ein
Referat hielt, wurde das gesehen. Wenn es gelänge die
Verluste auf 10 Prozent zu steigern, wenn die
Bomberbesatzungen also keine 10 Einsätze
überlebten, so wäre die Moral der Bomber in nicht
allzuferner Zukunft am Ende gewesen. Das ist meine Erfahrung
als Kommandeur eines Kampfverbandes.
DS: Wie sollte die Steigerung
der Erfolge erreicht werden ?
Herrmann: Es mußte ein
System erfunden werden, das alle vorhandenen Kräfte an
den Feind brächte. Über die wenigen erfolgreichen
Funkmeßgeführten hinaus mußte für alle
übrigen der Feind erkennbar sein oder erkennbar gemacht
werden. Die mondhellen Nächte waren daher sofort zu
nutzen, ferner die Flakscheinwerfer im Bereich der
Städte. Absprache mit der Flak war erforderlich,
jedenfalls wünschenswert. Von Bränden, von
Scheinwerfern und Magnesiumfackeln durchleuchtete Wolken
machten die Bomber ebenfalls sichtbar. Zusätzlich
wurden die Jagdeinsitzer mobilisiert.
DS: Dann hätte die
Nachtjagd wohl bald auf eine Erfolgsquote von 10 Prozent
kommen müssen, was nicht der Fall war.
Herrmann: Die hier
entwickelte operative Idee war zwar im Versuchsstadium
erfolgreich erprobt, doch war sie mit der Einbeziehung
einmotoriger Verbände und der Einweisung der
traditionellen Nachtjagd Ende Juli 1943 noch nicht
verfügbar. Da überraschten die Briten die
Maginot-Nachtjagd durch Abwurf von Staniolstreifen, so
daß das elektronische Aufspüren der Bomber
unmöglich wurde. Und Hamburg war das Ergebnis. Die
schon erwähnten Vorbereitungen liefen nun auf
Hochtouren. Waren die Abschüsse über Hamburg
unbedeutend, so stiegen sie trotz der fortgesetzten
britischen Störungen - über Peenemünde und
Berlin auf das alte Maß und über Nürnberg
auf das Doppelte.
DS: Man fragt sich, warum das
Entsprechende nicht spätestens ein Jahr vor Hamburg
angepackt wurde. Was lief da aus Ihrer kompetenten Sicht
falsch?
Herrmann: Zu dieser Zeit flog
ich noch Einsätze gegen die alliierten Konvois im
nördlichen Eismeer. Deshalb kann ich nicht
zuverlässig sagen, welche Überlegungen vor und zu
jenem Zeitpunkt angestellt wurden. Da müßten Sie
im Bundesarchiv vorsprechen und Akten studieren.
DS: Wenn ich es richtig
verstehe, lag das Problem bei der Nachtjagd in dieser Phase
nicht in ihrer zahlenmäßigen Stärke, sondern
in der durch die Technik angeblich vorgegebenen
Beschränkung. Wie sah es bei den Amerikanern aus
?
Herrmann: Die von mir
für das Jahr 1942 genannten britischen
Produktionszahlen hatten ihr Gegenstück in den
amerikanischen. Hier stand eine Jahresproduktion von ca.
15.000 vier- und zweimotorigen Bombern einer deutschen
Jahresproduktion von 10.000 Jägern gegenüber. In
dem entsprechenden Verhältnis standen sich die
Frontverbände gegenüber, auch wenn man den Bedarf
der Amerikaner im Pazifik und den der Deutschen an der
Ostfront und in Afrika berücksichtigt.
DS: Das sieht
verhältnismäßig günstiger
aus.
Herrmann: In der Tat war den
"Fliegenden Festungen" B17 bei Einflügen in die Tiefe
beizukommen, wenn sie ohne Jagdschutz flogen. Auf eigenen
Jagdschutz konnten sie nur beim Durchfliegen der deutschen
Verteidigungszone rechnen, die ähnlich der Nachtjagd
entlang der Küste aufgebaut war.
Jedoch war der Anstieg der amerikanischen Produktion
unverkennbar. Daher mußten die Jagdgeschwader
zurückverlegt und konzentriert werden, um sie als eine
zusammengefaßte Streitmacht zu kräftigen
entscheidenden Stößen zu befähigen. Nach
erheblichen Verlusten 1943 mußten die Amerikaner sogar
fünf Monate pausieren. Indessen war der steigenden
amerikanischen Produktion, insbesondere der
Langstrecken-Begleit-Jäger, auf weite Sicht nur dann zu
begegnen, wenn unsere Jägerproduktion sofort, im
Herbst, spätestens Anfang Winter 1942 entsprechend
erhöht wurde. Das entsprach zumindest dem Durchblick,
den ich zu dieser Zeit gewonnen hatte. Es ist im Kern auch
so vom Militärwissenschaftlichen Forschungsamt
ermittelt worden.
DS: Aus dem Schrifttum wissen
wir, daß die Jäger um Erhöhung ihres Etats
sehr verbissen kämpften. Wieso geschah es
nicht?
Herrmann: Es stritten sich
die Bomber und die Jäger um die der Luftwaffe
zugeteilte Decke, Material und Produktionsflächen. Das
führte den Jägern nur unzureichende Vorteile zu.
Die Gruppe T des Führungsstabes und der Inspekteur der
Kampfflieger hingegen befürworteten und forderten
deshalb, daß 35 zweimotorige Frontkampfgruppen, also
Zweidrittel der gesamten Bomberflotte, abgerüstet und
zu 70 einmotorigen Jagdgruppen aufgerüstet
würden.
DS: Erstaunlich, daß
der General der Kampfflieger und das Ressort "Kampfflieger"
selbst eine so weitgehende Abrüstung der Bomber
betrieb. Was wurde aus dem Angebot?
Herrmann: Es war gleichzeitig
Abrüstung und Umrüstung. Das einmotorige Flugzeug
sollte ja Mehrzwecker sein, also Jabo, Tag- und
Nachtjäger und Schlachtflieger, wie es teilweise und
gelegentlich, auch schon in Spanien, gehandhabt wurde und
die Amerikaner es 1944 insbesondere als Schlachtflieger
nachholten. Die beiden genannten Ressorts hielten eine
Grundentscheidung zu diesem Zeitpunkt, 1942, für
unausweichlich.
DS: Was sprach
dagegen?
Herrmann: Etwa folgende
Betrachtung: Die Engländer hatten wir aus Griechenland,
dann aus Frankreich hinausgeworfen, wir standen an der
Wolga, hatten die Sowjetunion hinsichtlich ihres Öls im
Würgegriff, standen in Afrika und am Kaukasus. So
konnte man hoffen, mit einem starken Bombereinsatz in
Zusammenarbeit mit dem Heer eine Entscheidung in
Rußland herbeiführen zu können und den
Rücken zur Wendung gegen die Amerikaner und
Engländer freizubekommen.
DS: Das hört sich
vertretbar an.
Herrmann: Dieser
Entschluß war ein strategisches Wagnis, das nicht
gemeistert wurde. Meines Erachtens war es die Kulmination
der Kriegsführung im Sinne Clausewitz. Wir blieben auch
mit der Luftwaffe in Rußland gebunden, wo
übrigens die Umrüstung kaum eine Lücke
geschaffen hätte. So wurde der Augenblick
verpaßt, an dem der Anschluß an die
amerikanische Rüstungssteigerung noch hätte
erreicht werden können. Diese lief uns davon, die
Amerikaner gewannen gewissermaßen die Höhe des
Berges und wir kämpften mühsam am rutschigen Hang.
Als der Minister Speer 1944 die gesamte Bomberrüstung
einstellen ließ, war es für den althergebrachten
Krieg mit der Me 109 und der FW 190 zu spät. So erlitt
die deutsche Luftverteidigung an der Invasionsfront 1944 die
entscheidende Niederlage. Was die Jagdflieger dabei aber
leisteten und opferten, wird dauernder Anerkennung sicher
sein.
DS: Wollen Sie damit sagen,
daß die Luftwaffe seit dem Herbst 1944 am Ende ihrer
Kräfte war?
Herrmann: Mit diesen
Kräften - ja. Das muß jeder eingestehen, der die
damaligen Bilder vor Augen hat. Die Amerikaner
zerstörten unsere Hydrieranlagen, unsere
Flugzeugfertigung und mit den Briten zusammen Dresden und
andere Städte.
DS: Nun wurden, erstaunlich
genug, 1944 noch 4.000 Jagdflugzeuge im Monat
produziert.
Herrmann: Auch zu spät.
Denn die besten Flugzeugführer waren vorher in den
Kämpfen gegen die Übermacht gefallen. Ein
Jagdflieger wird nicht so schnell aufgebaut wie ein
Jagdflugzeug. Unsere Nachwuchsjäger wurden am
Fallschirm abgeschossen.
DS: Das klingt trostlos. Gab
es da noch eine Hoffnung, eine Perspektive ?
Herrmann: Perspektive oder
nicht - die meisten sahen keine mehr. Aber sie hielten aus
und kämpften. Doch der Aufruf des Oberbefehlshabers der
Luftwaffe enthielt die unheilvolle Botschaft, daß es
nach unserer Niederlage kein "Deutsches Reich" mehr geben
würde, daß Ausrottung, Deportation,
Sklavenarbeit, Vermischung und geistige Perversion unser Los
sein würde, und niemals Frieden.
DS: Sahen Sie eine
Alternative?
Herrmann: Ab 1. Januar 1945
hatte ich fünf Kampfgeschwader auf Düsenjäger
umzuschulen, und mit diesen Flugzeugen auszurüsten.
Mehr und mehr Flugzeuge wurden angeliefert, unter den
Luftangriffen der Amerikaner. Das Flugzeug, mit einigen
Hundert verfügbar, sollte mit überlegener Fahrt,
für die Mustangs uneinholbar, die "Fliegenden
Festungen" mit großkalibrigen Bordwaffen zur Strecke
bringen.
DS: Das sollte noch zum Zuge
kommen?
Herrmann: Die Vorbereitung
dieser Entscheidungsschlacht war vor Angriffen auf die
Ausbildungsplätze dieser Geschwader zu sichern. Der
Gegner hatte die ihm drohende Gefahr erkannt. Außer
der Sicherung durch Flak tat eine kleine Gruppe mit Me 262
ausgerüsteter Flieger im Versuchsstadium das Ihre, so
auch die Rammer. Als schärfste Aushilfe war der
Bombenwurf auf die geschlossenen Bomberformationen nahezu
frontreif, - die mit Luftdruckzündern versehene
Sprengbombe sollte aus einer geringen Überhöhung
abgeworfen werden und die Sprengung der Formation bewirken.
Das bedeutete das Ende der Bombenteppiche auf die
Städte und empfindliche Ziele.
DS: Was war der Erfolg aller
dieser taktischen Sicherungen der Düsen-Wunderwaffe ?
Herrmann: Die Amerikaner
forcierten die Angriffe auf die gefährlichen
Flugplätze. Auf dem Flugplatz Neuburg an der Donau
wurde mein neben mir in Deckung liegender Bordmechaniker von
einem Bombensplitter auf der Stelle tödlich getroffen,
ich wurde am Bein verwundet. Dieses nehmen Sie bitte
exemplarisch dafür, wie hochtourig die Amerikaner
kämpften, um dem Aufmarsch der Düsenjäger zur
Entscheidungsschlacht zuvorzukommen. Tausende von
Splitterbomben hatten unsere Flugzeuge
durchsiebt.
DS: Die letzten dramatischen
Bemühungen waren also vergeblich. Die Niederlage ist
Geschichte, die unmittelbare Folge war Verzweiflung, Trauer
und Elend. Heute fragt man: warum habt Ihr 1939 angefangen
?
Herrmann: Mit Ihrer Frage und
meiner Antwort treten wir aus dem Militärischen heraus
und kommen in die Politik. Ich kann mit aller Bestimmtheit
sagen: Wir wußten, wofür wir kämpften.
Für die Rückführung der vertriebenen
Deutschen, für die Rückgewinnung des deutschen
Danzig und des Korridors, gegen die Mißhandlung und
Entrechtung der in Polen verbliebenen Deutschen und alles
das nur, weil der Westen die friedliche Lösung dieses
nationalen wie humanitären Anliegens um seines Krieges
willen hintertrieb. Wir kannten das Grundübel, und die
Welt kannte es. Wir brauchten es, wie neuerdings üblich
geworden, nicht zu erfinden.
DS: Herr Oberst Herrmann, wir
danken Ihnen für das Gespräch.
Das Gespräch führte
DS-Mitarbeiter Ralph Tegethoff.
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Hajo
Herrmann
Am 1. August 1913 in Kiel geboren, wurde 1933
Soldat, 1935 Leutnant in der Luftwaffe. Er
kämpfte als Flugzeugführer,
Staffelkapitän, Gruppenkommandeur,
Geschwaderkommodore und Divisionskommandeur in 370
Feindflügen auf fast allen
Kriegsschauplätzen, wirkte an wichtiger Stelle
im Luftwaffenführungsstab und versah das Amt
des Inspekteurs der Nachtjäger.
Er schoß neun viermotorige Bomber ab und
versenkte 60.000 Tonnen feindlichen Schiffsraum. Er
erhielt die Schwerter zu Ritterkreuz und
Eichenlaub. Zuletzt war er Oberst. 1955 aus
sowjetischer Kriegsgefangenschaft
zurückgekehrt, studierte Herrmann
Rechtswissenschaften in Kiel und London und
arbeitete seit 1965 als Rechtsanwalt.
Am 1. August 2003 beging er in Düsseldorf
seinen 90. Geburtstag. In seinem Buch "Als die Jagd
zu Ende war" schildert Herrmann seine Erlebnisse in
Rußland, in dem Buch "Bewegtes Leben" seine
Kriegsjahre.
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