Balladen und Gedichte
Die Ähren des Albertus Magnus
Börries Freiherr von MünchhausenWer kann die Runen kennen,
Die tief im Wald der Käfer schreibt,
Wer will die Zeichen nennen,
Die Gottes Blitz in Buchen treibt,
Wer soll die Linien deuten,
In denen Schmiedefunken sprühn,
Die Lettern, die verstreuten,
Die Krähen übers Schneefeld ziehn?!Albert Magnus kann es!
Zu Köln am Rheine lehrt der Greis,
Des wundertätigen Mannes
Tonsur umkränzt schon klares Weiß;
Wohl, denkst du, schläft sein Wille,
Wie längst sein Wünschen schwieg und schlief,
Doch wird die Welle stille,
So wird die Welle tief!Die Nonne kam gegangen,
Den Weiel hob des Windes Wirrn,
In hohen Bögen sprangen
Die Brauen über ihre Stirn,
Der Wangen Rosen glühen,
Wie sie des Meisters Auge sieht -
Der sah die Rosen blühen,
Wie je den Dichtern sie geblüht!Oft ward das nie gesprochne
Das einz'ge nie gebrochne Wort,
Das Wort, das scheu verkrochne,
Es wühlt im Herzen heimlich fort,
Wie wogt da drin die Welle! -
Und quirlt doch auf kein einzig Wort,
Und jedes trägt zur Zelle
Sein seidenes Geheimnis fort.Am rundverbleiten Fenster
Steht er in frostiger Winternacht,
Vom Rhein her wehn Gespenster,
Die fernen Wehre rauschen sacht,
Sein Herz sinnt ohn' Ermatten
Der Liebe nach, die es erlitt,
Die wie der Schwalbe Schatten
Flüchtig von seiner Straße glitt.In achtzigjährigen Augen
Glänzt auf der runde Edelstein,
Die welken Lippen saugen
Die nächt'ge Kühle durstig ein,
Der Hauch aus seinem Munde
Geht wie geraunter Zauber aus,
Es formt die Geisterstunde
Am Fensterglase Zeichen draus.Wer kann, was Wort gewesen
Und dann zu hartem Eis erstarrt,
Wer kann die Runen lesen,
In denen Geisterbotschaft ward,
Wer will die Lettern deuten? -
Albertus liest die Zauberschrift,
Bis ihn das Metteläuten
Aus Gereons Kapelle trifft."Nun mag im Morgenschimmern
Die Blumenschrift verderben hier,
Mir stieg ein Traum aus Trümmern,
Die Schätze wurden Scherben mir,
Was will ich sonst auf Erden?!
Bleib bei mir, du mein spätes Licht,
Denn es will Abend werden -
Und ich will meinen Abend nicht!"Zwei Körner legt der Alte
In dunkler Erde Mutterhand
Und bannt hinein das kalte,
Und bannt hinein das heiße Blut,
Zwei Halme steigen mählich
Empor aus irdner Schale Rand,
Die lehnen sich so selig,
So weltvergessen aneinand. -Im Mondenlichte wiegen
Die Ähren leise her und hin,
Das ist ein Schmeicheln und Schmiegen,
Ein Flüstern durch die Rispen hin,
Als wollten sie wispernd sagen,
Wovon nicht Papst noch Prior weiß -
Wie tot auf seinem Schragen
Liegt bis zum Morgenrot der Greis!Nie sahen sie sich wieder
Von Angesicht zu Angesicht,
Das Kloster zwingt die Glieder
Und zwingt doch ihre Seelen nicht! -
Wie wird auf ihrem Bette
Die junge Nonne nachts so bleich! -
Erst mit der Morgenmette
Kehrt sie zurück vom Geisterreich.So gingen sieben Jahre,
Die Wunderähren welkten nicht,
Doch einst, als am Altare
Des Meisters losch das ew' ge Licht,
Da brach er von den Stengeln
Der späten Sehnsucht süße Saat -
Er hörte Sensendengeln
Und wußte, daß die Zeit der Mahd!Und dann die stille Stunde,
Wo müd der letzte Sand verfließt,
Wo sich am schmalen Munde
Die Lippe hinterm Leben schließt,
Der Glocken Klänge traufen
Wie Tränen von den Türmen dicht -
In tausend Linien laufen
Die Falten über sein Gesicht.Wer will die Lettern lesen,
Des Lebens Lettern, wirr und kraus,
Wer sondert die Askesen
Dort von den roten Sünden aus,
Wer kann die Runen kennen
In eines Helden Angesicht?! -
Nur einer kann sie nennen -
Doch der dort oben fragt ihn nicht!