Balladen und Gedichte
Aus dem Dreißigjährigen Kriege
Ricarda HuchWiegenliedHorch, Kind, horch, wie der Sturmwind weht
Und rüttelt am Erker!
Wenn der Braunschweiger draußen steht,
Der faßt uns noch stärker .
Lerne beten, Kind, und falten fein die Händ',
Damit Gott den tollen Christian von uns wend'!Schlaf, Kind, schlaf, es ist Schlafens Zeit,
Ist Zeit auch zum Sterben.
Bist du groß, wird dich weit und breit
Die Trommel anwerben.
Lauf ihr nach, mein Kind, folg' deiner Mutter Rat;
Fällst du in der Schlacht, so würgt dich kein Soldat."Herr Soldat, tu mir nichts zu leid
Und laß mir mein Leben!"
"Herzog Christian führt uns zum Streit,
Kann kein Pardon geben.
Lassen muß der Bauer mir sein Gut und Hab',
Zahle nicht mit Geld, nur mit dem kühlen Grab."Schlaf, Kind, schlaf, werde stark und groß.
Die Jahre, sie rollen;
Folgst bald selber auf stolzem Roß
Herzog Christian, dem Tollen.
Wie erschrickt der Pfaff' und wirft sich auf die Knie -
"Für den Bauern nicht Pardon, den Pfaffen aber nie!"Still, Kind, still, wenn Herr Christian kommt,
Der lehrt dich zu schweigen!
Sei fein still, bis dir selber frommt
Ein Roß zu besteigen.
Sei fein still, dann bringt der Vater bald dir Brot,
Wenn nach Rauch der Wind nicht schmeckt,
Und nicht der Himmel rot .FriedenVon dem Turme im Dorfe klingt
Ein süßes Geläute;
Man sinnt, was es deute,
Daß die Glocke im Sturm nicht schwingt.
Mich dünkt, so hört' ich's als Kind;
Dann kamen die Jahre der Schande;
Nun trägt's in die Weite der Wind,
Daß Friede im Lande.Wo mein Vaterhaus fest einst stand,
Wächst wuchernde Heide;
Ich pflück', eh ich scheide,
Einen Zweig mir mit zitternder Hand.
Das ist von der Väter Gut
Mein einziges Erbe;
Nichts bleibt, wo mein Haupt sich ruht,
Bis einsam ich sterbe.Meine Kinder verwehte der Krieg;
Wer bringt sie mir wieder?
Beim Klange der Lieder
Feiern Fürsten und Herren den Sieg.
Sie freuen sich beim Friedensschmaus,
Die müßg'en Soldaten fluchen -
Ich ziehe am Stabe hinaus,
Mein Vaterland suchen.