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Das Brandenburger
Tor
"Die gute Frau hat auch ihre Schicksale gehabt. Man sieht ihrs nicht an, der mutigen Wagenlenkerin", sinniert 1821 der junge Heinrich Heine beim Anblick der Victoria, die auf Berlins Brandenburger Tor die Rosse einer Quadriga führt. Das Schicksal der "guten Frau" hochdroben spannte sich gerade mal drei Jahre länger als das des staunenden Studiosus - siebenundzwanzig Jahre, und doch füllte es bereits spektakulär die Stadtchronik. Noch war der Raub der Quadriga in Preußens dunkelster Stunde nicht ins Anekdotenhafte geronnen. Als sie 1814, nach acht Jahren, auf ihren angestammten Platz zurückkehrte, war das mehr als ein stadtgeschichtliches Ereignis. Seitdem wuchs dem Brandenburger Tor mitsamt seiner Skulptur ein politischer Symbolgehalt bis in die aktuelle Gegenwart zu, dessen Inhalt sich mehrfach entschieden wandelte. Als Friedenstor geplant, avancierte der Bau zum Siegestor aller Couleur - von Napoleon über Kaiser Wilhelm I. bis hin zu Hitler und Stalin -, um in der jüngsten Vergangenheit achtundzwanzig Jahre lang eine Doppelexistenz als Mahntor der Einheit und Grenztor der Spaltung zu führen. Der würdigste Tag seiner Geschichte aber wurde der 9. November 1989, der es als Freiheitstor öffnete. Und wenn es heute, da sich die staatliche Einheit gerade vollzogen hat, in neuem Glanz erstrahlt, sollte es für die innere Einheit der Deutschen ein Zeichen setzen, in dem sich Würde und Achtung miteinander verbinden. -- I -- Stadtmauern waren ein Erbe des Mittelalters, das auch Berlin noch bis weit in die Neuzeit einschnürte. Als die Anlage wehrtechnisch keinen Sinn mehr machte, wurde sie zwar geschleift, doch Schutzbedürfnisse anderer Art forderten ihren Tribut, und so zog man, damit des Königs Ansprüche auf Schlachtvieh- und Mehlsteuer gesichert waren, um die erweiterte Stadt eine Zollmauer. 1737 war der Mauerring vollendet. Achtzehn Tore sorgten für Durchlaß - bescheidene Bauwerke nach Maß und architektonischem Aufwand, Oranienburger oder Köpenicker oder Hamburger Tor geheißen, oder eben auch Brandenburger Tor. Daniel Chodowiecki hat es in einem Stich überliefert. Als König Friedrich Wilhelm II. im Mai 1788 das alte Brandenburger Tor abreißen ließ, um einem Neubau Platz zu schaffen, geschah dies in der Erwartung, an dieser Stelle städtebaulich einen besonderen Akzent zu setzen, der mit der neuen Prachtallee Unter den Linden harmonierte. Mit Planung und Ausführung des Torbaus betraute die Majestät den Direktor des Oberhofbauamtes Carl Gotthard Langhans, einen Baumeister, der sich auf langen Studienreisen in Westeuropa umgesehen hatte. Desto überraschender war es, daß Langhans seinem Herrscher Pläne zur Genehmigung vorlegte, die nicht von Bauwerken persönlicher Kenntnis inspiriert waren, sondern von solchen, von denen er nur aus Büchern und Zeichnungen eine Vorstellung hatte. In den Propyläen der Athener Akropolis, die den Plänen des Brandenburger Tores das Maß geben sollten, spiegelte sich seine Begeisterung für die Architektur der griechischen Antike, neu belebt durch die Ästhetik Winckelmanns. Das mochte, wie Johann Gottfried Schadow, der stilbildende Hofbildhauer und Antikenkenner, kritisierte, nach einer "Wiederholung anerkannter Meisterwerke" aussehen. Doch träfe dies nicht auf den Klassizismus insgesamt zu, als dessen erstes bedeutendes Zeugnis in Berlin das Brandenburger Tor gilt? Was ein Original, das sein Vorbild nicht verleugnet, von einer platten Kopie unterscheidet, ist die schöpferische Anverwandlung dieses Vorbilds, die Umsetzung eines vorgegebenen Themas in eine eigenständig-ausdrucksstarke Variation - und dieser Vorzug ist in der Langhansschen Architektur durchaus erkennbar. 1789 hatten die Bauarbeiten begonnen, und seitdem kamen die Berliner aus dem Staunen nicht heraus. Mit 66,5 Metern Breite, 26 Metern Höhe, 11 Metern Tiefe und fünf Durchfahrten ließ das Bauwerk alle herkömmlichen Ansprüche hinter sich, die man im Preußischen an ein Stadttor zu stellen gewohnt war. 995 400 Mauersteine nennt die Statistik, die der Architektur das Gerüst geben. Zwölf dorische Säulen aus märkischem Sandstein tragen den Architrav, den Metopen-Fries und die Stufenattika. Und nicht minder aufwendig gerät der plastische Schmuck, den solide Meister der Bildhauerei wie die Gebrüder Wohler, Räntz, Unger und Boy gestalteten: zwanzig Plastiken an den Torwänden mit Szenen aus dem Herakles-Mythos, zweiunddreißig Metopen an den Stirnseiten, Kämpfe zwischen Kentauren und Lapithen darstellend, zwei Statuen - Mars und Minerva - zur Dekoration von Nischen, vier Medaillons in den Giebelfeldern der Flügelbauten, die das Tor umrahmen, sowie ein Flachrelief auf der Stufenattika hochdroben, das den Triumphzug der Friedensgöttin Eirene darstellt. Schadow deutete diese Szene als "Schutz der gerechten Waffen, welchen sie der Unschuld leisten" - eine Interpretation, der die Naivität längst abhanden gekommen ist. Merkwürdig, daß der 6. August 1791 ohne jede Feierlichkeit vorüberging. Sang- und klanglos wurde das Brandenburger Tor seiner Bestimmung übergeben. Der König, der immer wieder auf Vollendung gedrängt und eine ganz persönliche Anteilnahme bekundet hatte, weilte nicht einmal in seiner Hauptstadt. Berlin hatte ein neues Wahrzeichen, ohne daß es sich dessen recht eigentlich bewußt wurde. In der Kostenabrechnung schlug sein materieller Wert mit 110 902 Talern 20 Groschen und 10 Pfennigen zu Buche. Zum Vergleich: Hofbildhauer Schadow bezog ein Jahressalär von 500 Talern. Mit der Krönung der Anlage mußten sich die Berliner allerdings noch gedulden. Ein Vierergespann, eine Quadriga, gelenkt von einer Göttin im Streitwagen, sollte auf der Mitte der Stufenattika den Abschluß bilden. Seine Majestät höchstselbst entwickelten nach antiken Vorbildern diese Idee und beauftragten mit den Entwürfen den Hofbildhauer Johann Gottfried Schadow, der sich in Italien frühen Ruhm erworben hatte und mit seinen gerade fünfundzwanzig Jahren schon "Director aller Skulputuren" war. Kein Wunder, daß es zwischen dem jungen Heißsporn und dem bald sechzigjährigen Langhans zu Spannungen kam. Was sich in der zitierten Kritik Schadows andeutete, war nicht zuletzt ein Generationenkonflikt im Künstlerischen. Der technische Ablauf für die Gestaltung der Quadriga war vorgegeben: Schadow fertigte Skizzen an, deren Resultat er in ein Gipsmodell umsetzte, das, mit allerhöchstem Wohlgefallen abgesegnet, den Gebrüdern Wohler als Vorlage für ein Holzmodell in Originalgröße diente. Das Ergebnis begutachtete eine Kommission der Akademie der Künste. Die befand Änderungen für notwendig, nicht nur, weil sie an einem der Pferde einundzwanzig Fehler ausmachte, sondern auch, weil die exakte Berechnung der Proportionen, gesehen aus dem Blickwinkel der Straße auf 26 Meter Höhe, Probleme aufgab. Verzögerungen wurden unvermeidlich, der Zeitplan geriet durcheinander. Als im September 1790 der Potsdamer Kupferschmied Ernst Emmanuel Jury ans Werk ging, die Quadriga in Kupferblech zu treiben, mußte er alsbald eingestehen, daß die langwierige, technisch komplizierte Arbeit die Leistungskraft seines Unternehmens überforderte. Zur Entlastung empfahl er seinen Kollegen Köhler, der einen Teil des Auftrags, die Göttin, übernahm. Beide, Jury und Köhler, legten zusammen mit ihren Gesellen für ihr Handwerk alle Ehre ein. Doch den Ruhm trug Johann Gottfried Schadow davon. Im März 1793 war die Quadriga vollendet, im Sommer wurde sie mit Blickrichtung zur Lindenallee - auf dem Brandenburger Tor montiert. Die Idee, die Skulptur zu vergolden, hatte der König, durchaus zu recht, als stilwidrig verworfen. Es blieb dem geschmacksunsicheren Kaiserreich vorbehalten, diesen Gedanken neu zu beleben und, wenn auch nicht die Vergoldung der Quadriga, so doch des Attikareliefs zu befehlen. (Dieser Fehlgriff wurde erst bei Renovierungsarbeiten 1926/27 wieder beseitigt.) Auch jetzt, als dem Tor mit der Quadriga gleichsam die Krone aufgesetzt wurde, waren keinerlei Feierlichkeiten vorgesehen. Doch ein Spektakel war die Installierung allemal. Was da an starken Seilen über Winden in die Höhe gehievt wurde, verbuchte die Rechnungskammer mit 20 640 Talern und 18 Groschen. In der staunenden Menge stand vermutlich auch Ulrike Jury, die Nichte des Kupferschmieds, denn für sie war die Göttin mit einem ganz persönlichen und nicht alltäglichen Erlebnis verbunden: Ulrike hatte ihr Modell gestanden. Bereits ein Jahr später hielt man eine erste Korrektur erforderlich. Die ursprünglich unbekleidete Göttin wurde mit einem leichten Gewand drapiert, mit einem "Tugendmäntelchen", wie die Berliner spotteten. Despektierlich hatten sie die Wagenlenkerin einen "Kutscher, der hinten so kahl aussieht", genannt. Mochte das Brandenburger Tor als Stadttor auch aus dem Rahmen fallen, als städtebaulicher Blickfang setzte es einen neuen Akzent, der Zustimmung fand. So schrieb ein zeitgenössischer Kritiker, offenkundig der Barock- und Rokokoformen überdrüssig: Das Tor "verdient um so mehr eine öffentliche Aufmerksamkeit, weil es selbst ein öffentliches Werk ist, das in der Geschichte des Geschmacks Epoche macht, indem es die edle Simplicität der Alten in ihren Werken uns wieder vor Augen rückt und unter dem nördlichen Himmelsstrich die Ruinen Athens zu einem schönen Ganzen sich wieder verjüngen und bilden läßt." Schadow hatte bereits Jahre vor der Vollendung in einem pro memoria seine Quadriga als "Triumph des Friedens" gefeiert. Dies traf sich mit der Idee, das Brandenburger Tor zu einem "Friedenstor" zu erklären, was sogar in einem Ministererlaß von 1791 festgehalten worden war. Demnach galt die Wagenlenkerin als eine Eirene, eine Friedensgöttin - gewiß ein symbolträchtiges Zeichen in einer Zeit, in der sich die Kriegsschatten der Französischen Revolution über Europa auszubreiten begannen. Die Berliner indes kümmerte diese Eirene wenig. Sie sahen in der Dame hochdroben von Anfang an eine Siegesgöttin, eine Victoria. Seitdem Napoleon die Geschicke des Kontinents bestimmte, war die Siegesgöttin den Preußen allerdings gar nicht gnädig gestimmt. Victoria verband sich die Augen. Friedrich Wilhelm III. und Luise, das Königspaar, flohen nach Osten, und das Land erlebte seine tiefste Demütigung, als französische Truppen nach ihrem Doppelsieg bei Jena und Auerstedt am 23. Oktober 1806 die Haupt- und Residenzstadt besetzten. Vier Tage später hielt der Kaiser der Franzosen höchstselbst festlich-triumphalen Einzug - ein wohlinszeniertes Schauspiel bei prächtigem Wetter. Bürgermeister Büsching überreichte die Stadtschlüssel, die fremden Truppen paradierten durchs Brandenburger Tor und - nicht wenige Berliner jubelten. Preußens dunkelste Stunde? So mochte es die Führungsschicht empfinden oder ein paar Intellektuelle oder gewiß auch brav-patriotische Bürger. Doch die Zahl derer, die sich von dem glanzvollen Spektakel blenden ließen, war nicht gering. Die Schau war jedoch rasch vergessen, als der Alltag seinen Tribut forderte. Bis sich die Franzosen am 2. Dezember 1808 zum Abzug bequemten, sollten zwölfeinhalb Millionen Militärpersonen durch Berlins Kasernen und Privatquartiere geschleust werden, was den Staat und damit den Steuerzahler - von allen anderen Unannehmlichkeiten abgesehen - die stattliche Summe von 8 723 527 Talern kostete. 40 000 Berliner flüchteten aufs Land. Es traf die Bevölkerung wie ein Donnerschlag, als aus dem Gerücht Gewißheit wurde, der Kaiser habe Befehl gegeben, die Quadriga auf dem Brandenburger Tor abzubauen und nach Paris zu verbringen. Napoleons Kunstraubzüge in Europa, organisiert von einem Experten, von Dominique Denon, dem Generalinspekteur der französischen Museen, waren berühmt-berüchtigt. Als Usurpator waren dem Kaiser Kunstwerke Trophäen, als korsischem Parvenu prestigemächtige Symbole alter Überlieferung, an die er Anschluß suchte. Jetzt war es an Preußen, seine Schlösser und Museen zu öffnen. Denons Mitarbeiter jagten durch Berlin, Charlottenburg und Potsdam und ließen alles mitgehen, was künstlerische Begehrlichkeit weckte. Fachleute waren am Werk, die wohl zu unterscheiden wußten. Doch auch die Quadriga? Die nichts anderes war als die Dekoration eines Stadttores? Unversehens wuchs, wie noch so manches Mal in der Geschichte, der Skulptur Symbolkraft zu. Ihr Raub wurde zu einem Symbol der Demütigung. Und das schmerzte mehr als der Verlust all der Gemälde, Büsten, Reliefs, antiken Statuen, Medaillons und Münzsammlungen. Viele vermochten sich gar nicht vorzustellen, wie man diesen tonnenschweren Koloß nach Paris transportieren wollte. Doch alles ging blitzschnell. Am 13. Dezember 1806 war die Quadriga in zwölf Verschlägen reisefertig, am 21. Dezember wurden sie zusammen mit 84 weiteren Kisten geraubter Kunstgegenstände auf zwei Schiffen via Hamburg in die französische Hauptstadt verbracht. Da half auch kein Bittgesuch, das Schadow den Besatzern überbrachte. Worum es Napoleon ging, machte der abschlägige Bescheid deutlich: "Wenn endlich dies Werk auch nicht als ein Kunstwerk betrachtet werden sollte, so könne und müsse es doch als Trophäe dienen und gelten." Der Kaiser hatte offensichtlich ein Faible für Rösser-Skulpturen. Hatte er nicht bereits 1797 im italienischen Feldzug die berühmten vier Bronzepferde von San Marco aus Venedig mitgehen und im Hof des Pariser Invalidenhauses aufstellen lassen? Die Markusrepublik hatte längst ihren Ruhm überlebt, ihre Lebenskraft eingebüßt. Doch Preußen? Die Entführung der Quadriga machte einen ungeahnten Nebeneffekt: Sie stachelte den Patriotismus an, verwandelte ein städtisches Wahrzeichen in ein vaterländisches. Am 17. Mai 1807 meldete eine Pariser Zeitung: "In dem Hafen St. Nicolas sind 80 bis 100 große Verschläge angekommen, welche die Antiquitäten von Berlin und Potsdam wie auch den Wagen enthalten, den man auf dem Brandenburger Thore zu Berlin bewunderte. Früher waren schon 150 Kisten bei dem Museum Napoleon eingetroffen, welches die besten Gemälde von Hessel-Cassel und andere kostbare Gegenstände aus Braunschweig und Wolfenbüttel enthielten." In Paris wußte man mit der Wagenlenkerin und ihren Rossen wenig anzufangen. Mal sollte sie einen Triumphbogen krönen, der erst erbaut werden mußte, mal sollte sie auf dem Tor von St. Denis Quartier nehmen. Schließlich fand sie im Musée Napoléon Obdach, sehr zum Kummer des Direktors, der den befohlenen "Gast" als lästig empfand. Daß Europa durch Napoleon nicht seine endgültige Fassung erhalten hatte, wurde nach seiner Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig absehbar. Am 31. März 1814 marschierten die verbündeten Truppen Preußens, Österreichs und Rußlands in Paris ein und mit ihnen deren Herrscher. Unverzüglich ließ Friedrich Wilhelm III. alle Vorbereitungen treffen, um die Quadriga aus ihrem musealen Verließ zurück nach Berlin zu transportieren. Sechs Wagen, bespannt mit zweiunddreißig Pferden, trugen die Last von fünfzehn riesigen Kisten. Dort, wo sich die Tore französischer Städte den hohen Aufbauten verweigerten, riß man die Hindernisse ein. Über Brüssel, Lüttich und Aachen erreichte der Zug Düsseldorf, wo man mit sechs Fähren über den Rhein setzte. Was sich in Düsseldorf begab, sollte sich auf der weiteren Route anderwärts wiederholen: Triumphaler Einzug mit Geläut und Kanonendonner, mit patriotischen Festansprachen und klingendem Spiel. Sinnsprüche und Gedichte wurden an die Kisten geheftet, die Wagen mit Girlanden und Kränzen geschmückt. Dem "Pferdedieb von Berlin" war seine Beute abgejagt, und so wurde die Quadriga - nach gründlicher Inspektion - am 30. Juni 1814 auf ihren angestammten Platz gehievt. Zunächst mit Planen den Blicken entzogen, wurde sie am 7. August feierlich enthüllt, als Preußens Truppen, durch das Brandenburger Tor marschierend, auf einer via triumphalis in der Hauptstadt Einzug hielten. Wer genauer hinsah, konnte an der "Retourkutsche", wie die Berliner die Skulptur begeistert-schnoddrig tauften, eine Neuerung entdecken. Die Victoria trug ein Emblem, das Karl Friedrich Schinkel entworfen hatte: ein Eisernes Kreuz im Eichenlaubkranz mit einem gekrönten preußischen Adler - damit, wie es in einem zeitgenössischen Kommentar hieß, "... das Tor nicht als müßiger Schmuck, sondern als ein Denkmal vaterländischer Geschichte erscheine". So wechselte der Symbolgehalt des Bauwerks bereits in den ersten beiden Jahrzehnten seiner Existenz: als Friedenstor gedacht, wird es zum Siegestor des Feindes und zum Mahnmal Preußens, um sich als Triumphbogen der Befreiungskriege zu verklären. Wenn es denn eine Verklärung war, dann hielt die sich allerdings in Grenzen. So manchem mochte es beim Anblick des Brandenburger Tores bitter werden. Der Triumph, der sich in dieser Repräsentationsarchitektur ausdrücken sollte - kam er nicht einer Verhöhnung gleich? Wo war das Königswort eingelöst, das sich in der Bundesakte von 1815 auf eine Konstitution verpflichtet hatte? Galt dieses Siegeszeichen nur dem König, der es, wenn nötig, mit nationalem Pathos bekränzte? Galt es nur als festlichfeierliche Kulisse fürstlicher Hochzeiten oder Trauerrituale, wie dies seit den Tagen der Königin Luise gang und gäbe war? Je intensiver sich der alte Fürstenabsolutismus neu belebte, desto weltenferner wurden die Hoffnungen auf eine politische Emanzipation des Bürgertums, die gerade durch die Befreiungskriege ihre Impulse erhalten hatten. Statt dessen "Demagogenverfolgungen", Bespitzelungen, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, Pressionsgesetze. In Berlin zog man sich wie anderswo ins Biedermeier zurück, dessen gemütliche Wortattrappe das Peinigende und Skrupellose unzulässig verdeckt. Daß das flache Gewässer gesellschaftlicher Idylle jedoch keineswegs so friedlich war, wie es den Anschein hatte, wurde sichtbar, wenn die ruhige Oberfläche unvermittelt in Sturmwellen zerbrach. Den Geburtstag des Königs, den 3. August, pflegten die Berliner mit einem Volksfest zu begehen, als dessen Höhepunkt ein Feuerwerk zu bestaunen war. 1834 war es zu Ausschreitungen der Art gekommen, wie sie bei alkoholischen Erhitzungen nie auszuschließen sind. Diese im Grunde harmlose Begebenheit hatte die Behörden derart verstört, daß sie im folgenden Jahr strenge Observationen verordneten. Daß die Unverhältnismäßigkeit der Mittel stets das Gegenteil von dem erzeugt, was man verhindern will, bestimmte auch in diesem Falle den weiteren Verlauf. Um so mehr, als bekannt wurde, das beliebte Feuerwerk werde für diesmal ausfallen. Am Brandenburger Tor kam es zu einer Protestdemonstration. Was zunächst durchaus friedlich begann, eskalierte in den Abendstunden des 3. August 1835 zu einer Revolte, nachdem die Obrigkeit die ersten "Ruhestörer" abgeführt hatte. Denn die hatten sich erkühnt, trotz Verbots Feuerwerkskörper abzubrennen. In einem Bericht des Liberalen Adolf Streckfuß heißt es: "Vom Brandenburger Tor her folgte das Militär den Exzedenten (Übeltätern). Es hieb scharf ein. Besonders zeigten sich die Kürassiere, die mehrfach durch Steinwürfe beleidigt worden waren, erbittert; mit ihren schweren Pallaschen verwundeten sie viele der Aufrührer. Sie sprengten auf die Volkshaufen ein und suchten diese hierdurch zu zerstreuen, selbst einzelne ruhige Spaziergänger wurden von den aufs äußerste gereizten Soldaten mit Pallaschhieben mißhandelt." Fazit: über hundert Schwerverletzte sowie 152 Inhaftierte selbst "aus den besseren Ständen". War diese vormärzliche "Feuerwerksrevolution" auch kaum mehr als ein Augenblicksgewitter, die politische Spannung hatte sich jäh entladen - so wie schon einmal 1830 in der "Schneiderrevolte", als der Schneidergeselle Daniel Schupp den Initialgedanken der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - in einem Aufruf allzu wörtlich nahm und es nach Verhaftungen zu einer Massenversammlung auf dem Schloßplatz kam, die das Militär "mit bisweilen recht tüchtigen Hieben" auseinandertrieb. 1848 ließen sich die gesellschaftlichen Konflikte nicht mehr unter dem Deckel halten. In den Märztagen wurde das Trauma der Aristokratie Wirklichkeit: Die Revolution erschütterte das Königtum in seinen Grundfesten, und Barrikaden zerstörten in Berlin wie anderwärts die Scheinwelt des Biedermeier. Als sich am 13. März nach einer Massenkundgebung im Tiergarten die Menge zu einem Protestmarsch Richtung Schloß formierte, wurde sie am Brandenburger Tor von Kürassieren aufgehalten. Es war, auch hier, die Stunde der Bajonette, Gewehre und Steingeschosse, Tote und Verwundete zurücklassend. Bis zum 18. März hatten die Aufständischen an allen strategisch wichtigen Punkten der Stadt Barrikaden errichtet, was auch die Örtlichkeiten um das Tor mit der Siegesgöttin einbezog. An die tausend Sperren sollen Berlin zerteilt haben. Welches Ende die Revolution nahm, ist bekannt. So lange der König in der Defensive war, war er zu allen politischen Zugeständnissen bereit: Wiedereinberufung des Vereinigten Landtags, liberales Ministerium, Verfassung. Doch als seit dem Sommer die reaktionären Gegenkräfte mehr und mehr Oberhand gewannen, verblaßte allmählich das königliche Erinnerungsvermögen. So war es mehr als eine Demonstration, als am 10. November 1848 13 000 Soldaten mit 60 Geschützen durch das Brandenburger Tor ins Regierungsviertel einzogen. Kaum einen Monat später erfuhren die Berliner, daß Friedrich Wilhelm IV. die Verfassunggebende Nationalversammlung, zuletzt in Brandenburg zu einem Schattendasein verurteilt, aufgelöst hatte. Von hier bis zur Ablehnung der Kaiserkrone aus den Händen des Frankfurter Paulskirchenparlaments war es nur ein kurzer, folgerichtiger Schritt. Denn was war für einen Mann des königlichen Gottesgnadentums dieser "imaginäre Reif, aus Dreck und Letten (Lehm) gebacken", anderes als eine Zumutung? Aufs neue hatte die Allgewalt fürstlicher Selbstgerechtigkeit gesiegt, während Victoria, die Siegesgöttin, auf dem Brandenburger Tor unverdrossen ihre Rosse durch die Zeiten lenkte. 1861 hatte Berlin eine solche Ausdehnung erreicht, daß eine Korrektur der Stadtgrenzen unumgänglich wurde. Zählte man 397 767 Einwohner im Jahre 1846, so waren es fünfzehn Jahre später 547 671 Menschen, die die Stadt bevölkerten. Gegen etlichen Widerstand dekretierte das preußische Innenministerium die Eingemeindung von Wedding, Moabit, Gesundbrunnen sowie von Teilen Schönebergs und Tempelhofs. Das hatte zur Folge, daß das Brandenburger Tor wie alle anderen Stadttore Berlins auch seine eigentliche Zweckbestimmung verlor. Die Zollmauern wurden abgerissen und mit ihnen die Tore - bis auf das eine, den Langhansschen Repräsentativbau. Der sah sich unversehens von der Peripherie an einen neuen städtischen Mittelpunkt gerückt. Mit der Beseitigung der alten Zolleinrichtungen beschränkte sich die Anlage vollends auf ihre städtebaulich repräsentative Funktion. Um im Umkreis des Tores einen architektonisch "angemessenen und würdigen Anblick" zu gewährleisten, waren die Fachbehörden aufgerufen, Planungsentwürfe vorzulegen. Im Laufe der Jahre kamen stattliche neun Alternativen zusammen, nicht weil sich die Fülle exemplarischer Ideen nicht begrenzen ließ, sondern weil die Vorschläge entweder in den Rivalitätskämpfen der Fachbehörden untergingen oder am Einspruch des Königs scheiterten. 1868 schließlich konnte man die Umgestaltung in Angriff nehmen. Man einigte sich darauf, die durch Pilaster gegliederten äußeren Flügelbauten in dreischiffige Durchgangshallen für den Personenverkehr zu verwandeln; an der Rückseite der Flügelbauten, wo sich Ställe und Remisen befunden hatten, Säulenreihen aufzurichten, um sie durch Architrave mit den Wachgebäuden zu verbinden; die beiden Statuen des Mars und der Minerva von der Ostseite auf die Nord- bzw. Südseite zu versetzen. Das Brandenburger Tor hatte eine neue Fassung erhalten. Wer mochte spüren, der achtlos an dem bleichen Mars vorbeispazierte, daß sich der Kriegsgott nur allzubald rüstete? Die Geschichte hat die drei Kriege gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und Frankreich 1870/71 als Reichseinigungskriege zusammengefaßt. Was im nachhinein als folgerichtige Entwicklung erscheinen mag, war im Ablauf der Ereignisse durch die Unwägbarkeiten unerwarteter Konstellationen stets gefährdet. Am 18. Dezember 1864, nach der Niederlage Dänemarks, gab König Wilhelm I. Order, auf dem Exerzierplatz vor dem Brandenburger Tor eine Siegessäule zu errichten. Eingeweiht wurde sie erst 1873, immer wieder verzögert durch neue Reliefkompositionen zur Erinnerung an Schlachtensiege, die anno 64 noch nicht errungen waren. Das liberale Bürgertum, dessen Träume von einer demokratisch-parlamentarisch strukturierten Reichseinigung in der gescheiterten 48er Revolution untergegangen waren, sah sich 1866 an einem Scheideweg. Bismarcks Politik steuerte, den Deutschen Bund auflösend und Österreich ausschließend, auf eine kleindeutsche Reichseinigung unter preußischer Hegemonie zu, favorisierte einen Konstitutionalismus, der durch das "monarchische Prinzip" eingeschränkt war, das den Vorrang der Krone vor dem Parlament sicherte. Die Gegenposition war, unter Einschluß Österreichs, eine großdeutsche Lösung der Reichseinigung. Und eine dritte Position forderte, unabhängig von kleindeutsch oder großdeutsch, ein demokratisches Regierungssystem im Sinne einer parlamentarischen Monarchie. Entsprechend kontrovers waren die Reaktionen. So schrieb der Jurist Rudolf v. Ihering: "Mit einer solchen Schamlosigkeit, einer solchen grauenvollen Frivolität ist vielleicht nie ein Krieg angezettelt worden wie der, den Bismarck gegenwärtig gegen Österreich zu erheben sucht." Hingegen begrüßte der Historiker Johann Gustav Droysen begeistert die Chance zu "einer wahrhaft nationalen Machtbildung": "Fragen Sie mich, ob ich liberal oder konservativ stimmen werde ... so sage ich: weder liberal noch konservativ, sondern preußisch, das ist deutsch, deutsch, das ist preußisch." Die "wahrhaft nationale Machtbildung" fand am 18. Januar 1871, genau zum 170. Jahrestag der ersten preußischen Königskrönung, in Versailles ihre Erfüllung. Zwar monierte die Baronin Spitzemberg, eine gute Freundin des Hauses Bismarck, daß die Berliner - sie "sind ein ekelhaft blasiertes, nüchternes Volk" - diese Nachricht keineswegs mit überbordendem Enthusiasmus, wie er von andernorts gemeldet wurde, aufnahmen. Doch Gelegenheit gab es auch hier genug, die neuen vaterländischen Emotionen anzufachen. Spätestens bei der offiziellen "Bewillkommnung des Kaisers und des Heeres ... innerhalb des Thores". Wie am 7. Dezember 1864 und am 20. September 1866 zogen auch jetzt, am 16. Juni 1871, die siegreichen Krieger durchs Brandenburger Tor, das die Heimkehrer mit der Losung begrüßte: "Sedan - welch eine Wendung durch Gottes Führung." Dazu hieß es in einem Bericht: "Fast überreich verziert zeigte sich der schöne Bau des Brandenburger Thores; um den Schmuck der Triumphstraße vom Halleschen Thore bis zu dieser berühmten Pforte hatte Baumeister Koch sich verdient gemacht. Es war halb ein Uhr geworden, ehe der Kaiser durch den mittelsten Portikus des Thores einritt und den Pariser Platz betrat. Hier stand die Tribüne mit den Ehrenjungfrauen, deren Sprecherin, die Tochter des bekannten Bildhauers Professor Blaeser, den Monarchen mit einem kurzen Gedicht ... begrüßte". Wieder einmal hatte das Brandenburger Tor seine Pflicht als Triumphbogen erfüllt - diesmal nicht im Auftrag der preußischen, sondern der neuen deutschen Reichsgeschichte. Das wurde zum Maß für künftige Festivitäten und Ehrungen. Wenn es in der Reichshauptstadt fortan Außerordentliches zu zelebrieren galt, war diese repräsentative Kulisse in die Inszenierung einbezogen. Die alljährlichen Sedansfeiern, die deren Mitinitiator Pastor Bodelschwingh als Erinnerung verstanden wissen wollte, "wie Großes der Herr an uns gethan hat", benutzten das Tor für gesteigerten Hurrapatriotismus genau so wie all die gekrönten Häupter von Italiens Umberto über den österreichischen Franz Joseph bis hin zur Königin der Niederlande für ihre festlichen Einfahrten zum Staatsbesuch. Und sicher war es ein Spektakel eigener Art, als Wilhelm II. ein Jahr vor dem großen Weltbrand mit seinen "Vettern" dem russischen Zaren, den er jovial "Nicki" nannte, und dem englischen König, der seinem dröhnenden Temperament wenig lag - in trauter Eintracht durch das Tor seinem Stadtschloß entgegenfuhr. Drei Herrscher, bestaunt als die Großen der Welt - das war auch am Brandenburger Tor kein alltägliches Ereignis. Genauso wenig wie jener Trauerzug anno 1888, als der Sarg mit dem steinalt gewordenen Kaiser ins Charlottenburger Mausoleum überführt wurde. Am Brandenburger Tor, das der "gewaltige Kriegsfürst" dreimal als Sieger durchfahren hatte, verabschiedete ihn ein riesiges Transparent, das man unter der Victoria angebracht hatte: "Vale Senex Imperator." Im Gefolge der rastlos ehrgeizige Enkel, der den todkranken Vater und Nachfolger vertrat und das Erbe schon zum Greifen nah wußte. Mochte der altmärkische Uradel derer von Bismarck dem Hohenzollerngeschlecht an Anciennität auch kaum unterlegen sein, im Selbstverständnis des jungen Kaisers, der von einer Weltmacht träumte, ging es nicht an, die Herrscherleistung seines Großvaters durch einen gefürsteten Reichskanzler verdunkeln zu lassen, auch wenn der seinem Herrn noch so verdienstvoll gedient hatte. Mit allen Mitteln versuchte der stürmische Monarch, gleichwohl vergeblich, seinen Ahnen der Geschichte als Wilhelm "den Großen" aufzudrängen. Den "Diener" hingegen, der auch seine kaiserliche Macht begründet hatte, schickte er in Pension. Der junge Herr wollte sein eigener Bismarck sein, und was das bedeutete, wurde alsbald im "persönlichen Regiment" des Kaisers ersichtlich. Als "der Zeiten ohnmächtiger Sohn", wie er sich bitter charakterisierte, wurde Bismarck nicht müde, den "Neuen Kurs" des Wilhelminismus über ihm dienliche Presseorgane zu attackieren. Auch im Ausland blieben die Spannungen zwischen Kaiser und Kanzler a. D. nicht unbemerkt. Wo der eine mit gezielten Grobheiten nicht sparte, setzte der andere eins drauf. Ein Affront besonderer Art war, als der Hohenzoller Kaiser Franz Joseph nötigte, Bismarck bei einem Besuch in Wien eine Audienz zu verweigern. Es bedurfte einer ernsthaften Erkrankung des Altkanzlers, um die gekränkte Majestät, von ihren Beratern gedrängt, zu bestimmen, eine offizielle Aussöhnung mit dem unbequemen "Alten vom Sachsenwald" zu genehmigen. Nicht Einsicht, sondern Opportunität war der Vater des Gedankens. Der Nachruf auf einen vor aller Welt unversöhnten Kanzler würde die Formulierungskünste der kaiserlichen Kanzlei überfordern. So hielt Fürst Otto von Bismarck am 26. Januar 1894 in der Reichshauptstadt noch einmal festlichen Einzug. Berlin hatte seinen Fahnenschmuck angelegt, das Militär stand Gewehr bei Fuß, und die Straßen säumten zwischen drei- und vierhunderttausend jubelnde Menschen, als der bald Neunundsiebzigjährige durch das Brandenburger Tor dem Hohenzollernschloß entgegenfuhr. Die Zeitzeugen waren von der Begeisterung der Massen überwältigt. "Ein bißchen mehr, und es war schon Wahnsinn", notierte die Gräfin Radziwill. Der Hochgeehrte sah das freilich alles viel nüchterner. Spöttisch nannte er die aufwendige Inszenierung "Versöhnungsrummel" und bestieg bereits am Abend wieder seinen Salonwagen nach Friedrichsruh. Daß es kein Zurück mehr gab, wußte niemand besser als der Hochgeehrte selber. So grandios das äußerliche Bild des Triumphs auch sein mochte, was blieb, war, wie Max Weber es pointiert aussprach, "der kalte Hauch der Vergänglichkeit". Festlich-zeremonieller Aufwand dekoriert seit altersher das Schaufenster der Monarchien. Im wilhelminischen Deutschland jedoch wurde dieses Gepränge reichlich strapaziert. Militärparaden und Aufmärsche gerieten zu Demonstrationszügen eines Reiches, das stets in der Furcht lebte, seine neue Weltmachtgeltung könne nicht die gebührende Beachtung finden. Die bramarbasierenden Reden Seiner Majestät schossen mitunter dermaßen ins Kraut, daß selbst so manchem Untertanen Bedenken kamen - von der Wirkung aufs Ausland ganz zu schweigen. Als der Kaiser am Brandenburger Tor am 16. Dezember 1900 die Niederschlagung des chinesischen Boxeraufstandes feierte, war seine berüchtigte "Hunnenrede"*, die er zum Auszug der Truppen gehalten hatte, noch in frischer Erinnerung, ja sie diente noch im Ersten Weltkrieg der Entente zur Propaganda. Das Martialische und geistig Unkontrollierte solcher Äußerungen stand in seltsamem Widerspruch zur reichen Verstandesschärfe eines Menschen, der seine pathologische Unrast durch ständig übersteigerte Selbstbestätigung zu kompensieren suchte. Nicht ohne Hintersinn nannten ihn die Zeitgenossen den "Reisekaiser", der mit seinen publikumswirksamen Auftritten permanent auf einer Bühne zu stehen schien. Und wenn er einmal zu Hause war, dann fehlte auch dort nicht der obligatorische Kulissenzauber mit militärischen Aufmärschen aller Art. Das Register dieser Paraden und Aufzüge auszubreiten, für die wie so oft das Brandenburger Tor herhalten mußte, würde ein Leporelloalbum der Langeweile provozieren. Im Selbstverständnis der Zeit waren das jedoch Haupt- und Staatsaktionen, in denen auch das Bürgertum seine Selbstbestätigung fand. Und selbst wenn Seine Majestät sich privat seinen Untertanen zeigte, hatte dies demonstrativen Charakter. Sei es bei Ausritten in den Tiergarten, bei Kutsch- oder Automobilfahrten - wobei dem Herrscher und seiner Familie die mittlere Öffnung des Brandenburger Tores stets zur Durchfahrt reserviert blieb. Jubelnde Menschenmassen als Kulisse des eigenen Gottesgnadentums machten für Wilhelm II. einen theatralischen Effekt, auf den er nur ungern verzichtete. * Die instabilen Verhältnisse in China, durch Eingriffe der europäischen Großmächte zusätzlich gefördert, eskalierten 1900 im sog. Boxeraufstand, der sich vor allem gegen die Fremdbestimmung des Reiches wendete. Als in Peking der deutsche Gesandte ermordet wurde, befahl Wilhelm II. eine Strafexpedition ins Reich der Mitte. Zum Abschied rief er seinen Truppen zu: "Bewahrt die alte preußische Tüchtigkeit, zeigt euch als Christen im freudigen Ertragen von Leiden, möge Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen! ... Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen. Wie vor 1000 Jahren die Hunnen unter König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!" In einem kaiserlichen Brief heißt es: "Eine solche Masse Menschen und Wagen alle aufgefahren nebeneinander vom Bahnhof, Anhaltstraße, Königgrätzer Straße bis zum Brandenburger Tor und Unter den Linden auf der anderen Seite, alle Fenster voller Menschen ... und noch diesen Moment ... dauert das Singen und Schreien fort!" Ein Taumel, ein austauschbarer Taumel der Begeisterung, denn was da Kaiser Wilhelm I. über den Kriegsbeginn 1870 festgehalten hat, kann für den Beginn des Ersten Weltkriegs nahtlos übernommen werden. Wilhelm II. hätte diesen Stimmungsbericht seines Großvaters lediglich abschreiben müssen, um die Seelenlage der Deutschen im August 1914 zu charakterisieren. Nur jener Nachsatz wäre ihm nicht in die Feder gekommen, in dem Wilhelm I. bekennt, ihn erfülle "eine komplette Angst bei diesem Enthusiasmus." Der Enkel war da von deftigerem Gemüt. Am frühen Morgen des 2. August, gegen 6 Uhr, fuhr vom Schloß aus ein Automobil über die Lindenallee Richtung Brandenburger Tor. "Von zehn zu zehn Häusern hält es an", so die Zusammenfassung jener gespannten Stunden in der Geschichte des Völkerkrieges aus dem Jahre 1916, "ein langer Herr, Zivil, steht auf, ruft durch die hohlen Hände wie durch ein Megaphon das Wort in die Menge, auf das sie wartet: 'Mobil!' Der Widerhall rollt ihm voraus. Zwei Wagen mit Offizieren folgen. Sie haben die Säbel herausgerissen, sie schreien in die Menge: 'Mobil! Mobil!'" Und der Kaiser sprach: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Der Krieg als Stahlbad der Erneuerung, als kathartisches Gemeinschaftserlebnis evozierte eine Begeisterung, die jede Bedenklichkeit, jede Besonnenheit niederschrie, so als führe er die Menschen in eine unbekannte Freiheit. Es war ein europäischer Enthusiasmus von Petersburg bis London, von Berlin über Wien bis Paris, in dem jeder seine Wahrheit feierte. So zogen denn alsbald und wieder einmal die Soldaten durchs Brandenburger Tor - nicht zu Paraden und Aufmärschen, nicht ins Manöver, sondern auf die Schlachtfelder und in die Schützengräben. Bis Weihnachten, da war man sich sicher, war man sieggekrönt wieder zu Hause. Es dauerte dann doch erheblich länger, bis man wieder zu Hause war. Und der Sieg verblutete bei Verdun und Ypern, an der Marne und bei Langemarck. Als nach schätzungsweise zehn Millionen Toten, die dieser Weltkrieg insgesamt gekostet hatte, die Waffen endlich schwiegen und die ersten Truppen in die Heimat zurückgeführt wurden, begrüßte sie kein Kaiser mehr - der hatte sich nach Holland abgesetzt -, sondern ein Vertreter der einst verfemten Sozialdemokratie, Friedrich Ebert, nunmehr Vorsitzender im Rat der Volksbeauftragten. Am Brandenburger Tor begab sich eine gespenstische Szene. Die Kommandos der Offiziere schallten über den Pariser Platz, als gälte es einer Parade wie zu Kaisers Zeiten. Schwarzweißrote Fahnen flatterten im Wind, und mit klingendem Spiel marschierten die Soldaten feldmäßig gerüstet unter der Victoria hindurch - eine Parade in kaiserlicher Tradition als Einstand in die Republik, die die Dolchstoßlegende vorwegnahm. Das war am 10. Dezember 1918. Kaum einen Monat später notierte Harry Graf Kessler in seinem Tagebuch: "In der Königgrätzer Straße fallen gerade Schüsse. Auf dem Brandenburger Tor stehen Regierungstruppen und ein Maschinengewehr, man sieht die Bedienungsmannschaft herumgehen neben der riesigen Victoria und den edlen ... Rossen." Der Spartakusaufstand, nur der Auftakt zahlloser Angriffe auf den zerbrechlichen Staat, forderte seine Opfer. Die Kämpfe, die sich am Tor und am Reichstag konzentrierten, strahlten auf den gesamten Innenstadtbereich aus, so daß Graf Kessler schreiben konnte: "Jeden Tag ist auf den Straßen Berlins etwas Neues los; aber das Reich geht dabei zum Teufel." In der Stadt herrschte eine Atmosphäre, die der beim Untergang der Titanic nicht unähnlich war. "Cafe Vaterland ist hell erleuchtet ... Obwohl jede Minute Kugeln einschlagen können, spielt die Wiener Kapelle, die Tische sind gut besetzt, die Dame unten im Zigarettenhäuschen lächelt wie im tiefsten Frieden ihren Kunden zu." Und an anderer Stelle: "Mehrere Schüsse, dann ein, zwei Minuten Pause, dann wieder mehrere Schüsse usw. Warum geschossen wird, was los ist, erfährt man nie! Aber man lebt wie in einer Oper von Verdi, wo hinter jeder Straßenecke mauerfarbene Verbrecher mehr oder weniger gutmütigen Schlags lauern und losschießen, sobald jemand die Nase heraussteckt." Mit der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs hatte die umkämpfte Republik ihre ersten prominenten Opfer. Wieder wurde das Brandenburger Tor zur Kulisse für einen Trauerzug, dem noch etliche folgen sollten. So Walther Rathenau, dessen Kondukt zu einem Protest gegen die um sich greifende Mordhetze wurde. Graf Kessler schließt seinen Bericht über die Zeremonie mit den Worten: "Was Lassalle sich erträumte, den Einzug durch das Brandenburger Tor als Präsident einer Deutschen Republik mit der im Goldschmuck ihres Haares strahlenden Göttin, ist vom Juden Rathenau durch seinen Märtyrertod im Dienst des deutschen Volkes verwirklicht worden." So Friedrich Ebert, der von den Rechtsradikalen verspottete und doch so integre, verdienstvolle Reichspräsident, der sich in diesem Dienst gesundheitlich aufgerieben hatte und seine letzte Reise auf den Friedhof nach Heidelberg durch das Mittelportal des Tores antrat. So Gustav Stresemann, von dem die Londoner Times schrieb, er habe der deutschen Republik unschätzbare Dienste erwiesen, und seine Leistung für Europa sei ein gewaltiges Werk. Andere hielten ihren Einzug. Paul von Hindenburg, der als Eberts Nachfolger seinen kaiserlichen Feldherrnruhm einbrachte, der Kompromißkandidat eines Staates, der, von den Extremen von links und rechts gnadenlos attackiert, keine politisch tragfähige Mitte kannte. Ein Zeitzeuge, der Schriftsteller Hans-Otto Meissner, erinnert sich der Ankunft: "Schulter um Schulter standen die Menschen, alle Männer mit entblößtem Haupt am Brandenburger Tor. Da war wirklich allerhand los. Das Berliner Wachregiment mit schmetternder Musik, mit vielen Trommeln, Trompeten und Fanfaren. Abordnungen aller Art und zahlreiche Veteranen, die großenteils wieder die alte, die weitgehend verbrauchte feldgraue Uniform angelegt hatten ... die Hochrufe fanden kein Ende." Da mochten alte Erinnerungen wachgerufen werden, als einst der junge Hindenburg anno 66 und anno 71 als Sieger durch dieses Tor gezogen war. Wer dem Jubel, diesem "vorwärts in die Vergangenheit" mißtraute, der stand abseits und notierte, wie Graf Kessler, sarkastisch: "Er ist der Gott aller derer, die sich ins Philistertum zurücksehnen und die schöne Zeit, wo man nur zu verdienen und zu verdauen brauchte mit einem nach oben gerichteten Augenaufschlag." Leute, die überzeugt waren, daß nostalgische Sehnsucht nicht die Zukunft garantiert, hatten geringe Konjunktur. Selten waren die offiziellen Besuche geworden, bei denen das Regierungsviertel Staat machen konnte. Da versetzte die Berliner schon ein afghanischer Potentat in Aufregung, zumal, wenn er als Majestät unter der Victoria hinwegkutschierte. Von Afghanistan wußten die Neugierigen nichts, "aber es ist etwas los in Berlin, und die dunklen Gesichter in den reichen Uniformen, die in den vielen Wagen sitzen, interessieren sie schon sehr." Selbst der ehemalige Kronprinz war von dem Großen Bahnhof für die fremde Majestät so übermannt, daß er sich dem Festzug spontan anschloß. Einmal wieder das Bad in der Menge genießen. Trotzdem war es ein bescheidenes Spektakel, jedenfalls im Vergleich zu der Propagandaorgie fast zehn Jahre später, als das Dritte Reich Benito Mussolini als Staatsgast empfing, und der "Führer" alles dransetzte, um den "Duce" zu beeindrucken. Zwei Diktatoren im Wettbewerb öffentlichen Schaugepränges, das die "Achse Rom-Berlin" besiegeln sollte. Frankreichs Botschafter André François-Poncet war davon überzeugt, daß "niemals ein Monarch in Deutschland mit solchem Prunk empfangen worden" sei. Vom Schloß über das Brandenburger Tor zog sich bis zum Olympia-Stadion eine via triumphalis mit riesigen Drapierungen und Pylonen. An der Lindenallee waren bis zum Tor Hunderte von Säulen errichtet, gekrönt von vergoldeten Adlern mit ausgebreiteten Schwingen, die nachts angestrahlt wurden. Berlin staunte und jubelte über den gigantischen Kulissenzauber, der selbst die Bühnenkünste der Kaiserzeit in den Schatten stellte. Neben dieser Großen Oper waren die Empfänge für den ungarischen Reichsverweser Horthy oder den jugoslawischen Prinzregenten allenfalls Operette. Aber auch der diente das Tor natürlich als Dekorationsmöbel. Mit diesen braungefärbten Spektakelszenen eilen wir der Zeit jedoch ein wenig voraus. Ein zweiter Teil ist erforderlich, um die dramatisch wechselreiche Geschichte des Brandenburger Tores vom 30. Januar 1933 bis zum 3. Dezember 1990 zu erzählen.
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