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Das Brandenburger
Tor
Mit Denkmalsarchitektur ist es eine zweischneidige Angelegenheit. Was ihre Schöpfer als Zeugnis des Triumphs, als Mahnmal, als historischen Erinnerungswert den nachfolgenden Generationen überliefern wollen, gerät nicht selten zur musealen Schaustellung ohne inneren Bezug, wird zum Dekorationsobjekt im Stadtbild oder in exponierter Topographie. Beispielsweise das Niederwalddenkmal überm Rhein bei Rüdesheim. Einst nicht nur als Monument der Reichseinigung, sondern auch als Triumphzeichen gegen den "welschen Erbfeind" gedacht, taugt es heute allenfalls zum Fotoobjekt fürs Familienalbum, an einen Sonntagsausflug mit Kaffee und Kuchen erinnernd. Die historische Entwicklung hat es von der Gegenwart abgekoppelt und isoliert. Ganz anders verläuft der Erinnerungsbezug zum Brandenburger Tor, das, 92 Jahre älter als die schwertschwingende "Germania" vom Rhein, keineswegs weltenferne Vergangenheit repräsentiert, sondern mit seiner wechselreichen Geschichte wirkungsmächtig einen Bogen in die Gegenwart spannt. Friedenstor sollte es einst sein, ein Triumphtor wurde es - für Napoleon, der die Quadriga als Trophäe entführte, für Preußen und das Reich, das hier seine Siege feierte und seine Sedanfeiern zelebrierte. Im Vormärz und in der 48er Revolution brachte die rosselenkende Victoria, die Siegesgöttin, in Erinnerung, daß die Hoffnungen der Befreiungskriege erst eingelöst seien, wenn der Konstitutionalismus den Fürstenabsolutismus überwunden hatte. In der stets gefährdeten Weimarer Republik umkämpften sie Spartakus und Regierungstruppen, keinen von beiden zum Sieg führend, weder in die Diktatur des Proletariats noch in die Beständigkeit einer demokratischen Ordnung. Stattdessen ging das Gespenst einer Demokratie ohne Demokraten um, denn wo es an Statik mangelt, hat kein Haus Bestand. Und der, der das Weimarer Haus zum Einsturz bringen sollte, stand schon bereit. Hindenburg, der überforderte greise Reichspräsident, wußte sich, von einflußreichen Kreisen gedrängt, keinen anderen Ausweg mehr als Adolf Hitler. Einen Vorgeschmack auf das Illusionstheater des Dritten Reichs mit seinen pyrotechnischen Effekten und nächtlichen Lichtdomen gab der Abend des 30. Januar 1933. Der französische Botschafter, dessen Residenz unmittelbar am Brandenburger Tor lag, hat die Triumphszene des Nationalsozialismus miterlebt: "In dichten Kolonnen, mit Musikkapellen, die militärische Weisen spielen, im dumpfen Wirbel ihrer großen Trommeln, tauchen sie aus den Tiefen des Tiergartens auf, ziehen unter der Siegesgöttin des Brandenburger Tores hindurch. Die Fackeln bilden einen einzigen Feuerstrom, einen Strom, dessen Wellen ununterbrochen aufeinander folgen, einen schwellenden Strom, der mit herrischer Macht in das Herz der Hauptstadt dringt. Und von den Männern im braunen Hemd und in hohen Stiefeln, die diszipliniert in Reihen marschieren und mit gleichmäßigen Stimmen aus voller Kehle kriegerische Lieder singen, geht eine unerhörte Begeisterung, eine dynamische Kraft aus. Die Zuschauer, die Spalier bilden, werden von dieser Begeisterung erfaßt. Sie brechen in lang anhaltende Rufe aus, von denen sich der unerbittliche Gleichklang der marschierenden Stiefel und der Rhythmus des Gesanges abheben. Der Feuerstrom zieht an der französischen Botschaft vorüber ... Er schwenkt in die Wilhelmstraße ein und zieht unter den Fenstern des Reichskanzlerpalais vorüber. Dort oben steht der Greis, auf seinen Stock gestützt, ergriffen von der Macht des Geschehens, das er selbst heraufbeschworen hat. An einem nahen Fenster steht Hitler, von Zurufen, einem Sturm der Begeisterung begrüßt. Und unaufhörlich wälzt sich der Strom von den Alleen des Tiergartens heran." So steht schon die Eröffnungsfeier des Dritten Reichs im Feuerschein der Dunkelheit. Wenn in Goebbels' Aufzeichnungen dieses Tags ein Satz stimmt, dann der: "Deutschland steht vor seiner historischen Wende." Dem Wortgewaltigen ist's "fast wie ein Traum", wie ein "Märchen", was ihm aber keineswegs die Rede verschlägt. Die einmalige Gelegenheit nutzend, läßt er den "Aufbruch der Nation" von allen Rundfunksendern übertragen. Und damit nur ja keine unangemessenen Worte durch den Äther jagen, behält er sich den Kommentar persönlich vor. Nur schade, daß die Masseneuphorie nicht von Filmkameras für die Nachwelt festgehalten wurde. Doch Goebbels wäre nicht das Propagandagenie seines "Führers", wüßte er nicht Abhilfe. Im Sommer wird der ganze gigantische Rummel für den Film noch einmal inszeniert. Wieder einmal war das Brandenburger Tor zum Triumphbogen stilisiert worden - diesmal für die Nationalsozialisten, die keinen Augenblick den Beweis schuldig blieben, daß mit der Kanzlerschaft Adolf Hitlers die Weimarer Koalitionsregierungen ihr Ende fänden. Der Reichstagsbrand, dessen nächtliches Menetekel noch bis zur Victoria herüberleuchtete, setzte das Fanal. Die, die das Flammenzeichen erkannten, waren die Bedrohten, die Gefährdeten, die eine neue "revolutionäre" Staatsordnung zu Außenseitern der "Volksgemeinschaft" stempelte. Daß sich die Willkür der Stigmatisierung, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, selbst gegen die eigenen Leute wenden kann, gehört zu den Gesetzmäßigkeiten vieler Diktaturen. Gleichwohl kam der Schlag gegen die SA an jenem berüchtigten 30. Juni 1934 überraschend. Das Tor mit der Victoria, das ihre braunen Kohorten seit dem 30. Januar immer wieder durchzogen hatten, war nun von der SS hermetisch abgeriegelt. Als Hitler die Morde, denen "nebenbei" auch etliche Oppositionelle oder sonst Mißliebige zum Opfer fielen, legitimierte, indem er sich unwidersprochen zum "obersten Gerichtsherrn" der Nation erklärte, war der Rechtswillkür endgültig der Abgrund geöffnet. Am Brandenburger Tor wurde indes weiter marschiert. Jetzt in der schwarzen Uniform der SS, die ihren blutigen Sieg über den Rivalen mit einem "Tag der SS" feierte. Natürlich war das Tor in die Aufmarschpläne des nationalsozialistischen Festkalenders fest eingebunden. Ob Heldengedenktag oder Erntedankfest, ob Führers Geburtstag oder Maifeier - der Langhanssche Bau stand stets als Dekoration zur Verfügung. Nicht zu vergessen all die sonstigen Umzüge, mal historisch gewandet, mal militärisch streng, mal für das Hilfswerk "Mutter und Kind", mal für eine Lotterie zur Arbeitsbeschaffung. Und als die Blitzsiege des Zweiten Weltkriegs mit Fanfaren als Sondermeldungen im Radio angekündigt wurden, wußten die Berliner, daß ihnen wieder einmal eine Militärparade ins Haus stand. Selbst der berühmte Eisenbahnwaggon von Compiègne, in dem 1918 das geschlagene Deutschland und 1940 das geschlagene Frankreich den Waffenstillstand hatten unterzeichnen müssen, wurde durch das Brandenburger Tor transportiert - allerdings erst im März 1941. Diktatoren hatten eben immer schon für Trophäen eine besondere Schwäche. Um demonstrative Weltoffenheit bemühte sich das Regime 1936 anläßlich der olympischen Spiele. Goebbels wies die Presse an, daß der "Rassestandpunkt bei der Berichterstattung völlig unbeachtet bleiben müsse"; das antisemitische Hetzblatt Der Stürmer war an den Kiosken plötzlich nicht mehr sichtbar; das Stadtbild wurde von diskriminierenden Schildern wie "Zutritt für Juden auf eigene Gefahr" oder "Juden nicht erwünscht" gereinigt. Berlin zog sich wieder einmal ein Festgewand an - diesmal in der Haute Couture des Nationalsozialismus. Vom Dom und Stadtschloß bis zum Brandenburger Tor drapierten rot-samtene Behänge mit Hakenkreuz die Gebäude vom Dach bis zur Straße, aufgelockert hin und wieder durch Girlanden, Goldbänder und die olympische Flagge. Vom Brandenburger Tor bis zum Reichssportfeld führte eine zehn Kilometer lange Fest-Avenue aus Fahnen und Girlanden. Albert Speer lieferte die Entwürfe für dieses Festgewand der Selbstdarstellung - für ihn kaum mehr als eine Arbeit zur linken Hand, nicht minder routiniert erledigt wie die Gestaltung der Dekorationskulissen zu den Reichsparteitagen. Hitler gab seinem Lieblingsarchitekten andere Herausforderungen aufs Reißbrett. Die faszinierendste war vermutlich die Umgestaltung Berlins zur Welthauptstadt "Germania" bis zum Jahre 1950. Wer sich heute das Modell betrachtet, der sieht sich mit einer Gigantomanie konfrontiert, die den Bau der Neuen Reichskanzlei weit in den Schatten stellte. Nur mit dem alten Ägypten, Babylon oder Rom sollte diese Architektur nach Hitlers Willen vergleichbar sein. Eine Triumphstraße von 120 Metern Breite, ein Triumphbogen in den Maßen 117x170x119, eine Kuppelhalle mit 290 Metern Höhe für etwa 180 000 Menschen - um nur die wichtigsten Markierungspunkte einer Architektur zu nennen, die jedes Maß für gewachsene Strukturen verloren hatte. Noch mitten im Krieg schwärmte Hitler von diesem imperialen Exzess. Träumend dachte er sich Kolonnen von Kirgisen aus, die durch diese Kapitale geführt würden, "um ihre Vorstellung mit der Gewalt und Größe ihrer steinernen Denkmale zu erfüllen". Wären diese Monstrositäten verwirklicht worden, was der Krieg verhinderte, es hätte den radikalen Kahlschlag der bürgerlichen Stadtstrukturen Berlins bedeutet. Und das Brandenburger Tor? Es wäre in diesem Ambiente, lächerliche 26 Meter hoch, zur Puppenstubenarchitektur verkommen. Daß dieser Kahlschlag auf ganz andere, entsetzliche Weise doch noch Wirklichkeit wurde, war die Antwort auf die Nemesis der Macht, als die Sirenen heulten, die Menschen in Keller und Bunker flüchteten und die Schwärme der feindlichen Fliegerangriffe immer dichter wurden. Waren die Bombardements - sie begannen am 25./26. August 1940 mit einem britischen Einsatz - zunächst noch sporadisch, so setzte der konzentrierte Luftkrieg nach der Zerstörung Hamburgs im Sommer 1943 ein. Potsdamer Platz und Brandenburger Tor waren da aber schon seit zwei Jahren schwer beschädigt. Das, was bis zum Ende der Luftangriffe im März 1945 noch nicht zerstört war, besorgte die Rote Armee, als sie sich Straße um Straße ins Regierungsviertel vorkämpfte. Die bürgerliche Repräsentationsarchitektur war zu ragenden Stümpfen und funktionslosen Wänden geronnen, ein Trümmerfeld des Machtwahns, das in seiner Trostlosigkeit den einen an das Forum Romanum zur Zeit der Völkerwanderung erinnerte, anderen "den Eindruck einer wundersamerweise guterhaltenen Ruine des Altertums wie Pompeji oder Ostia in riesiger Größe" vermittelte. Es war der kalte Sarkasmus der Ausweglosigkeit, wenn Witze von der Art die Runde machten, daß in einer überfüllten Straßenbahn eine Frauenstimme empört ruft: "Sie drücken mir ja die Brust ein!" und darauf zur Antwort erhält: "Das wird alles nach dem Krieg größer und schöner wieder aufgebaut!" In den Verliesen der Reichskanzlei, wo der "Führer" Entsatzarmeen lenkte, die es gar nicht mehr gab, wurde unterdessen die Vernichtung als Götterdämmerung inszeniert, begleitet von Goebbels' geradezu "ekstatischem Untergangsjubel" (J. Fest). Was Hitler bereits 1942 in einer Rede zum 9. November prophezeit hatte, löste das Inferno der Zerstörung ein: "Alle unsere Gegner können überzeugt sein: Das Deutschland von einst hat um dreiviertel Zwölf die Waffen niedergelegt - ich höre grundsätzlich immer erst fünf Minuten nach Zwölf auf!" Noch im Tod am 30. April, mit dem die Welt allzu spät von ihm befreit wurde, ließ er der Nachwelt eine letzte Lüge zurück. Der "Führer" sei, so hieß es, im Kampf am Brandenburger Tor den Heldentod gestorben. Am Morgen des 2. Mai traf die "Gruppe Ulbricht", aus Moskau kommend, im Stadtzentrum ein. Auf dem Reichstag wehte die rote Sowjetfahne. Und es begab sich das, was, kaum ein Dutzend Wochen zuvor, eine Berlinerin nur schaudernd ihrem Tagebuch anzuvertrauen gewagt hatte: "Berlin unter Sowjetherrschaft? Der rote Stern auf dem Brandenburger Tor? Die Siegesparade der Rotarmisten auf der Ost-West-Achse? Alptraum oder unmittelbare Zukunft?!" Es war unmittelbare Zukunft: die Paraden der Sieger, auf dem Tor zwar kein roter Stern, aber rote Fahnen, die Quadriga zerschossen. "Ein Roß blieb heil, ein zweites lehnt sich, schwer getroffen, an das gesunde. Der Rest des Wagens, einschließlich der Siegesgöttin, wurde atomisiert", so ein Zonenblatt 1946. Langhans' klassizistisches Meisterwerk, über und über mit Einschüssen bedeckt, mit zerborstenen Torsäulen, kaum noch fähig, die Last des Architravs zu tragen, mit Torhäusern und Säulenhallen, die auf ihre Umfassungsmauern reduziert sind. Und gleich daneben der Tiergarten, der mit seinen Bombentrichtern einem Schlachtfeld gleicht. "Zwischen Bataillonen gefällter Parkbäume ragen die Stümpfe ihrer Kronen beraubter Eichen und Buchen", so ein Zeitzeuge. "Die Charlottenburger Chaussee bedecken zerrissene Tarnnetze, versackte Autos, ausgebrannte Lastzüge, zwischen denen eine Völkerwanderung von Obdachlosen verstört dem Großen Stern zustolpern." Das Siegestor Napoleons, der Preußen, des Kaiserreichs, der Nationalsozialisten - es wird zum Siegestor der Alliierten nach einem weltweiten Völkerkrieg, der schätzungsweise 45 Millionen Menschen das Leben kostete. Bevor sich die Alliierten zur Parade rüsten, ziehen noch einmal Deutsche in geschlossener Formation durch das Tor: Kriegsgefangene, die ihren Weg nach Osten antreten. Und als sei es nicht genug, lächelt ihnen aus der Portalmitte der andere Menschenvernichter, Josef Stalin, auf einer riesigen Photographie zum Abschied zu. Wenig später, am 12. Juli, wird das Tor Kulisse für Ordensverleihungen zwischen Briten und Sowjets. Was folgte, war nicht nur eine Zeit zunehmender Ideologisierung, die schließlich in den Kalten Krieg führte, sondern auch gesteigerter Beflissenheit. Architektur, die als preußisch galt, und damit als militaristisch, war durch Bilderstürmerei gefährdet. Im Mai 1946 beantragte der damals noch gesamtberliner Magistrat bei der Alliierten Kommandantur die "Genehmigung zur Abtragung der sogenannten Siegesallee, der Siegessäule am Großen Stern, des Denkmals Wilhelms I. an der Schloßfreiheit ... sowie 40 weiterer Denkmäler und Embleme nationalsozialistischen bzw. militaristischen Charakters". Damit setzte eine Entwicklung ein, die, vor allem im Ostteil der Stadt, eine Art architektonische Entnazifizierungswelle auslöste und auch vor wertvollem Kulturgut, nur weil es "preußisch" war, nicht haltmachte. Ideologische Fanatiker kennen keine Gnade, wollen unübersehbare Zeichen setzen, und so war es nur folgerichtig, daß Walter Ulbricht 1952 auch den Abriß des durchaus restaurierbaren Stadtschlosses der Hohenzollern befahl. Dermaleinst sollte dort ein mit 700 Tonnen Asbest verseuchter Palast der Republik den ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat repräsentieren. Das Brandenburger Tor, an dem schon 1946 erste Sicherungsmaßnahmen durchgeführt wurden, blieb von diesem Zerstörungsprozeß verschont - nicht zuvörderst, weil es sich, im ostzonalen Herrschaftsbereich gelegen, seit der Berliner Blockade so vorzüglich als Plakatwand für Propagandasprüche eignete, sondern weil es den Sowjets als Monument ihres Sieges galt. Natürlich gab es im Trümmergebirge Berlins Vordringlicheres zu erledigen als eine Instandsetzung dieses Bauwerks, gleichwohl kamen schon 1946 erste Vorschläge "aus den Reihen des Volkes", um die Reste der Quadriga durch eine neue, zeitgemäße Skulptur zu ersetzen. So dachte ein Architekt an "eine Gruppe Werktätiger mit einer Mutter, die ihr 'goldenes' Kind der leuchtenden Sonne entgegenstreckt", was er "als das Sinnbild eines neuen, sonnigen Lebens" gedeutet wissen wollte. Bei Lebensmittelkarten, die einem Berliner monatlich 9000 Gramm Brot, 600 Gramm Fleisch und 200 Gramm Fett zum Überleben zuteilten, mochte das Abstruse solcher Träumereien verzeihlich sein. Auch später, als die politische Eiszeit mit Blockade und Gründung zweier deutscher Teilstaaten reichlichen Propagandanebel produzierte, war an Absurditäten kein Mangel. So machte die Idee die Runde, die zerstörten Rösser der Quadriga durch das noch erhaltene Gespann des Kaiser Wilhelm I.-Denkmals an der Schloßfreiheit zu ersetzen. Andere meinten, man könne das Tor mit einer Skulptur zieren, die Picassos Friedenstaube nachgebildet sein sollte - eine Idee, die in Stalins Reich nicht ohne tragische Ironie war. Letztlich war das alles aber nur Gedankenspielerei ohne Konsequenz. 1950 wurde die schwerkriegsbeschädigte Schadow-Skulptur vom Sockel gestürzt und eine rote Fahne aufgepflanzt. Zuständig für diese Art von Aufräumungsarbeiten waren Brigaden der FDJ, die Erich Honecker kommandierte. Da Honeckers Mannen ganze Arbeit geleistet hatten, blieb - außer einem Pferdekopf - nicht einmal ein Restbestand fürs Museum übrig, nur Schrott. Ein Neuaufbau wäre allemal möglich gewesen, waren doch 1943 mit Beginn der Luftschlacht um Berlin Gipsabgüsse von der Skulptur angefertigt worden. Doch die lagerten nun im "feindlichen" Dahlem. Wenn auch nicht Kupfer, so hätte Bronzematerial zur Verfügung gestanden, waren doch genug Denkmäler des "preußisch-deutschen Militarismus" eingeschmolzen worden. Seit April 1951 war das Brandenburger Tor eingerüstet - ein Zeichen dafür, daß die Anlage in die vom Ostberliner Magistrat beschlossene Wiederherstellung der historischen Bauten der Lindenallee einbezogen werden sollte. Die Arbeiten gerieten freilich nur halbherzig. Es fehlte nicht nur an denkmalpflegerischen Steinmetzen, sondern vor allem an den finanziellen Mitteln, die dem "Nationalen Aufbauprogramm Berlins" vorbehalten waren. So blieb das Brandenburger Tor seit Jahresende 1952 eine unbesetzte Baustelle. Man muß zugestehen, daß die Menschen in jenen Tagen, in Ost wie in West, von anderen, existenzielleren Sorgen geplagt waren. Wenn der Bau eine Funktion hatte, dann höchstens die, daran zu erinnern, daß wenige Meter davor zum Tiergarten hin die Demarkationslinie zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen Sektor gezogen war. Für den freien Verkehr zwischen den Stadtteilen hatte dies aber keine Bedeutung. In den Brennpunkt der Weltöffentlichkeit gerät das alte Bauwerk schlagartig, als am 17. Juni 1953 Kolonnen von Arbeitern aus den Außenbezirken in die Innenstadt marschieren und sich zu einem Demonstrationszug zusammenschließen, der, mehr und mehr Zulauf erhaltend, sich über die Stalinallee und Unter den Linden auf das Brandenburger Tor zubewegt. Die Arbeiter wenden sich, Kampflieder und das Deutschlandlied singend, gegen jenen Staat, der angeblich ihnen gehört. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrt sich ein Land, das zu kaum mehr erfüllbaren Arbeitsnormen angetrieben, gleichzeitig aber durch Demontagen ausgeplündert wird, das Wirtschaftsvisionen in die Tat umsetzen soll ohne die materielle Basis, wie sie den Westdeutschen durch die Marshallplanhilfe zuteil wird. Auf den Straßen werden die Proteste immer deutlicher. Bald geht es nicht mehr um Normerhöhungen, sondern um politische Freiheit, und die Menge skandiert Losungen wie "Es hat keinen Zweck - der Spitzbart muß weg!" oder "Ulbricht, Pieck und Grotewohl - wir haben die Schnauze voll!" Die Herren sind jedoch nicht erreichbar, wie vom Erdboden verschwunden. Am Potsdamer Platz gehen die Tageslosungen des Kommunismus - Transparente und Propagandasäulen - in Flammen auf. Zwei junge Arbeiter steigen auf das Brandenburger Tor und holen unter dem Beifall der Menge die rote Fahne herunter, die in Fetzen gerissen wird. Als wenig später einige Jugendliche versuchen, die Fahne mit dem Berliner Bären zu hissen, fallen Schüsse. So weht die neue Flagge nur auf halbmast. Panzer fahren auf, der Militärkommandant des sowjetischen Sektors von Berlin übernimmt das Kommando, schlägt den Protest nieder und rettet das Regime, das gnadenlos Rache an seinen "konterrevolutionären" Untertanen nimmt. Daß die Revolte eine klassenfeindliche Inszenierung westlicher Agenten gewesen sei, gehört fortan zum Repertoire der offiziellen Sprachregelung. Es war nur die Illusion eines Augenblicks, als die laufenden Kameras der Presse am Brandenburger Tor Verbrüderungsszenen im Bild festhalten. Gleichzeitig wächst die Angst, ein Eingreifen westlicher Militärs könne eine unmittelbare, nicht kalkulierbare Konfrontation mit den Sowjets heraufbeschwören. Doch hier wie später beim Mauerbau, als die Situation noch gefährlicher erscheint, erweist sich, daß alle vier Siegermächte lediglich an der Wahrung ihrer Besitzstände interessiert sind, daß am Brandenburger Tor ein politischer Graben gezogen ist, den weder West noch Ost zu überspringen wagen. Alsbald wehte dort, wo einst die Rosselenkerin stand, wieder die rote Fahne. Wenn der 17. Juni etwas deutlich gemacht hatte, dann dies, daß die Teilung Deutschlands weiter fortgeschritten war, als man es sich eingestehen mochte. Zwei grundverschiedene Gesellschaften befanden sich im Aufbau, zwei Staaten wurden zum Glacis der jeweiligen Machthemisphäre, bildeten die Reibungszone zwischen Kommunismus und Demokratie, die in diversen Berlin-Krisen immer wieder Funken schlagen sollte, stets gewärtig, daß dies einen Brand entfachen könnte. Das friedliche Bild des freien Zugangs zwischen West- und Ostberlin mochte Illusionen nähren, aber gerade der 17. Juni hatte das Trügerische aufgedeckt. Die Reaktionen in der Bundesrepublik waren, wie sollte es anders sein, ein Gemisch aus Empörung und Ohnmacht. Um die Bindungen zwischen beiden Teilstaaten zu festigen, konstituierte sich die überparteiliche Organisation "Unteilbares Deutschland", die das Brandenburger Tor in ihrem Emblem führte. Der Bundestag beschloß, den 17. Juni zum "Tag der deutschen Einheit" zu erklären. Nur - wie es mit der Langzeitwirkung von Empörungen so seine Bewandtnis hat: Der alljährliche Protest der Politiker und die Leitartikel der Journalisten setzten in der Routine Patina an, und dem von Arbeit befreiten Volk geriet das frühsommerliche Gedenken zum Picknick - Feiertag. Wie gefährlich entzündbar die Reibungsflächen am Brandenburger Tor blieben, machte der Paukenschlag des 13. August 1961 erschreckend deutlich. Seit 1945 gehörten die Flüchtlingsströme von Ost nach West zum Alltag - mal mit mehr, mal mit weniger Intensität. Eine Abstimmung mit den Füßen als die einzige Form praktizierbarer Demokratie. Diese Möglichkeit schien bedroht, als Chruschtschow 1958 ultimativ die Bildung einer "Freien Stadt Westberlin" forderte, war gleichzeitig aber attraktiver denn je angesichts der Magnetwirkung des sogenannten Wirtschaftswunders in der Bundesrepublik. Als zu Beginn der sechziger Jahre die DDR von einem regelrechten Exodus erfaßt wurde - allein vom 1. Januar bis zum 13. August 1961 wechselten 207 026 Menschen die Grenze -, war abzusehen, daß der Ulbricht-Staat wirtschaftlich auszubluten begann. Mit Gegenmaßnahmen war zu rechnen, was im Westen zu allerlei Spekulationen führte - bis hinzu einer Neuauflage der Blockade. Doch von einer dermaßen radikalen Lösung, wie sie der 13. August einleitete, waren selbst die westlichen Geheimdienste überrascht. Als Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz scheinheilig erklärte, ihm sei nicht die Absicht bekannt, eine Mauer zu errichten, liefen - mit Moskauer Rückversicherung - die Vorbereitungen für die Stunde X längst auf Hochtouren. Schon Adolf Hitler pflegte seine Überraschungscoups aufs Wochenende zu terminieren. So auch jetzt. Um Mitternacht von Samstag auf Sonntag rückte die NVA aus, eine Stunde später folgten die Betriebskampfgruppen, um den U- und S-Bahn-Verkehr zwischen Westberlin und der "Hauptstadt der DDR" zu sperren und das Brandenburger Tor abzuriegeln. Während Panzerfahrzeuge an wichtigen Knotenpunkten auffuhren, begannen Baukolonnen unter Bewachung mit ersten "Sicherungsmaßnahmen", errichteten Drahtverhaue, spanische Reiter und Betonhindernisse. Bevor die Menschen richtig begriffen hatten, was geschah, war das Fluchtloch bereits verstopft. Doch das war nur ein Auftakt dafür, den Westteil der Stadt mit Mauer und Stacheldraht zu isolieren und den ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat mit immer ausgeklügelteren Techniken der "Grenzsicherung" in ein riesiges Gefängnis zu verwandeln. Deutsche Gründlichkeit gestattete sich, wie stets, keine Halbheiten. Zynisch sprach die Propaganda von einem "antifaschistischen Schutzwall", den in den ersten Tagen unter dramatischen Umständen viele noch zu überwinden suchten. Als der Mauerring die westliche Stadthälfte scheinbar endgültig einschnürte, wurden die verzweifelten Versuche, ihn zu durchstoßen, lebensgefährlich. Heute wird die Gesamtzahl der Opfer des Schieß-Befehls an den DDR-Grenzen mit 192 angegeben. Der 13. August 1961 hatte das Brandenburger Tor wieder einmal unter das politische und publizistische Brennglas der Welt gestellt. Was von diesem symbolträchtigen Ort seinen Ausgang nahm, schien die Teilung Deutschlands zu besiegeln. Langhans' Architektur wurde, als Sperrzone zum "Handlungsraum der Grenztruppen der DDR" erklärt, zu einem Mahnmal der Spaltung. Die Welt hielt indes den Atem an, als amerikanische und sowjetische Panzer aufeinander zufuhren und für einen Augenblick der kalte Krieg in einen heißen umzuschlagen drohte. Nur in der Kuba-Krise im Oktober 1962 stand die Konfrontation der Supermächte noch bedrohlicher auf des Messers Schneide. Wenn es dann doch nicht zum Äußersten kam, um den Bau des Gefängnisses und die Abschnürung Westberlins zu verhindern, dann deshalb, weil der Westen, von verbalen Drohgebärden abgesehen, darauf verzichtete, in diesem explosiven Pokerspiel weiter mitzugehen und sich auf das Grundmuster des Status quo besann, das in stiller Übereinkunft eine Intervention der Amerikaner in der östlichen Hemisphäre und der Russen in der westlichen ausschloß. Der 17. Juni und der Budapester Aufstand 1956 hatten diese politische Grundregel ausgeformt, der 13. August und die Niederschlagung des "Prager Frühlings" 1968 sollten sie bestätigen. Unterdessen reihten sich an den Grenzen die Betontürme entlang der Laufgräben und Minenfelder zu strenger Kontrolle. Auch auf dem Brandenburger Tor nisteten sich Observierungsposten ein, wurden dort aber 1986 durch eine elektronische Fernbeobachtungsanlage ersetzt. Wenn es um die technische Vervollkommnung des Überwachungsinstrumentariums ging, war dem SED-Staat keine Investition zu teuer. Im Westteil zimmerte man vor dem Tor eine Aussichtsplattform, um über die Mauer hinweg einen Blick "nach drüben" zu ermöglichen. Eine "Attraktion" für Touristen; ein Pflichtritual im Besuchsprogramm von Politikern und Staatsgästen, garniert mit allerlei Lippenbekenntnissen, die nichts kosteten und nichts bewirkten. Wo die Gegenwart sich mit einer Politik der kleinen Schritte, auch Wandel durch Annäherung genannt, begnügen muß, bleibt der Kredit auf die Zukunft wohlfeil. Die Mächtigen und die Ohnmächtigen - sie geißelten die Schandmauer, bezeichneten das Brandenburger Tor als Mahnmal des gespaltenen Deutschland, protestierten empört, später routiniert gegen das Abschießen von Menschen und ... arrangierten sich. Und Schadows Siegesgöttin blickte wie eh und je von ihrer Stufenattika herab, so als sei es ein Weltgesetz, daß sich das Brandenburger Tor zu einem überdimensionalen Grenzstein zwischen Freiheit und Unfreiheit reduziert habe. Genügend Zynismus vorausgesetzt, und der wurde ja reichlich produziert, hätte man meinen können, die Wiederherstellung des Tores samt der Quadriga sei gerade rechtzeitig abgeschlossen worden, damit es die Falschmünzer des angeblich real existierenden Sozialismus zum "Friedenstor" erklären konnten. Seit dem Sommer 1958 war es von an die 10 000 schadhaften Stellen befreit, restauriert in seinem plastischen Reliefschmuck und ergänzt durch den Wiederaufbau seiner Torhäuser. Die Reparatur machte denkmalpflegerisch und handwerklich Eindruck, auch wenn sich die Experten alsbald einig waren, daß die Farbgebung wie die Beschaffenheit des Putzes kaum Bestand haben würden. Begonnen hatte die aufwendige Arbeit zu einem Zeitpunkt, als man nach den langen Jahren der Untätigkeit kaum noch mit einem neuen Anlauf gerechnet hatte. Nachdem noch Anfang August 1956 der Ostberliner Denkmalbehörde mitgeteilt worden war, daß die Finanzmittel für das Tor, die sowieso nur für weitere Schadensbegrenzung gedacht waren, gekürzt werden müßten, erging kaum fünf Wochen später ein Magistratsbeschluß, hinter dessen dekorativem Titel "Verschönerungsplan für das demokratische Berlin" sich auch die Instandsetzung der Langhansschen Anlage verbarg - inklusive Quadriga*, was freilich nicht ohne Komplikationen zwischen dem Roten und dem Schöneberger Rathaus abging, denn die Gipsabgüsse von 1943 befanden sich ja bekanntlich im Westteil der Stadt. Der Senat wünschte eine Mitwirkung an der Neugestaltung, der Magistrat lehnte dies unter Hinweis auf seine Eigentumsrechte an Tor und Quadriga ab. So geriet ein Kunstwerk zu einer politischen Affäre, was kein Einzelfall bleiben sollte. Da Ostberlin aber wegen der Abgüsse auf die Hilfe des Klassenfeindes angewiesen war, mußte es sich damit abfinden, daß das Gespann in der Westberliner Gießerei Noack in Kupfer getrieben wurde und so der Propagandaeffekt verpuffte, der das Gesamtensemble als sozialistisches Kulturdenkmal reklamierte. *Als Kuriosa seien noch zwei Umgestaltungsvorschläge der frühen fünfziger Jahre vermerkt: Im Hinblick auf die III. Weltfestspiele der Jugend wurde angeregt, das Tor mit einer Erdkugel zu krönen, um die Jugendliche aus aller Welt, an den Händen gefaßt, tanzen. Eine andere Version begeisterte sich für die Skulptur einer Menschengruppe, die "die werktätige Bevölkerung der DDR und unserer Stadt" verkörpernd, "symbolisch nach Westen die Hände zur Einigung aller Deutschen ausstrecken" sollte. So politisch gegenwartsnah diese Idee auch sein mochte, dazu hätte es zumindest der Meisterschaft eines Auguste Rodin bedurft, unabhängig davon, daß die klassizistische Gesamtwirkung zerstört worden wäre. Daß die Fertigstellung von Tor und Quadriga terminlich nicht miteinander harmonierten, erinnerte daran, daß seinerzeit auch der Zeitplan von Langhans und Schadow nicht aufeinander abgestimmt gewesen war. In diesem Falle lag es nicht nur an der zögerlichen Auftragsvergabe des Senats, sondern auch an objektiven Schwierigkeiten. Die Firma Noack, die schließlich den Zuschlag erhielt, sah sich zu einem zeitraubenden Puzzlespiel genötigt, da man es 1943 versäumt hatte, die einzelnen, keineswegs vollständigen Abgüsse zu numerieren. So wurde die Rekonstruktion des Vierergespanns eine mühselige Tüftelarbeit, und was an Teilen fehlte, mußte nach Stichen, Zeichnungen und Skizzen neugestaltet werden. Das betraf u. a. auch Schinkels Werk, das Eiserne Kreuz und den Adler. Es war ein nicht alltägliches Schauspiel, als am 1. August 1958 die Victoria samt Streitwagen auf einem Tieflader die Stätte ihrer Wiedergeburt verließ, um zum Brandenburger Tor transportiert zu werden. Einen Tag später folgten die Rösser. Die Journalisten hatten Großkampftag. Wer jedoch gedacht hatte, daß das in so manches politische Tauziehen verstrickte "Unternehmen Brandenburger Tor" nun endlich zu allseitiger Zufriedenheit zum Abschluß gekommen wäre, sah sich eines schlechteren belehrt. Da das Gespann mit mehr als hundert Zentnern ein größeres Gewicht auf die Waage brachte, als dies in der Planung angenommen worden war, kam es zu technischen Komplikationen. Die vorbereiteten Befestigungspunkte stimmten mit denen der Pferde nicht überein. Das kostete Zeit. Was aber die Gemüter wallen ließ, waren Komplikationen ganz anderer Art. Angefacht durch eine Ostberliner Pressekampagne, die sich in Leserbriefspalten austobte, erregte man sich ausgiebig darüber, daß die Westberliner die Geschmacklosigkeit hatten, nach Schinkelscher Manier die Siegesgöttin mit Eisernem Kreuz und Adler zu dekorieren. So weit durfte Tradition nicht gehen, galten doch diese Embleme, von der Geschichte diskreditiert, als Zeichen des preußisch-deutschen Militarismus. Zwar meldeten sich auch besonnene Stimmen, die dieses absurde Eifertum erschreckte, doch die vox populi war so gelenkt, daß die Gegner dieses Danaergeschenks um ihren Einfluß nicht fürchten mußten. Das sozialistische Friedenslager bestand darauf, in dem Eisernen Kreuz "eine Medaille des legalisierten Mordes" zu sehen. Andere verwiesen darauf, daß es sich bei Schinkels nachträglicher Zutat sowieso um einen Anachronismus handele, der das Klassische Altertum mit Preußens Gloria ungebührlich verquicke. Kurzum, der Magistrat sah sich veranlaßt, dem Drängen des aufgebrachten Volkes zu entsprechen und ex cathedra festzustellen, daß "auf dem wiederhergestellten Brandenburger Tor kein Platz für Hakenkreuze, Eiserne Kreuze und für den Preußenadler" vorhanden sei. Geschichte als Wechselbalg von Ideologien, als Steinbruch des Opportunismus - zu oft ist dieser Mißbrauch aus seinen trüben Quellen schon genährt worden, als daß es noch eines Kommentars bedürfte. Am 22. September begannen endlich die Montagearbeiten auf dem Tor. Fünf Tage später waren sie vollendet. Die Siegesgöttin lenkte wieder ihre Rosse - natürlich ohne die militaristischen Zutaten, wie es das Volk gefordert hatte. Die lagerten zunächst im Büro des "Bevollmächtigten des Oberbürgermeisters für das Brandenburger Tor", später in einem Depot des Märkischen Museums. Alle Versuche, zuletzt 1987 anläßlich des siebenhundertjährigen Stadtjubiläums, die Schinkel-Embleme doch noch in die Geschichte des Tors wieder einzubinden, schlugen fehl. Kurt Hager, der Gralshüter der SED-Kultur, mochte seinen Bannstrahl nicht zurücknehmen. Vermutlich hatte das Politbüro anno 87 auch ganz andere Sorgen. Längst war das Haus des real existierenden Sozialismus einsturzgefährdet, mehr als es sich die "verdorbenen Greise" (W. Biermann) selbst zugeben wollten, mehr als der Westen es ahnte. Während Hager im Hinblick auf Gorbatschows radikale Umgestaltung der Sowjetpolitik noch maliziös meinte, man sei nicht genötigt zu tapezieren, nur weil der Nachbar dies tue, beschleunigte sich in Osteuropa ein revolutionärer Wandlungsprozeß, der weit mehr als ein Tapetenwechsel war. Unterdessen fanden in der DDR die Protestversammlungen, die im Schutz der Kirchen ihren Widerstand formulierten, mehr und mehr Zulauf. Kritisch wurde die Situation, als sich im Frühherbst 1989 der Strom der Flüchtlinge - weit mehr als einst vor dem Mauerbau - in den bundesrepublikanischen Botschaften der einst befreundeten sozialistischen Bruderländer derart aufstaute, daß jeden Augenblick ein Dammbruch zu erwarten war. Unfähig, auf die Herausforderungen eines Weltenwandels zu reagieren, wurden die Feiern zum 40. Jahrestag der DDR zu einer janusköpfigen Veranstaltung. Während sich das Politbüro nach alter Weise mit Paraden und Aufmärschen bejubeln ließ, formierten sich, angeführt von den Leipziger Montagsdemonstrationen, auf den Straßen der Städte die Massen und riefen "Wir sind das Volk!". Dieses Protestpotential wurde zum politischen Meßinstrument, dessen seismographische Ausschläge etwas Unfaßbares ankündigten: eine Revolution gegen den gesetzmäßigen sozialistischen Fortschritt, wie ihn die SED für sich in Anspruch nahm. Im Katechismus des Systems, das nur eine von außen gesteuerte Konterrevolution kannte, war dies ein Widerspruch in sich selbst und entsprechend hilflos waren die Reaktionen. Daß die Siegesgöttin dem real existierenden Sozialismus davonjagen könnte, war ein Horrorgespinst, das die Hohenpriester im Politbüro lähmte. Das Gefängnis revoltierte gegen Unmündigkeit und Unfreiheit, war nicht mehr bereit, Zuckerbrot und Peitsche als Zuchtmittel hinzunehmen. Als zunächst Ungarn, dann die Tschechoslowakei die Grenzen öffneten, gab es kein Halten mehr. Doch Erleichterung verschaffte dieser neuerliche Exodus dem Regime nicht. Und auch mit Konzessionen an jene, die selbstbewußt riefen "Wir bleiben da!", war es nicht mehr getan. Es funktionierte keine Schleuse in diesem Staudamm der Einsichtslosigkeit, und so brach er endgültig am 9. November 1989, als - vermutlich durch ein Mißverständnis in der Befehlsübermittlung zwischen Politbüro und Ministerialbürokratie - via Fernsehen ein Beschluß verkündet wurde, der uneingeschränkte Reisefreiheit garantierte. Die orientierungslosen, völlig verunsicherten Grenzwächter wußten sich nicht mehr zu helfen und gaben angesichts der Menschenmassen die Übergänge frei. Der "antifaschistische Schutzwall" wurde zur Kletterpartie, zur engen Tanzfläche des Jubels, zum Steinbruch der "Mauerspechte" und Souvenirjäger. Und das Brandenburger Tor, das Symbol der Teilung, öffnete sich am 22. Dezember 1989 als Freiheitstor. Der historische Augenblick, der fortan so oft beschworen werden sollte - hier war er Wirklichkeit und via Fernsehen noch im hintersten Winkel erlebbar. Was sich begab, war ein weltweites Ereignis ungläubigen Staunens, in Deutschland eine Stunde der Emotionen ratlosen Glücks. Wo eben noch ein technisch perfektionierter Todesstreifen zwei Welten voneinander getrennt hatte, werden wenig später die Berliner und ihre Gäste herumspazieren. Ein Niemandsland mitten in der Stadt wollte erforscht sein. Der Schnitt der Geschichte zwischen Gestern und Heute war so radikal, so ohne Vorbereitung, die Entwicklung gewann eine solche Eigendynamik, daß auch die Politiker des Westens den Ereignissen nur noch hinterherzurennen vermochten. Und so mancher, der sich zur bundesrepublikanischen Polit- oder journalistischen Prominenz zählte, entdeckte seine Entrüstung über das unmenschliche SED-Regime mit seiner Willkür gegen Kritiker und Gegner, mit seinem perfiden Tauschhandel von Menschen gegen Sachwerte und Devisen. Wer mochte sich da noch daran erinnern lassen, daß er sich mit dem Regime vielleicht doch mehr eingelassen hatte, als dies die Politik der kleinen Schritte notwendig machte? Vom Pragmatismus zum Opportunismus ist es eben nur ein kurzes Stück Wegs. Und noch einmal kam es zu einer Stunde der großen Euphorie - für die, die nicht "live" dabeisein konnten, televisionär ins Bild gesetzt: die neuerlichen Vereinigungsszenen am Brandenburger Tor in der Silvesternacht 1989. Menschen spazierten hin und her über den bald zugeschütteten Graben der Trennung, tanzten auf der Mauer, auf dem Brandenburger Tor. Ein Taumel allseits, der der Siegesgöttin freilich wenig bekam. Sie bezahlte den Massenrausch mit etlichen Beschädigungen. Denn auch die Freude kostet ihren Preis, wenn sie sich in Vandalismus verwandelt. Unterdessen ist die staatliche Einheit Deutschlands vollzogen, juristisch nüchtern ausgehandelt, ohne vaterländisch übersteigerten Enthusiasmus zum Staunen der Welt. Und Berlin hat am Brandenburger Tor wieder seine Mitte gefunden. Daß die geistig-gesellschaftliche Einheit erst in einem langen Lernprozeß aller Deutschen gewonnen werden kann - dafür stehen vierzig Jahre Trennung. Der Dichter Reiner Kunze: "Als wir die Mauer schleiften, ahnten wir nicht, wie hoch sie ist in uns." Der 3. Oktober ist noch allgegenwärtig. Tags zuvor wurde die alliierte Kommandantur feierlich verabschiedet - nach einer letzten Sitzung, der 618. seit Juli 1945; die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in der DDR gab ihren Abschiedsempfang; die Volkskammer löste sich nach einer dramatischen Debatte auf. Vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor flanierten die Menschenmassen in den Abend - ein Volksfest mit Popkonzert und unzähligen Imbißständen, so daß die Süddeutsche Zeitung kommentierte: "Mit Sicherheit sind die Berliner pappsatt in die deutsche Einheit gegangen und ein bißchen betrunken auch, denn die Bierbuden waren ebenfalls nicht gerade dünn gesät." Fürs Feierliche der Honoratioren war das Schauspielhaus gewählt: Beethovens Neunte Sinfonie. Am Brandenburger Tor quetschte sich die Menge, daß es einem angst und bange werden konnte. Eine "schäumende, trillernde, wummernde Menschenmasse, in der Flaschen kreisten, Böller explodierten und Rundfunkreporter Reportagen sprachen. Ein Polizeisprecher rief durch sein Megaphon, man solle hier nicht bleiben, sondern zum Reichstag gehen, 'hier passiert nichts, dort geschieht alles'"(Süddeutsche Zeitung). So war es denn auch. Am Reichstag, wo 1918 Philipp Scheidemann die Republik ausgerufen hatte, sollte zur mitternächtlichen Stunde der feierliche Akt der Vereinigung zelebriert werden. Dem Vorschlag der Bundesregierung, auf dem Brandenburger Tor die Einheitsfahne zu hissen, hatten sich Senat und Magistrat von Berlin widersetzt. Die Stadtväter und -mütter waren lediglich bereit, das Tor vorübergehend von seinen Gerüsten zu befreien und die Restaurierungsarbeiten einzustellen, die ihm zu neuem Glanz verhelfen sollen, wenn sein 200. Geburtstag es erneut in den Mittelpunkt stellen wird. So drängten sich die Hunderttausende auf dem weiten Rund vor dem Reichstag. Der Akt der Proklamation geriet denkbar unspektakulär, wie das nicht selten der Fall zu sein pflegt, wenn allzu lange Erhofftes nicht mehr für möglich gehalten wird und wider Erwarten dann doch noch eintrifft: Hissen der Riesenfahne, drei feierliche Sätze des Bundespräsidenten, Einspielung des Geläuts der Freiheitsglocke vom Schöneberger Rathaus, Nationalhymne, Feuerwerk. Im "Rahmenprogramm" Musik der Renaissance und des Barock, später Beschwingtes von Rossini - eine nicht gerade originelle Wahl. Am nächsten Morgen Staatsakt in der Philharmonie, auf den Straßen Fortsetzung eines Volksfestes, das die Ordnungskräfte nicht entfernt so in Atem hielt wie jedes größere Fußballspiel. Die Geschichte hat den Deutschen ein Geschenk gemacht. Trotz aller materiellen und geistigen Schwierigkeiten, die dieser Einigungsprozeß noch durchlaufen wird, ist die Ausgangsposition denkbar günstig. Denn die Welt hat dieser Entwicklung zugestimmt, und eine friedvolle Revolution hat das vollendet, was mit Gorbatschows Politik in Gang gesetzt wurde. Was die Deutschen aus diesem Geschenk machen, ist von ihrer Vernunft und Besonnenheit abhängig. Wenn in Bälde die restaurierte Quadriga wieder ihren angestammten Platz auf dem Brandenburger Tor eingenommen haben wird, dann werden viele stehenbleiben und zu Schadows Werk prüfend oder bewundernd hochschauen. Und vielleicht kommt manchem auch das eingangs zitierte Heine-Wort in den Sinn: "Die gute Frau hat auch ihre Schicksale gehabt. Man sieht ihrs nicht an, der mutigen Wagenlenkerin." Ja, man sieht ihrs auch 170 Jahre später nicht an, trotz so mancher "Liftungen", trotz Zerstörung und "Wiederauferstehung". Selbst Schinkels einst ideologisch unzuträgliche Embleme sind ihr beigegeben, wenn sie wieder auf dem festen Grund der Langhansschen Architektur die Rosse lenken wird. Auf einem Tor, das wie kein anderes für die wechselvoll-dramatische Geschichte der Deutschen steht. Als Friedenstor geplant, avancierte der Bau zum Siegestor aller Couleur, führte eine Doppelexistenz als Mahntor der Einheit und Grenztor der Spaltung, um sich schließlich zum Freiheitstor zu öffnen. So mischt sich das Reale mit dem Symbolischen. Und im Symbolischen spiegelt das Brandenburger Tor nicht nur das, was ist, sondern auch das, was war und was sein soll: Mahnung und Hoffnung.
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