[Index]
Der deutsche Liederschatz
Die Gedanken sind frei
1. Die Gedanken sind frei,
Wer kann sie erraten,
Sie fliehen vorbei,
Wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
Kein Jäger erschießen
Mit Pulver und Blei.
Die Gedanken sind frei!2. Ich denke was ich will
Und was mich beglücket,
Doch Alles in der Still
Und wie es sich schicket.
Mein Wunsch, mein Begehren
Kann Niemand mir wehren.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.3. Und sperrt man mich ein
Im finsteren Kerker,
Das alles sind rein
Vergebliche Werke;
Denn meine Gedanken
Zerreißen die Schranken
Und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei.4. Drum will ich auf immer
Den Sorgen entsagen
Und will mich auch nimmer
Mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
Stets lachen und scherzen
Und denken dabei:
Die Gedanken sind frei.5. Ich liebe den Wein,
Mein Mädchen vor allen,
Sie tut mir allein
Am besten gefallen.
Ich sitz nicht alleine
Bei meinem Glas Weine,
Mein Mädchen dabei:
Die Gedanken sind frei.
Text: um 1790
Melodie: aus fliegenden Blättern um 1790
Text aus Süddeutschland oder Schweiz, vermutlich um 1790. Der unbekannte Dichter hat sich möglichenveise anregen lassen von Johann Agricolas Sprichwortsammlung 1534 ("Gedanken sind frei") oder von dem Lied "Sind doch Gedanken frei" des Minnesängers Walther von der Vogelweide, der ungefähr zwischen 1170 und 1230 lebte.