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Der deutsche Liederschatz

 

Rinaldo Rinaldini

1. In des Waldes düstern Gründen
|: Und in Höhlen tief versteckt :|
Schläft der kühnste aller Räuber
|: Bis ihn seine Rosa weckt. :|

2. "Rinaldini!" ruft sie schmeichelnd,
"Rinaldini, wache auf!
Deine Leute sind schon munter,
Längst schon ging die Sonne auf!"

3. Und er öffnet seine Augen,
Lächelt ihr den Morgengruß;
Sie sinkt sanft in seine Arme
Und erwidert seinen Kuß.

4. Und der Hauptmann, wohl gerüstet,
Tritt nun mitten unter sie:
"Guten Morgen, Kameraden,
Sagt, was gibt's denn schon so früh?"

5. Draußen bellen laut die Hunde,
Alles flüchtet hin und her;
Jeder rüstet sich zum Kampfe,
Ladet doppelt sein Gewehr.

6. "Unsre Feinde sind gerüstet,
Ziehen gegen uns heran.
Nun wohlan, sie sollen sehen,
Daß der Waldsohn fechten kann.

7. Laßt uns fallen oder siegen!"
Alle rufen: "Wohl, es sei!"
Und es tönen Berg und Wälder
Rundherum vom Feldgeschrei.

8. Seht sie streiten, seht sie kämpfen,
Jetzt verdoppelt sich der Mut!
Aber ach, sie müssen weichen,
Und vergebens strömt ihr Blut.

9. Rinaldini, eingeschlossen,
Haut sich mutig kämpfend durch
Und erreicht im finstern Walde
Eine alte Felsenburg.

10. Zwischen hohen düstern Mauern
Lächelt ihm der Liebe Glück!
Es erheitert seine Seele
Seiner Rosa Zauberblick.

11. Rinaldini! Lieber Räuber!
Raubst den Weibern Herz und Ruh!
Ach! wie schrecklich in dem Kampfe,
Wie verliebt im Schloß bist du!

 

Melodie - Von Goethes Schwager Christian August Vulpius (1762 - 1827) für seinen Räuberroman "Rinaldo Rinaldini" gedichtet. Das Lied wurde von Bänkelsängern textlich leicht abgewandelt auf Jahrmärkten zu einer alten Melodie vorgetragen und war sehr beliebt. Die Polizeibehörden verboten es jedoch, weil der Schluß des Originaltextes unmoralisch war und das Räuberleben verherrlichte. Das Lied durfte erst wieder öffentlich gesungen werden, nachdem ein Unbekannter zwanzig Jahre nach Vulpius' Tod zwei "moralische" Strophen hinzudichtete.