|
12. Sept
2005
"O
Tannenbaum, o Tannenbaum . . . "
Wie
der Siegeszug eines deutschen Weihnachtssymbols
begann
Von Klaus-Dieter
Dobat
Es hat den Anschein, als ob die
Forstleute seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
zunehmend um ihren Waldbestand fürchteten, vor allem um
die Nadelhölzer. Von einem "unwiederbringlichen
Nachtheil" sah 1788 ein Reskript des württembergischen
Herzogs Karl Eugen die Waldungen bedroht. Und eine
schleichende Gefahr beschwor der badische Oberforstrat
Professor Gatterer, der 1807 in einem Gutachten
unheilschwanger resümierte, daß der "den Forsten
zugehende Schaden bey weitem größer ist, als man
noch in vielen Gegenden anzunehmen scheint".
Derartige Alarmrufe über ein
"Wald-verderbliches Übel", wie sie damals in vielen
deutschen Regionen aufklangen, wurden freilich nicht durch
Umweltverschmutzung, durch Autoabgase und Ozonloch
ausgelöst. Eine handgreiflichere Ursache war parat,
nämlich eine "modische Neuheit" und "Barbarei": am
Heiligen Abend im Familienkreis einen geschmückten
Weihnachtsbaum aufzustellen. So sparte die Obrigkeit auch
nicht mit Verordnungen gegen diesen "ganz zwecklosen
Mißbrauch", den sie in einzelnen Fällen sogar
strafrechtlich verfolgte, selbst wenn der Baum ganz legal
erworben worden war.
Das mag im Rückblick nur wie
ein belangloses Kuriosum wirken. Aber diese
Reglementierungen sind auch ein Indiz für einen
kulturgeschichtlichen Wandel. Unmißverständlich
demonstrieren sie, wie sehr der Weihnachtsbaum damals als
neue "Mode" empfunden wurde. Binnen eines halben
Jahrhunderts jedoch gehörte er - geschmückt im
Lichterglanz erstrahlend und als leuchtende Kulisse der
Kinderbescherung im
Familienkreis - zum festen Repertoire bürgerlicher
Festkultur. Und die Forstleute waren zwangsläufig unter
den ersten, denen die sprunghaft steigende Nachfrage
auffiel. Daß 1775 in Weimar und Umgebung
schätzungsweise 500 Christbäume verkauft worden
seien, wertete der dortige Oberforstmeister v. Wedel als
Alarmzeichen: Unverzüglich sei den Anfängen zu
wehren und die Ausrottung dieser barbarischen Sitte
einzuleiten.
Welcher Schreck hätte wohl den
ehrbaren Oberforstmeister befallen, hätte er die
heutigen Größenordnungen erahnen können.
Nach einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur vom 6.
Dezember 1988 wurde für das bevorstehende
Weihnachtsfest mit mindestens 14 Millionen verkauften
Nadelbäumen gerechnet. Und insgesamt sollen in der
Bundesrepublik - so die allgemeine Schätzung -
jährlich rund 16 Millionen Weihnachtsbäume
aufgestellt werden. Ein Aufschwung, der mit Verordnungen
wohl kaum zu stoppen war.
Wann tauchte aber der Weihnachtsbaum
in der uns vertrauten Form zum erstenmal auf? Gerade die
Kombination des grünenden Nadelbaums mit dem
Lichterschmuck verführte in älteren
volkskundlichen Untersuchungen dazu, eine direkte Verbindung
zum germanischen Baum- und Lichtkult herzustellen. Eine
Hypothese, die vor allem unter völkischem Vorzeichen
ausgesponnen und von der nationalsozialistischen Ideologie
ausgeschlachtet wurde. Nun sollte das Festsymbol des
Heiligen Abends zur germanischen Jultanne umfunktioniert
werden.
Was steckt jedoch wirklich hinter
der vielzitierten These vom heidnischen Ursprung? Die
germanische Feier der Wintersonnenwende - das Julfest -
hatte ebenfalls einen Baumkult gekannt, bei dem
immergrüne Nadelzweige als Symbol der Fruchtbarkeit
dienten. Und um die bösen Geister vom neuen Jahr
fernzuhalten, wurden seit germanischer Zeit Lichter
angezündet, Holzstöße oder Sonnenräder
abgebrannt. Das ganze Mittelalter hindurch zürnten
geistliche Würdenträger über heidnisches
Treiben des Volks und den Grünschmuck in den
Behausungen.
Die Theologen setzten damit einen
Kampf fort, der schon in der Frühzeit des Christentums
begonnen hatte. Allerdings hatte die Kirche dabei selbst und
unfreiwillig eine Grauzone geschaffen, als sie den Tag der
Geburt Christi apodiktisch festsetzte. Ein verbindliches
Datum ist nämlich nicht überliefert. Die
frühen Christen vermuteten in ihren Legenden und
Kalendarien, daß der Geburtstermin in dem Halbjahr
zwischen Frühjahr und Herbst liegen müsse. Es war
eine kalkulierte religionspolitische Aktion, als im 4.
Jahrhundert die römische Kirche im Wettbewerb um die
geistliche Führungsrolle den 25. Dezember offiziell zum
Geburtstag Christi bestimmte. Damit trat das hohe
Kirchenfest in offene Konkurrenz zu den römischen
Saturnalien (17.-24. Dezember), zur gleichzeitigen
römischen Reichsfeier für den Sonnengott und zum
weitverbreiteten Kult des Lichtgottes Mithras, als dessen
Geburtstag ebenfalls der 25. Dezember galt.
Diese Taktik wiederholte sich bei
der Missionierung Mittel- und Nordeuropas, als die
heidnischen Mittwinterkulte durch die christliche Religion
verdrängt werden sollten. So erfolgreich alte
Bräuche auf diese Weise "besetzt" und umgewandelt
wurden, konnte gerade diese Methode es nicht verhindern,
daß Relikte im Volksglauben fortlebten. Sehr zum
Ärger der Geistlichen, die Mistel-, Tannen- oder
Fichtenzweige aus christlichen Haushalten verbannt wissen
wollten. Noch 1494 reimte Sebastian Brant in seinem
"Narrenschiff": Wer "gryen tann risz steckt jn syn husz, /
der meynt, er leb das jar nit usz!"
Mit dem neuzeitlichen Weihnachtsbaum
hat dieser hartnäckige Grünkult freilich wenig
gemeinsam. Was im Aufstecken der Zweige vereinzelt bis heute
fortlebt, sind letzte Überreste ländlicher
Fruchtbarkeitsbräuche. Dagegen ist der geschmückte
Baum als Festsymbol in der städtischen Bürgerwelt
entstanden. Seine Anfänge sind nicht in "deutscher
Urzeit" zu suchen.
Der früheste Sprung vom
Weihnachtsgrün zum geschmückten Baum muß
sich im Elsaß des 16.
Jahrhunderts vollzogen haben. Darauf
deutet jedenfalls die Überlieferung. Die ehemalige
Reichsstadt Schlettstadt (Séléstat) sieht sich
gar als "Wiege des Christbaums" - ein Anspruch, den sie 1988
mit einer Ausstellung zur Geschichte dieses weihnachtlichen
Brauchs untermauerte. Man stützt sich dabei auf eine
Eintragung des Stadtkämmerers von 1521, daß den
Förstern, die im Wald vor Weihnachten die Tannen
hüten, zwei Schillinge zu zahlen seien. Spätere
Eintragungen verzeichnen das Entgelt für die
Förster, die im Auftrag der Stadt die
Weihnachtsbäume schlugen. Die Nachfrage muß rasch
gestiegen sein, denn 1555 verbot der Rat von Schlettstadt
"by daruff gesetzter straff", den weihnachtlichen
Tannenbestand auf eigene Faust zu lichten. Das alte
Reichsstädtchen war jedoch kein einsamer Vorreiter des
Weihnachtsbaums. Vergleichbare Belege sind aus dem 16. und
17. Jahrhundert für zahlreiche Städte des
Elsaß, ebenso für die angrenzenden
oberrheinischen Gebiete nachgewiesen worden.
Das war keine Renaissance des
ländlichen Brauchtums. Bürger und Handwerker
hatten sich ihre eigene Festsitte geschaffen. In den reichen
oberrheinischen Städten mit ihrem blühenden Handel
und Handwerk herrschte reges geselliges Leben. Kirchliche
Feiertage und Feste wurden im Rahmen der ständischen
Ordnung gemeinschaftlich in Zünften, Gilden und
Herrengesellschaften begangen - so auch das Weihnachtsfest.
Seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert ist überliefert,
daß in den Zunftstuben (z. B. in Freiburg oder Bern)
und Gesellschaftsräumen (z. B. in Schlettstadt oder
Türkheim) geschmückte Bäume aufgestellt
waren. So beschreibt etwa die Chronik der Schlettstadter
"Stubengesellschaft" (einer Honoratiorenrunde), wie am
"Christtag abend" des Jahres 1600 die Förster
Tannenbäume brachten, die anschließend u. a. mit
Oblaten und Äpfeln behängt wurden. Bis zum
Dreikönigstag prangten sie in der Herrenstube; dann
durften die "buoben" die Bäume "schüttlin", d. h.
die lockende Zier war zum Plündern freigegeben.
Erstmals ist also in dieser Zeit der
geschmückte Baum in der Stube zur Institution geworden.
Noch fehlen die Lichter. Aber er ist, wie aus erhaltenen
Rechnungen hervorgeht, schon reich behängt mit
Äpfeln, Nüssen, Oblaten, Lebkuchen, Zuckerwerk,
Flittergold und gefärbtem Papier. Und auf dem Wege der
sanktionierten Plünderung bürgerte sich auch die
Bescherung der Kinder ein.
Handelte es sich bisher noch um
einen Gemeinschaftsbaum, so ist in den folgenden Jahrzehnten
ein weiterer Schritt vollzogen worden. Aus den
Gemeinschaftsstuben wanderte der Weihnachtsbaum in den
häuslichen Familienkreis. 1642 erwähnt Johann C.
Dannhauer, Münsterprediger in Straßburg,
daß man den Weihnachtsbaum "zu Hause" aufstelle und
mit Puppen oder Zuckerwerk behänge. Allerdings
zählt ihn der eifernde Theologe, wie auch so mancher
gestrenge Glaubensbruder, zu den "Lappalien" und zur
"Abgötterey, so man mit dem Christkindlein pflegt zu
treiben".
Lange hatte der fromme Prediger
freilich nicht zu klagen. Bald verschwand die Sitte erst
einmal wieder von der weihnachtlichen Bühne. In anderen
deutschen Gebieten scheint sie zu dieser Zeit sowieso noch
nicht Fuß gefaßt zu haben. Auch im Elsaß
hatte sich der Brauch nur vorübergehend durchgesetzt.
Denn in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges
und der Eroberungsfeldzüge Ludwigs XIV. ist er in
diesem heimgesuchten Landstrich wieder seltener gepflegt
worden, teilweise sogar in Vergessenheit geraten. Doch dann
erfolgt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein
neuer Aufschwung.
Vom Südwesten aus wird sich der
Weihnachtsbaum über Deutschland ausbreiten, vorerst mit
einem neuen protestantischen Akzent. Diese Nuance hatte sich
schon im 17. Jahrhundert vorbereitet. In seinen
elsässischen Anfängen war der Baum in katholischen
wie auch protestantischen Gebieten gleichermaßen
verbreitet gewesen. Bald hatte sich bei den Theologen Kritik
gegen "heidnischen" Brauch und Unfug geregt, wie sie etwa
der zitierte Johann C. Dannhauer zum Ausdruck brachte. Aus
den Kirchenfeiern hatte die Theologenschelte den Baum
vielfach verbannt. Die Konsequenzen waren in beiden
Konfessionen jedoch unterschiedlich. Hatte die Reformation
eine neue frühbürgerliche Ethik postuliert und die
Familie als Kern einer Gemeinschaft freier Christenmenschen
gefördert, so wurde auch dem Weihnachtsbaum als
Festsymbol der häuslichen Feier der Weg geebnet. Und er
bot die Möglichkeit zu einem Schachzug im Wettkampf der
Konfessionen: Durch die Bescherung am Weihnachtsfest
ließ sich der traditionelle St. Nikolausbrauch
verdrängen, und zudem konnte der Baum an die Stelle der
katholischen Krippe gesetzt werden. Später wurde gar
die Legende von der Einführung des Weihnachtsbaums
durch Luther liebevoll gepflegt, obwohl Luther den
Weihnachtsbaum noch gar nicht gekannt hatte.
Es war die aufblühende
bürgerliche Familienkultur, die dem Weihnachtsbaum seit
dem ausgehenden 18. Jahrhundert seine unbestrittene
Domäne bot. Die alten ständischen Korporationen
waren wirtschaftlich längst überholt, als
gesellige Mittelpunkte der städtischen Bürgerwelt
nicht mehr existent. Im Gefolge der Aufklärung entstand
das neue Bürgerideal mit seinem Arbeits- und
Pflichtethos, das ebenso die häuslichen Tugenden und
das Familienleben pflegte. Vor diesem Hintergrund konnte der
Weihnachtsbaum binnen eines halben Jahrhunderts die festlich
geschmückten deutschen Wohnzimmer erobern, und die
Adelssitze und fürstlichen Höfe versperrten sich
dieser Sitte keineswegs.
Zuerst drang der Weihnachtsbaum von
Südwesten nach Mittel- und Norddeutschland vor. Seit
dem ausgehenden 18. Jahrhundert bürgerte er sich in den
meisten protestantischen Regionen ein, in überwiegend
evangelischen Städten wie Nürnberg, Leipzig,
Dresden, Berlin, Hamburg etc. Die katholischen Regionen
zogen erst mit etlicher Verspätung nach (wie
übrigens auch die Landbevölkerung), wobei dann
nicht vom
Weihnachtsbaum, sondern vom "Christbaum" gesprochen wurde.
Lange galt er aber als ein "lutherischer" Brauch, und noch
im späten 19. Jahrhundert wurde der Protestantismus
deshalb sogar im Elsaß - im katholischen Reichs- und
Weihnachtsbaumstädtchen Schlettstadt (!) -
despektierlich als "Tannenbaum-Religion" bezeichnet.
Als ein Hauptakteur der
Familienfeier etabliert, begegnet das herausgeputzte
Schmuckstück mittlerweile immer häufiger bei den
Dichtern. Matthias Claudius schildert ein Weihnachtsfest mit
einem Baum im Mittelpunkt, wie es im Wandsbeker Schloß
1796 begangen wurde. Jung-Stilling hängt in seiner
Schrift "Heimweh" (1793) der Erinnerung an einen "hell
erleuchteten Lebensbaum mit vergoldeten Nüssen" nach.
Schiller erkundigt sich 1789 vorsorglich bei seiner Braut
Charlotte in Weimar, man werde ihm "hoffentlich einen
grünen Baum im Zimmer aufrichten". Und in Goethes
Werther-Roman gibt der Liebende, ganz hingerissen von Lotte,
seiner "paradiesischen Entzückung" eine der
Vorweihnachtszeit entsprechende Note, indem er
hingebungsvoll von der "Erscheinung eines aufgeputzten
Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln"
schwärmt.
Inzwischen hatte sich, wie die
Zitate zeigen, auch der Lichterschmuck eingebürgert.
Ein frühes, vereinzeltes Zeugnis ist der Brief, in dem
sich Liselotte von der Pfalz 1708 in Versailles
wehmütig an den alten heimischen Brauch erinnerte, den
sie auch bei ihrer Tante in Hannover 1662 einst erlebt
hatte: Buchsbäume mit "Kerzchen" an jedem Zweig. Seit
dem ausgehenden 18. Jahrhundert war der Lichterschmuck
unverzichtbarer Bestandteil geworden. Welche Pracht sich
staunenden Kindern in einem wohlsituierten
Bürgerhaushalt darbieten konnte, wenn die Türen
zur Bescherung geöffnet wurden, das beschrieb in
dichterischer Freiheit E. T. A. Hoffmann 1816 in seinem
Märchen "Nußknacker und Mäusekönig":
"Der große Tannenbaum in der Mitte trug viele goldene
und silberne Äpfel, und wie Knospen und Blüten
keimten Zuckermandeln und bunte Bonbons und was es sonst
noch für schönes Naschwerk gab, aus allen
Ästen. Als das schönste an dem Wunderbaum
mußte aber wohl gerühmt werden, daß in
seinen dunklen Zweigen hundert kleine Lichter wie Sternlein
funkelten . . ."
Die Forstleute waren weniger erbaut.
So wurde der Aufschwung des Weihnachtsbaums von einer Flut
von Forstverordnungen begleitet, die dem unkontrollierten
Abholzen der jungen Stämme bzw. dem Abhauen der
Tannenwipfel Einhalt gebieten sollten. Zum Schmunzeln mag
die kolportierte Begebenheit des Jahres 1775 verleiten,
daß sogar der Dichterfürst Goethe vom Weimarer
Oberforstrat beim "Baumklau" ertappt worden sei - ein Fall,
der allerdings eher dem Anekdotischen zuzurechnen und nicht
zu belegen ist. Die Sanktionen, die einem "Waldfrevler"
drohten, der nicht über die Verbindungen eines
herzoglichen Protegés verfügte, waren streng.
Die Skala reichte von Geld- und Gefängnisstrafen bis
zur drakonischen Forderung nach "einer angemessenen Geld-
oder Leibesstrafe" (so die Bayerisch-schwäbische
Verordnung von 1804). In diesem letzteren Erlaß war
die Polizei sogar angewiesen, die Häuser genau zu
observieren, denn die Obrigkeit hatte zum Wohle des Waldes -
generell verboten, "den Kindern auf das Weihnachtsfest
Christbäume aufzustellen"!
Gestrenge Behörden konnten der
Baumsitte nicht den geringsten Abbruch tun. In Dresden
wurden etwa seit 1807 auf dem Weihnachtsmarkt die "mit
Rauschgold, mit bunten Papierschnitzeln und goldenen
Früchte dekorierten Weihnachtsbäume" verkauft, wie
Wilhelm von Kügelgen in seinen "Jugenderinnerungen"
erzählt. Ähnliches bürgerte sich in anderen
Städten ein, und die wachsende Käuferschar wurde
nicht nur mit Tannen, sondern immer mehr mit den
preiswerteren Fichten und Kiefern versorgt.
Die zunehmende Verbreitung des
Weihnachtsbaums bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ist
dann durch zweierlei befördert worden: Zum einen trat
schließlich der Baum ganz an die Stelle alternativer
Lichtträger, die vor allem in der Form der
Weihnachtspyramide in Sachsen oder Berlin zeitweise
mindestens genauso zahlreich verwendet wurden; ein Stich von
Chodowiecki aus dem Jahre 1799 zeigt z. B. den Gabentisch
einer wohlhabenden Berliner Familie mit einem
pyramidenförmigen Leuchter. Zum anderen begann sich der
Weihnachtsbaum auch in katholischen Gebieten auszubreiten,
wobei es nicht zuletzt die Fürstenhöfe waren, die
diese Sitte in ihren Ländern einführten - manchmal
auf Anregung einer eingeheirateten evangelischen Prinzessin,
wie z. B. 1830 am Münchner Hof durch die aus Baden
stammende Königin Karoline, die Witwe von Maximilian I.
Josef. Die Einbürgerung verlief allerdings langwierig
und regional recht unterschiedlich. In manchen Gegenden
Süddeutschlands etwa war der Weihnachtsbaum noch nach
1850 unter der Landbevölkerung weitgehend unbekannt.
Dennoch: Der "lutherische"
Weihnachtsbaum hatte sich zum allgemeinen Weihnachtssymbol
gewandelt. Dieser Tendenz trug 1824 der Lehrer E.
Anschütz Rechnung, als er dem in zahlreichen Versionen
verbreiteten Tannenbaumlied, das ursprünglich auf alle
Jahreszeiten gleichermaßen bezogen war, zwei Verse
hinzufügte: "Wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit / ein
Baum von dir mich hocherfreut." Der Weihnachtsbaum hatte nun
sein eigenes Weihnachtslied erhalten: "O Tannenbaum".
Der Aufstieg zum deutschen
Weihnachtssymbol war abgeschlossen, die Laufbahn aber noch
nicht beendet. Bisher leuchtete der Weihnachtsbaum vor allem
in Kreisen des Adels und wohlhabenderen Bürgertums;
seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er auch in den
unteren Bevölkerungsschichten heimisch. Aber
außerhalb der deutschen Grenzen war er bis ins 19.
Jahrhundert hinein unbekannt geblieben. Hier eröffneten
sich neue Perspektiven: aus dem deutschen Weihnachtszimmer
um den Globus. Dem Weihnachtsbaum stand noch eine lange
Winterreise bevor.
Dr. Klaus-Dieter
Dobat, geboren 1951, studierte Geschichte,
Germanistik und Politische Wissenschaft in
Göttingen und Tübingen und war als Redakteur bei
DAMALS tätig.
Quelle: DAMALS - Das
Geschichtsmagazin
Heft 12/Dezember 1989
|