Deutsche Weihnacht

 

Als die Puritaner Weihnachten verbieten wollten
Die schwierigen Anfänge des Christmas in der Neuen Welt

Dr. Klaus-Dieter Dobat

Weihnachten, das christliche Friedensfest, hat mit seinen Bräuchen auch so manchen Anlaß zum Streit gegeben. Und das nicht erst in unserer Zeit, wenn der jährliche Geschäftsrummel zur Klage über die Geschenk- und Genußorgien provoziert, die den ideellen Sinn der Feier manchmal bis ins Groteske verzerren.

Die Differenzen begannen schon am frühchristlichen Anfang; denn gegen interne Widerstände legte die Kirche im 4. Jahrhundert den Geburtstag Christi - für den kein verbindliches Datum überliefert ist - apodiktisch auf den 25. Dezember fest. Ausgerechnet auf einen "heidnischen" Termin, an dem nämlich das christliche Hauptfest bewußt in Konkurrenz zu den römischen Saturnalien sowie den römischen Reichsfeiern für den Sonnengott und den Lichtgott Mithras gesetzt wurde.

Auch im Mittelalter, nach der Missionierung Mittel- und Nordeuropas, gab es Anlaß zum Zorn, als die Geistlichen im weihnachtlichen Aufstecken von Mistel-, Tannen- oder Fichtenzweigen das Fortleben germanischer Mittwinterkulte witterten. Und später wurde der Weihnachtsbaum zur Zielscheibe. Zwar ist der grüne Nadelbaum mit Lichterschmuck kein direkter Nachfahre des germanischen Baum- und Lichtkults; denn der Brauch, einen geschmückten, mit Äpfeln, Spielzeug und Zuckerwerk behängten Baum aufzustellen und schließlich jubelnden Kindern zum "Plündern" (einer frühen Form der "Bescherung") freizugeben, entstand erst im 16. Jahrhundert in elsässischen und oberrheinischen Städten. Doch gestrenge Priester hoben bald zur Strafpredigt an über diese "Lappalien" und die "Abgötterey", die "man mit dem Christkindlein pflegt zu treiben" (so 1642 der Straßburger Münsterprediger Johann C. Dannhauer).

Die mit Abstand radikalste Methode schlugen allerdings die Puritaner ein, die seit der Landung der Mayflower 1620 mit Argusaugen über Zucht und Ordnung an Amerikas Ostküste wachten. Denn sie wollten die Weihnachtsfeier sogar restlos aus dem christlichen Festkalender verbannen und unter Strafandrohung verbieten. Diesem Versuch, die jungfräuliche Neue Welt vor den "sündhaften" Festsitten des alten Europas zu bewahren, war freilich kein Erfolg beschieden.

Ihre Ablehnung demonstrierten die "Pilgerväter" schon bei der Landung in der Cape Code Bay (Massachusetts) im Dezember 1620. Daß sie ihr erstes Haus in Plymouth in ganztägiger harter Arbeit am 25. Dezember zu bauen begannen, galt als bewußte Ignoranz. Ein Jahr darauf verwarnte der Gouverneur Bradford in Plymouth drei "kräftige junge Männer", die es aus religiösen Gründen verweigert hatten, am Christmas Day zu arbeiten - und die er dann empört beim Ballspiel ertappte.

Die Feindschaft gegen den Christmas Day hatten die "Pilgerväter" aus England mitgebracht. Für die Church of England, die anglikanische Staatskirche, zählte Weihnachten zwar zu den wichtigsten Festen. Doch gerade das machte den Christmas Day suspekt für die calvinistische Protestbewegung der Puritaner, die sich gegen die staatliche Kirchenkontrolle und die Bischofsverfassung wehrten, die die Selbstverwaltung der Gemeinden forderten und die Religion von allen weltlichen Einflüssen und katholisierendem Pomp "reinigen" wollten. Und die Härte, mit der die Puritaner von König und Staatskirche verfolgt worden waren, hatte ihnen das offizielle Weihnachtsfest ebenso verhaßt gemacht wie die Church of England.

Für die "Pilgerväter", die sich vor den britischen Repressionen in die Neue Welt zurückgezogen haben, war es dann zweifellos eine frohe Botschaft, als sie vom Sieg ihrer heimischen Glaubensbrüder erfuhren, den diese unter Cromwell im seit 1642 tobenden englischen Bürgerkrieg errangen. In ihrer Christmas-Ablehnung wurden sie nachhaltig bestärkt. Denn 1647 erließ das - nun puritanische - Londoner Parlament einen Beschluß, der die Feier von Weihnachten für abgeschafft erklärte. Freilich: In England wurde das Weihnachtsfest nach der Niederlage der Puritaner und der Restauration der Stuarts (1660) bald wieder eingeführt. Doch an Amerikas Ostküste blieb man standhaft. In Massachusetts hatte der Oberste Gerichtshof 1659 sogar ein entsprechendes Strafgesetz erlassen: ". . . jedermann, der dabei ertappt wird, wie er, durch Enthaltung von der Arbeit, durch festliches Schmausen oder in irgend einer anderen Weise, derartige Tage wie Weihnachten feiert, soll für jedes derartige Vergehen fünf Shillinge zahlen." Jahrzehntelang wurde die Einhaltung dieses Anti-Christmas-Gesetzes in Neuengland geflissentlich überwacht.

Die puritanische Christmas-Feindschaft hatte - neben der Opposition zur Church of England - allerdings noch andere Gründe. Dazu gehörte nicht zuletzt das theologische Postulat der "reinen" Lehre. Demzufolge durfte eine Kirchenleitung nichts anordnen, was sich nicht explizit in der Heiligen Schrift belegen läßt. Die Geburt Christi wird darin zwar ausführlich beschrieben, doch daß sie am 25. Dezember erfolgt sein soll, das ist - wie wir bereits erwähnt haben - eine von der Kirchenhierarchie verordnete Festsetzung und damit für die Puritaner nur eine willkürliche menschliche Erfindung. Als kirchlichen Festtag ließen sie ausschließlich den Sabbat gelten.

Nicht zu vergessen die moralischen Bedenken. Die religiöse Feier hatte ja auch ihre unübersehbaren weltlichen Seiten. Man genoß die arbeitsfreie Zeit - eine Provokation für puritanischen Schaffensdrang. Es wurde ausgiebig geschmaust und dem Umtrunk zugesprochen, wobei mancher den leiblichen Genüssen über die Maßen gefrönt haben mag. Ein beflissener Sittenrichter fand jedenfalls genügend Anlaß, über das "vulgäre bacchanalische Fest" zu lamentieren.

Trotz allen Eifers: Es gelang nicht, das Verbot lückenlos durchzusetzen, denn die Puritaner wohnten an der Ostküste nicht allein. Die zahllosen Einwanderer, die ins Land strömten, wollten nicht auf "ihr" Weihnachten verzichten. So ergäbe eine Karte der frühen Siedlungsgebiete an der Ostküste, auf der die Regionen und Orte mit oder ohne Weihnachtsfest detailliert verzeichnet wären, ein äußerst geschecktes Muster, je nach religiösen und ethnischen Gruppierungen. In den Gemeinden mit überwiegend katholischen oder lutherischen Kolonisten, mit anglikanischen Engländern oder Deutschen und Holländern wurde das Weihnachtsfest gepflegt, während in den Siedlungsgebieten der Puritaner, der Sekten der Quäker, Baptisten, Kongregationalisten oder Presbyterianer die Christmas-Gegner den Ton angaben. Bis ins 18. Jahrhundert hielt das Tauziehen an, wobei jeweils regionale "Bodengewinne" durch die Ankunft neuer "Bundesgenossen" erzielt wurden. Während die Einwanderung der schottischen und irischen Kolonisten - erbitterten Gegnern der Church of England - die puritanische Position stärkte, waren die anschwellenden Kontingente deutschsprachiger Immigranten ein gewichtiger Posten für die Christmas-Anhänger. Mittlerweile hatte sich aber auch mancher puritanische Siedler von diesem Brauch anstecken lassen und feierte ihn freudig mit.

Die linientreuen Puritaner in Neuengland mühten sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, dem Weihnachtsfest Einhalt zu gebieten, mit schwindendem Erfolg und schwindender Intensität. Denn wesentlich brisanter waren die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Ostküsten-Kolonien, die zur Expansion über die Appalachen nach Westen drängten. Vor allem der politische Konflikt mit England absorbierte alle Kräfte, als die jungen Vereinigten Staaten im Krieg von 1775 bis 1783 ihre Unabhängigkeit erkämpften. Doch gerade in dieser äußerst angespannten Zeit, als die Emotionen besonders mobilisierbar waren, erkannten führende Puritaner die Chance, erneut die Weihnachtsfrage ins Spiel zu bringen.

Zielstrebig lenkten sie den amerikanischen Zorn über das britische Kolonialsystem auch auf den Christmas Day um, den sie als Oktroy der Church of England denunzierten - in der Hoffnung, mit der englischen Herrschaft gleichzeitig das ungeliebte Weihnachtsfest vom Kontinent vertreiben zu können. Einen geradezu idealen Propagandastoff bot die Tatsache, daß die feindlichen englischen und hessischen Truppen jedes Jahr Weihnachten feierten - somit konnten die amerikanischen Christmas-Anhänger gewissermaßen konspirativer Gewohnheiten bezichtigt werden.

Mit einer warnenden "Lehre" versah ein geschickter Zeitgenosse eine Geschichte über die gefürchteten hessischen Truppen: General Washington hätte nach seiner nächtlichen Überquerung des Delaware River am 25. Dezember 1776 die Hessen bei Trenton (New Jersey) nur deshalb besiegen können, weil sie in ihrem Lager am Weihnachtsbaum das Weihnachtsfest feierten und deshalb versäumt hätten, Wachen zu postieren! An dieser Geschichte ist jedoch nicht einmal eindeutig belegt, ob die hessischen Soldaten Weihnachtsbäume aufzustellen pflegten (freilich werden in Amerika die hessischen Soldaten gelegentlich zu Pionieren dieses Brauchs in der Neuen Welt erklärt, obwohl er sich auch in Deutschland erst im Laufe des späten 18. Jahrhunderts fest einzubürgern begann).

Derartige Kontroversen waren jedoch nur Nachhutgefechte. In dem Maße, in dem sich der Christmas Day unübersehbar durchsetzte, wurde der Widerstand zwecklos. Im 19. Jahrhundert war Weihnachten kein Gegenstand theologischer Dispute mehr, sondern wurde immer stärker säkularisiert und im wahrsten Sinne des Wortes zu einem "Volks-Fest". So beklagte Anfang des 19. Jahrhunderts ein besinnlicher Geistlicher, der keineswegs zu den Christmas-Gegnern gehörte: "Der Teufel hat uns Weihnachten gestohlen, den Tag unseres spirituellen Heils, und verkehrte ihn in einen Tag weltlichen Feierns, mit Schießen und Fluchen."

Die Weihnachtsbräuche entfalteten sich in einer unübersehbaren Vielfalt. Einwanderer brachten aus jedem Land ihre eigenen Sitten mit. Holländische Kolonisten hatten den "Sinte Klaas", ihren Nikolaus in New Amsterdam (New York) heimisch gemacht, Engländer importierten zum Christmas Dinner den Plum Pudding, während die Deutschen das Christkind einführten und ebenso den Weihnachtsbaum; die Deutschen in Pennsylvania pflegten seit dem frühen 19. Jahrhundert ihre Bäume mit Naschwerk, Äpfeln und Farbpapier zu behängen, während sich in anderen Regionen wie zum Beispiel in Boston der Lichterschmuck einbürgerte.

Auch in den Sonntags-Schulen Neuenglands war Christmas kein Tabu-Thema mehr, sondern wurde sogar mit einer kleinen Bescherung für Kinder gefeiert, und die Erwachsenen schätzten den Festtag als geselligen Anlaß zu Feiern im Verwandten- und Freundeskreis. Seit 1836 wurde Christmas Day sukzessive in allen US-Staaten als gesetzlicher Feiertag anerkannt, und zu der Zeit hatte er sich in den Spuren der Siedlertrecks schon von der Ostküste bis in den Wilden Westen ausgebreitet. So heißt es 1849 in einem Bericht aus einer kleinen Siedlung in Minnesota, daß auch an der Frontier der Kirchgang zum Weihnachtsfest gehörte, daß sich freilich der herbeigeholte Pfarrer im verrauchten Saloon inmitten versoffener Revolvergestalten auf seine Predigt einstimmen mußte. Im wilden Texas störten - wie mehrfach geschildert wird - wildes Gröhlen aus dem Saloon und Revolversalven nicht selten die feierliche Stimmung. Und der Botaniker William H. Brewer berichtete 1862 aus San Francisco, daß auch hier der Weihnachtsbaum in Mode gekommen sei; Mr. Brewer zeigte sich aber doch befremdet, denn im mediterranen Küstenklima des sonnigen Kalifornien vermißte er die weiße Winterlandschaft: "Kein Schnee ist zu sehen, nicht einmal auf den entfenten Bergen. Für mich repräsentiert Weihnachten hier nur ein Datum, einen Festtag, aber keine Jahreszeit." Statt "White Christmas" ein munteres Volksfest unter Palmen. Ein europäischer Neuankömmling, der nur seinen regionalen Weihnachtsbrauch kannte, mußte zweifellos zugestehen - auch für den Christmas Day war Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden.

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